Ein guter Krieg
Von Robert Brooks

Teil eins: Der Befehl des Kriegshäuptlings

Sein Sohn lag regungslos vor ihm. Er war bereits vor Wochen gestorben, doch erst jetzt hatte er Ruhe gefunden.

Ich habe Angst um ihn.

Sei unbesorgt, hatte Saurfang damals gesagt.

Er kniete auf dem kalten, unnachgiebigen Steinboden der Eiskronenzitadelle und hielt seinen Sohn in den Armen.

Sie verwandeln unsere Kinder. Sie haben dich verwandelt.

Die Hexenmeister gaben mir ein Geschenk. Einst war ich mächtig. Jetzt bin ich der Sturm, hatte er gesagt. Ich bin der Krieg in Person. Ich werde meinem Volk bis zu meinem Tod Ehre bringen.

Wie fremd ihm diese Worte jetzt erschienen. Wie verderbt.

Er hob den Leichnam seines Sohnes auf und trug ihn aus der Zitadelle. Die Augen Dutzender Champions verfolgten ihn. Soldaten der Horde und Allianz traten gleichermaßen zur Seite. Einige salutierten schweigend in Anerkennung seines Verlusts.

Unser Sohn darf deinen Pfad niemals beschreiten.

Behalte ihn in unserer Welt, Liebste. Dort wird er sicher sein. Unberührt.

Die Eiskronenzitadelle war verschwunden. Die trockene Kälte von Nordend war der warmen Sonne und schwülen Luft von Nagrand gewichen. Er legte seinen Sohn auf einem noch nicht entfachten Scheiterhaufen unweit der Ruhestätten seiner Familie nieder. Sein Sohn war in die einfache Tracht Garadars gehüllt, des Ortes, an dem er aufgewachsen war.

Bevor du gehst, welchen Namen soll er tragen?

Er ist mein Herz. Das Herz meiner gesamten Welt, hatte er gesagt.

Er hielt die Fackel an die trockenen Zweige. Orangerote Flammen erfassten erst die Kienspäne und schließlich auch die schweren Holzscheite. Ein blauweißes Flackern huschte über das Feuer, als es heißer und heißer brannte. Er zwang sich, zuzusehen, wie die Flammen seinen Sohn verzehrten. Es war des Jungen letzte Ehre – er würde sich nicht abwenden. Er sah zu, als die Haut dahinschmolz und den Blick auf Muskeln, Knochen und schließlich Asche freigab …

Ich werde ihn Dranosh nennen. „Herz von Draenor“.

* * *

Varok Saurfang erwachte. Die Stille seines Quartiers wurde nur von dem Geräusch seines eigenen Atems gebrochen. Er bemerkte, dass seine Wangen wieder einmal feucht waren.

Träume. Welch nutzlose Konstrukte.

Der Schlaf der Gesegneten, der seinen Träumen Visionen von der Zukunft und Wahrheiten über die Vergangenheit hätte schenken können, war ihm nicht vergönnt. Vielleicht war es besser so. Derlei Visionen wären an ihn verschwendet gewesen. Man stelle sich vor, einen Krieg kämpfen zu müssen, von dem man bereits weiß, dass man ihn verlieren – oder schlimmer noch – gewinnen wird. Nichts ist für einen Krieger tödlicher als Selbstgefälligkeit, und wenn das letzte Jahr diese Welt eines gelehrt hatte, dann, dass das Schicksal sich nicht einfach entschlüsseln ließ.

Nein, seine Träume waren lediglich eine wirre Ansammlung von Erinnerungen.

Manchmal träumte er von den Schlachten vergangener Jahrzehnte. Er rannte abermals durch die Straßen von Shattrath, und in seinen Ohren hallten die Schreie der Draenei und das Röcheln mächtiger Krieger, denen der rote Nebel der Hexenmeister den Atem raubte. Er jagte die Menschen in den Straßen Sturmwinds und spürte die Hitze auf seiner Haut, als die gesamte Stadt niederbrannte. Er hatte diese Massaker genossen. Die Verderbtheit in seinen Adern verwandelte sie in einen Freudentaumel. Er hegte keinen Gedanken an Entehrung, hegte keine Zweifel ob dieses sinnlosen Blutvergießens.

Die Reue trat erst nach dem Erwachen ein. Die Schande traf ihn wie ein Dolch ins Herz, so schmerzhaft wie an jenem Tag, als er von dem verderbten Blut befreit worden war. Er verabscheute den Schmerz nicht. Er begrüßte ihn. Er hatte ihn verdient. Mit jedem Jahr lastete der Schmerz schwerer auf ihm, doch er würde ihn ohne ein Wort der Klage, stillschweigend und mit Ehre ertragen, die gerechte Strafe für seine Vergehen. Es war ein geringer Preis, den er für sein Überleben zahlte.

Als junger Orc hatte er einen schnellen und ehrenhaften Tod in der Schlacht erwartet. Und heute? Heute fragte er sich, ob er dazu verflucht war, alle anderen auf dieser Welt zu überleben.

Er erhob sich von seiner schlichten Pritsche und trat an das Fenster, das den Blick auf Orgrimmar freigab. Es waren noch mehrere Stunden bis zur Dämmerung und die Kälte der Nacht umgab ihn. Plötzlich erklangen aufgeregte Rufe von Süden. Er lehnte sich aus dem Fenster, um einen Blick auf die Haupttore zu erhaschen, die in die Wüste von Durotar hinausführten. Sein Quartier befand sich in einem von Orgrimmars höchsten Türmen und bescherte ihm einen weiten Ausblick auf die Stadt. Im Laufe des letzten Jahres war er bereits zahllose Male von dem Klang von Schreien und Alarmglocken aus dem Schlaf gerissen worden. Der Einfall der Brennenden Legion in Azeroth hatte die ganze Welt erfasst. Dämonen hatten mehr als einmal versucht, die hinteren Tore in Azshara aufzubrechen, und Orgrimmar hatte sich den Sieg teuer erkämpft.

Der heutige Anlass war weitaus weniger dramatisch. Er vermochte noch gerade so eine Bewegung an den Toren wahrzunehmen. Zu hören war nur das Gebrüll eines Offiziers der Nachtwache, der seine Untergebenen zurechtwies.

Ein weiterer Spion ist davongekommen, vermutete Saurfang.

In den letzten Wochen war die Allianz immer wieder in Orgrimmar gesichtet worden. Der Kriegshäuptling hatte kürzlich Anduin Wrynn, den König Sturmwinds, derart gedemütigt, dass der Junge einen Schwarm von Spionen auf die Stadt losgelassen hatte – so viele, dass die Wachen mittlerweile in jedem Schatten einen Eindringling vermuteten.

Es war eine clevere Taktik, insbesondere, da die Spione ihre Dolche nicht zückten. Mitglieder der Horde zu töten hätte Aufruhr verursacht und die beiden Fraktionen näher an den Krieg geführt, doch die Horde zu beobachten, sich Woche um Woche unentdeckt in der Stadt zu bewegen …

Selbst der einfältigste Peon verstand diese Botschaft: Ihr könnt nicht in den Krieg ziehen. Wir kennen jede Eurer Bewegungen und wir werden bereit sein.

Sylvanas Windläufer hatte sich davon nicht verleiten lassen. Hätte der Kriegshäuptling ihre besten Spionjäger auf Orgrimmar entfesselt – und in der Zahl, die für die Beseitigung der Allianzspione nötig gewesen wäre – hätte dieser Schachzug viele Leben eingefordert, und nicht auf eine Art und Weise, die sie zu ihrem Vorteil nutzen konnte. Also hatte sie nichts getan.

Beobachtet uns ruhig, lautete ihre Antwort. Ihr verschwendet Eure Zeit.

Saurfang konnte das nur gutheißen. Die Zeit des Krieges würde bald genug wiederkehren, das tat sie immer. Wozu die Eile?

Er drehte sich wieder zu seinem Bett um. Der Kriegshäuptling wollte heute noch mit ihm sprechen. Er würde den Schlaf brauchen.

* * *

Saurfang verließ sein Quartier bei Anbruch der Dämmerung, um die Stadt zu inspizieren.

Bis er das Tal der Ehre erreicht hatte, war die Sonne bereits weit über Orgrimmars Mauern gestiegen. Es war ein geschäftiger Tag; die Mönche waren gerade mit der Ausbildung neuer Schüler zugange. Der Pandarenanführer Ji Feuerpfote führte eine Form der unbewaffneten Kampfkunst vor. Feuerpfote schenkte Saurfang ein mildes Lächeln und salutierte knapp, ohne seine Kampfhaltung zu vernachlässigen. Saurfang erwiderte den Gruß, indem er mit der Faust gegen seine Brust schlug, und ging weiter.

Die hinteren Tore waren bereits für die Kaufleute und Reisenden vom Bilgewasserhafen geöffnet. Eine neue Wachschicht hatte gerade Stellung bezogen. „Wieder einmal viele Sichtungen“, berichtete ein Orc mit einer wulstigen Narbe auf der Hand.

„Spione“, zischte ein Goblin, von dessen Schoß Saurfang ein Paar Dolche entgegenblitzte. „Die würde ich nur zu gerne in die Finger bekommen.“

Saurfang kehrte den hinteren Toren den Rücken und setzte seinen Weg durch die nördlichen Klippen fort, wo alles in Ordnung zu sein schien. Wie üblich führte ihn seine Inspektion schließlich in das Tal der Geister, doch als er die vorderen Tore erreichte, beschloss er, von seiner gewöhnlichen Route abzuweichen. Er verließ Orgrimmar und ging zur Küste hinunter. Eine Handvoll Händler und Kriegsschiffe der Horde lagen am Ufer vor Anker und luden ihre Fracht ab oder rüsteten sich für neue Reisen aus. Früher hätte man noch mehr Segel auf den Untiefen sehen können, doch dieser Tage, nach den Verlusten im Kampf gegen die Legion, gab es schlichtweg nicht mehr so viele Schiffe auf dem Ozean.

Saurfang bemerkte eine dunkle Gestalt auf dem Wehrgang, die ihn aus den Schatten heraus bis zum Meer verfolgt hatte. „Ich sehe Euch“, murmelte er vor sich hin. Es sollte einem Spion nicht leichtfallen, die Stadtmauern am helllichten Tag unbemerkt zu verlassen. Es überraschte ihn nicht, dass sie den Hochfürsten Saurfang als wichtig genug erachteten, um ihn unentwegt unter Beobachtung zu halten.

Die Zeit für das Treffen mit dem Kriegshäuptling war fast gekommen. Saurfang kehrte durch die vorderen Tore in die Stadt zurück und hörte ein Geräusch, das nach einem Lachen klang, vom Wehrgang über ihm herabschallen. Er hielt inne. Ja, er hörte das donnernde Lachen eines Tauren, die schlagfertige Antwort einer Orcfrau und das dröhnende Gelächter weiterer.

Saurfang erklomm die nächste Leiter. Wer auch immer diese Wachen waren, sie hatten sich gerade als das heutige Exempel qualifiziert.

* * *

Morka Bruggu nahm einen weiteren tiefen Schluck und rülpste laut. „Und da habe ich dieses alte Ding gefunden.“ Sie klopfte mit den Knöcheln auf den Plattenpanzer auf ihrem Schenkel. Er war beinahe in zwei Teile zerbrochen und sie hätte schwören können, dass nachts noch immer ein schwaches grünes Glimmen von ihm ausging. Er passte nicht zum Rest ihrer Rüstung, doch es gab keine Regel, die besagte, dass sie ihn im Dienst nicht tragen durfte. Sie hatte ihn sich redlich verdient.

„Mein Hammer gegen den Kopf des Grubenlords.“ Sie klatschte zur Veranschaulichung lautstark in die Hände. „Und plötzlich hat er ihn nicht mehr gebraucht.“

Die anderen Orgrimmarwachen stöhnten auf. „Und wir sollen glauben, dass Ihr einen Grubenlord getötet habt?“, sagte der Tauren.

Wie war noch gleich sein Name? Lanagu? So etwas in der Art. Sein Lachen ließ seinen ganzen Körper erbeben, und beinahe hätte er das Gleichgewicht verloren und wäre vom Wehrgang gestürzt. Er hatte sicher doppelt so viel getrunken wie sie. An diesem Morgen mussten sie sich mehr als einen versteckten Trinkschlauch zu Gemüte geführt haben.

Morka streckte ihm einen Finger entgegen und versetzte ihm einen leichten Stupser auf die Schnauze, sodass er zusammenzuckte. „Ich hab nicht gesagt, ich hätte ihn allein geschlagen, Ihr gehörnter Narr.“

Er schlug ihre Hand zurück und schnaubte laut. „Sprecht Ihr nur weiter über meine Hörner. Das zeigt mir nur, wie sehr Ihr sie begehrt.“

„Begehrt das“, erwiderte sie und führte eine Geste aus, die die anderen in wieherndes Gelächter ausbrechen ließ. „Es befanden sich noch drei Dutzend andere in diesem Kampf. Der arme Gurak wurde verbrannt und hat es nicht geschafft.“ Morka nahm einen weiteren Schluck. Und einen weiteren. Für Gurak. Er hätte es so gewollt. Sie gab den Schlauch zu ihrer Rechten weiter. „Der Grubenlord war gestürzt. Er atmete noch und sprach davon, wie Azeroth brennen würde – Ihr wisst ja, wie Dämonen sind – und ich nahm meinen Hammer, um ihn zum Schweigen zu bringen. Also, ja, technisch gesehen habe ich ihn getötet und damit durfte ich mir meine Beute aussuchen.“

Lanagu schien, als wolle er ihren Beinpanzer skeptisch beäugen, doch seine Augen schweiften ab. Er hatte eindeutig zu viel getrunken. „Das kann nicht sein Beinpanzer gewesen sein. Seine Beine waren so groß wie Euer … Haus.“

Sie klopfte abermals auf ihren Panzer und grinste. „Der war an seinem Finger. Mein Partner ist Schmied, also hat er ihn ein wenig angepasst und …“

Was zum Henker treibt Ihr verfluchten Narren hier?

Bei dem Gebrüll blieb Morka jedes weitere Wort im Halse stecken. Sie hätte bis in ihr tiefstes Inneres erschüttert sein sollen, doch ihr tiefstes Inneres war randvoll mit Alkohol. Sie wandte sich der Leiter mit einem breiten Lächeln zu.

Schließlich hatte sie die Stimme erkannt …

„Hochfürst Saurfang! Schön, Euch zu sehen“, sagte sie.

In ihrem vernebelten Hinterkopf hörte sie leise die Alarmglocken klingeln. Sie war betrunken im Dienst und das war vermutlich wirklich, wirklich schlecht, aber der Held ihrer liebsten Kriegsgeschichte stand vor ihr.

„Die Schlacht am Wegekreuz“, sagte sie. „Ich stand an Eurer Seite. Sieg gegen die Brennende Legion, für die Horde!“ Den letzten Teil brüllte sie aus vollem Hals heraus und lauschte erfreut dem Echo ihres Rufes, als es von den Klippen am Rande des Tals der Stärke widerhallte.

Sie war weniger erfreut, dass niemand der anderen sich ihrem Schlachtruf angeschlossen hatte. Sie sahen verängstigt aus – sogar Lanagas, oder wie auch immer er eigentlich hieß.

Und dann, endlich, sah sie Saurfangs Gesichtsausdruck. Sah ihn als das, was er war.

„Das Wegekreuz“, sagte Saurfang ruhig. „Ihr wart dort?“

„Ja, mein Herr.“ Es gelang ihr fast, ihr Lallen zu unterdrücken.

„Seid Ihr zu den Verheerten Inseln gereist?“

„Nein, mein Herr.“

„Habt Ihr das Grabmal des Sargeras gestürmt? Habt Ihr Euch dem Kampf auf der Heimatwelt der Legion angeschlossen?“ Saurfang wurde lauter.

„Ich wurde nicht eingeladen.“ Morka hickste und fügte nervös „mein Herr“ hinzu.

Saurfang ging einen Schritt auf sie zu. „Ihr wurdet nicht eingeladen? Ihr benötigt eine Einladung, um Eure Pflicht zu tun? Dann betrachtet Euch hiermit ausdrücklich eingeladen, während Eurer Wachschicht in Orgrimmar nüchtern zu bleiben!“

Er brüllte diese Worte direkt in ihr Gesicht. Morka wagte nicht einmal zu blinzeln.

Saurfang wurde noch lauter. „Oder möchtet Ihr vielleicht dem Kriegshäuptling erklären, warum ihre Wachen ihre Arbeit lachend und trinkend verbringen, während Spione der Allianz es sich in unseren Mauern gemütlich machen?!“

Die Worte platzten aus ihrem Mund heraus, ehe Morka sich zu beherrschen vermochte. „Zum Henker mit der Allianz und ihren Spionen. Die können uns den Spaß nicht verderben.“

Saurfang starrte sie entgeistert an. Aber war das der Hauch eines Lächelns, der über sein Gesicht gehuscht war? Unmöglich.

„Dann sollte ich sie vielleicht bitten, den Wachdienst zu übernehmen. Sie können sich ja unmöglich schlechter dabei anstellen!“ Saurfang riss den Schlauch aus Morkas Hand. Er kostete die Flüssigkeit im Inneren, spuckte sie aus und starrte sie geradezu beleidigt an. „Zumindest wüssten sie, wie gutes Gebräu zu schmecken hat. Da würde ich doch lieber wieder Dämonenblut trinken!“

Er warf den Schlauch vom Wehrgang hinab und wandte sich dem stählernen Fackelhalter an der Mauer zu. Sie wurden nur nachts wirklich gebraucht, doch den Vorschriften nach sollten sie zu jeder Zeit brennen. Diese Fackel war bereits vor Stunden erloschen.

„Kalt! Wie nett von Euch, jedem Allianzschurken des Kontinents einen Weg in der Dunkelheit zu bereiten!“ Saurfang wandte den Wachen den Rücken zu und brüllte mit der erloschenen Fackel in der hoch erhobenen Hand lauthals gen Orgrimmar: „Habe ich nicht recht, Allianz? Haben sie nicht ein wenig Anerkennung verdient?“

Eine Flamme tanzte über den Rand der Fackel in seiner Hand und flackerte für einen kurzen Augenblick auf, ehe sie im Wind erlosch.

Saurfang starrte darauf. Morka starrte darauf. Sie alle starrten.

Die Flamme kehrte zurück und schien ihm für einen kurzen Moment zuzuwinken, eine klare Dankesgeste. Dann verschwand sie und ließ nichts als einen dünnen Faden weißen Rauchs zurück, der wie zum Spott in der Luft verweilte.

Morka riss die Augen auf. Sie wurden gerade von einem Allianzspion beobachtet. Kein Zweifel. Und dieser hatte sie allesamt mit einem Schlag lächerlich gemacht.

Saurfang stellte die Fackel zurück in ihre Halterung und holte tief Luft.

Morka schloss die Augen.

Die darauffolgende Ansprache ließ ihr die Ohren klingeln. Er beleidigte ihre Vorfahren, stellte die Intelligenz ihrer Partner infrage und zweifelte an der Existenz ihrer aller Rückgrate. Er beschrieb ihre Körper als von Dung aufgedunsen, doch auch biegsam genug, um unmögliche Handlungen auszuführen. Er sagte, sie wären alle besser durch die Hand der Legion gestorben, anstatt die Horde durch ihr Überleben zu entehren. Er beklagte sogar, dass sie sich Sargeras nicht als erstes angeboten hätten, als dieser Azeroth in seiner zarten Umschlingung hielt, da der Dunkle Titan mit Sicherheit von ihrem Gestank in die Flucht geschlagen worden wäre.

Seine Worte würden von Generation an Generation weitergegeben werden, dessen war sich Morka sicher. Noch tausend Jahre in der Zukunft würden ihre Nachfahren schweißgebadet und mit dem Zorn des Hochfürsten in ihren Schädeln schallend aus dem Schlaf aufschrecken.

Schließlich, als Saurfangs Stimme langsam heiser wurde, sagte er ihnen, sie würden auch für die nächste Wachschicht hier oben bleiben. Und die darauffolgende. Erst danach würde er damit beginnen, sich eine angemessene Strafe zu überlegen.

Dann ging er fort.

Die Wachen warfen einander benommene Blicke zu. Dann begaben sie sich ohne ein weiteres Wort an ihre Posten und wandten sich immer noch leicht schwankend der in die Stadt hineinführenden Straße zu. Sie waren nur deshalb noch am Leben, weil Scham nicht tödlich war.

Erst Stunden später fiel Morka auf, dass Saurfang sie nie nach ihren Namen gefragt hatte. Eine Welle der Erleichterung überkam sie. Er würde ihnen überhaupt keine zusätzlichen Strafen auferlegen können.

* * *

Es war höchste Zeit, beim Kriegshäuptling vorstellig zu werden. Saurfang ging zurück in die Stadt und gab sich dabei alle Mühe, sein Lächeln zu unterdrücken.

Wachen von Orgrimmar betrunken im Dienst? Haarsträubend aus der Perspektive eines Kommandanten, doch verständlich aus der eines Überlebenden.

Der Großteil der Horde war wegen der Niederlage der Brennenden Legion noch immer beschwingt. Sie hätten alle sterben müssen – viele tapfere Krieger waren tatsächlich gefallen – doch irgendwie, dank der Anstrengungen einiger wahrlich erstaunlicher Helden, war ihre Welt verschont geblieben. Es schien nur angemessen, dass sie das Leben feierten, mit dem sie nur so knapp davongekommen waren.

Dennoch, für Feierlichkeiten gab es eine Zeit und einen Ort. Das würden diese Wachen nicht noch einmal vergessen.

Niemand schien den Eingang der Feste Grommash zu bewachen. Das war seltsam, doch kein Grund zur Sorge. Der Kriegshäuptling war mehr als fähig, sich selbst zu schützen.

Saurfang betrat den Kriegsraum. Sylvanas Windläufer erwartete ihn dort. Allein. Auch das war ungewöhnlich.

„Nur wir beide, Kriegshäuptling?“, fragte er.

„Nathanos ist draußen“, entgegnete sie. „Er wird dafür Sorge tragen, dass die Allianz uns heute nicht belauschen kann.“

„Ich habe ihn nicht gesehen.“

„Nein, das habt Ihr nicht“, sagte sie.

Er trat zu ihr an den großen Tisch in der Mitte des Raums, auf dem sich eine detaillierte Karte von Azeroth und seinen Kontinenten befand. Selbst die Wandernde Insel war mit einem Wachsstift darauf eingezeichnet – sie schien in Richtung der Verheerten Inseln zu schwimmen. Die Pandarenforscher mussten entzückt darüber gewesen sein, dass die Inseln nach der Niederlage der Legion nun wieder in relativer Sicherheit besucht werden konnten.

Die Karte besaß auch weitere, weitaus relevantere Markierungen. Da waren die letzten bekannten Positionen der Allianzflotten –keine Überraschungen, soweit Saurfang sehen konnte – und einige Positionen, an denen Späher und Forscher der Allianz unweit von Silithus mit Goblins aneinandergeraten waren. Die Allianz behielt ein Auge auf die Aktivitäten der Horde dort unten, doch bisher hatten sie noch keine Anstalten gemacht, sie für sich zu beanspruchen. Noch nicht.

Keine der Markierungen gab Aufschluss darüber, warum Saurfang hierherbeordert worden war.

„Ich habe eine Frage an Euch, Hochfürst“, sagte Sylvanas. „Wenn ich Euch befähle, Sturmwind zu vernichten, wie würdet Ihr es tun?“

Einen Moment lang sagte Saurfang nichts. Er fragte sich, ob das ein Witz war – oder vielmehr, ob sie sich auf seine Kosten amüsierte. Dieser Kriegshäuptling beliebte nicht zu scherzen. „Ich verstehe nicht“, entgegnete er.

Sie trommelte mit den Fingern auf die Karte, so als könne sie das Zentrum der militärischen Macht der Allianz allein mit ihrem Daumen zerschlagen. Sie lächelte nicht. „Es ist eine einfache Frage. Stellt Euch vor, ich würde Euch heute befehlen, Sturmwind zu zerstören. Was würdet Ihr tun?“

Ich würde Euch zum Mak’gora herausfordern, weil Ihr offensichtlich den Verstand verloren hättet, dachte er. Doch die Frage war einfach und die Antwort ernüchternd. Das konnte er ihr leicht genug zeigen.

Um den Rand des Tisches waren verschiedene kleine, aus Stein gemeißelte Figuren aufgestellt. Jede davon repräsentierte eine andere Einheit militärischer Stärke. Er begann, sie um Sturmwind herum auf der Karte aufzustellen, wobei er sich zuerst auf die Streitkräfte der Allianz konzentrierte. Wie würden sie sich gegen die Belagerung zur Wehr setzen? Soldaten auf den Wehrgängen. Ballisten und Kanonen gleich dahinter, um jeden Versuch, die Mauern zu durchbrechen, zu bestrafen. Greifen über den Hügeln, um Flankenangriffe aus der Luft abzufangen. Schiffe im Hafen. Magier an jeder möglichen Front. Sturmwind war eine Hafenstadt mit schwer zugänglichem Terrain.

Anschließend stellte Saurfang die Streitkräfte der Horde als die Herausforderer auf. Es war kein besonders ermutigendes Szenario.

„Wir könnten Sturmwind nicht mit einem direkten Angriff zerstören, nicht über Land. Wir verfügen nicht über genügend Schiffe, um unsere Armeen ohne Zusammenstöße zum Wald von Elwynn zu befördern.“ Saurfang tippte auf den Ozean direkt vor Sturmwinds Küste. Der unheilvolle Angriff auf die Verheerte Küste hatte einen Pfad geöffnet, doch es war fast unmöglich, ihn zu nutzen. „Die Seemacht der Allianz ist ihre Schwachstelle. Wir könnten sie mit der unseren überraschen. Womöglich könnten wir die Docks einnehmen. Doch die Stadt würde uns verwehrt bleiben.“

Die Flotte der Horde hatte ebenfalls Verluste erlitten. Selbst wenn sie die der Allianz überwältigen konnten, und das war keinesfalls sicher, würden sie immer noch vor demselben Problem wie bei einem Angriff über Land stehen: Es gab nicht genügend Schiffe, um eine ausreichende Streitmacht auf feindlichen Boden zu bringen, die Stadt einzunehmen und zu halten. Jegliche Angriffslandung auf Sturmwind war zum Scheitern verdammt. „Sie würden ihre Verteidigung von den Mauern abziehen und in den Hafen verlegen, um uns abzuwehren“, schloss er.

„Ich stimme Euch zu“, sagte Sylvanas. „Es wäre ein Desaster. Ich hege die Hoffnung, dass wir der Allianz bald auf dem Meer überlegen sein werden, aber dennoch würde ein solcher Angriff unsere gesamte Flotte erfordern. Jede andere Nation der Allianz könnte zum Gegenschlag auf unsere Herrschaftsgebiete ansetzen, ohne dass wir sie aufhalten könnten. Unter Einbeziehung all dieser Informationen, wie würdet Ihr Sturmwind vernichten, Hochfürst Saurfang?“

Saurfang gab Acht, seinen Tonfall ruhig zu halten. „Wollt Ihr, dass ich Euch belüge, Kriegshäuptling? Soll ich Euch sagen, dass das Unmögliche möglich ist?“

„Nein.“ Sylvanas leuchtende Augen schienen die seinen zu durchbohren. „Seht Sturmwind nicht als das erste Ziel. Betrachtet seinen Fall als das Endergebnis. Wie würdet Ihr es erreichen?“

Ein kalter Schauer lief Saurfangs Rücken hinunter. „Das ist ein langer, ein blutiger Pfad.“

Lok-tar ogar“, erwiderte sie.

Saurfang spürte, wie Wut ihn durchströmte. Er wusste, dass er sie nicht gut verbarg, doch es war ihm egal. „Dürstet Ihr so sehr nach einem neuen Krieg? Nach allem, was wir erlebt haben?“ Er wischte die steinernen Figuren mit einer Handbewegung vom Tisch, sodass sie über den Boden des Kriegsraums polterten. Er bleckte die Zähne und ließ seine Hauer aufblitzen. Es würde tausend Schlachten – nein, tausend Siege – erfordern, um sich den endgültigen Triumph der Horde über die Allianz überhaupt ausmalen zu können. Die Kosten würden verheerend sein. Und was wäre ihr Lohn? Ein wenig Allianzblut zu vergießen und ein paar Städte niederzubrennen? Oh, wie die Horde feiern würde, während sie die Asche ihrer Heime und Liebsten durchwühlte, die in diesen Schlachten fallen würden. „Ihr seid nicht Garrosh Höllschrei. Warum wollt Ihr die Horde abermals einem Blutbad ausliefern?“

Sylvanas hielt seinem Blick selbst angesichts seiner Wut stand. „Wenn ich mich dem Frieden mit der Allianz verschreiben würde, würde er ein Jahr lang währen?“

„Ja“, erwiderte Saurfang barsch.

„Was ist mit zwei Jahren? Fünf? Zehn? Fünfzig?“

Saurfang spürte, wie sich die Schlinge um ihn zuzuziehen begann. Das gefiel ihm ganz und gar nicht. „Wir haben Seite an Seite gegen die Brennende Legion gekämpft. Ein solches Band ist nicht leicht zu brechen.“

„Die Zeit bricht alle Bande.“ Sylvanas lehnte sich über den Tisch zu ihm herüber. Ihre Worte gingen wie ein Pfeilhagel auf ihn herab. „Was glaubt Ihr? Wird der Frieden fünf oder fünfzig Jahre währen?“

Auch er lehnte sich vor, sein Gesicht nur noch wenige Zentimeter von dem ihren entfernt. Keiner von ihnen blinzelte auch nur. „Was ich glaube, spielt keine Rolle, Kriegshäuptling. Was glaubt Ihr?“

„Ich glaube, die Vertriebenen von Gilneas werden der Horde diesen Akt nie verzeihen. Ich glaube, die Überlebenden von Lordaeron betrachten es als Schande, dass mein Volk ihre Stadt in seiner Hand hält. Ich glaube, dass die tiefe Spaltung zwischen unseren Verbündeten in Silbermond und ihren Brüdern und Schwestern in Darnassus nicht so einfach zu kitten ist.“ Ein Lächeln umspielte Sylvanas’ Gesicht. Es war kein herzliches.

„Ich glaube, der Dunkelspeerstamm hat nicht vergessen, wer sie von ihren Inseln vertrieben hat“, fuhr sie fort. „Ich glaube, jeder Orc in Eurem Alter erinnert sich an ein Leben in schmutzigen Lagern, an die Ohnmacht der Verzweiflung und die mageren Rationen, die nur aus dem bestanden, was die Menschen als Abfall erachteten. Ich glaube, jeder Mensch kennt die Geschichten über die schreckliche Horde, deren erste Invasion so viel Leid über sie gebracht hat, und ich glaube, sie geben jedem einzelnen Orc dafür die Schuld, egal, was Euer Volk getan hat, um diese Schuld zu tilgen. Und ich erinnere mich sehr gut daran, dass ich und meine ersten Verlassenen einst treue Bürger der Allianz waren. Wir sind für dieses Banner gestorben und als Lohn wurden wir wie Tiere gejagt. Ich glaube, es kann keinen währenden Frieden mit der Allianz geben – nicht, bis wir ihn uns auf dem Schlachtfeld verdienen. Und in diesem Glauben erklärt mir eines, Saurfang: Welchen Zweck hat es, das Unvermeidliche hinauszuzögern?“

Bei allen Geistern, wie eiskalt sie ist.

Eine Weile sagte keiner von ihnen ein Wort. Als Saurfang sprach, hatte sich seine Stimme gefestigt. „Dann sollten wir uns für den nächsten Krieg wappnen, anstatt ihn heute zu beginnen.“

„Das tun wir“, sagte sie. „Ihr seid die einzige noch lebende Kreatur, die ich kenne, die sowohl Sturmwind als auch Orgrimmar erobert hat, Saurfang. Ihr sagt, ein direkter Angriff auf Sturmwind sei mit unseren Streitmächten zurzeit nicht möglich. Verhält es sich mit der Allianz genauso? Verfügt Orgrimmar über eine ausreichende natürliche Abwehr, um einen Überraschungsangriff abzuwehren?“

Nein, wusste Saurfang, ohne nachzudenken. Er wehrte sich gegen diesen Gedanken, doch kein Gegenargument konnte diesem Wissen standhalten. Orgrimmar war weitaus ungeschützter als Sturmwind. Sein Hafen befand sich außerhalb der Stadtmauern und war daher angreifbar. Der Bürgerkrieg gegen Garrosh Höllschrei hatte das bewiesen. Es wäre nicht einfach, Orgrimmar abermals zu brechen – dafür hatte Saurfang jahrelang sein Äußerstes getan –, doch es war möglich, und er wusste auch, wie. Unsere Flotte fortlocken, Truppen nach Durotar und Azshara bringen, die Stadt isolieren, mit der Belagerung von beiden Seiten beginnen und abwarten, bis die Stadt verhungert …

„Es ist meine Pflicht, dafür zu sorgen, dass das nicht geschieht, Kriegshäuptling.“

„Und wenn doch?“

Saurfang lachte verbittert. „Dann wird die Horde in die Schlacht ziehen und einen ehrenhaften Tod finden, denn in diesen Mauern wartet nur ein langsamer Tod auf uns.“

Sylvanas lachte nicht. „Es ist meine Pflicht, dafür zu sorgen, dass das nicht geschieht.“

„Der Junge in Sturmwind wird über Nacht keinen Krieg anzetteln“, sagte Saurfang.

Ihre Brauen senkten sich. „Solange ihm Genn Graumähne in den Ohren liegt? Wir werden sehen.“

Das war ein Grund zur Sorge, das musste Saurfang eingestehen. Inmitten des Kampfes gegen die Brennende Legion hatte Graumähne ein Attentat auf Sylvanas ausführen lassen. Bei dem Versuch waren einige von Sturmwinds wenigen verbliebenen Luftschiffen zerstört worden.

Den Gerüchten nach hatte Graumähne den Angriff ohne Anduins Erlaubnis befohlen, doch soweit Saurfang wusste, war Graumähne dafür nicht bestraft worden. Das verhieß nichts Gutes, und jede mögliche Erklärung führte Saurfang zum selben Ergebnis: Der alte Worgen würde die Allianz immer wieder zum Krieg gegen die Horde antreiben.

Sylvanas’ Augen leuchteten. „Und aus dem Jungen wird ein Mann. Was, wenn dieser Mann entschließt, er habe keine Wahl, als gegen uns in die Schlacht zu ziehen?“

Sie wies auf die Karte. Eine große Markierung in Silithus zierte den Ort, wo die Klinge des Dunklen Titanen die Welt durchbohrt hatte. „Ganz gleich was ich tue, das wird das Gleichgewicht der Macht ändern. Überall auf der Welt wird mehr und mehr Azerit entdeckt, Saurfang. Weder wir noch die Allianz kennen sein ganzes Potenzial. Wir wissen nur, dass es eine neue Ära der Kriegsführung einleiten wird. Wie wird der Krieg in zwanzig Jahren aussehen? Wie in hundert?“

Saurfangs Stimme nahm einen knurrenden Tonfall an. „Hundert Jahre Frieden sind ein lohnendes Ziel.“ Doch kaum hatte er die Worte ausgesprochen, wünschte er sich, sie zurücknehmen zu können. Er wusste, was Sylvanas sagen würde.

Und er würde ihr Recht geben.

Der Kriegshäuptling enttäuschte ihn nicht. „Wenn hundert Jahre Frieden in einem Krieg gipfeln, der beide Seiten auslöscht, ist das kein lohnendes Ziel. Es wäre der Handel eines Feiglings, der die Zukunft gegen die vorläufigen Annehmlichkeiten der Gegenwart ausspielt. Die Kinder der Horde und ihre Kindeskinder würden unsere Namen verfluchen, während sie brennen.“ Ein wenig der Härte war aus ihrer Stimme gewichen. „Wenn das Leben Gnade kennen würde, würden wir beide den Rest unserer Tage in Frieden leben. Ihr und ich, wir haben genug des Krieges gesehen, und dennoch wird er uns auch in Zukunft nicht erspart bleiben.“

Darin sind wir uns beide einig. „Habt Ihr also Eure Entscheidung getroffen, Kriegshäuptling? Führt Ihr uns in den Krieg? Ungeachtet der Kosten?“

„Ich sehe eine Möglichkeit. Ich brauche einen Plan, um sie zu verwirklichen“, sagte Sylvanas.

„Und wenn ich keinen Plan ersinnen kann?“

„Dann werden wir natürlich nichts tun.“

„Dann erklärt mir diese ‚Möglichkeit‘, Kriegshäuptling“, sagte er. „Denn ich sehe sie nicht.“

„Doch, das tut Ihr. Ihr habt es bereits ausgesprochen“, entgegnete sie. „Warum ist es unmöglich, Sturmwind jetzt anzugreifen?“

„Wir haben nicht genügend Schiffe.“ Saurfang beäugte sie misstrauisch, als er sich der Bedeutung dessen annahm. Wo soll da die Möglichkeit sein? „Wir können unsere Schiffe entweder zum Transport oder zum Kampf rüsten, aber nicht beides …“

Die Antwort traf ihn mit einer solchen Wucht, dass er ins Taumeln geriet. Seine Knie drohten nachzugeben, und er musste sich mit beiden Händen am Tisch festhalten. Nach einem kurzen Moment blickte er mit aschfahlem Gesicht wieder zu Sylvanas auf.

Sie hatte ihn zu einer Wahrheit geführt, die er nicht gesehen hatte, und er fühlte sich, als habe sich seine ganze Welt gewandelt. Noch vor wenigen Sekunden hatte er den Krieg mit jeder Faser seines Lebens für unmöglich gehalten.

Doch jetzt …

„Ihr versteht also?“, fragte Sylvanas leise.

Er sagte nichts. Er konnte nichts sagen. Er war so darauf versessen gewesen, die Horde vor der Legion zu verteidigen, dass er den Folgen dieses Krieges gegenüber blind gewesen war.

Seit Jahren hatte es eine Art von Pattsituation zwischen Allianz und Horde gegeben. Beide Seiten waren stark und verfügten über Streitkräfte auf der ganzen Welt. Auf jede Handlung würde eine schnelle Vergeltungsaktion folgen. Das war der Grund, warum Varian Wrynn die Horde nach der Belagerung Orgrimmars nicht vernichtet hatte – er wusste, wie viele Leben es auf seiner Seite gekostet hätte. Und rückblickend hätte es das Ende Azeroths bedeutet, da es der vollständigen Kampfkraft von Horde und Allianz bedurfte, um den Fortbestand der Welt zu sichern.

Doch die Verheerte Küste hatte das Gleichgewicht ins Wanken gebracht, oder etwa nicht? Der tödliche Gegenschlag gegen die Legion hatte einen Großteil der Flotten beider Fraktionen vernichtet, und die darauffolgenden Monate des Krieges hatten das Problem nur verschärft. Sowohl Horde als auch Allianz besaßen nach wie vor starke Stützpunkte auf jedem Kontinent, doch sie verfügten nicht mehr über die Möglichkeit, sie zu verstärken oder ihre Truppen an eine andere Front zu verlegen.

Bis unsere Flotten wieder stehen, wird die hohe See wieder herrenlos sein.

Es würde Jahre dauern, bis sich das ändert. Wenn es so weit ist, würde auch das Patt zurückkehren und die Kosten eines Kriegs wären abermals zu hoch.

Und bei den Geistern, Sylvanas hatte recht, ganz gleich, wie sehr Saurfang versucht hatte, es abzustreiten. Der Krieg würde eines Tages wiederkehren, und mit beiden Fraktionen auf dem Gipfel ihrer Macht würden ihm ganze Nationen anheimfallen. Wie viele Völker Azeroths würden in diesem einen Kampf ausgelöscht werden?

Doch bis dahin sind beide Seiten verwundbar, und es gibt ein begrenztes Zeitfenster, um diesen Umstand auszunutzen. Es ist der Preis für ihr Überleben.

„Ihr glaubt, wir können Kalimdor sichern“, sagte er. „Den gesamten Kontinent.“ Es war keine Frage. Die Hauptmacht der Allianz befand sich in den Östlichen Königreichen, die der Horde in Kalimdor.

Sylvanas neigte leicht den Kopf. „Ja.“

Saurfang dachte bereits weiter. Wo würde die Horde zuschlagen müssen? Am Hyjal? Auf der Azurmythosinsel? Nein – es gab nur ein wahres Zentrum der militärischen Macht der Allianz, von dem aus ihre Streitkräfte auf den ganzen Kontinent entsandt werden konnten. „Darnassus“, keuchte er. „Teldrassil, der Weltenbaum. Kriegshäuptling, selbst wenn es möglich ist …“

Ist es möglich?“, fragte sie. „Wenn wir mit einer Armee an der Dunkelküste aufmarschierten, um den Weltenbaum zu erobern, könnte die Allianz uns aufhalten?“

Nein. Nicht wenn der Angriff sie überraschen würde. Nicht, solange die Horde es vermied, im Eschental zu versanden …

„Hochfürst“, unterbrach Sylvanas seine Überlegungen. „Sagt mir, was Ihr denkt. Ist es möglich?“

„Es ist möglich“, erwiderte Saurfang langsam. „Aber nicht ohne schwerwiegende Folgen.“

„In der Tat.“

„Wir würden eine Schlacht gewinnen, aber nicht den Krieg“, sagte Saurfang. „Wenn wir das Gleichgewicht der Kräfte verschieben, tut es uns die Allianz gleich. Unsere Länder in den Östlichen Königreichen wären ihrem Gegenschlag ausgeliefert.“

„Vor allem das meine“, sagte Sylvanas.

Er war froh, dass sie es an seiner statt gesagt hatte. Welches Ziel würde Graumähne von der Allianz einfordern, wenn nicht Sylvanas’ Sitz der Macht? „Ich weiß nicht, ob wir Unterstadt schützen können, nicht, solange die Allianz gegen uns verbündet ist.“

„Und wenn sie das nicht wäre?“ Sylvanas lächelte erneut. „Was, wenn sie zerstritten wäre?“

Dann gewinnt die Horde. „Wie sollte das geschehen? Wenn wir einen Überraschungsangriff auf die Heimat der Nachtelfen ausführen, wird die Allianz als Ganzes Rache verlangen.“

„Anfangs sicherlich. Sie werden zornig sein, vereint im Angesicht unseres kriegerischen Akts“, sagte sie. „Doch was werden die Nachtelfen mehr als alles andere wollen? Sie werden verlangen, dass die Allianz ihnen hilft, uns ihre Heimat wieder zu entreißen.“

Doch der Allianz fehlt die Kraft, zumindest in Kalimdor und ohne ihre Flotte.

Und wieder. Sie hatte es wieder getan. Sie hatte ihm eine neue Möglichkeit offenbart und die Welt wandelte sich unter seinen Füßen. Die strategische Bedeutung dessen entfaltete sich vor ihm wie der Mahlstrom. „Es wird Jahre dauern, bis sie auch nur daran denken können, Darnassus zurückzuerobern.“

„Ihr versteht also, Hochfürst“, sagte Sylvanas. „Denkt weiter. Was wird als Nächstes geschehen?“

„Sie könnten versuchen, Unterstadt zu erobern … doch Darnassus wird unsere Geisel gegen diese Bemühungen sein. Die Nachtelfen werden nicht zulassen, dass Eure Stadt fällt, wenn sie befürchten, dass Ihr daraufhin die ihre zerstört. Dasselbe gilt für einen Schlag gegen Silbermond.“ Saurfangs Gedanken überschlugen sich. Sie hat recht. Es könnte funktionieren. „Und selbst wenn die Allianz sich entschließt, Darnassus wieder einzunehmen … sind da noch die Gilneer!“

Sylvanas’ Augen verschwanden im Dunkel ihrer Kapuze. „Sie haben ihre Nation bereits vor Jahren verloren. Sie werden es nicht ertragen, wenn die Allianz den Kaldorei zuerst ihre Hilfe zusagt“, sagte sie. „Der Junge in Sturmwind wird es mit einer handfesten politischen Krise zu tun haben. Er ist schlau, doch es mangelt ihm an Erfahrung. Was geschieht, wenn Genn Graumähne, Malfurion Sturmgrimm und Tyrande Wisperwind allesamt unterschiedliche Lösungen fordern? Er ist kein Hochkönig wie sein Vater. Der Respekt, den ihm die anderen zollen, ist mehr Gefälligkeit als Pflicht. Anduin Wrynn wird im Handumdrehen ein Anführer ohne Handlungsmacht sein. Wenn die Allianz nicht unter einem Banner handeln kann, wird jede Nation ihre eigenen Interessen verfolgen. Jede Armee wird in ihre Heimat zurückkehren, um ihr Land vor uns zu schützen.“

„Und so bezwingen wir Sturmwind.“ Saurfang war tief beeindruckt. Es war brillant. Es würde nicht tausend Siege erfordern, die Allianz zu zerschlagen, sondern einen. Ein einziger strategischer Zug, und der entstehende Druck würde die Allianz auf Jahre hinaus lähmen, solange sie auf dem Schlachtfeld keine Wunder zu wirken vermochte. „Wir zerstören die Allianz von innen heraus. Ihre militärische Macht bedeutet nichts, wenn ihre Mitglieder für sich allein stehen. Dann schließen wir Frieden mit den einzelnen Völkern und entreißen eines nach dem anderen dem Schoße der Allianz.“

„Um den Gegner ausbluten zu lassen, muss man ihm eine Wunde zufügen, die nicht verheilt. Deswegen sollt Ihr den Plan schmieden, Hochfürst“, sagte Sylvanas. „Mit dem Moment, in dem unser Schlag beginnt, gibt es kein Zurück mehr. Wir können die Allianz nur spalten, wenn der Eroberungskrieg von Darnassus sie nicht gegen uns verbündet. Das geschieht nur, wenn die Horde einen ehrenhaften Sieg erringt, und ich bin nicht blind – die Horde traut mir nicht zu, einen solchen Krieg zu führen.“

Auch damit hatte sie recht. Saurfang wählte seine nächsten Worte mit Bedacht aus. „Die Vorbereitungen werden Zeit brauchen. Wenn sie überhaupt möglich sind, während die Allianz jedwede unserer Bewegung überwacht.“

Sylvanas’ Lächeln wurde breiter. „Ich glaube, dass ihre Spione schon bald unser größter Vorteil sein werden.“

Teil zwei: Der Marsch nach Silithus

Ein Geräusch vor Saurfangs Kammer riss ihn jäh aus dem Schlaf. Er roch Blut. Er roch den Feind.

Die Allianz hat mich überfallen.

Mit einer flinken Bewegung griff er nach seinem Dolch, der an seine Pritsche gelehnt war, und führte einen weiten Schwung auf Kniehöhe aus. Jeder in der Nähe seines Bettes wäre gelähmt worden.

Die Klinge fuhr durch die Luft. Er war allein.

Ein Gesicht erschien im Rahmen seiner Tür. „Guten Morgen, Hochfürst“, sagte der Besucher und fügte trocken hinzu: „Und was für ein exzellenter Streich.“

„Ihr stinkt noch immer nach Mensch.“ Saurfang ließ den Dolch sinken. „Eine gefährliche Eigenschaft.“

Nathanos Pestrufer schenkte ihm ein fahles Lächeln, blieb jedoch draußen im Flur. „Wir müssen reden.“

Saurfang zog sich rasch ein Paar weite Kniehosen an und folge ihm hinaus. Die Dämmerung stand kurz bevor und der Himmel wurde bereits heller. Er hätte ohnehin bald aufstehen müssen. „Was ist geschehen?“, fragte er.

Nathanos kratzte sich am Kinn. Die Bewegung hatte etwas Ungeschicktes, als hätte er sich noch nicht ganz an die Form seines Gesichts gewöhnt. Saurfang hatte nie gefragt, woher der Verlassene seinen neuen Körper hatte. Er war sich nicht sicher, ob er es wissen wollte, und darüber hinaus konnte er ohnehin nicht mit einer ehrlichen Antwort rechnen. „Wir haben in der Nacht fünf Spione der Allianz gesichtet.“

Saurfang grunzte. Dieser Tage war das nichts Besonderes. „Und?“

„Zwei von ihnen haben versucht, den Turm zu erklimmen, um sich Zugang zu Eurem Quartier zu verschaffen.“

„Hmpf.“ Das war ungewöhnlich. Auch wenn sie vermutlich nur einen Blick auf etwaige Briefe in Saurfangs Kammer erhaschen wollten. „Hätten sie meinen Kopf gewollt, wären mehr von ihnen geschickt worden. Haben sie es hier hinaufgeschafft?“

Nathanos schüttelte den Kopf. „Ich habe mich der Sache angenommen.“

„Habt Ihr das?“ Erst jetzt bemerkte Saurfang einige noch nicht getrocknete Tropfen auf dem blauen Mantel des Verlassenen. Er griff nach dem Dolch an Nathanos’ Gürtel. Nathanos kniff die Augen zusammen, doch er widersprach nicht. Der Waldläufer hatte die Klinge gereinigt, ehe er sie in die Scheide gesteckt hatte, doch nicht gründlich genug.

Saurfang bleckte die Zähne. Deshalb habe ich Blut gerochen. „Habt Ihr sie beide getötet?“

Nathanos nahm den Dolch zurück. Seine roten Augen blickten in die Ferne. „Einen. Einen Menschen. Er hatte mir nicht viel zu sagen.“ Er hatte den Spion also gefoltert, bevor er ihn getötet hatte. „Der andere war ein Kaldorei, glaube ich. Sie sind geschickt in der Nacht. Er ist entkommen.“

„Gut“, entgegnete Saurfang scharf. „Die Allianz soll glauben, dass sie die Kontrolle hat. Der Kriegshäuptling hat Euch befohlen, die Spione nicht zu jagen. Gehorcht ihr.“

„Sie werden seine Leiche nicht finden“, sagte Nathanos.

„Das brauchen sie nicht.“ Spione verschwanden nur aus zwei Gründen: Sie liefen über oder sie wurden getötet – und kein Mensch würde je der Horde beitreten. Kein lebender Mensch, berichtigte er sich selbst. „Wenn Ihr weitere Spione seht, lasst sie entkommen, versteht Ihr? Lasst sie glauben, sie seien Euch davongerannt.“

„Ja, mein Herr.“ Nathanos neigte langsam seinen Kopf. „Eure Gespräche mit dem Kriegshäuptling … Verlaufen sie gut?“

Saurfang senkte die Stimme. „Was hat sie Euch erzählt?“

Nathanos sagte nichts, doch für Saurfang war es Antwort genug. Sie hat ihm nichts gesagt.

Saurfang trat näher an ihn heran und knurrte: „Ihr solltet Euch hüten, solche Fragen dort zu stellen, wo man Euch hören kann.“

Nathanos’ Miene blieb völlig regungslos. „Niemand hört mit. Solange ich neben Euch stehe oder den Raum bewache, in dem Ihr steht, wird die Allianz Eure Worte nicht hören. Nehmt an, dass ihnen sonst nichts verborgen bleibt.“

Es war nicht Arroganz, die aus ihm sprach. Nathanos hatte ein Talent dafür, dort aufzutauchen, wo er nicht erwünscht war, und andere aufzuspüren, die es ebenfalls versuchten. Er war außerdem der treueste Berater des Kriegshäuptlings. Hatte er wirklich von nichts gewusst, war das ein gutes Zeichen. Es hieß, dass Sylvanas ihre Absicht, die Angelegenheit Saurfang zu überlassen, ernst gemeint hatte.

Also entschloss Saurfang, sich ihn zunutze zu machen. „Silithus“, sagte er.

Nathanos blickte von der Seite zu ihm herüber. „Was ist mit Silithus?“

„Silithus“, wiederholte Saurfang. „Denkt an dieses Wort, aber sprecht es niemals aus.“

Nathanos änderte seine Haltung und stellte sich frontal vor den Orc. „Das Land um das Schwert ist sicher, oder etwa nicht? Ist etwas geschehen?“

„Nein, Ihr habt dafür Sorge getragen, dass Silithus und all das dort verborgene Azerit sich in den Händen der Horde befinden“, erwiderte Saurfang unbeschwert. „Ich möchte, dass das so bleibt. In einigen Tagen werde ich mehrere Hundertschaften gen Süden schicken. Sie werden die Route sichern und unsere Abwehr am Schwert stärken.“

Es war offensichtlich, dass Nathanos an jedem seiner Worte zweifelte, doch er spielte mit. „Die Route sichern? Für wen? Wie viele mehr werden ihnen folgen?“

„Wie viele haltet Ihr für angemessen?“

„Keine“, entgegnete der Verlassene ohne Umschweife. „Die Horde sollte ihre Armeen nicht auf eine Wüste verschwenden, an der die Allianz keinerlei Interesse hegt. Es würde unsere Kräfte teilen, während der Feind in unserer Stadt lauert.“

Saurfang zuckte leicht mit den Schultern. „Womöglich teilt der Kriegshäuptling Eure Ansicht. Womöglich werde ich die Soldaten dennoch in einem Monat dort hinunterführen.“

Der Orc beobachtete Nathanos aufmerksam. Der Untote blinzelte einmal, zweimal und schließlich nickte er. „Womöglich werde ich nicht gerade glücklich darüber sein. Aber im Interesse der Horde werde ich das für mich behalten. Außer in bestimmten Situationen. Womöglich werde ich meinen Frust einmal zu häufig äußern, wenn der Feind zugegen ist.“

Er versteht. „Das Wichtigste ist“, sagte Saurfang, „dass die Allianz sich fragen wird, warum wir jetzt ins Feld ziehen. Was hat mich zu dieser Handlung veranlasst? Die gesamte Horde wird sich das fragen. Es werden Fragen aufkommen und Gerüchte entstehen. Die Allianz wird ihr Äußerstes tun, um die Wahrheit zu erfahren.“

Nathanos kniff die Augen zusammen. Wenn es eine Antwort auf diese Frage gegeben hätte, wenn die Horde einen triftigen Grund entdeckt hätte, dort hinunterzumarschieren, wüsste er das bereits. „Und wenn sie keine Antwort finden können, nicht einmal mit ihrer Armee an Spionen, werden sie unruhig werden.“

„Was sie tun werden, kann ich nicht vorhersehen“, sagte Saurfang. „Aber etwas werden sie tun. Womöglich wird daraus eine Gelegenheit entstehen.“

„Kein sehr ausgefeilter Plan“, bemerkte Nathanos, doch seine Mundwinkel zuckten leicht. „Eure Strategie ist jedoch amüsant. So ist es mir ohnehin lieber.“

Mit diesen Worten wandte er sich ab und verschwand im Treppenhaus des Turms. Jetzt waren es drei in Orgrimmar, die die Täuschungsmanöver verstanden, die Saurfang auszuklügeln versuchte. Im Laufe der nächsten Wochen würde sich der Kreis weiten, doch nur geringfügig. Mehr konnte er nicht riskieren.

Um Darnassus zu erobern, musste Saurfang die Horde zum Krieg mobilisieren. Tausende Truppen müssten sich für einen langen Marsch bereitmachen, unzählige Vorräte heranschaffen und sich auf zahllose Arten für die Schlacht rüsten. Das konnte er nicht vor der Allianz verbergen. Er rechnete schon fast damit, dass Sturmwind besser über die Soldaten der Horde und ihre Vorräte Bescheid wusste als er selbst. Er rechnete sogar damit, dass sie der Horde auf jedem Schritt ihrer Reise folgen und jede Möglichkeit nutzen würden, um Radachsen zu sabotieren oder Waffen zu vernichten, und mit anderem derartigen Irrwitz.

Wie könnte der Angriff also eine Überraschung werden?

Indem wir das Spionagenetzwerk der Allianz die falsche Geschichte erzählen lassen, hatte Sylvanas gesagt.

Sie hatte recht. Wenn die Kampagne Erfolg haben sollte, musste sich die Horde die Spione der Allianz zunutze machen. Sie sollten Sturmwind erzählen, die Horde marschiere weit gen Süden statt gen Westen und sie bereite sich auf einen Krieg in mehreren Jahren statt in wenigen Wochen vor.

Es war höchste Zeit, sich an die Arbeit zu machen.

* * *

Nargol der Rüstmeister starrte mit einem Ausdruck des wachsenden Grauens auf das Pergament. „Woher stammt diese Liste?“

„Hochfürst Saurfang“, sagte der Trollbote.

Der Orc kratzte sich am Kinn. „Er will mehr, als ich habe. Dafür muss ich unsere Nahrungslieferungen umleiten und eine Menge Kaufleute für die Nutzung ihrer Karren bezahlen. Die Schmiede werden Tag und Nacht zugange sein müssen. Und selbst dann werde ich zwei Monate brauchen, um das alles herbeizuschaffen.“ Zwei Monate und ein Wunder.

„Ihr habt vier Woch’n“, sagte der Troll.

Was?“ Nargol blickte abermals auf das Pergament hinab. Dort waren genügend Vorräte aufgelistet, um die halbe Armee der Horde ein Jahr lang zu ernähren. „Was hat Saurfang vor?“

Der Troll zuckte nur mit den Schultern.

* * *

Es war ein Wunder, dass die Explosion niemanden getötet hatte. Die Schmiede hatte Funken gesprüht, zu pfeifen begonnen und geschmolzenes Metall hervorquellen lassen, sodass den Umstehenden genug Zeit für die Flucht geblieben war, ehe sie mit einem lauten Knall in die Luft flog und glühend heißes Schrapnell rund um den glutheißen Amboss verteilte.

Meisterschmied Saru Stahlzorn war zwar unverletzt, doch umso redseliger davongekommen. „Einer meiner Lehrlinge muss den Teufelsschiefer zu lange köcheln gelassen haben. Ihr wisst ja, wie es mit Dämonenstahl ist.“

Die Detonation hatte die halbe Stadt aufgeschreckt und das Innere des Gebäudes schwer beschädigt. Sofort gingen erste Gerüchte umher, die Schmiede sei einem Sabotageakt der Allianz zum Opfer gefallen.

„Das ist Unsinn“, erzählte Stahlzorn jedem, der es hören wollte. „Nur einer meiner törichten Lehrlinge. Fehler passieren.“

Selbst Hochfürst Saurfang war nach unten gekommen, um den Schaden zu inspizieren. „Orgrimmar ehrt jeden Schmied und jede Schmiede“, hatte er verkündet. „Also werde ich dafür Sorge tragen, dass binnen einer Woche jeder Schaden repariert ist. Alles wird wie neu sein.“

Saurfang hatte es ihm sogar schriftlich zugesichert. Jeder Brocken Azerit, der in der Explosion verloren ging, wird ersetzt werden.

Stahlzorn war verwirrt. Er würde natürlich jedes Gramm Azerit annehmen, das er bekommen konnte, aber an diesem Tag war kein Azerit in der Schmiede gewesen. Da war er ganz sicher. Saurfang musste falsche Informationen bekommen haben.

Dann wiederum, dachte er, wenn ich als einziger Schmied in Orgrimmar gelte, der mit Azerit arbeiten kann, wird das meinem Ruf nur zuträglich sein.

Er bewahrte den Brief in einem Lederbeutel hinter einer Bodenplatte unter seinem Lieblingsschmiedeofen auf. Einige Tage später bemerkte er einen Kratzer auf der Platte, so als habe sie jemand aufgestemmt, um einen Blick dahinter zu werfen. Doch das schien unwahrscheinlich. Es war nichts gestohlen worden. Alles, einschließlich des Briefes, war noch genau dort, wo Stahlzorn glaubte, es gelassen zu haben.

Nun, vielleicht befand sich der Brief in der falschen Beuteltasche, doch …

* * *

Sylvanas Windläufer atmete tief ein und stieß die eingezogene Luft frustriert zischend wieder aus. „Wenn uns keine andere Wahl bleibt, werde ich mich persönlich um sie kümmern.“

Saurfang sagte eine Weile lang gar nichts. Es war eine schlechte Idee, doch im Moment war es die beste, die sie hatten.

Saurfang und Sylvanas hatten Tage um Tage mit Diskussionen über Strategie verbracht und es war deutlich geworden, dass ihr Plan zwei gewaltige und unausweichliche Schwachpunkte besaß: Malfurion Sturmgrimm und Tyrande Wisperwind. Die Anführer der Nachtelfen waren mächtig, gefährlich und auf dem Schlachtfeld womöglich unbezwingbar. Ganz gleich, wie sehr dieser Angriff die Kaldorei auch überraschen mochte, diese zwei würden die Horde das Fürchten lehren, sobald die Schlacht entbrannt war. Sie hatten bereits so lange gelebt und so viel überstanden, Saurfang musste es für möglich erachten, dass sie die Horde lange genug abwehren konnten, bis ihnen die Allianz zur Hilfe geeilt war. Das Eschental war schließlich ihr Land. Sie würden die Natur selbst zu seiner Verteidigung rufen.

Sylvanas konnte es mit einem von ihnen aufnehmen – vielleicht –, doch selbst sie wusste, dass ihnen beiden entgegenzutreten keine … ideale Taktik war. Desinformation würde ihnen in dieser Frage nicht sehr behilflich sein. Welche Fehlinformationen könnte man einem Heer an Allianzspionen geben, sodass Darnassus daraus schlösse, beide seiner Anführer sollten dem Krieg nach seinem Ausbruch fernbleiben?

„Wir warten auf eine Gelegenheit“, murmelte Saurfang. „Und wenn sie uns eine bieten, ergreifen wir sie.“

Sylvanas stimmte ihm zu.

Sie trafen sich auch weiterhin jeden Tag. Das würde bald auffallen, also musste eine Erklärung her. Saurfang gab sich große Mühe, diese zu fabrizieren. Er kritisierte den Kriegshäuptling nie und erklärte öffentlich seine Treue zu ihr, so wie es sich für einen ehrenhaften Orc gebührte. Doch er sorgte auch dafür, dass er jedes ihrer Treffen sichtlich erschüttert und gedemütigt verließ.

Das sollte Früchte tragen. Sylvanas zeigte ihm die Schriftrolle eines Spions aus Sturmwind. „Die Allianz vermutet, Ihr und ich gingen tagtäglich einander an die Gurgel“, sagte sie. Mit einer Spur Ironie fügte sie hinzu: „Und sie glauben, dass Ihr meinen Zweifeln zum Trotz auf einen Militärschlag pocht.“

Nathanos musste sich mit seinen falschen Beschwerden selbst übertroffen haben. Spione suchten nach verdeckten Informationen und glaubten fast nichts, das sie hörten. Man konnte sie nicht täuschen, indem man ihnen ins Gesicht log. Man täuschte sie, indem man die Lüge so tief verbarg, dass ihre Enthüllung nur mit großer Mühe und persönlichem Risiko erreicht werden konnte. Es war nur natürlich, anzunehmen, dass die Geheimnisse, die der Feind zu verbergen suchte, die Wahrheit waren. Diese Voreingenommenheit würde jeden Bericht verfälschen, den die Spione ihren Meistern sandten.

Und es wäre einfach zu glauben, dass Saurfang sich gegen die Führung von Sylvanas Windläufer sträubte, denn in gewisser Weise tat er das. Es wäre einfach zu glauben, dass der alte Orc versessen darauf sei, das Blut des Feindes zu vergießen, während die Bansheekönigin aus den Schatten heraus zu wirken trachtete, denn so hatten sie beide in der Vergangenheit ihre Kriege geführt. Sie glichen einander in keiner Weise. Sie entstammten verschiedenen Völkern. Sie sahen die Welt auf eine unterschiedliche Art. Es wäre nicht überraschend, würden sie ihre Tage miteinander im Zwist verbringen.

Womöglich würde die Allianz sogar glauben, Saurfang wolle nach Silithus gehen, nur um Sylvanas zu entkommen.

Und wenn die Allianz das glaubte, was würden sie aus den anderen Informationen machen, die sie erhielten?

* * *

„Tausend Gold für jeden toten Allianzspion“, brüllte Saurfang.

Ein schockiertes Murmeln breitete sich in den Rängen der vor ihm versammelten Wachen von Orgrimmar aus. Dieses Kopfgeld überstieg alles bisher Gebotene.

„Das ist unsere Stadt. Aber wenn die Allianz darauf besteht, hierzubleiben, wollen wir es ihnen auch gemütlich machen“, erklärte Saurfang mit einem höhnischen Grinsen. Mit einer ausschweifenden Armbewegung wies er hinter sich zur Feste Grommash hinauf. Ein Dutzend blitzblanker Pfähle stach etwa fünfzig Fuß über dem Boden aus dem Überhang des Turms hervor. „Dort werden wir ihre Köpfe aufreihen. Ein besserer Ausblick über Orgrimmar findet sich sonst nirgends!“

Die Wachen tuschelten aufgeregt. Saurfang konnte sehen, wie viele von ihnen bereits darüber nachdachten, wofür sie ihre tausend Goldstücke ausgeben würden. Zu schade. Er wäre überrascht, wenn auch nur einer dieser Pfähle benutzt werden würde.

Und die Allianz würde sicher noch etwas anderes bemerken: Hatte der Kriegshäuptling nicht erst kürzlich fünfhundert Gold für die Gefangennahme von Spionen versprochen? Saurfang verdoppelte diesen Preis, doch verlangte, dass die Spione getötet anstatt gefasst werden sollten. Offensichtlich wollte er die Spannungen anheizen und darüber hinaus auch noch auf subtile Art seinem Häuptling trotzen. Anzeichen einer Spaltung zwischen einer Anführerin und ihrem Kommandanten waren die besten Nachrichten, die ein Spion berichten konnte.

Sylvanas war zufrieden. „Ihr lernt die Kunst der Täuschung erstaunlich schnell, Hochfürst“, sagte sie. „Aber was ist der nächste Schritt? Wie lassen wir die Welt wissen, dass der Graben zwischen mir und Euch weiter auseinanderklafft?“

„Was habt Ihr im Sinn?“, fragte Saurfang.

„Zwischen Euch und Nathanos muss es zu Handgreiflichkeiten kommen. In der Öffentlichkeit.“

Saurfang war begeistert. „Wir sollten ihn warnen. Wenn er glaubt, dass wir wirklich kämpfen, könnte ich gezwungen sein, ihn zu töten.“

* * *

Nathanos hob sein Kinn. „Wie hart darf ich Euch schlagen, Hochfürst?“

* * *

„Wachen! Wachen! Hilfe!“, schrie Morka.

Ich hab einen, dachte sie, außer sich vor Freude. Ich hab einen Spion erwischt.

Morka hatte ein leichtes Flackern in den Schatten bemerkt. Sie hatte ihren Schild danach geworfen und mit ihrem Glückstreffer einen Schurken ins Taumeln gebracht.

Jetzt wand sich der Gnom in ihrem Griff. Er knurrte und widersetzte sich heftiger, als es einer derart kleinen Kreatur möglich sein sollte. Ein schwarzer Mantel war um seinen Kopf gewickelt, und sein Dolch lag just außerhalb seiner Reichweite.

Bei den Geistern, ist der schlüpfrig! Morka drückte den Gnom mit dem Gewicht ihres Körpers zu Boden und ignorierte die Fingernägel, die sich in ihren Arm bohrten. Das Geräusch nahender Schritte verhieß baldige Verstärkung. Mit ihrer Hand fischte sie vergeblich nach einer der kleinen Äxte an ihrem Gürtel. Mit etwas Glück hätte sie ihm den Kopf abgeschlagen, ehe ihr noch jemand ihren Preis streitig machen konnte.

„Ich mache es schnell“, zischte sie ihm ins Ohr. „Es wartet ein Pfahl auf …“

Eine Klinge schmiegte sich an ihren Hals. „Lasst ihn gehen. Sachte“, sprach eine Stimme.

Natürlich. Natürlich gab es mehr als nur den einen. Sie nahm den Geruch eines Menschen wahr. Seine Klinge drückte sich so fest an ihren Hals, dass Blut zu fließen begann. Eine Bewegung, und die Schneide würde ihre Adern aufschlitzen und ihr kurz darauf das Leben rauben.

„Jetzt sofort“, beharrte die Stimme.

Sie bleckte die Zähne, doch sie saß in der Falle. Sie ließ den Gnom los. Er hastete in die Schatten davon, ohne sich noch einmal umzudrehen.

Der Mensch sprach weiter. „Jetzt macht einen Schritt zurück, und …“

Sie packte sein Handgelenk und zog. Das Messer fiel auf den Boden.

Doch ihr Angreifer schleuderte ihr mit seiner anderen Hand ein Pulver ins Gesicht. Es entflammte, und der darauffolgende Lichtblitz blendete sie und machte sie taub. Sie rollte auf den Boden und hielt sich die Ohren, nicht in der Lage, ihre eigenen Schreie zu hören. Als wenige Augenblicke später erneut Hände nach ihren Schultern griffen, wehrte sie sich aufs Heftigste, bis sie bemerkte, dass es die Hände eines Orcs und eines Tauren waren. Verbündete. Freunde. Sie zogen sie auf die Füße und warteten, bis ihre Desorientiertheit nachgelassen hatte.

Ein roter Nebel schwamm vor Morkas Augen. Scham, Zorn und Demütigung tobten in ihrem Inneren. „Sie sind davongekommen“, knurrte sie.

Die anderen jagten den Spionen hinterher, doch Morka blieb zurück, zornig auf sich selbst und immer noch gegen den Schwindel ankämpfend, während eine weitere Wache die Kratzer an ihrem Arm und Hals bandagierte.

Die Klinge des Menschen lag noch immer auf dem Boden, also hob sie sie auf und begutachtete sie. Seltsam. Das war Orgrimmarstahl. Warum sollte ein Mensch so etwas besitzen?

In der nächsten Stunde war es, als sei sie in einen Schleier gehüllt. Morka blieb sitzen und studierte das Messer, bis ein Offizier sie fand.

„Hochfürst Saurfang möchte Euch sprechen“, sagte Nathanos Pestrufer. Sie kannte ihn nicht persönlich, doch sein Ruf eilte ihm voraus und seine Stimme hörte sich vertraut an. Er schien heute zu humpeln.

Dieser Tag kann immer noch schlimmer werden. Den Gerüchten zufolge waren Nathanos und Saurfang gestern vor der Feste Grommash aneinandergeraten. Mit ihnen beiden in einem Raum zu sein, könnte unangenehm werden. Morka versuchte, ihr Unbehagen beiseite zu wischen. „Natürlich. Geht voran.“

Sie folgte ihm in das Tal der Geister. Er öffnete eine Zeltklappe und bat sie, einzutreten.

Zögerlich trat Morka hinein. Als erstes sah sie einen verwundeten Orc, bandagiert und ruhig schlafend. Hochfürst Saurfang saß mit dem Rücken zur Zeltöffnung im Schneidersitz auf dem Boden. Eines seiner Augen war zugeschwollen. „Ihr seid diejenige, die den Spion gefasst hat?“, fragte er.

„Beinahe, mein Herr“, sagte Morka. Würde Saurfang sich an sie erinnern? Zu ihrer Erleichterung zeigte er keine Anzeichen davon. „Er war nicht allein. Ich habe sie entkommen lassen.“

„Da seid Ihr nicht die Erste. Setzt Euch.“ Er wartete, bis sie es sich bequem gemacht hatte, und fuhr dann mit einer Kopfbewegung in Richtung des verwundeten Orcs fort: „Der Spion, auf den Ihr gestoßen seid, hatte zuvor diesen Orc angegriffen. Er ist ein Kurier, der wichtige Nachrichten für mich übermittelt.“

Sie verzog das Gesicht. „Wird er überleben?“

„Ja, doch ich fürchte, der Spion ist mitsamt seinen Informationen davongekommen.“ Saurfang beugte sich vor. „Habt Ihr den zweiten Spion gesehen? Euren Angreifer?“

Morka schüttelte den Kopf. „Ich habe einen Menschen gerochen. Er trug das hier bei sich.“ Sie zeigte ihm das Messer. „Es zeigt Markierungen einer Schmiede von Orgrimmar. Womöglich hat mein Partner diesen Dolch gefertigt. Warum sollte ein Mensch so etwas haben?“

Ein eigenartiges Lächeln huschte über Saurfangs Gesicht. „Eine interessante Frage. Pestrufer?“

Der Verlassene steckte seinen Kopf durch die Zeltöffnung. „Ja?“

„Diese Wache hat Euren Dolch“, sagte Saurfang.

Morka öffnete den Mund, doch sie brachte keinen Laut hervor. Was hatte er gerade gesagt?

Nathanos bedachte sie mit einem finsteren Blick und streckte ihr die Hand entgegen. Morka überreichte ihm wortlos das Messer und Nathanos verschwand.

Saurfang beobachtete ihren Gesichtsausdruck genau. Morka wusste nicht, was sie sagen sollte – oder vielmehr: Alles, was sie sagen wollte, würde ihr für die Aufsässigkeit gegen ihre Befehlshabenden den Tod einbringen. „Mein Herr, ich …“

Er hob die Hand. „Der Spion musste davonkommen. Die Allianz soll sehen, was er gestohlen hat“, sagte er leise. „Es war von großer Bedeutung. Verzeiht mir und wisst, dass Ihr Euch in dieser Sache sehr, sehr gut geschlagen habt.“

„Danke“, entgegnete sie in einer Stimme, die ruhiger klang, als sie sich fühlte.

„Es ist ein großes Geheimnis, das Euch hier anvertraut wird“, fuhr Saurfang fort. „Und Ihr habt Euch als fähig erwiesen. Das verdient Anerkennung. Ich werde persönliche Wachen in einer neuen militärischen Angelegenheit brauchen. Fühlt Ihr Euch dieser Aufgabe gewachsen?“

Anstatt noch ein weiteres Jahr auf dem Wehrgang zu bleiben? Aber selbstverständlich. Ihre Verwirrung und ihr Zorn begannen sich zu legen, doch sie wusste nicht, was sie antworten sollte.

Saurfang wechselte das Thema. „Ihr spracht von Eurem Partner. Er ist Schmied?“

„Ja, Hochfürst.“

„Habt Ihr Kinder?“

„Acht“, sagte Morka.

Saurfang riss die Augen auf. „Acht! Bei den Geistern … Ich hatte nie den Mut, so etwas auch nur anzustreben. Lasst mich Euch eines sagen: Ihr habt am Wegekreuz an meiner Seite gestanden und ich hoffe, Ihr werdet es abermals tun. Bald, genau wie damals, werdet Ihr einen Sieg erleben, der Eure Kinder mit Stolz erfüllen wird.“

Morka sprach, ohne nachzudenken. „Werde ich ein paar Krieger der Allianz töten können?“

„Ja, das werdet Ihr.“

„Dann nehme ich das Angebot an, Hochfürst“, erwiderte sie.

„Macht Euch bereit. Dem Plan nach sollen wir in wenigen Wochen abmarschieren. Doch es könnte auch viel früher geschehen.“

Erst am nächsten Tag wurde ihr bewusst, dass er sich ohne Nachfragen daran erinnert hatte, dass sie gemeinsam am Wegekreuz gekämpft hatten. Er erinnert sich doch an unsere Begegnung auf dem Wehrgang.

Sie konnte ihr Glück über diese zweite Chance kaum fassen.

* * *

Der Kriegshäuptling war in Gedanken versunken. „Die Allianz hat den Köder geschluckt“, sagte Sylvanas. „Doch womöglich gehen wir zu überstürzt an die Sache heran.“

Saurfang hätte beinahe losgelacht. Jetzt sorgt sie sich, dass wir den Angriff überstürzen? „Das ist mehr, als wir uns je hätten erträumen können. Die Allianz hat den Köder nicht nur geschluckt – sie haben uns Tür und Tor geöffnet. Sie können sich nicht einmal vorstellen, was wir wirklich planen!“

Der Kriegshäuptling hatte gerade eine schockierende Nachricht von ihren Spionen erhalten. Die augenscheinliche Besessenheit der Horde mit Silithus hatte Sturmwind derart in Aufruhr versetzt, dass sie die Nachtelfen gebeten hatten, ihre Flotte zu schicken, um die Bewegungen der Horde vor Ort im Auge zu behalten. Schon jetzt befand sich der Großteil der Kaldoreiflotte auf dem Weg nach Feralas, um in den Hügeln im Umland des Schwerts des Sargeras Stellung zu beziehen.

Saurfang hatte nicht damit gerechnet, aber er war aufrichtig beeindruckt. Es wäre ein brillanter Schachzug … wenn die Horde tatsächlich dorthin unterwegs wäre: eine gute Verteidigungsposition beziehen, den Feind im Auge behalten und einen Stützpunkt einrichten, um einer größeren Streitmacht den Weg zu bereiten. Es war schlau und als Schachzug entschlossener, als er von Anduin Wrynn erwartet hätte.

Zum Unglück der Allianz war das jedoch noch nicht alles. Tyrande Wisperwind plante, über die kommenden Wochen in Sturmwind zu bleiben, um eine langfristige Strategie für den Umgang mit den seltsamen Manövern der Horde zu entwickeln. Sie hatte Darnassus bereits verlassen. Es war der perfekte Augenblick, um zuzuschlagen.

Doch aus irgendeinem Grund zögerte der Kriegshäuptling.

„Ihr wolltet den Vorstoß in drei Wochen starten, Hochfürst“, sagte sie.

„Das war, als ich glaubte, wir müssten es mit Tyrande und Malfurion aufnehmen. Jetzt haben wir es nur mit einem von ihnen zu tun“, erwiderte er. „Wir werden nicht alle Soldaten für den Kampf mobilisieren können, doch wir sind den Nachtelfen noch immer in einem Verhältnis von acht zu eins statt zwölf zu eins überlegen.“

Sylvanas dachte über seine Worte nach. „Was hindert Tyrande daran, der Schlacht umgehend beizutreten? Eine Armee von einem Augenblick zum anderen von Sturmwind zu verlegen ist unmöglich. Eine einzelne Person – nun, das ist weitaus einfacher“, entgegnete sie düster.

Es war möglich, das wusste Saurfang. Doch es war unwahrscheinlich. „Wie viele unschuldige Leben wird Tyrande opfern, nur um ein paar unserer Soldaten zu töten?“, fragte er. „Das ist die Frage, der sie sich stellen muss. Sie wird erst dann von dem Angriff erfahren, wenn er bereits im Gange ist. Bis Sturmwind begreift, was geschieht, wird offensichtlich sein, dass wir Darnassus überrennen werden. Tyrande kann uns verlangsamen, indem sie dem Kampf beitritt, nachdem wir bereits weit in ihr Territorium vorgedrungen sind, oder sie nutzt ihre Kräfte, um die Evakuierung zu beschleunigen und die Verwundeten zu heilen. Wenn sie nicht glaubt, dass sie uns aufhalten kann, ist die Entscheidung offensichtlich. Sie wird ihr Volk retten.“

Endlich sprach Nathanos: „Und es wird Euch die Gelegenheit geben, Malfurion allein zu jagen, Kriegshäuptling.“

Der Ausdruck in Sylvanas Gesicht ließ Saurfang stutzen. Sie war verärgerter, als er erwartet hätte. Natürlich wäre es ein schwerer Schlag für die Allianz, wenn die Horde sowohl Tyrande als auch Malfurion töten würde, doch das Ziel war, den Weltenbaum zu erobern. Dieser Keil würde die Allianz spalten, ganz gleich, wer die Nachtelfen führte.

Saurfang vermutete, und das nicht zum ersten Mal, dass Sylvanas ihm etwas verschwieg.

Spielt das eine Rolle?, fragte er sich selbst.

Nein, entschied er. Sie hatte nicht über die Bedeutung des Ziels gelogen und sollte sie irgendwelche Pläne jenseits der nahenden Schlacht hegen, nun … sie war schließlich der Kriegshäuptling.

Sylvanas klopfte mit den Fingern auf den Tisch und überlegte. „Sorgen wir dafür, dass Tyrande nicht zurückkehrt. Die Evakuierung der Kaldorei – es hilft uns, wenn sie jede verfügbare Ressource nutzen, um ihr Volk vom Weltenbaum fortzubringen, ehe wir dort eintreffen, richtig?“

„Das ist, was ich vermute, Kriegshäuptling“, sagte Saurfang. Es würde die Zahl der Gefangenen senken, derer sich die Horde annehmen müsste, es würde Soldaten von den Frontlinien fortschaffen, die die Evakuierung unterstützten, und es würde bedeuten, dass der Großteil der Magier der Allianz bei Teldrassil bleiben müsste, anstatt dem Kampf im Eschental beizuwohnen.

Sie zeigte auf die Karte. Die Dunkelküste. „Wir müssen sie einschüchtern, bevor wir dort eintreffen. Wenn sie entscheiden, zu kämpfen statt zu fliehen, wird die letzte Phase der Schlacht chaotischer als der gesamte Rest verlaufen“, sagte sie. „Was können wir tun, um die Bürger von Teldrassil derart in Angst und Schrecken zu versetzen, dass ihnen nur die Flucht im Sinn steht?“

Nathanos grunzte. „Die Angst um den bevorstehenden Tod kann Wunder wirken. Können wir Eure neue Seuche mit uns führen, Kriegshäuptling?“

„Nein!“, fuhr Saurfang dazwischen. „Auf keinen Fall, Ihr verdammter Idiot! Wenn wir jede Person am Weltenbaum ermorden, wird sich die Allianz gegen uns verbünden!“

„Mein Vorschlag war, dass wir sie als Drohung, nicht als Versprechen mitführen“, sagte Nathanos.

„Es würde nicht funktionieren“, sagte Sylvanas. Sie schien über etwas nachzudenken, doch schüttelte den Kopf. „Saurfang hat recht. Die Allianz würde nie glauben, dass wir sie einsetzen. Die gesamte Stadt auszulöschen ist undenkbar – diese Täuschung würde im Sand verlaufen.“

„Belagerungswaffen“, sagte Saurfang plötzlich. „Wir verdoppeln die Zahl der Belagerungswaffen.“

Er trat zur Karte und begann, die Steinfiguren an der Dunkelküste aufzustellen. „Wenn wir genügend Belagerungsmaschinen zur Dunkelküste bringen und sie auf Darnassus richten, haben wir gewonnen. Wenn sie sich wehren, würden wir Tod und Zerstörung auf sie niederregnen lassen. Sie werden ihr letztes Gefecht vor der Dunkelküste schlagen, nicht danach. Sie werden die Stadt eher evakuieren, als sich die Zerstörung ihrer Heimat in einem letzten Gefecht mitansehen zu müssen. Bei unserem Eintreffen wird der Baum ungeschützt sein.“

Nathanos blickte auf die Karte und nickte. „Er hat recht, Kriegshäuptling.“

Sylvanas dachte darüber nach. „Es wird uns verlangsamen. Ihr werdet Wachen zuweisen müssen, um die Sicherheit der Belagerungsmannschaften zu garantieren, da sie das Hauptziel der Kaldorei sein werden.“ Schließlich nickte auch sie. „Doch es wird funktionieren. Setzt Eure Pläne in Bewegung, Hochfürst. Wir greifen in einer Woche an.“

Saurfang schlug seine Axt gegen seine Rüstung. „Für die Horde“, sagte er.

Sylvanas lächelte. „Für die Horde.“

* * *

Binnen eines Tages begann Saurfang, den wahren Plan zu enthüllen, doch nur an jene, die den ersten Vorstoß ausführen würden. Die Einweisung einer großen Zahl an Schurken nahm auch wie bei jedem anderen Plan eine Menge Zeit ein – diese Kämpfer mochten keine Menschenmengen oder Unterweisungen, also musste er sie zu je zweien an der Zahl in Kenntnis setzen. Nathanos erläuterte den Plan anderswo zwei weiteren. So konnten sie vor Ablauf der Woche einige hundert in Stellung bringen.

Die Erläuterung der Grundlagen nahm gerade einmal drei Minuten ein. Infiltratoren der Horde würden gleichzeitig jede Nachtelfenpatrouille und jeden Außenposten im Eschental angreifen. Zumindest war das das Ziel. Aufgrund des vorgezogenen Zeitplans blieb nur wenig Zeit für Spähaktionen und Vorbereitung. Saurfang würde zufrieden sein, wenn auch nur die Hälfte der Angriffe erfolgreich wäre. Doch das würde er gewiss nicht seinen Soldaten verraten.

„Irgendwelche Fragen?“, fragte Saurfang die beiden Schurken vor ihm.

Natürlich gab es Fragen. Der erste Schurke, ein Sin’dorei namens Lorash Sonnstrahl, zeigte auf die auf dem Tisch ausgebreitete Karte, auf der die Außenposten und Patrouillenrouten im Eschental markiert waren – zumindest die der Horde bekannten.

„Ihr verlangt, dass wir einen Krieg mit der Allianz beginnen“, sagte er.

„Bereitet Euch das Sorgen?“

Lorashs Augenbrauen zuckten. „Nicht im Geringsten. Doch Ihr bietet uns keine angemessene Belohnung. Wenn Ihr erwartet, dass wir unsere Angriffe zur selben Zeit und am selben Tag ausführen …“ Er seufzte. „Es bedeutet, dass einige von uns zu ungünstigen Zeiten zuschlagen müssen. Das bedeutet ein großes Risiko.“

Saurfang dachte über seine Worte nach. „Ich habe Euch diese Informationen anvertraut. Viel mehr vermag ich nicht zu sagen. Hier ist unser endgültiges Ziel.“

Er tippte auf die Karte. Darnassus.

Dann wartete er.

Schurken waren gemeinhin nicht sehr leicht zu schockieren. Saurfang beobachtete mit Freude, wie sich ihre Augen weiteten, ihre Münder aufklappten und sie überraschte Blicke miteinander tauschten. Lorash begann sogar laut zu lachen und es blieb ein bösartiges Lächeln auf seinen Lippen zurück.

Saurfang wartete, bis sie die Nachricht verdaut hatten. „Der Weltenbaum ist von großem strategischem Wert, also wird die Horde ihn behalten. In der Stadt Darnassus liegen haufenweise kostbare Schätze verborgen. Der Großteil davon ist nicht von strategischem Wert, also wird die Horde sie nicht unbedingt behalten. Jene, die Risiken im Namen der Horde eingehen, werden belohnt, das kann ich Euch versichern.“

Der andere Schurke, ein Verlassener namens Rifen, sah glücklich aus. Lorash hatte eine weitere Frage. „Wenn wir die Nachtelfen angreifen, gehe ich davon aus, dass Malfurion Sturmgrimm involviert sein wird.“

„Ihr werdet Euch ihm nicht stellen müssen“, sagte Saurfang.

„Und was, wenn ich es möchte?“, fragte Lorash.

Rifen schnaubte und schüttelte den Kopf, doch er sagte nichts. In einer großmütigen Geste breitete Saurfang die Hände aus. „Wenn Ihr Malfurion Sturmgrimm in der Schlacht bezwingt, werdet Ihr belohnt“, sagte er. „Allerdings würde ich Euch raten, von diesem Kampf abzusehen.“

Die Zweifel dieser beiden wurden zerstreut. Zwei weniger. Zwei von vielen.

* * *

Der Tag war gekommen. Abertausende Soldaten der Horde erwachten im Morgengrauen, versammelten sich vor Orgrimmar und begannen damit, ihre Vorräte für den langen und ereignislosen Marsch nach Silithus zu sichern. Niemand unter ihnen sprach offen über seine Bedenken, doch Saurfang konnte hin und wieder verärgertes Gemurmel über die Mission vernehmen.

Er konnte es ihnen nicht verübeln. Sie glaubten, Saurfang würde einen Großteil der Bodentruppen der Horde für sechs bis zwölf Monate nach Silithus versetzen. Monatelang durch eine Wüste zu patrouillieren würde die reinste Tortur werden.

„Ich hoffe, dass die Allianz uns angreift“, konnte er einen Orc stöhnen hören. „Wir alle wissen, dass es früher oder später geschehen wird.“

Es war nicht leicht, seinen Gesichtsausdruck unter Kontrolle zu behalten. Dies war der Anfang einer neuen Ära für die Horde in Azeroth. Mit diesem Sieg könnten sie ihr Überleben auf hundert Generationen hinaus garantieren, und wenn sie nicht darüber hinaus bestehen konnten, dann – bei den Geistern – gab es nichts, was Saurfang dagegen unternehmen konnte.

Der Großteil von Orgrimmar war gekommen, um den Aufbruch der Armee zu beobachten. Die Neugier griff um sich, denn die Horde verstand nicht ganz, was an Silithus so wichtig sein sollte. Mit etwas Glück spürte die Allianz dieselbe Verwirrung.

Ein vertrautes Gesicht bahnte sich einen Weg durch die eifrig umherlaufenden Soldaten zu Saurfang. Der Orc lächelte breit. „Mein alter Freund, es tut gut, Euch zu sehen“, sagte Saurfang.

Baine Bluthuf, Oberhäuptling der Tauren, ergriff fest seinen Arm. „Zieht Ihr schon wieder ohne mich in den Krieg?“, fragte er mit gespieltem Ernst in der Stimme.

„Wenn Ihr so wild darauf seid, ein paar Monate in der Wüste zu verbringen, könnt Ihr Euch mir gerne anschließen“, erwiderte Saurfang unbeschwert.

„Ist das denn Euer Ziel?“ Baines Ton blieb gleichmütig, doch seine Augen waren eiskalt.

Saurfang ließ sich die Überraschung nicht anmerken. Baine kennt den wahren Plan, begriff der Orc. Er wusste nicht wie, doch die Art, wie er es gesagt hatte, ließ keinen Zweifel daran, dass der Tauren etwas wusste. Ich muss aufhören, ihn zu unterschätzen. Er war schließlich der Sohn von Cairne Bluthuf und kein Narr. „Es wird schneller vorüber sein, als die meisten glauben mögen“, erwiderte er ruhig.

„Der Großteil der Horde versteht das Ziel dieser Mission nicht. Oder warum sie jetzt geschehen muss.“, sagte Baine auf eine Art, die ausdrückte: Ich verstehe es ebenso wenig.

„Ich glaube, das wird sie schon bald genug“, sagte Saurfang. „Es bietet sich eine Gelegenheit, und Gefahr zieht am Horizont herauf. Es ist besser, schnell damit abzuschließen.“

„Und sauber, hoffe ich“, entgegnete Baine. „Sagt mir, ist das Euer Plan oder der des Kriegshäuptlings?“

„Meiner“, sagte Saurfang schlicht.

Der Tauren schien ob dieser Antwort erleichtert zu sein. „Dann wünsche ich Euch alles Gute. Kämpft mit Ehre, mein Freund. Lok-tar ogar.“

„Lok-tar“, erwiderte Saurfang.

Es war Zeit aufzubrechen. Saurfang wies die gewaltige Armeekarawane an, sich mitsamt all ihren Wagen, Belagerungswaffen und Fußsoldaten in Bewegung zu setzen. Baine trat zurück, ohne den Blick von Saurfang abzuwenden, selbst dann nicht, als die Karawane in der Entfernung zu verschwinden begann.

* * *

Nathanos fuhr auf einem Karren gleich hinter Saurfang.

Der Kriegshäuptling hatte gut daran getan, dem Orc die Zügel dieser Operation in die Hand zu geben, musste Nathanos zugeben. Saurfang hatte die Kunst des Krieges erlernt, ehe er laufen konnte, und das zeigte sich ein ums andere Mal. Sein Ruf und sein Vermächtnis waren wohlverdient. Er hatte viel für sein Volk geopfert und die Horde traute ihm selbst in den dunkelsten Tagen zu, die richtigen Entscheidungen zu treffen.

Allerdings hat Sylvanas sich diesen Ruf tausendfach verdient und dennoch wird ihr Misstrauen entgegengebracht.

Zu vielen in der Horde mangelte es an Vision und Willenskraft. Sylvanas hatte gesehen, was jenseits des Lebens lag. Sie wusste, was auf der anderen Seite wartete. Was sonst sollte sie tun, als entsprechend dieses Wissens zu handeln? Wenn ihre Taten auch manchmal grausam erscheinen mochten … Nun, das Leben war grausam. Vergänglich. Ihre Pläne erstreckten sich jenseits des Horizonts der Sterblichkeit und das erfüllte viele mit Schrecken.

Doch nicht Nathanos. Ihn erfüllte es mit Begeisterung.

Saurfang drehte sich in seinem Sitz herum und blickte ihn an.

Der Verlassene reckte das Kinn. Jetzt?

Saurfang nickte zurück. Jetzt.

Es war Mittag. Die Horde befand sich auf halbem Wege zu der Abzweigung, die ins Brachland führte. Auch wenn es fast niemand in der Karawane wusste, hatte der Erstschlag gegen die Nachtelfen bereits begonnen. Wenn alles nach Plan verlief, müssten bereits jetzt die ersten Nachtelfen im Sterben liegen. Bald würde sich Panik breitmachen, dann würden die Gegenangriffe folgen. Schließlich blieb nur die Verzweiflung, denn Sylvanas Windläufer war nicht aufzuhalten, und die Kaldorei würden das schon bald begreifen.

Nathanos war kein Träumer, doch er konnte diesen Sieg vor seinem inneren Auge sehen. Bald würde er unter den Zweigen von Teldrassil stehen, die Straßen von Darnassus durchstreifen und die Kaldorei auf ihrem eigenen Boden richten. Alles, was er tun musste, war zu warten. Es würde geschehen, ganz einfach weil Sylvanas es so wollte.

Er hegte keine Zweifel. Nicht an ihr und nicht an diesem Plan.

* * *

Lorash verspürte Mitleid für diese Gruppe an Kaldorei. Ihre Anführerin ließ sie durch den Wald marschieren, als wären es frischgebackene Rekruten, die erst einmal in Form geprügelt werden mussten. Wenn seine Augen ihn nicht täuschten, waren es allesamt erfahrene Veteranen und keine Frischlinge. Ein Übermaß an Training war eine reelle Gefahr – Elitetruppen bis zur Unachtsamkeit in Routine versinken zu lassen, war einer der größten Fehler, den ein Anführer machen konnte.

Ihre Erschöpfung war sein Vorteil, und dennoch verspürte er plötzlich einen Hauch an Mitgefühl. Auch er hatte unfähige Anführer gehabt.

Leider, und obwohl diese Offizierin ihre Truppen zur Erschöpfung trieb, bestand sie darauf, dass sie zu jedem Zeitpunkt in Formation blieben. Das verärgerte ihn. Keine Nachzügler, die er ausschalten konnte. Er griff bevorzugt von oben an, doch im hellen Tageslicht würde er das Risiko nicht eingehen – nicht, solange die Nachtelfen im freien Feld unterwegs und wachsam waren, und darüber hinaus zusammenarbeiteten. Die perfekte Gelegenheit, um ein paar Gegner in den Tod zu reißen und dann selbst zu sterben.

Es war eine halbe Stunde seit dem Zeitpunkt vergangen, an dem er und Rifen hätten zuschlagen sollen. Ihnen lief die Zeit davon. Sie befanden sich unweit der Silberwindzuflucht, einem Außenposten der Kaldorei. Auf diesen Ort waren andere Schurken angesetzt worden. Selbst wenn es keine Überlebenden gab, würde die Nachtelfenpatrouille die Toten bald finden. Sobald sie begriffen hatten, wie viele Außenposten angegriffen worden waren, würde es weitaus schwieriger sein, sie zu überwältigen.

Lorash hörte es hinter sich rascheln. „Schon wieder zurück?“, flüsterte er.

Der Verlassene kroch lautlos zurück zu ihm ins Unterholz. Das Rascheln war lediglich ein Zeichen der Höflichkeit gewesen; Schurken würden nie das Risiko eingehen, sich ohne ein freundliches Geräusch an ihre Kollegen anzuschleichen.

„Ich sehe mindestens ein Dutzend, vielleicht mehr“, sagte Rifen. Gedankenverloren fuhr er mit seinen Fingern über sein freiliegendes Schlüsselbein, eine Angewohnheit, die Lorash stets entnervte.

„Wir sind bereits spät dran,“ murmelte Lorash. „Wenn wir nicht bald zuschlagen, sollten wir uns zurückziehen.“

Zwölf gegen zwei. Und sie hatten es mit Schildwachen zu tun, sehr gefährlichen Feinden. Das Einzige, was Lorash davon abhielt, den Angriff sofort abzublasen, war die Aussicht auf die Trophäe, die sich direkt vor seiner Nase befand. „Ich glaube, eine von ihnen ist die Nachtelfenkommandantin“, sagte er.

„Die Kommandantin des Eschentals?“ Eine hoffnungsvolle Note schlich sich in Rifens Stimme. „Welche ist es?“

Lorash streckte seinen Arm mit geübter Gemächlichkeit aus, sodass die Bewegung keinerlei Aufmerksamkeit erregte. „Die große Frau mit den Narben im Gesicht. Passt zu der Beschreibung.“

Auch auf hundert Schritte Entfernung stach das Mal auf ihrem Gesicht noch deutlich hervor. Rifen schwieg.

Sie warteten noch einige Minuten. Die Nachtelfen marschierten immer noch auf und ab, und dann, weil eine von ihnen nicht in perfektem Gleichschritt mit dem Rest mithalten konnte, zwang ihnen die Kommandantin eine Reihe zermürbender körperlicher Übungen auf.

Lorash seufzte. „Sie hören nicht auf. Entscheidet Euch, Rifen. Ich werde Eurer Weisung folgen.“

„Normalerweise würde ich vorschlagen, dass wir uns zurückziehen und unser Leben für künftige Kopfgelder aufsparen“, flüsterte der Verlassene ruhig. „Doch ich habe noch nie eine Kommandantin getötet. Und sie treibt jene, die sie beschützen könnten, zur Erschöpfung. Gehen wir näher heran.“

Lorash zuckte mit den Schultern und kroch weiter. Keiner von ihnen gab auch nur einen Laut von sich. Die Zeit für Worte war vorüber, dafür waren sie zu nah dran. Jetzt gab es nur noch Handsignale.

Das Geräusch eines galoppierenden Tieres erregte seine Aufmerksamkeit. Jemand näherte sich. Die beiden Schurken sahen zu, wie eine Schildwache der Nachtelfen auf einem Nachtsäbler durch das Gestrüpp auf die größere Gruppe zupreschte.

„Kommandantin! Kommandantin!“, schrie sie. „Man hat uns angegriffen!“

Alle Nachtelfen drehten sich zu ihr um.

Ein kleines Versäumnis, doch ein nützliches. Die Nachtelfen schenkten ihrer Umwelt keinerlei Aufmerksamkeit mehr, als sie sich um die Neuankömmlinge versammelten.

Rifen legte einen Finger auf Lorashs Arm. Bleibt hier, bedeutete er ihm. Dann kroch er lautlos durch das Gestrüpp auf einen Baum zu und begann, ihn zu erklimmen. Lorash konnte ihn nicht aufhalten, nicht, ohne den Feind auf sich aufmerksam zu machen.

Ich schätze, das ist unsere Gelegenheit, dachte er. Von oben anzugreifen schien ihm dennoch töricht zu sein. Rifen hatte es jedoch auf den Ruhm abgesehen. Und auf das Gold.

Lorash konnte nur Fetzen der Nachtelfenunterhaltung aufschnappen. Die Späherin berichtete, dass Außenposten im ganzen Eschental in einer Serie mehrerer Angriffe gefallen waren. Das sorgte für Aufruhr. Die Kommandantin brüllte ihre Befehle so laut heraus, dass jedes Geräusch, das Rifen hätte machen können, übertönt wurde.

Er hob den Blick und beobachtete, wie Rifen einen Ast entlangrobbte, bereit, sich jeden Augenblick fallen zu lassen. Es würde ein dramatischer Auftritt werden.

Der Blutelf fuhr sich lautlos über die Ärmel und vergewisserte sich, dass seine darin verborgenen Shuriken leicht zu erreichen waren, ehe er nach seinen Dolchen griff. Jede seiner Klingen war mit Gift überzogen, verschiedene Gifte für verschiedene Zwecke. Ein Kratzer war alles, was er benötigte.

Rifen schwang sich vom Ast und stürzte hinunter. Lorash biss die Zähne zusammen. Die Kommandantin war im Begriff, Befehle zu geben. Nur wenige Minuten später hätte die Gruppe begonnen, sich aufzuteilen. Zu ungeduldig.

Der Nachtsäbler – natürlich ein Nachtelfendruide – hob die Nase, schnüffelte und brüllte einen Alarmruf.

Zu spät.

Rifen hielt seine Dolche nah an seinem Körper und nach unten gerichtet. Er landete auf dem Rücken der Kommandantin und stach wild zu, während die beiden in das Unterholz rollten. Die anderen Nachtelfen erstarrten vor Schock. Noch bevor sie etwas tun konnten, war Rifen wieder auf die Füße gerollt und fuhr mit dem Dolch über die Kehle einer weiteren Elfe. Blut spritzte.

Zeit, etwas Eindruck zu schinden. Womöglich konnte Lorash die Gruppe ausreichend ablenken, um Rifen einen Fluchtweg zu sichern. In drei Sätzen hatte Lorash die Distanz hinter sich gebracht und stach zu – eine weniger. Dann machte er sich an dem Rest zu schaffen. Rifen war der Wirbelsturm in ihrer Mitte und Lorash war der Schemen, der um sie herumtanzte.

Sechs Elfen waren gefallen, ehe sie sich effektiv zu wehren begannen. Das bedeutete, dass es Zeit war, zu gehen. Unser Befehl besagt nicht, dass wir uns einem fairen Kampf stellen sollen, dachte Lorash und lächelte. Die Kommandantin war tot. Die Mission ein Erfolg.

Lorash machte einen Schritt zurück. Ein Hauch von Schattenenergie ließ es aussehen, als sei er einfach verschwunden, doch die Nachtelfen gerieten nicht in Panik. Sie schossen ihre Pfeile und magischen Geschosse in die Lücken zwischen den Bäumen in der Hoffnung, ihn auf der Flucht zu erwischen. Lorash blieb einfach still stehen, mit dem Rücken gegen einen Baum gelehnt, bis niemand mehr in seine Richtung blickte.

Ein krächzender Schmerzensschrei setzte seiner wachsenden Selbstzufriedenheit ein jähes Ende. Rifen war die Flucht nicht gelungen. Lorash riskierte einen raschen Blick über die Schulter und sah, wie der Verlassene unter dem Gewicht des sich auf ihn stürzenden Nachtsäblers erdrückt wurde. Rifens Arm lag mehrere Schritte von seinem Körper entfernt.

Lorash biss die Zähne zusammen. Mit einer solchen Wunde war Rifen erledigt. Verdammt. An eine Rettung war nicht zu denken, nicht mit so vielen überlebenden Kaldorei. Lorash konnte fliehen oder sterben.

Eine einfache Wahl.

Er kroch hundert Schritte durch das Unterholz, ehe er es riskierte, aufzustehen und die Flucht anzutreten. Einer von uns hat überlebt, der andere ist tot und wir haben sechs getötet. Er fragte sich, ob Saurfang das als Erfolg werten würde.

* * *

Nathanos beobachtete Saurfang aufmerksam, als die Karawane sich der Abzweigung näherte. Es war der letzte Moment für einen Rückzieher. Es wäre Narretei, doch noch konnte Saurfang die gesamte Armee kehrtmachen lassen und heimkehren. Sobald sie den Weg nach Norden gen Eschental eingeschlagen hatten, gab es für die Horde kein Zurück.

Saurfang hatte den Fahrern der Wagen an der Spitze des Heerzugs seine Entscheidung noch nicht verkündet. Nathanos hüpfte geschmeidig von seinem Karren herunter und lief neben dem Saurfangs her.

„Eure Befehle, Hochfürst?“, sagte Nathanos höflich.

„Wir haben Zeit“, entgegnete Saurfang.

Vielleicht verliert er die Nerven. Nathanos erlaubte es sich, seiner Stimme einen Hauch von Schärfe zu verleihen. „Worauf wartet Ihr noch?“

Saurfangs Blick traf den seinen und der unnachgiebige Ausdruck in seinen Augen ließ den Verlassenen begreifen, dass Furcht das Letzte war, das Saurfang umtrieb. Er machte sich schlichtweg auf das gefasst, was folgen würde. „Sagt es ihnen doch selbst, wenn Ihr möchtet. Wir gehen nach Norden.“

Nathanos verspürte einen leichten Anflug von Scham. Er lief zur Spitze der Kolonne hinüber und sprach mit den Kutschern der vordersten Wagen und den sie umgebenen Offizieren. „Saurfang hat neue Befehle für Euch. Wenn Ihr die Abzweigung zum Nördlichen Brachland erreicht, haltet Euch rechts.“

„Was?“, fragte ein Tauren. „Wir gehen nach rechts? Ins Eschental?“

„So lautet Saurfangs Befehl. Folgt ihm“, entgegnete Nathanos.

Eine halbe Stunde später geriet der Heerzug an der Abzweigung leicht ins Stocken. Alle waren sie darauf vorbereitet gewesen, nach links in Richtung des Wegekreuzes und von dort nach Silithus zu marschieren. Doch letztendlich leisteten sie ihren Befehlen Folge.

Unruhe breitete sich in der Armee der Horde aus, als sie die Planänderung bemerkten. Gespräche begannen und versiegten rasch wieder, denn es gab nur Fragen und keine Antworten.

Saurfang blickte nur stoisch geradeaus und schien mit seiner Entscheidung im Reinen zu sein.

* * *

Morka sagte nichts, doch sie kam nicht umhin, Blicke mit den anderen Wachen zu wechseln. Sie wirkten ebenso schockiert wie sie selbst. Doch als die Horde weiter gen Eschental marschierte, begann sie zu begreifen. All die eigenartigen Aufgaben, die Saurfang ihr auferlegt hatte, all die Geheimniskrämerei – sie hatte nicht gewusst, was sie darüber denken sollte. Doch er hatte ihr auch einen Kampf gegen die Allianz versprochen.

Sie lief neben Saurfangs Wagen her, und als sie zu ihm aufblickte, wusste sie, dass er all das von vornherein geplant hatte. Was sie sah, war kein Abweichen des Plans; sie erlebte die Enthüllung seiner großen Strategie. Sie konnte sie bloß noch nicht erfassen.

Binnen einer Stunde geriet die Karawane in Sichtweite der alten Befestigungen der Horde an der Grenze des Gebiets. Vor einigen Jahren war der Schutzwall von Mor’shan das Bollwerk gegen den Vorstoß der Nachtelfen ins Brachland gewesen, doch mit dem Sturz von Garrosh Höllschrei hatte man es verlassen.

Es hätten Nachtelfen auf dem Schutzwall stehen müssen. Doch dem war nicht so. Stattdessen sah sie zwei Schurken der Horde – einen Orc und einen Goblin –, die es sich auf dem Wall bequem gemacht hatten und ihre Beine in der Luft baumeln ließen. Sie winkten dem Heerzug zu, als dieser sich näherte, und riefen damit erneut aufgeregtes Gemurmel aus den Reihen der Soldaten hervor.

Als Saurfangs Wagen unter dem Schutzwall hindurchrollte, stand er auf und kletterte hinauf, sodass er sich über dem Konvoi der Horde erheben konnte. „Soldaten der Horde, hört mich an!“, brüllte er.

Die Karawane kam zum Stillstand. Jegliche Gespräche verstummten. Niemand wollte sich auch nur ein Wort entgehen lassen. Morka wagte kaum zu atmen.

„Wir gehen nicht nach Silithus. Wir hatten nie vor, nach Silithus zu gehen“, sagte Saurfang mit einer klaren Stimme. Zu diesem Zeitpunkt war niemand in der Horde mehr überrascht, das zu hören. „Wir begeben uns auf eine Mission mit einem einfachen Ziel: Wir werden Darnassus, Heimat der Kaldorei, in der Schlacht erobern.“

Saurfang gab ihnen einen Moment Zeit, ehe er fortfuhr. „Die Allianz weiß nicht, dass wir kommen. Sie sind nicht auf unsere Ankunft vorbereitet. Unser Erstschlag ist bereits erfolgt und die Späher der Nachtelfen im Eschental sind in Auflösung begriffen. Doch das bedeutet nicht, dass es einfach werden wird. Sie werden sich entschieden zur Wehr setzen. Sie kämpfen mit der Kraft der Verzweiflung. Doch sie können der Horde nicht standhalten!“

Diese Worte durchdrangen das schockierte Schweigen. Die versammelte Karawane reckte ihre Waffen zum Himmel, wedelte mit den Fäusten und brüllte aus vollem Hals. Saurfang ließ den Jubel anschwellen, ehe er mit einer Handbewegung um Stille bat. Sein Wunsch wurde mit augenblicklicher Wirkung erhört.

„Ich kann Euch keine sechs Monate Frieden in der Wüste schenken“, sagte er mit einem Lächeln. Dann erhob er seine Stimme zu einem Gebrüll, das das Laub von den nahestehenden Bäumen erzittern ließ. „Alles, was ich Euch geben kann, sind ein paar Tage des Ruhms! Lok-tar ogar! Für die Horde!

Morka und ihre Tausenden Brüder und Schwestern der Horde stimmten in den Ruf ein. Ihre Antwort ließ nicht nur die Bäume erzittern. Sie brachte die Hügel zum Beben.

Und sie sollte die Welt ins Wanken bringen.

„Für die Horde!

Teil drei: Die Schlacht um das Eschental

Bei Einbruch der Nacht nahm die Intensität der Schlacht zu. Im Kampf gegen Kaldorei war das zu erwarten. In den fahlen Mondschimmer der Elune gehüllt pirschten sie Raubtieren gleich durch die Wälder, auf der Suche nach Feinden, die es wagen würden, sich ihrer Heimat nur einen weiteren Schritt zu nähern.

„Mein Herr, sie haben die Brücken niedergebrannt“, krächzte eine Späherin der Verlassenen. Ihre Rüstung wies eine frische Kerbe auf, doch die Überreste ihres Fleisches schienen unversehrt. „Wir glauben, sie haben sie alle in Flammen aufgehen lassen.“

Saurfang grunzte. Der Falfarren war weder besonders tief noch breit, doch die jüngsten Regenfälle hatten ihn anschwellen lassen. „Stellt die Belagerungsmaschinen nahe dem Ufer auf. Feuert alles ab, was wir haben. Zwingt die Elfen, in Deckung zu bleiben. Und seht nach, ob sie irgendetwas übersehen haben. Jede noch so kleine Brücke kann uns dienlich sein. Und wenn es nur ein Baumstamm ist. Irgendetwas.“

Die Späherin salutierte und lief los. Sie würde den Befehl an alle Späher weitergeben, denen sie begegnete. Saurfang warf einen letzten Blick auf die Karte und setzte eine weitere Markierung. Er hatte damit gerechnet, dass die Nachtelfen am Fluss Widerstand leisten würden. Er war eine natürliche Barriere, doch flussaufwärts wurde er schmaler – einfacher zu überqueren und demnach besser verteidigt? Saurfang entschloss, es herauszufinden. „Wir ziehen nach Norden“, verkündete er seinen Gehilfen.

Sie rollten den Schlachtplan ein und steckten ihn in eine Transportrolle, die von den besten Magiern der Horde verzaubert worden war. Sie würde Feuer, Verderbnis und den meisten physischen Angriffen widerstehen. Der Blutelf, der sie trug, hatte Befehle, sofort zu fliehen, sollte in seinem Umfeld ein Kampf ausbrechen. Der wahre Plan war in Saurfangs Kopf, doch sollten die Nachtelfen selbigen von seinem Körper reißen können – und sie würden es versuchen – würde der Kriegshäuptling die Karte brauchen, um die Schlacht fortzuführen.

Es dauerte nur wenige Minuten, um Saurfangs Kommandoposten manövrierfähig zu machen. Er benötigte keinen mehrgliedrigen Offiziersstab, der jedem seiner Launen folgte und ihn stets verhätschelte. Er brauchte einen kleinen Kreis gerissener Taktiker, die seine Befehle schnell an mobile Gruppen von Soldaten weitergeben konnten. Auch mitsamt einem ausreichenden Kontingent fähiger Wachen, um mögliche Attentatsversuche abzuwehren, war es eine relativ kleine Gruppe. Notwendigerweise. Sie befanden sich mitten im Wald. Hier würde keine geradlinige Schlacht mit Soldaten, die in Reih und Glied marschierten, stattfinden – diese Art der Kriegsführung war Saurfang ohnehin zuwider. Es würde eine Schlacht der zahllosen verzweifelten Geplänkel zwischen den Bäumen werden. Beweglichkeit war entscheidend. Eine Kenntnis des Geländes war entscheidend. Die Horde würde in beiderlei Hinsicht den Kürzeren ziehen. Dies war das Gebiet der Kaldorei. Doch die Nachtelfen waren in der Unterzahl und wurden überrascht.

Sobald der erste Schlag erfolgt war, fiel Saurfangs und Sylvanas’ penibel geplante Täuschung in sich zusammen. Die Horde konnte nur einen Grund haben, wie ein Sturm quer durch das Eschental zu fegen, und zwar die Eroberung von Teldrassil und der Stadt in seinen Zweigen. Sturmwind musste mittlerweile wissen, dass ein Angriff erfolgt war, und sie würden sicherlich Verstärkung schicken.

Aber sie mussten ebenfalls wissen, dass sie nicht rechtzeitig eintreffen würde. Nicht ohne ein Wunder. Die Nachtelfen wussten, dass sie um ihre Heimat kämpften … und dass dieser Kampf so gut wie aussichtslos war.

Und dennoch war es ein weiter Weg von hier bis nach Darnassus. Es würde nicht viele Katastrophen erfordern, um der Horde Einhalt zu gebieten.

Ein dumpfes Geräusch hallte durch den Wald, gefolgt von einer Explosion in der Ferne, eine Art Knistern. Saurfang gestikulierte in Richtung der Quelle des zweiten Geräuschs. „Dort entlang.“ Der Rest seiner Truppen folgte. Wenige Momente später erreichten sie ein halbes Dutzend Belagerungsmaschinen, die zerschlagen zwischen den Riegen der Horde vor sich hin qualmten. Soldaten der Horde versuchten verzweifelt, die Brände zu löschen, als könnten die Belagerungsmaschinen noch gerettet werden.

„Lasst sie liegen!“, brüllte Saurfang. „Sie sind zerstört! Kümmert Euch um die Verwundeten und die Toten und findet heraus, wer das getan hat!

Die Soldaten durchkämmten den Wald in ihrem Rücken und durchstreiften die Ufer des Falfarren, doch es konnten keine Schuldigen gefunden werden.

Die Nachtelfen sind entkommen. Saurfang knurrte. Er blieb in Bewegung. Diese Soldaten hatten ein unsanftes Erwachen gebraucht, doch jetzt waren ihre Sinne wieder für die Schlacht geschärft.

Nicht weit entfernt, hinter der Front, befand sich eine weitere Gruppe an Belagerungsmaschinen. Einer der Offiziere der Einheit, ein Orc mit einem säuerlichen Gesichtsausdruck und aufgesetztem Lächeln saß neben einer blitzblanken Maschine. Er hob die Hand unverzüglich zum Salut, als er Saurfang herantreten sah. „Mein Herr, es ist gut, Euch zu sehen.“

Saurfang baute sich missbilligend über ihm auf. „Möchtet Ihr der Horde in der Schlacht beistehen? Oder ist das Wetter hier hinten zu angenehm?“

Die grüne Haut des Offiziers wandelte sich zu einem befriedigenden Violett. Wenn man einen Orc der Feigheit bezichtigte, nahm dieser es persönlich. „Ihr habt uns befohlen, uns in sicherer Distanz zu postieren. Zum Schutz.“

„Und wer genau soll diese Waffen vor einem Hinterhalt schützen? Ihr? Allein?“ Saurfang bohrte einen Finger in das Brustbein des Offiziers und stieß ihn zurück. „In wenigen Schritten Entfernung steht eine ganze Armee für Euch bereit. Vielleicht könnten sie Euch ja beschützen.“

Saurfang hielt inne, als ihm eine Eingebung kam. „Wie weit sind wir von der Front entfernt?“

„Einige hundert Meter, mein Herr.“

Saurfang knurrte den Offizier an. „Und was ist die maximale Reichweite dieser Waffen?“

Der Offizier fiel in sich zusammen. „Wenige hundert …“

Saurfang wandte sich der Belagerungsmannschaft zu. „Wir rücken vor. Jetzt!

Sie gehorchten sofort. Als die Belagerungsmaschinen in Sichtweite des Flusses eintrafen, bemerkte der Hochfürst Dutzende Truppen der Horde, die in der Nähe einiger herabgestürzter Bäume Schutz suchten. Mehrere Felsbrocken lagen um sie herum verstreut. Ein Tauren blickte auf, sah Saurfang und begann in einer abwehrenden Geste mit den Armen zu winken. „Zurück, mein Herr. Wir stehen unter Beschuss!“

„Ist das so? Aus welcher Richtung?“, fragte Saurfang.

„Wir wissen es nicht!“

Saurfang strafte den Belagerungsoffizier mit einem Blick, der ihn hätte töten sollen. Zumindest sah der Offizier auch aus, als wolle er sterben. „Dann werden wir Euch Deckungsfeuer geben. Bezieht Stellung!“

Die Belagerungsmaschinen wurden ohne weitere Umschweife in Position gebracht. Der Offizier der Einheit mochte schwächlich gewesen sein, doch die Mannschaften waren es nicht. Als sie bereit waren, blickten sie erwartungsvoll zu Saurfang. Er gab ihnen ein Zeichen, und sechs schwere Felsen segelten über den Falfarren. Sie landeten mit einer Wucht, die den Boden unter Saurfangs Füßen beben ließ. Er nickte anerkennend.

„Ausgezeichnet. Weiter so. Lasst nicht zu, dass sie sich aus der Deckung hinauswagen.“

Während sie nachluden, wandte Saurfang sich dem Offizier zu. „Ich wünsche Euch viel Glück in der kommenden Schlacht“, sagte Saurfang ruhig. „Ich hoffe, bald von Euren vielen Siegen an vorderster Front zu hören. Ist das klar?“

„J-ja, mein Herr.“

„Gut.“ Mit diesen Worten wandte sich Saurfang ab und ließ den aschfahlen Orc hinter sich.

Saurfangs Befehlsgruppe rückte weiter nach Norden vor. Zwei Trollspäher begegneten ihm. Die erbittertsten Gefechte ereigneten sich direkt südlich von Xavian, einer alten Elfenruine, auf der ein kleiner See entstanden war. Sie berichteten, dass die Nachtelfen eine starke Gefechtsposition jenseits des Flusses eingenommen hatten und die Horde daran hinderten, ihn zu überqueren. Jedes Mal, wenn die Horde einen Vorstoß wagte, hatten die Nachtelfen sie über den Fluss kommen lassen, um sie anschließend zu umzingeln und zu vernichten.

Das war besorgniserregend. Die Kaldorei sollten nicht die erforderlichen Zahlen haben, um das an mehr als einer Stelle gleichzeitig zu tun.

„Nun gut“, sagte Saurfang und entsandte seine Späher zurück in den Wald.

Saurfang ließ sich ihre Informationen durch den Kopf gehen und lauschte nur halb dem Gespräch, das zwischen seinen Unteroffizieren entsprungen war.

„Sind die Nachtelfen zahlreicher, als wir erwartet hatten?“

„Wenn sie über Verstärkung verfügen, müssen wir die gesamte Strategie anpassen.“

Saurfang unterbrach sie. „Wir gehen nach Xavian.“ Die Nachtelfen konnten nicht über die Zahlen verfügen, die sie vorgaben zu haben. Das war unmöglich. Es war Zeit, ein wenig Druck auszuüben und es zu beweisen.

* * *

Lorash Sonnstrahl hörte das laute Klicken eines Schlagbolzens. Langsam drehte er seinen Kopf nach rechts. Ein paar Schritte entfernt, gerade außer Reichweite eines verlässlichen Dolchstoßes, sah er sich dem kalten Lauf eines Gewehrs gegenüber. Lorash rührte sich nicht. Nur seine Finger tasteten langsam nach den in seinen Ärmeln verborgenen Shuriken.

Der Goblin mit der Waffe unterzog ihn einem prüfenden Blick. „Silbermond?“, flüsterte er.

Lorash lächelte. „Doral ana’diel?“

Der Goblin ließ das Gewehr sinken und spuckte auf den Boden. „Ihr Elfen seht doch alle gleich aus.“

Das war vermutlich die einzige Entschuldigung, die Lorash erwarten konnte. Er blickte sich um. Einige Bäume entfernt bemerkte er ein paar verdächtige Schatten. Schweigend gab er dem Goblin ein Zeichen. Zielt dorthin.

Der Goblin richtete das Gewehr auf die Stelle, die Lorash ihm gezeigt hatte – auf der rechten Seite eines Baumes. Lorash kroch auf die linke, bereit, mit den Dolchen zuzuschlagen.

Es war niemand dort.

Lorash wandte sich dem nächsten verdächtigen Baum zu und schlich nach vorne. Er spürte, dass der Goblin ihm weiterhin Deckung gab. Auch hinter diesem Baum befand sich niemand. Ebenso verhielt es sich mit dem nächsten und mit dem darauf. Endlich begann Lorash, sich zu entspannen, und kehrte zu dem Goblin zurück.

„Na, das war ja mal ein Spaß“, sagte der Goblin und überprüfte sein Schießpulver.

Der Blutelf streckte ihm die Hand entgegen. „Mein Name ist Lorash. Und Eurer?“

Der Goblin ergriff die ausgestreckte Hand. „Tschikkers.“

Lorash hob eine Augenbraue. „Euer Name ist was?

Der Goblin sah aus, als wolle er abermals spucken. „Man kann sich seinen eigenen Spitznamen nicht immer aussuchen, Freundchen. Nicht, wo ich aufgewachsen bin. Seinen Namen erhält man von seinen Freunden.“

„Sie haben Euch Tschikkers genannt? Und Ihr habt sie gelassen?“

Der Gesichtsausdruck des Goblins verdüsterte sich. „Möchtet Ihr weiter über meinen Namen reden? Wirklich?“

Lorash entschied sich dagegen. „Ich habe meinen Partner verloren. Seid Ihr ebenfalls allein?“

„Verloren?“ Der Goblin runzelte die Stirn. „Verloren im Sinne von ‚wir wurden getrennt‘, oder …?“

„Er ist tot. Immerhin hat er vor seinem Tod noch eine der Nachtelfenkommandantinnen mitgenommen.“

„Na, schön für ihn“, sagte Tschikkers. Dann verzog er das Gesicht. „Entschuldigt. Ich wollte nicht herzlos sein. Es ist einfach so nervenaufreibend, hinter den feindlichen Linien zu stehen, wisst Ihr?“

„Ich verstehe.“ Der Falfarren befand sich in mehreren Kilometern Entfernung; das Poltern der Belagerungswaffen der Horde drang aus weiter Ferne zu ihnen herüber. Dies war Nachtelfengebiet – noch. Lorash hatte da einige Ideen, um das zu ändern. „Habt Ihr einen Partner?“

„Ich hab die Kapitänin bei mir.“

„Verstehe“, log Lorash. „Die Nachtelfen sind flink. Ich vermute, sie ziehen in Gruppen von einer Position zur nächsten. Immer wenn die Horde den Fluss zu überqueren versucht, laufen sie los, um uns aufzuhalten. Und ich glaube, dass es bis jetzt funktioniert hat. Könnt Ihr meine Beobachtungen bestätigen?“

Der Goblin schnaubte leise. „Ja, das kann ich.“ Er zeigte nach oben in die Wipfel. „Die Druiden laufen in Rudeln dort oben herum. Geht ein wenig weiter nach dort unten. Sie befinden sich in der Nähe des Pfads.“

Sie laufen über die Zweige? Interessant. Das erklärte, warum es Lorash so schwergefallen war, Spuren auf dem Boden auszumachen. Und sie waren in Rudeln unterwegs … Das war gefährlich. Effektiv, wenn sie unbemerkt bleiben konnten, aber gefährlich. Ein Fehltritt auf einen morschen Zweig und die ganze Gruppe könnte zu Boden stürzen.

„Das klingt mir nach einer Gelegenheit, mein Freund“, sagte Lorash. „Wie viele sind es?“

„Eine Menge“, entgegnete Tschikkers.

„Wie wäre es, wenn wir zwei das ändern?“

Tschikkers grinste und tätschelte seinen Munitionsbeutel. Das leise Klimpern der darin befindlichen Metallkugeln war Antwort genug.

* * *

Saurfang hatte einen guten Eindruck davon, was passierte. Die Nachtelfen schickten ihre besten Kämpfer den Fluss auf und ab, um jede Position zu verstärken, an der die Horde gerade einen Vorstoß wagte. Sie gestatteten es der Speerspitze, einige Schritte über das Flussufer hinauszulaufen, ehe sie über sie herfielen. Keine schlechte Idee, aber auch keine langfristige Strategie. Ihre Erschöpfung würde der Taktik bis Sonnenaufgang ein Ende setzen, wenn die Schurken der Horde die einzelnen Gruppen nicht vorher unschädlich machten.

Bis zum Morgengrauen waren es noch einige Stunden, und Saurfang verspürte wenig Lust zu warten. Die Überlebenden der fehlgeschlagenen Angriffe auf der anderen Flussseite hatten allesamt von Zusammenstößen mit Druiden berichtet. Es gab Wege, dieses Problem zu lösen. Der Gedanke erfüllte ihn mit Freude.

Bei allen Göttern und Geistern im Kosmos, es tut gut, einen guten Krieg zu führen.

Saurfang befahl allen in der Nähe befindlichen Zauberwirkern, sich bei ihm einzufinden. Innerhalb weniger Minuten hatte sich eine bunte Mischung aus sieben Magiern, Hexenmeistern und Schamanen vor ihm versammelt. Perfekt. „Ich möchte, dass Ihr für die nächste Stunde an der Seite der Belagerungseinheiten kämpft“, sagte er.

Er erklärte seinen Plan in einfachen Worten. Ihre Augen weiteten sich – war es Schock? Aufregung? Als er sprach, begann der Wichteldiener eines Trollhexenmeisters, vor Angst loszuplappern. Der Troll hob die Hand, als wolle er den Dämon ohrfeigen, und der Wichtel riss sich zusammen, bis nur noch ein leises Murren zu hören war.

„Gibt es ein Problem?“, fragte Saurfang.

„Der Kleine hat bloß Angst, ’nen Fläch‘nbrand loszutret‘n. Sowas könnt’ außer Kontrolle gerat’n“, sagte der Troll.

„Genau deshalb verwenden wir kein Teufelsfeuer. Verstanden? Schamanen, behaltet alles unter Kontrolle. Macht ihre Arbeit nicht unmöglich. Wenn wir den Wald in Brand setzen, war es das mit unserem Angriff.“

Das machte Saurfang stutzig. Was, wenn die Nachtelfen ihren eigenen Wald ansteckten? Wenn das Eschental in Flammen stünde, würde dem Vormarsch der Horde Einhalt geboten und viele seiner Truppen könnten dem Feuer nicht entrinnen. Daran hatte er nicht gedacht.

Weil es undenkbar ist, entschloss Saurfang. Niemals würden sie ihr eigenes Gebiet niederbrennen.

„Wartet auf das Signal“, sagte er. „Sollte eine Stunde vergehen, kehrt zu mir zurück und holt Euch neue Befehle ab.“

Sie murmelten zustimmend und begaben sich an ihre Positionen. Saurfang befahl seinem Stab, sich abermals in Bewegung zu setzen. „Wir müssen den Kriegshäuptling finden.“

Sie fanden sie fünfzehn Minuten später weiter südlich unweit des Flussufers. Sylvanas Windläufer und Nathanos Pestrufer waren einer Gruppe von Bogenschützen beigetreten, die einen Pfeilregen auf das gegenüberliegende Ufer und die dahinter befindlichen Nachtelfentruppen niedergehen ließen. Sylvanas bemerkte Saurfangs Ankunft. „Schießt weiter“, wies sie die anderen an.

Saurfang rückte dicht an sie und Nathanos heran. „Euer Plan geht nicht besonders gut voran, Hochfürst“, bemerkte der Verlassene trocken.

Der Orc ignorierte ihn. „Kriegshäuptling, seid Ihr hinter ihren Linien gewesen?“

„Kurz. Ich erkenne eine Falle, wenn ich sie sehe. Er ist dort, Saurfang, er wartet auf mich“, sagte Sylvanas.

Malfurion Sturmgrimm. Der Kriegshäuptling zeigte keine Furcht, doch Saurfang lief ein Schauer über den Rücken. Es war eine Sache, sich der Eventualität eines ehrenhaften Todes in der Schlacht zu stellen, doch bei einem Duell gegen Malfurion stand das Ergebnis fest. Er würde verlieren. „Wie wollt Ihr ihn handhaben?“

„Wenn Ihr ihre Front durchschlagen könnt, wird er kommen, um Euch aufzuhalten“, sagte Sylvanas. „Und ich werde ihm folgen. Haltet nur ein paar wenige Minuten gegen ihn stand, dann werde ich ihn vertreiben.“

Es war ein guter Plan. „Lok-tar ogar“, sagte er und setzte sich in Bewegung. Der beste Ort für einen Durchbruch würde eine seichtere Stelle des Flusses gen Süden sein. „Wir werden bald beginnen. Für die Horde!“

Die sie umgebenden Schützen johlten und brüllten. „Für die Horde!“

* * *

Die Druiden waren leise. Erstaunlich leise. Es war vielleicht ein Dutzend von ihnen im Anmarsch – nein, mehr – doch alles, was Lorash hörte, war das sanfte Auftreten ihrer Pfoten und das Knirschen der Zweige unter ihrem Gewicht. Die meisten hatten die Gestalt großer Katzen angenommen – mächtige und flinke Nachtsäbler, die mühelos von Ast zu Ast huschen konnten. Einige andere glitten in Vogelgestalt und mit weit ausgebreiteten Flügeln direkt unter den Wipfeln der Bäume entlang.

Lorash war beeindruckt. Von oben waren sie aufgrund der dichten Baumkronen nicht zu sehen, und von unten wurden sie von den tieferhängenden Zweigen und Blättern verdeckt. Doch so still sie auch waren, konnten sie sich vor dem Mondlicht, das durch die Baumwipfel drang, nicht verbergen.

Nicht, wie ich es kann, dachte Lorash.

Siebzig Fuß über dem Waldboden hockte er auf einem Ast, regungslos, wartend. Er hatte sich im Schatten des Baumstammes positioniert und mit noch ein wenig zusätzlichem Schatten nachgeholfen, um wahrlich verborgen zu sein. Mit einer Hand hielt er sich am Baum fest, in der anderen hielt er einen Dolch, den er jedoch wegsteckte, als er die Druiden kommen sah. Die Zeit für Nahkontakt würde noch kommen, doch zuerst musste er die Nachtelfen zu Fall bringen.

Sie waren nur noch wenige Sekunden entfernt. Lorash ließ den Baumstamm los und blieb auf den Fußballen auf dem Ast hocken. Er griff in seine Ärmel. Zwei Shuriken – in Gift getaucht, ihre metallenen Oberflächen abgewetzt und mattiert, sodass sie nicht im Mondlicht glänzen würden – rutschten nahtlos in die Lücken zwischen Zeige- und Mittelfingern beider Hände.

Die Augen der Nachtsäbler leuchteten im Dunkeln. Er konnte jeden ihrer Reißzähne aus ihren Mäulern hervorragen und jede Feder der Vögel sehen.

Einer der Säbler sprang an ihm vorüber. Sein Kopf machte einen Ruck zu Seite, und er blickte Lorash direkt in die Augen. Doch der Druide lief weiter. Der Blutelf konnte ein Grinsen nicht unterdrücken.

Die Hälfte der Druiden war auf gleichem Wege an ihm vorbeigekommen, ehe er zuschlug. Er drehte die Handgelenke und öffnete die Hände. Die Shuriken schossen durch die Luft. Zwei Vögel kreischten und schlugen wild mit den Flügeln, als das Gift zu wirken begann. Einer schlug mit einem dumpfen Geräusch gegen einen Baumstamm, der andere stürzte kreisend in Richtung Boden.

Er hatte noch sechs Shuriken übrig. Zwei weitere pfiffen durch die Luft. Einer traf, der andere verfehlte sein Ziel.

Das Rudel drehte sich um. Sie wussten, dass sie angegriffen wurden, doch sie verstanden nicht, woher. Lorash zeigte es ihnen. Er sprang von seinem Ast direkt durch einen Mondstrahl, ehe er auf dem nächsten Baum landete und sich von dort zum nächsten weiterschwang.

Ein Schnauben und Knurren erklang hinter ihm. Sie folgten ihm. Er lief weiter die Route der Druiden entlang und raste fast in vollem Tempo in die Richtung davon, aus der sie gekommen waren. Wenigstens würde er sie so von der Front fortführen.

Die Zweige raschelten unter seinen Füßen. Die Druiden beschworen die Macht des Waldes, um ihm Einhalt zu gebieten. In wenigen Augenblicken würden die Zweige unter seinen Füßen zurückweichen, Ranken würden sich um seine Knöchel winden und womöglich würden sich die Bäume selbst öffnen, um ihn in ihrer Rinde zu ersticken. Er hatte Erzählungen darüber gehört.

Lorash landete auf dem Ast eines knorrigen Baums. Der Ast würde das Gewicht einer einzigen Kreatur halten können. Er drehte sich zu seinen Verfolgern um und ließ zwei weitere Shuriken fliegen. Beide verfehlten ihr Ziel, doch es war ihm gelungen, die Nachtelfen zu zerstreuen. Noch zwei übrig.

Ein Druide sprang auf ihn zu. Das gewaltige Maul der Katze war geöffnet, ihre Säbelzähne auf seine Kehle gerichtet. Lorash duckte sich, zog seine Dolche und schwang sie in einem weiten Bogen nach oben. Blut floss auf seinen Kopf und seinen Nacken herunter, und der Druide gab einen gurgelnden Schrei von sich, eher er auf den weit unter ihnen liegenden Waldboden herabstürzte.

Die anderen Druiden brüllten vor Zorn. Lorash stand auf, lächelte und winkte ihnen mit seinen blutigen Dolchen zu. Na, kommt doch. Rächt Euren Freund.

Vier von ihnen sprangen begierig in Richtung seines Asts.

Er machte seelenruhig einen Schritt nach vorn. Einen Herzschlag lang fiel er frei durch die Luft, ehe er einen seiner Dolche in den Baumstamm rammte und seinen Fall somit etwa auf halber Höhe bremste. Dann ließ er sich den Rest des Weges fallen. Er hatte sich ein wenig in der Distanz verschätzt und seine Knie beschwerten sich lautstark bei seiner Landung, doch sie hielten sein Gewicht, also ignorierte er sie.

Über ihm waren alle vier Druiden gemeinsam auf dem Ast gelandet, der umgehend unter ihrem Gewicht zusammengebrochen war. Sie stürzten. Die meisten landeten ungelenk auf dem Boden, sodass die Erde unter dem Aufprall ihrer Körper erbebte. Während der Rest der Druiden hinabkletterte oder -flog, um ihren Kameraden zu helfen, machte sich Lorash an die Arbeit. Die überwältigten Druiden hatten kaum eine Chance – nicht gegen seine mit Gift benetzten Klingen. Wurzeln brachen aus dem Boden hervor, doch Lorash wich ihnen mit Leichtigkeit aus.

Ein grauenerregendes Kreischen erfüllte die Luft. Scharfe Krallen und ein wütender, messerscharfer Schnabel stürzten auf ihn herab.

KAWUMM!

Der Lärm war ohrenbetäubend. Der Kopf des Vogels zuckte mit einem Ruck zusammen, als sei er getroffen worden. Sein lebloser Körper drückte Lorash mit seinem Gewicht zu Boden.

Nein, nicht leblos. Noch nicht. Der Blutelf konnte den rasenden Herzschlag der Kreatur spüren. Eine flinke Bewegung seiner Klinge änderte das, doch er war noch immer unter der Leiche begraben.

KAWUMM! Tschikkers’ Gewehr feuerte erneut. Lorash hörte den Goblin inmitten des Chaos pfeifen. „Schnapp sie dir, Kapitänin!“

Lorash wand sich mit aller Kraft in dem Versuch, sich zu befreien.

KAWUMM!

Beim Sonnenbrunnen, kann dieser Goblin schnell schießen! Er hielt in seinen Bemühungen inne, als er ein Geräusch vernahm, das er noch nie zuvor in einer Schlacht gehört hatte. Eine gewaltige Kreatur stürmte durch den Wald heran, begleitet von einem seltsamen Geräusch mehrerer in rhythmischer Folge aufstampfender Füße.

… Tschikker-tschikker-tschikker-tschikker …

Dann hörte er Schreie.

Als es Lorash endlich gelungen war, sich unter dem Leib des Vogels freizukämpfen, schweiß- und blutverschmiert, hatten die Schüsse und Schreie bereits aufgehört. Ein einzelnes Wesen stand inmitten der toten Druiden. „Du musst die Kapitänin sein“, sagte Lorash.

Der gewaltige vierbeinige Kriecher klickte seine Klauen – Scheren? – aneinander und drehte seine Stielaugen zu ihm herüber. Das Tier reichte Lorash beinahe bis an die Hüfte. Tschikkers stampfte breit grinsend aus dem Unterholz hervor, sein noch qualmendes Gewehr lässig auf seiner Schulter abgelegt. Der hellblaue Panzer des Kriechers erreichte fast die gesamte Höhe des Goblins, und er wog vermutlich mehr als doppelt so viel.

„Sie ist gar nicht übel, was?“

Lorash war nie auf den Gedanken gekommen, dass Kriecher außer köstlich zu sein noch zu mehr fähig waren. Doch das beschloss er, für sich zu behalten. „Nein, ist sie nicht. Ich wusste nicht, dass sie auch außerhalb des Meeres überleben können.“

„Tja, man lernt nie aus, was?“ Tschikkers blickte sich anerkennend um. „Wenn meine Augen mich nicht täuschen, hat sie mehr von ihnen erledigt als Ihr, Kumpel.“

Er hatte unrecht, aber weit daneben lag er nicht. Von der Kapitänin verursachte scherenförmige Wunden zierten mindestens ein halbes Dutzend der Druiden. Doch bevor Lorash antworten konnte, spürte er ein plötzliches Zittern unter seinen Füßen. Er rührte sich nicht und lauschte.

Dann flüsterte er: „In Deckung.

Tschikkers drehte sich um und blickte in die Dunkelheit. Der selbstzufriedene Gesichtsausdruck verschwand von seinem Gesicht. „Ja. Deckung.“

Sie verbargen sich hinter einem der breiteren Baumstämme und warteten; der Kriecher folgte ihnen ins Unterholz. Das Donnern, das Lorash gehört hatte, wurde lauter. Tschikkers löste vorsichtig den Schlagbolzen seines Gewehrs, doch der Elf legte seine Hand auf die Waffe.

Nein, bedeutete Lorash dem Goblin.

Tschikkers nickte steif. Die Kapitänin, treue, gepanzerte Seele, die sie war, stand still und gab keinen Laut von sich.

Das Donnern kam näher. Fast wäre es an ihrem Baum vorbeigezogen, doch dann hörte es urplötzlich auf. Lorash riskierte einen Blick.

Ein gewaltiger Hirsch stand inmitten der toten Druiden.

Lorash erstarrte. Ist das …?

Der Hirsch wurde von einem plötzlichen Nebelschwaden erfasst. Als dieser verschwunden war, stand an seiner Stelle ein hochgewachsener und kräftig gebauter Nachtelf. Metallkrallen zierten seine Hände und ein gewaltiges Geweih erstreckte sich über seinem Kopf. Er blickte auf die Leichen seiner gefallenen Kameraden hinab.

Lorash verbarg sich abermals hinter dem Baum. Sein Herz schlug wie wild, doch nicht aus Furcht. Nein. Das war keineswegs Furcht. Er hatte auf diesen Moment gehofft, seitdem Hochfürst Saurfang ihm den wahren Plan enthüllt hatte.

Tschikkers starrte ihn an. Mit seinen Lippen formte er die Worte: Wer ist es?

Malfurion, entgegnete Lorash lautlos.

Der Goblin schluckte mühsam. Seine trockene Kehle gab ein Knacken von sich.

Malfurion sprach mit sanfter Stimme. „Ruht in Frieden, meine Brüder und Schwestern. Euer Opfer wird nicht umsonst gewesen sein. Das schwöre ich.“

Lorashs Hände zuckten in Richtung seiner Ärmel. Noch zwei Shuriken. Konnte er es wagen? Mit Malfurions Tod wäre der Sieg für die Horde so gut wie garantiert, doch das war nicht sein erster Gedanke. Würde das Gift Malfurion auch nur einen Augenblick lang verlangsamen? Wenn auch nur die Hälfte der Geschichten stimmten, die man sich über ihn erzählte, womöglich nicht.

Eine Hand klammerte sich um Lorashs Handgelenk. Der Elf ignorierte sie, während er seinen Angriffsplan durchdachte.

Aus den Schatten … werfen … zurückziehen … in Bewegung bleiben … hinter ihn gelangen …

Die Hand griff fester zu. Endlich drehte sich Lorash mit einem finsteren Gesichtsausdruck zu ihm um. Tschikkers formte Worte mit seinen Lippen, doch Lorash konnte sie zunächst nicht verstehen. Es war, als spräche er eine fremde Sprache. Dann begriff er, dass der Goblin ihn lautlos verfluchte, so wie es nur ein Goblin konnte. Lorash verstand das Wesentliche: Wenn Ihr einen Schritt da rauswagt, werde ich Euch höchstpersönlich töten.

Lorash nickte, und endlich entspannte sich der Goblin. Sie warteten, bis Malfurion seine Ehrung der Toten abgeschlossen hatte und davongestürmt war.

Tschikkers atmete erleichtert auf. „Seid Ihr wahnsinnig geworden, Mann?“

„Ich will Sturmgrimms Kopf“, erwiderte Lorash bestimmt. „Werdet Ihr mir helfen, ihn hinterrücks zu überfallen, sobald er sich zurückziehen muss?“

Der Goblin schnaubte laut auf. „Ihr seid wirklich unbelehrbar.“ Er verzog das Gesicht, schüttelte den Kopf und überprüfte seine Munition. „Die Antwort ist: nein. Nicht ohne, ach ich weiß nicht, zwanzig bis fünfundzwanzig Soldaten an unserer Seite. Aber bis der Moment kommt, werde ich Euch den Rücken freihalten.“

Sie gingen in den Wald hinein. Der Kriecher kam folgsam hinterher.

… Tschikker-tschikker-tschikker-tschikker …

* * *

Ein Magier schoss einen gewaltigen Feuerball in den Himmel. Er tauchte den Wald in ein oranges Leuchten, das noch über Kilometer hinweg zu sehen war. Es war Zeit.

„Horde! Zu mir!“, brüllte Saurfang und stürmte über den Fluss. Es war nur ein Angriff von vielen. Die Horde würde zeitgleich an mindestens zwei Dutzend Stellen den Fluss überqueren. Die Nachtelfen konnten sich unmöglich gegen alle zugleich zur Wehr setzen.

Zwei Magier, ein Orc und ein Troll, hatten die Idee gehabt, diesen Teil des Falfarren einzufrieren, sodass der Stoßtrupp einfach hinüberlaufen konnte. Es war so einfach und so brillant, dass Saurfang der Idee sofort zugestimmt hatte. Als Saurfang auf das andere Ufer zustürmte, hörte er die Kriegsschreie fünfzig weiterer Krieger hinter ihm, begleitet vom lauten Pfeifen der verzauberten Belagerungsgeschosse über ihm. Die Geschosse explodierten auf dem Boden und setzten den Wald in Brand. Saurfang suchte inmitten der Feuerblitze die Schatten am anderen Ufer nach verborgenen Feinden ab. Er sah keine.

Dann verlor er seinen Halt auf dem Eis und sah bloß noch den Himmel. Saurfang brülle erneut, doch diesmal vor Zorn, als er rücklings auf dem gefrorenen Fluss aufprallte. Viele Soldaten der Horde zogen an ihm vorüber, einige andere stürzten neben ihm zu Boden. Knurrend kämpfte er sich wieder auf die Beine und stampfte das feindliche Ufer hinauf. Er hörte das Kampfgeschehen, ehe er es sah – das Klirren der Klingen, die Rufe und Schreie.

Ein weiterer Zauber flog über Saurfang hinweg und tauchte den Wald in sein Licht. Der kurze Augenblick reichte aus, um zu sehen, wie sich ein Druide in Säblergestalt auf seine Kehle stürzte. Saurfang schwang seine Axt in die Luft. Der Feind war tot, bevor er den Boden erreicht hatte.

Ein sauberer Schlag, jubelte seine Seele.

Er rannte los und stürzte sich mitten ins Gefecht. Ein Pfeil prallte von der Rüstung an seinem Hals ab – das war knapp – und er drehte seine Axt, sodass die Klinge sich am unteren Ende befand. Er riss sie in einem Bogen nach oben und hätte eine Elfe entzweigeteilt, wäre sein Ziel nicht in letzter Sekunde nach hinten gesprungen. Doch sie floh nicht. Stattdessen sprang sie mit solcher Kühnheit auf ihn zu, dass er keine Zeit hatte zu reagieren. Ihre Ferse traf ihn direkt oberhalb seiner Rüstung an seiner ungeschützten Schläfe. Saurfang stolperte zurück, Sterne vor den Augen. Nur durch schiere Willenskraft konnte er sich bei Bewusstsein halten.

Sie stürzte abermals auf ihn zu; ihre flinken Fäuste verschwammen zu einem Schemen. Sie ist unbewaffnet! Doch der Schmerz in seinem Kopf belehrte ihn eines Besseren. Die Hände und Füße eines Mönchs waren so gut wie jede Waffe.

So geschickt sie auch war, hatte sie ihm doch ihre Schwächen enthüllt. Die Art, wie sie geschickt seiner Klinge auswich, verriet ihm, dass sie sich zu sehr darauf konzentrierte. Saurfang schwang seine Axt in einem doppelten Kreis und als sie sich wegduckte, lehnte er sich vor und rammte ihr seinen Stiefel in den Bauch. Sie stolperte zurück und stürzte in die Büsche. Sie war nicht tot, doch Saurfang wandte sich wieder dem Rest der Schlacht zu. Wer sich umgeben von Dutzenden Feinden in einen Zweikampf verstricken ließ, würde nicht lange überleben.

Zwei Krieger der Horde hackten auf Wurzeln und Zweige ein, die sich aus dem Boden herauswanden. Saurfang gesellte sich zu ihnen. Er konnte den Druiden, der sie beschworen hatte, nicht sehen, doch es spielte keine Rolle. Als die Pflanzen beseitigt waren, stürzten sie sich zu dritt auf die hinteren Reihen der Nachtelfen. Das Kampfgeschehen nahm eine rasche Wende. Wenn die Kaldorei wirklich eine mobile Verstärkungstruppe besaßen, dann hatten sie sie an einem anderen Ort eingesetzt – oder, was weniger wahrscheinlich war, sie war angegriffen und vernichtet worden.

Die Kaldorei befanden sich zu sehr in der Unterzahl, um noch zu gewinnen, und ihre Reihen lichteten sich. Dennoch traten sie nicht die Flucht an.

Das ist nicht der Ort, um die Stellung zu halten, Ihr Narren.

Oder war er das? Die Nachtelfen kämpften zumindest nicht wie Narren. Ein flaues Gefühl breitete sich in Saurfangs Magen aus. Die Nachtelfen versuchten nicht ohne Grund, Zeit zu schinden. Und es konnte nur einen geben.

Er erhob seine Stimme über das Getöse der Schlacht. „Sammeln! Sammelt Euch bei mir! Geht in Formation!“

Doch natürlich war die Schlacht viel zu chaotisch, als dass ihn alle seine Soldaten gehört hätten. Ein Orc mit einer Axt in jeder Hand rannte unter lautem Kriegsgeheul an Saurfang vorbei. Saurfang stemmte den Stiel seiner eigenen Axt nach vorne und schlug dem Orc damit auf die Knöchel, sodass dieser mit dem Gesicht voran in den Schlamm stürzte. „Sammeln!“, brüllte er abermals. „In Formation!“

Sein Ruf machte die Runde. Ringsum brüllten die Krieger der Horde aus einer Kehle: „Formation! Formation!“

Langsam lösten sich die Soldaten der Horde aus ihren einzelnen Gefechten. Der gestürzte Orc rappelte sich auf und stand schwer atmend und vor Scham glühend neben Saurfang. Saurfang tat, als habe er ihn nicht fallen sehen. „Geht zurück über den Fluss“, befahl Saurfang ihm. „Findet die Magier, die Hexenmeister, die Schamanen. Alle Zauberwirker. Holt sie hierher. Sofort.“

Der Orc schlug mit der Faust gegen seine Brust und sprintete ohne ein weiteres Wort davon, sodass ihm der Schlamm nur so von der Rüstung spritzte.

Saurfang wies den Rest an, sich in kleine Gruppen aufzuteilen. „Bogenschützen, nach hinten. Schilde voran. Zauberwirker in die Mitte. Macht Euch auf einen Gegenangriff gefasst.“

Fast alle Truppen der Horde hatten seinen Befehlen Folge geleistet. Die Nachtelfen waren ebenfalls zurückgetreten, denn, ja, sie waren keine Narren. Es bestätigte Saurfangs Verdacht. Wo ist er? Wo ist die Falle? Saurfang suchte in der Dunkelheit des Waldes nach irgendeinem Zeichen.

Dort.

In der Ferne erblickte er eine vom Mondlicht erleuchtete Silhouette – ein einziger Elf, mit Federn auf den Armen und einem Geweih auf dem Kopf. Seine Augen leuchteten in der Dunkelheit. Einer nach dem anderen bemerkten ihn auch die anderen Soldaten der Horde.

Verstärkung schloss von jenseits des Flusses zu ihnen auf. Saurfang gab seine Befehle, ohne seinen Blick von der Gestalt abzuwenden. „Magier zur Linken, Hexenmeister zur Rechten. Schamanen zu mir. In Position!“

Sie gehorchten, begaben sich an ihre Positionen und warteten. Der Elf in der Dunkelheit stand nach wie vor bewegungslos da. Eine Minute lang … zwei Minuten … drei … rührte sich nichts.

Saurfang war geduldig. Andere waren es nicht. „Lok-tar ogar!“

Saurfangs Kopf machte einen Ruck nach rechts. Der Ruf entstammte einem kleinen Trupp von Orckriegern in einiger Ferne. Ihre Kleider trieften noch von dem Wasser des Falfarren, den sie im Norden überquert hatten. Sie hatten den Elfen gesehen und stürzten in seine Richtung.

„Zu mir! Sammelt Euch bei mir!“, schrie Saurfang.

Zu spät. Die Augen des Elfen richteten sich auf die Orcs. Der Wald des Eschentals erwachte zum Leben. Die beherzten Kriegsschreie der Orcs wurden jäh abgeschnitten. Es gab keine Schreie, kein Gerangel, keinen lang anhaltenden Kampf – einfach nur ein paar flinke Bewegungen in der Dunkelheit und das Geräusch schwerer gepanzerter Leiber, die auf dem Boden aufschlugen.

Der Elf hatte nicht einmal einen Finger gehoben. So allmächtig war seine Herrschaft über die Natur. Seine Augen richteten sich erneut auf Saurfang und seine Stimme überbrückte die Distanz mühelos. „Dies ist nicht Euer Land, Hochfürst“, sagte Malfurion Sturmgrimm.

„Jetzt schon“, entgegnete Saurfang ruhig. „Ihr und Euer Volk habt die Möglichkeit, in Frieden zu gehen. Ergreift sie, Erzdruide.“

„Frieden?“ Malfurions Stimme bebte vor Zorn. „Die Horde wird jeden ihrer Schritte in Blut bezahlen.“

Unruhe machte sich in den Rängen der Horde breit, ob aus Nervosität oder Aufregung war nicht zu sagen. Jeder, der Malfurion mit einem Glückstreffer niederstrecken konnte, würde zur Legende werden. Viele von ihnen wurden sicherlich von diesem Gedanken getrieben.

„Tut nichts, bis ich Euch den Befehl dazu gebe“, flüsterte Saurfang. Und dann, lauter: „Nun dann, Sturmgrimm. Vertreibt uns doch.“

Malfurion rührte sich nicht. Er beobachtete sie schweigend.

Er hatte ihnen eine Falle gestellt. Dessen war sich Saurfang sicher. Die Nachtelfen hatten viel zu lange standgehalten, zu viele Leben an diesem Fluss gelassen, ohne einen triftigen Grund dafür zu haben. Wäre die Horde weiter vorangestürmt, hätte sie sich dem Blutrausch und der Freude, den in die Ecke gedrängten Feind auszumerzen, ergeben, wäre sie blindlings in Malfurion hineingerannt. Nur einige wenige hatten sich dazu verleiten lassen.

Die anderen Nachtelfen traten den Rückzug an. Malfurion war nun allein. Die Kaldorei hatten keine Wahl, als sich zurückzuziehen. Sobald sie diesen Teil des Flusses verloren hatten, hatten sie ihn zur Gänze verloren. Die Horde würde bald den Fluss überqueren, Malfurion einkreisen und seine Flucht unmöglich machen. So stark der Nachtelf auch war, er würde fallen, sollte er versuchen, sie hier aufzuhalten.

Außerdem musste der Erzdruide vermuten, dass Sylvanas Windläufer nicht weit entfernt darauf wartete, ihn aus der Dunkelheit heraus zu überfallen.

Also würde Saurfang warten. Wenn er einfach wartete, konnte er nicht verlieren.

Malfurion wusste das genauso gut wie er. Nach ein paar weiteren Minuten verschwand er ohne ein weiteres Wort wieder in der Dunkelheit, aus der er gekommen war. Dutzende Krieger der Horde seufzten erleichtert – oder auch vor Enttäuschung. Saurfang wartete noch ein wenig länger, lang genug, um sich zu vergewissern, dass die Gefahr vorüber war, und erhob dann abermals seine Stimme.

„Die Horde hat den Falfarren erobert“, sagte er.

Um ihn herum brachen Jubelschreie aus. Waffen und Schilde rasselten gegeneinander. Einer der Blutelfenmagier schoss einen Feuerball in den Himmel. Saurfang machte keine Anstalten, sie aufzuhalten. Soll Malfurion vom Jubel seiner Feinde in die Flucht getrieben werden. Lasst alle Kaldorei wissen, dass ihre Niederlage bevorsteht.

Saurfang entsandte Boten in beide Richtungen des Flusses, um die Nachricht zu verbreiten, und schon bald erklangen leise die ersten Jubelschreie in der Ferne. Die Horde hatte eines der wenigen Hindernisse auf ihrem Weg zum Sieg überwunden. Die Schlacht hatte gerade begonnen, und was noch folgte, würde nicht leicht sein, doch …

Die Strategie würde aufgehen. Die Horde würde schon bald einen prächtigen und ehrenvollen Sieg davontragen.

Und was für ein Preis Darnassus sein würde.

* * *

Lorash hing hoch über dem Waldboden, die Beine um einen Ast geschlungen. Sein Geist war frei, ruhig. Und willig. Sehr willig.

Oh, ja. Er hatte sehr lange auf diese Gelegenheit gewartet.

Tschikkers hatte versucht, es ihm auszureden. „Ihr habt den Verstand verloren, Kumpel. Wir beide können es unmöglich allein mit Malfurion Sturmgrimm aufnehmen.“

„Wenn wir ihn überrumpeln …“

„Das werde ich der Kapitänin nicht zumuten, kapiert?“ Der Goblin war standhaft geblieben. „Wenn Ihr es tut, dann tut Ihr es allein.“

Also war Lorash allein. Aus der Ferne hatte er Malfurions klangvolle Stimme und Saurfangs spöttische Antwort vernommen. Viele der Nachtelfen waren auf ihrem Rückzug hier vorbeigekommen, also vermutete er, Malfurion würde es ihnen gleichtun. Der Nachtelfenanführer würde gemeinsam mit seinem Volk die nächste Phase ihrer Verteidigung planen müssen.

Und es bestand die Chance, die noch so winzige Chance, dass Malfurion abgelenkt war. Er hatte einen Verlust erlitten. Dieser Umstand könnte ihn beschäftigen.

Das Geräusch frischen Laubs, das unter dem Gewicht eines Fußes zusammengedrückt wird, zauberte ein Lächeln auf Lorashs Gesicht. Die Zeit war gekommen. Für meinen Vater … für meine Mutter … für mein Volk!

Er löste sich von dem Ast. Kopfüber stürzte er zu Boden, einen Dolch fest in jeder Hand. Er hatte den Moment perfekt abgepasst. Malfurion stand direkt unter ihm und blickte nicht auf.

Lorash schwang beide Dolche in einem Bogen. Wenn sie einander wieder kreuzten, würden sie es in Sturmgrimms Hals tun und seinen Kopf vom Körper trennen.

Sie sollten sich nicht kreuzen.

Malfurion trat zur Seite. Kurz bevor Lorash auf dem Boden aufschlug, schossen Wurzeln aus der Erde hervor und schlugen gegen seine Handgelenke. Er ließ die Dolche fallen. Ein überraschter Schrei entfuhr ihm, als er auf seiner rechten Schulter und seinem Nacken landete. Er spürte einen stechenden Schmerz. Sein rechter Arm wurde taub, doch Lorash konnte sich immer noch bewegen.

Weitere Wurzeln nahmen ihm auch diese Freiheit. Bevor er auf die Füße springen konnte, wickelten sich Ranken eng um seine Handgelenke, seine Knöchel und seinen Hals und hielten ihm am Boden. Er war außer Gefecht gesetzt.

Verflucht.

Einen Moment lang versuchte Lorash gegen die Wurzeln anzukämpfen, doch es war aussichtslos. Sie hätten ihn längst töten können, ganz gleich, ob sie ihn erdrückten oder ihm seine Gliedmaßen abtrennten. Doch das taten sie nicht. Der Blutelf blickte hasserfüllt zu Malfurion auf, der mitleidig auf ihn herabsah.

„Es ist sinnlos. Diese Invasion ist sinnlos“, sagte Malfurion sanft. „Mein Bruder, wir sollten keine Feinde sein.“

Lorashs Dolche lagen mehrere Schritte von ihm entfernt. Sie hätten genauso gut Welten entfernt sein können. Er hatte zwei Shuriken in seinen Ärmeln, doch was war alles. Er hegte keine Zweifel, dass sie zu werfen seinen Tod bedeuten würde. Es sei denn, es gelänge ihm, Sturmgrimm abzulenken.

„Den Rest der Horde verstehe ich. Sylvanas verstehe ich“, fuhr Malfurion fort. „Doch unsere Völker lebten einst Seite an Seite. Wir kämpften gemeinsam in denselben Kriegen und gaben unsere Leben füreinander. So war es vor langer Zeit und so war es auch vor nur wenigen Monaten auf den Verheerten Inseln. Es sollte keine Kluft zwischen meinen Kaldorei und Euren Sin’dorei bestehen.“

Lorash zischte seine Worte unter dem Gewicht der Wurzel hervor, die auf seine Kehle drückte. „Und wer hat diese Kluft geschaffen, Sturmgrimm? Wer hat mein Volk ins Exil getrieben?“

„Ich erinnere mich an die Gesichter jener, die an diesem Tag gegangen sind. Eures war nicht darunter“, sagte Malfurion. „Fallt Ihr in meine Heimat ein, weil Ihr Geschichten aus der Zeit vor Eurer Geburt gehört habt? Oder folgt Ihr blind den Befehlen Eures gefallenen Kriegshäuptlings? Ich weiß nicht, was davon schlimmer ist.“

Lorash war immer noch nicht tot. Das überraschte ihn. Malfurion möchte reden. Ein Anführer der Nachtelfen glaubte ernsthaft, die Blutelfen hätten keinen Grund, an dieser Schlacht teilzunehmen.

Lorash würde ihn mit Freuden eines Besseren belehren.

„Ja, all das ist geschehen, bevor ich geboren wurde“, sagte er. „Ich wurde in Tirisfal geboren. Als Kind war ich gezwungen, mit meiner Familie und all den anderen zu fliehen. Ich erinnere mich an Jahre auf der Wanderung. Ich erinnere mich an einen langen Winter, gefangen in den Bergen. Ich erinnere mich an meinen Vater, der trotz der bitteren Kälte auf die Jagd ging und erst einen, dann zwei Finger an den Frost verlor. Ich erinnere mich daran, wie er eines Tages nicht mehr wiederkehrte. Wie viele Eures Volkes sind erfroren, Malfurion? Teilen wir diese Geschichte etwa auch?“

Malfurion antwortete nicht. Lorash lächelte innerlich. Er konnte seine Dolche nicht erreichen, doch er konnte Sturmgrimm dennoch bluten lassen.

„Ich erinnere mich an Jahrhunderte des Krieges gegen die Trolle“, fuhr Lorash fort. „Ich erinnere mich daran, wie Körperteile meiner Kindheitsfreunde die Hütten und Dörfer der Amani zierten. Trophäen, versteht Ihr. Waren es die Kaldorei, die uns in diesen Zeiten zur Hilfe eilten? Nein. Ich erinnere mich an den Tag, als der fleischgewordene Tod in unsere neue Heimat einmarschierte. Als meine Mutter starb und in der Armee des Lichkönigs wiederauferstand. Wer war gezwungen, sie zu töten, um ihr Frieden zu schenken? Wart Ihr es, Malfurion, der an unserer Seite stand, als wir unsere Heimat verloren?“

„Mein Volk hatte gerade erst die Brennende Legion abgewehrt, und diese Tat hat uns unsere Heimat gekostet“, erwiderte Malfurion schroff. „Und trotz der Jahre des Krieges zwischen unseren beiden Fraktionen haben wir niemals Eure Heimat angegriffen. Wir hätten es uns nie träumen lassen.“

„Ich habe von wenig anderem geträumt“, sagte Lorash.

„Dann bin ich froh, dass der Großteil Eures Volkes nicht ebenso verloren ist wie Ihr.“

„Und ich bin froh, dass Ihr erleben werdet, wie mein Volk Eure Heimat erobert“, erwiderte Lorash. Wie weit kann ich es treiben? Sein Herz sagte ihm, dass er bereits zu weit gegangen war. Seine Seele sagte ihm, noch weiterzugehen. „Erfüllt dieser Gedanke Euch mit Abscheu? Die Tempel der Elune berstend voll mit Sin’dorei?“

Aus den Augenwinkeln bemerkte Lorash eine flinke Bewegung in der Dunkelheit. Jemand näherte sich.

Malfurion blickte auf. Er hatte sie ebenfalls bemerkt.

„Ihr“, sagte Malfurion.

„Ishnu-dal-dieb“, sagte Sylvanas Windläufer und spannte den Bogen.

Das war Lorashs Chance. Seine einzige Chance. Er kämpfte gegen die Wurzeln um seine Handgelenke an und streckte seine Finger verzweifelt seinen letzten beiden Shuriken entgegen. Es dauerte nur einen Herzschlag lang.

In diesem Herzschlag war ein Krieg über ihm entfacht.

Der Blutelf beobachtete das Geschehen ehrfürchtig. In Schatten getauchte Pfeile und grünliche Magie schossen durch die Luft. Ein Schwall dunkler Energie stieß Malfurion zurück, und Lorash spürte, wie sich die Wurzeln um ihn lockerten.

Lorash zog beide Arme nach hinten und hielt die Shuriken so fest, dass ihre Spitzen sich in seine Handflächen bohrten. Es war ihm egal, ob er sich damit selbst vergiftete. Er war so nah dran, so nah …

Malfurion sah erst ihn und dann die Waffen in seinen Händen an, und die Wurzel um Lorashs Kehle schnürte sich zu.

Lorash hörte ein lautes Knirschen. Seine Augen waren noch offen, seine Gedanken rasten, doch sein Körper wollte seinen Befehlen nicht mehr folgen. Seine Lungen wollten nicht atmen. Sein gesamter Körper war taub. Seine Gedanken entschwanden ihm.

Noch hat Euer Volk meine Heimat nicht erobert“, hörte er Malfurion sagen. Waren diese Worte an ihn oder Sylvanas gerichtet? Lorash wusste es nicht.

Ein paar weitere Momente verstrichen. Dunkle Flecken drängten sich in sein Sichtfeld. Das war wohl sein eigenes Gift. Sylvanas Windläufer stand über ihm und sagte etwas, das er nicht hören konnte. Wenn sie hier bei ihm war, musste Malfurion geflohen sein.

Verflucht. Er lebt noch immer.

Lorash hatte versagt. Er fragte sich, ob er seine Familie auf der anderen Seite sehen würde.

* * *

Tschikkers trat vorsichtig auf die Lichtung hinaus. Die Kapitänin folgte ihm auf dem Fuße.

Lorash lag reglos auf dem Boden. Eine Wurzel war um seinen Hals gewickelt und sein Kopf befand sich in einem unnatürlichen Winkel zum Rest seines Körpers.

„Oh Mann“, keuchte Tschikkers.

Der Kriegshäuptling drehte sich um – ihr Bogen pulsierte noch immer vor dunkler Energie – und ihre roten Augen durchforschten seine Seele. „Kanntet Ihr ihn?“

„Wir haben gemeinsam gekämpft.“ Tschikkers fühlte sich genötigt, die offensichtliche Frage zu stellen. „Er hat es nicht geschafft, oder?“

„Nein. Er hat Malfurion allein herausgefordert und ist dafür gestorben“, sagte Sylvanas.

„Ich schätze, jeder muss irgendwann sterben“, murmelte der Goblin.

Der Kriegshäuptling tat etwas, mit dem er nicht gerechnet hatte. Sie lächelte.

„Das sind weise Worte“, sagte sie. „Meldet Euch bei Hochfürst Saurfang. Dieser Krieg fängt gerade erst an.“

Teil vier: Sieg an der Dunkelküste

Eine Hand berührte Saurfangs Schulter. „Wir sind da, Hochfürst“, sagte Morka.

Er war sofort wach. „Wie steht es um die Gefechte?“

Morka schüttelte den Kopf. „Es ist schon vorbei.“

Saurfang sprang vom Karren ab und blickte blinzelnd nach vorne. Die Sonne hing immer noch tief am Himmel, also hatte er nicht lange geschlafen, vielleicht fünfzehn Minuten. Nach Tagen des Kampfes war ein solcher Luxus rar. Er würde nicht reichen, um die Erschöpfung aus seinem Geist zu vertreiben, und doch hatte er seine Gedanken erfrischt.

Vor ihm lag ein See. In seiner Mitte befand sich eine Insel, die das Gewässer beinahe in zwei Teile teilte, und auf diesem Stückchen Land stand ein kleines Dorf der Kaldorei. Astranaar. Es war eines der letzten Bollwerke der Elfen auf dem Weg zur Küste. Es war von ringsum von Wasser umgeben und nur über zwei Brücken zugänglich – die perfekte Abwehrposition. Wenn die Nachtelfen es bereits verloren hatten, war das ein erstaunlicher Sieg für die Horde.

„Sie haben Astranaar nicht verteidigt?“, fragte Saurfang.

Morka zuckte mit den Schultern. „Die Nachtelfen waren tot, bevor wir hier eingetroffen sind. Unseren Spähern zufolge zeigten ihre Leichen Anzeichen einer Vergiftung. Unsere Schurken müssen … produktiv gewesen sein.“

Beeindruckend. Saurfang würde in Erfahrung bringen müssen, welche Schurken derart gründliche Arbeit geleistet hatten. „Durchsucht das Dorf noch ein letztes Mal nach Saboteuren und bringt dann alles ins Gasthaus. Astranaar ist der letzte Posten, den wir brauchen, um das Eschental zu sichern“, sagte er. Womöglich würden ihm sogar ein paar Minuten Schlaf in einem echten Bett anstelle eines über einen Waldweg ruckelnden Karrens vergönnt sein.

* * *

Es war ruhig – so ruhig, wie es auf einem Schlachtfeld nur werden konnte.

Sylvanas Windläufer verbarg sich in einem dichten Hain mehrere Kilometer vor den Frontlinien der Horde. Sie war auf der Jagd nach Malfurion Sturmgrimm, doch sie konnte den Lärm hunderter verschiedener kleiner Gefechte aus der Ferne hören. Der Jubel der Sieger, die Schreie der Sterbenden – aus der Entfernung klangen sie alle gleich, der formlose Schrei des Krieges.

Sylvanas ignorierte ihn. Sie war auf der Jagd nach größerer Beute, wenn sie nur seine Spur wiederaufnehmen könnte.

Malfurion Sturmgrimm spielte dieses Spiel besser, als sie erwartet hatte. Er hatte sich nicht in die Ecke treiben lassen. Über Tage hinweg hatte er der Horde schwer zugesetzt, hatte ihre Reihen durchbrochen und war dann wieder in der Dunkelheit des Waldes verschwunden, bevor Sylvanas mehr als einen kurzen Blick auf ihn erhaschen konnte. Er ließ sich nicht von seinem Zorn antreiben.

Aber an dem Ausgang dieser Schlacht würde es nichts ändern. Das musste er wissen.

Wo konnte er jetzt sein, wenn nicht hier? Sylvanas sann über dieses Problem nach, während sie ihren Blick durch das sie umgebende Waldstück gleiten ließ. Hier – genau hier – war es still. Es war die Art Stille, die nur der Tod hervorrufen konnte. Dutzende Leichen umgaben sie, jede einzelne von ihnen gehörte zur Horde.

„Am Ende holt der Tod uns alle“, flüsterte Sylvanas Windläufer ihnen zu.

Eine schwache Grabrede, doch es gab keine Worte, um die Qualen zu lindern, die sie vor ihrem Ableben erlitten hatten.

Sylvanas hatte den Tod in jeder Form und in jeglichen Umständen erlebt. Leichen erzählten eine Geschichte. Hinweise auf das Grauen der Gefallenen fanden sich in den Fußspuren, die sich auf den zerdrückten Gräsern und Blättern abzeichneten, in der Erde, die von hervorschießenden Wurzeln aufgewühlt worden war, als diese nach Armen und Beinen griffen, und natürlich in der verbrannten Erde, die jene Orte markierte, an denen sie gestorben waren.

Eine Gruppe von Nachtelfen, von denen die meisten – jedoch nicht alle – Druiden oder Magier waren, hatte sich tief in diesem Dickicht verborgen. Als die Truppe der Horde vorbeimarschiert war, hatten die Kaldorei Pfeile, Magie, Klingen und alles erdenkliche Kriegsgerät auf sie niederregnen lassen und dabei fast den gesamten Trupp verwundet.

Alle dreißig Krieger der Horde waren binnen Sekunden in die Knie gezwungen worden. Die Druiden hatten die Natur beschworen, sie zu bändigen, und die Magier hatten einige von ihnen eingefroren. Vielleicht hatten ein oder zwei von ihnen einen schnellen Tod gefunden. Der Rest war ihnen ausgeliefert gewesen – schreckliche Schmerzen erleidend, doch lebendig.

Erst dann hatte das Töten wahrlich begonnen.

Diese Krieger der Horde waren nicht in einer plötzlichen Feuersbrunst gestorben – sie waren langsam, qualvoll und vor Schmerz schreiend verbrannt. Die Nachtelfen hatten alles getan, um das Grauen und die Qualen so lang wie möglich währen zu lassen.

Malfurion wäre sehr bestürzt, wenn er sähe, was sein Volk getan hat, dachte Sylvanas. Die Wunde liegt offen. Das Blutvergießen hat begonnen, doch sie ergötzen sich auf solch armselige Art an ihrem Hass.

Die Kaldorei wussten, dass sie in der Unterzahl waren. Sie wussten, dass ihre Heimat verloren war. Vielleicht wussten einige von ihnen tief in ihrem Herzen – wie auch sie es wusste –, dass Darnassus eines Tages zu Asche zerfallen würde. Alles, was sie in ihrem Zorn tun konnten, war, diese armen Seelen leiden zu lassen.

Sie hatten ihre Energie nicht darauf verwendet, eine Schlacht zu gewinnen oder ihrem Volk Zeit zur Evakuierung zu erkaufen, sondern um Leid und nichts als Leid zu säen. Ihr Zorn hatte jede Heuchelei von Anstand, jeden Anflug von Ehre beiseitegewischt und sie als das enttarnt, was sie wirklich waren.

Genau dazu führte Krieg. Das war sein Zweck: zivilisierten Kreaturen die Erlaubnis zu geben, das Undenkbare zu tun. Denn nur dann wurde das Unmögliche möglich.

Sylvanas hatte das auf die harte Art gelernt. Zu viele andere würden es nie begreifen.

Malfurion … Selbst in seinem Zorn über das Unausweichliche verlor er nicht die Fassung. Womöglich konnte er das nicht.

Und deshalb wird er verlieren.

Würde Saurfang das je verstehen? Er hatte in denselben Abgrund geblickt wie auch sie. Sein Sohn, Dranosh, war ehrenvoll wie kein Zweiter gewesen, doch als der Tod ihn fand, hatte das keine Rolle mehr gespielt. Saurfang hatte dabei zugesehen, wie sein Sohn zur Marionette des Lichkönigs wurde. Dieser Tag hatte Saurfang im tiefsten Innern seiner Seele getroffen. Selbst er hatte geglaubt, dass er gebrochen war.

Sylvanas hatte im Stillen vermutet, dass er nie in den Krieg zurückkehren würde. Doch er hatte es getan. Die Wunde war nicht verheilt; er hatte einfach gelernt, damit zu leben. Jetzt schien er zu glauben, dass die Ehre ihm bis zum Ende seiner Tage Kraft schenken würde.

Ehre war alles, was Saurfang noch blieb. Ehre und die Horde. Sie wusste nicht, was er tun würde, wenn ihm auch nur eines davon genommen würde.

Er würde mein Feind werden, ein furchterregender Feind.

Zu seinem Glück waren Ehre und Zurückhaltung genau das, was sie jetzt brauchte. Vielleicht würde er einen ruhmreichen Tod auf dem Schlachtfeld finden, bevor er eine Entscheidung treffen musste, die ihn brechen würde.

Oder vielleicht wird mich der alte Orc noch überraschen, dachte sie. Vielleicht wird er sich der Welt stellen, so wie sie ist, und weiter an meiner Seite kämpfen. Wenn nicht, nun …

Das kann warten.

Malfurion war eine Weile an der Nordgrenze des Eschentals zugange gewesen und war dann gen Süden gereist. Dessen war sich Sylvanas sicher. Aus irgendeinem Grund war er nicht an diesem Hain vorbeigekommen. Was hatte seine Aufmerksamkeit erregt?

Es gab nicht viele Möglichkeiten. Im Süden war kein Schlachtlärm zu hören. In dieser Richtung lag Astranaar. Es hätte eine Kriegszone sein müssen. War es keine, gab es einen Grund dafür.

Sie verließ den Hain und begab sich auf den Weg nach Süden. Ihr Instinkt rief sie nach Astranaar.

* * *

Die Schlacht näherte sich ihrem Ende. Saurfang wusste es. Die Horde wusste es. Auch die Nachtelfen schienen es zu wissen, denn sie kämpften verzweifelter denn je.

Saurfang stand über den größten Tisch im Schankraum des Gasthauses gebeugt und studierte gemeinsam mit seinen taktischen Beratern die Karte des Eschentals. Seine Untergebenen hatten die jüngsten Bewegungen der Horde und Sichtungen der Allianz bereits darauf markiert. Am südlichen Ende hatte die Front einen Satz nach vorne gemacht, doch auch das nördliche Ende begann rasch aufzuholen. Malfurion hatte der Horde im Norden schwer zugesetzt, doch als die Verstärkung eintraf, konnten sie ihre Verluste decken. Die Karte erweckte den Anschein, als würden die letzten Überreste des Widerstands der Nachtelfen im Eschental von einer Flut aus Wachsmarkierungen davongeschwemmt werden.

Vom Nördlichen Brachland bis hin nach Astranaar hatte keine der bekannten Hochburgen der Nachtelfen ihrem Ansturm standgehalten. Die Kaldorei verfügten über eine Truppe an umherziehenden Spähern, die jede Gelegenheit nutzte, um hinter den Linien der Horde Chaos zu säen, doch das war lediglich ein geringfügiges Ärgernis. Die Versorgungsrouten waren gut geschützt und die Frontlinien besaßen ausreichend Vorräte für den Vorstoß nach Darnassus.

Wir haben das Eschental erobert. Er sagte diese Worte nicht laut. Es war besser, das Schicksal nicht herauszufordern, insbesondere wenn er sich in diesem Punkt noch nicht ganz sicher war. Der Sieg war zu einfach gewesen.

Und darüber hinaus war das Eschental nicht das endgültige Ziel; es war lediglich der größte Teil des Puzzles.

Saurfangs Finger fuhren über die Küste, von der Grenze des Eschentals bis zur Dunkelküste, von wo aus die Horde ihren Angriff auf Darnassus starten würde. „Wir müssen mit den Vorbereitungen für den letzten Vorstoß beginnen“, sagte er.

„Kein Einhalten bis zur Dunkelküste?“, fragte ein Orc.

„Wir werden uns an der Küste im Süden sammeln.“ Saurfang tippte auf eine Position nicht weit von ihrer jetzigen. Der Außenposten von Zoram’gar. Die Horde hatte ihn seit dem Sturz von Höllschrei kaum mehr genutzt. Es war ein guter Ort, um sich neu zu formieren. „Vom Eschental aus führt eine offene Lichtung bis an den Strand. Die Nachtelfen werden uns nicht ohne den Schutz des Waldes herausfordern. Es wird uns ein Leichtes sein, die Küste zu erobern.“

„Die Flotte der Nachtelfen könnte schon bald zurückkehren“, sagte ein Blutelf. „Wenn wir Glück haben, sind sie noch Tage entfernt, doch sie könnten bereits diesen Nachmittag von Feralas zurückkehren. Wir wären ihrem Beschuss vom Strand aus ausgeliefert.“

„Falls die Flotte uns bombardiert, anstatt den Rest ihrer Bürger in Sicherheit zu bringen …“ Saurfang schweifte ab. Das war exakt das, was die Flotte tun würde, oder nicht? Diese Schiffe konnten eine Vielzahl von Nachtelfen aus dem Weltenbaum retten, doch sie würden nicht die Zeit haben, sie an Bord zu bringen. Mehr Zivilisten hätten Zeit zur Flucht, wenn die Flotte die Horde aufhalten würde, anstatt bei der Evakuierung zu helfen. „Ihr habt recht. Wie viele Belagerungswaffen bleiben uns noch?“

Die Antwort auf diese Frage erforderte einiges an Diskussion. Nachdem die Taktiker ihre Informationen verglichen hatten, schlossen sie, dass die Nachtelfen etwa die Hälfte der Belagerungswaffen der Horde zerstört oder beschädigt hatten. Es waren mehr, als Saurfang gehofft hätte, aber es war keine Katastrophe. Schließlich stellten sie die wichtigsten Ziele für die Nachtelfen dar. Wenn die Horde ihre Belagerungsmaschinen nicht an die Dunkelküste bringen konnte, gab es kein Deckungsfeuer für ihren Angriff auf den Weltenbaum.

Aber uns bleiben immer noch genug. Mehr als genug. Saurfang rasselte weitere Befehle herunter. „Bringt die Belagerungsmaschinen hierher. Hier werden sie sicher sein, bis wir die Küste erobert haben.“

Innerhalb der nächsten Stunde rollten die Belagerungsmaschinen samt Besatzung ins Dorf und parkten entlang der Hauptstraße durch Astranaar. Saurfang bemerkte sie kaum, so gebannt starrte er auf den Tisch, während seine Untergebenen neue Informationen auf die Karten zeichneten. Jemand rollte eine Karte der Meere zwischen Kalimdor und den Östlichen Königreichen aus und markierte den Fortschritt der Verstärkung der Allianz. Ihre Flotte war noch Tage entfernt. Zu weit, um etwas zu bewirken.

Die Horde hatte noch einen weiten Weg vor sich, ermahnte Saurfang sich selbst – einen weiten Weg. Er würde noch viele weitere Tode einfordern, doch die Strategie, die sie so weit gebracht hatte, würde sie auch bis an die Westküste bringen.

Die Gefechte hatten einen Rhythmus angenommen, gegen den die Nachtelfen nichts ausrichten konnten. Saurfangs Armeen bewegten sich in kleinen Grüppchen vorwärts, bis sie auf Widerstand trafen, und hielten dort die Stellung. Die Nachtelfen besaßen nur die erforderlichen Zahlen, um die Front an ein oder zwei Positionen zu halten – Malfurion bildete ganz allein eine Front, doch Sylvanas war ihm auf den Fersen und würde ihn einholen, sollte er sich auch nur einen Moment lang ausruhen. Jeder weitere Teil der Offensive würde weiter vorrücken. Wenn die Nachtelfen sich zurückzogen, würden sie von Spähern der Horde gejagt. Wenn sie die Position hielten, wären sie bald umzingelt. Die Horde musste die Verteidigung der Nachtelfen nicht durchbrechen, solange sie einfach um sie herumgehen konnte.

Die Theorie ließ es geregelt und einfach erscheinen. Doch der Krieg war weder das eine noch das andere.

Es gab viele Situationen, in denen Soldaten der Horde in einen Hinterhalt vorgestoßen waren. Malfurion setzte der Horde entlang ihrer gesamten Frontlinie heftig zu und tötete alle, die töricht genug waren, einen Sturmangriff auf ihn zu wagen. Als die letzten Scharmützel zusammengezählt waren, waren mehr Krieger der Horde als Kaldorei unter den Toten.

Doch damit hatte Saurfang gerechnet. Es gefiel ihm nicht, doch wer die Heimat seines Feindes bedrohte und in dessen Land einfiel, musste damit rechnen, einen gewissen Preis zu bezahlen.

Wenn es das ist, was geschehen muss, um einen weiteren Krieg zu verhindern, noch ehe er ausbricht, ist es das wert gewesen.

Ein Bote traf am Gasthaus ein – ein Verlassener, der das Zeichen der persönlichen Leibwache des Kriegshäuptlings trug. „Hochfürst Saurfang? Nach draußen, sofort.“

Saurfang bedachte ihn mit einem kurzen, doch vernichtenden Blick. Der muss noch Respekt lernen. Dann wandte er sich wieder den Karten zu. „Überbringt Eure Botschaft und verschwindet.“

„Der Kriegshäuptling wartet auf Euch. Befolgt Ihr ihre Befehle nicht, Hochfürst?“, fragte der Untote.

Hätte Saurfang derart zu seinem ersten Kriegshäuptling, Schwarzfaust, gesprochen, hätte dieser ihm den Kopf von den Schultern gerissen. Doch er fügte sich. Er ist es nicht wert, getötet zu werden. Saurfang machte drei Schritte auf die Tür zu und erinnerte sich daran, dass seine Axt noch immer auf dem Tisch lag. Die Erschöpfung begann ihm zuzusetzen. Mit einem Grunzen drehte er sich um, um sie zu holen.

Morka, die Wache, trat an Saurfang vorbei und musterte den Boten grimmig. „Wie lautet Euer Name, Botenjunge?“

„Ich bin der Abgesandte meiner Königin“, sagte der Bote. „Das sollte für Euresgleichen genug sein.“

Saurfangs Hand schloss sich um den Griff seiner Axt. „Sie hat Euch eine Frage gestellt“, knurrte er. „Wie lautet Euer Name?“

„Ihr habt Eure Befehle. Nach draußen, Hochfürst. Wie lange wollt Ihr Euch dem Kriegshäuptling noch widersetzen?“, erwiderte der Verlassene tonlos.

Saurfang biss die Zähne zusammen. Seine Augen huschten zu Morka hinüber und er trat vor.

„Ich glaube nicht, dass der Kriegshäuptling Euch kümmert“, sagte Saurfang. Nicht einmal der verblendetste aller Verlassenen würde ein solches Verhalten an den Tag legen. Doch einer, der nur vorgab, einer zu sein … „Sagt mir, Nachtelf, bei welchem Namen nennt Malfurion Euch?“

Der Gesichtsausdruck des Boten veränderte sich kein Stück, doch seine Finger begannen zu zucken. In Richtung seiner Taille.

Es war Antwort genug. Saurfang hob seine Axt und brüllte: „Zieht Eure Klingen, Assassine, oder sterbt auf der Flucht!“

Dann stürmte er vor.

Die als Verlassener getarnte Kreatur zog ihre verborgenen Dolche. Von den Spitzen ihrer Klingen stieg ein feiner schwarzer Rauch in die Luft. Selbst ein bloßer Kratzer würde vermutlich tödlich sein. Als Saurfang seine Axt schwang, ließ sich der Assassine auf ein Knie fallen und stieß in Richtung der Beine des Orcs.

Er muss jung sein, dachte Saurfang. Erfahrenere Kämpfer waren nicht töricht genug, um ihre einzige Überlebenschance an einen komplizierten Schlag zu verschwenden.

Bevor die Messer ihn erreichen konnten, traf sein Stiefel den Assassinen unter dem Kinn und hob ihn auf die Füße. Seine Axt traf ihr Ziel und schnitt durch seinen Hals, bis sie schließlich an seinem Rückgrat stecken blieb.

Die Tarnung verschwand, und Saurfang starrte in die Augen des Nachtelfen, der versucht hatte, ihn zu töten. Er war jung – aus Sicht eines Nachtelfen kaum mehr als ein Kind. Saurfang befreite seine Axt und ließ den Feind zu Boden sinken. Der Junge schlug dumpf auf dem Boden auf, und sein Blut färbte die Holzdielen rot. Sein Blick war immer noch auf Saurfangs Gesicht gerichtet.

Saurfang kannte den Ausdruck in seinen Augen. Es war eine der schrecklichen Wahrheiten des Krieges: Die Jungen starben und die Überlebenden waren verflucht, sich an die Geschichten zu erinnern. „Ruht in Frieden“, sagte Saurfang zu ihm. „Ihr seid mit Ehre gestorben. Mehr kann niemand erwarten.“

Das Gesicht des Elfen verzerrte sich zu einer Grimasse, und einen kurzen Augenblick dachte Saurfang, er würde anfangen zu weinen. Aber nein – mit seinem letzten Atemzug spuckte der sterbende Schurke auf Saurfangs Stiefel und hinterließ dabei Fäden aus Blut und Speichel auf seiner Rüstung. Dann erstarrte er.

Morka trat neben Saurfang, je ein Beil in jeder Hand. Es war zu schnell vorüber gewesen, als dass sie ihre Waffen hätte einsetzen können. „Aufsässig bis zu seinem Tod“, bemerkte sie. „Sein Volk wäre stolz.“

Saurfang stimmte zu. Solche Entschlossenheit. Und ich habe seinen Namen nie erfahren.

„Ihr habt gute Arbeit geleistet, diesen Assassinen zu erkennen“, sagte Saurfang zu ihr. „Doch er hätte niemals so weit kommen sollen.“

Schnaubend verließ er das Gasthaus. Belagerungseinheiten, Wachen und Soldaten standen ringsherum. Astranaar platzte beinahe aus den Nähten vor Kriegern der Horde, doch niemand hatte den Fremden in ihrer Mitte bemerkt. Niemand hatte ihn herausgefordert.

Er würde ihnen diese Verfehlung nur zu gerne bis ins letzte Detail aufzeigen.

„Hört mir gut zu!“, begann er. Köpfe drehten sich zu ihm um. Blicke musterten das Blut auf seiner Axt und seiner Rüstung. „Muss die Horde wirklich daran erinnert werden, dass wir im Krieg sind? Braucht die Horde …“

Und dann hielt er inne. Sein nächster Herzschlag schien eine Ewigkeit anzuhalten. Sein erschöpftes Hirn hatte endlich zu seinen hartverdienten Überlebensinstinkten aufgeschlossen. Dieser Junge war nicht geschickt worden, um ihn zu töten.

Er sollte Saurfang nach draußen locken.

In seiner Eile, die Wachen zu belehren, hatte Saurfang genau das getan, was der Junge beabsichtigt hatte. Du hast dich gerade selbst getötet, du alter Narr. Er drehte sich um und stürzte zurück ins Gasthaus. Einen Augenblick später bebte die Erde, als Malfurion Sturmgrimm an just der Stelle landete, an der er soeben noch gestanden hatte.

„Lok-Narash!“, schrie er. Zu den Waffen!

Seine Ratgeber und Taktiker bildeten im Schankraum bereits eine Linie und zogen ihn hinter sich, bereit für den Kampf. Wie viele Gebäude der Nachtelfen war auch dieses nach drei Seiten hin geöffnet, sodass ihnen ein freier Blick auf das sich draußen ausbreitende Chaos gewährt war. Die Belagerungsmannschaften versuchten hastig, von Malfurion wegzukommen, nur um hinterrücks von Pfeilen und Klingen getötet zu werden.

Es war nicht nur Malfurion. Das war das letzte Gefecht der Kaldorei im Eschental, ein vernichtender Schlag gegen den Kommandanten dieses Krieges. Und Saurfang – sie hatten ihn so leicht in die Falle gelockt. Astranaar war eine nur beschränkt zugängliche Insel. Leicht zu verteidigen.

Unmöglich, von ihr zu fliehen.

Und Saurfang hatte gerade in einem Gebäude Obdach gesucht, das kaum Mauern besaß. Um einen Erzdruiden zu bekämpfen.

Das ist das Ende.

Als draußen der Lärm des Chaos erklang, verdunkelte sich das Gasthaus. Malfurion Sturmgrimm trat durch den Eingang herein, sein Blick auf Saurfang gerichtet. Drei der Ratgeber des Hochfürsten stürmten auf ihn zu.

„Nein!“, rief Saurfang.

Malfurion machte eine Bewegung, und die Metallklauen an seinen Handgelenken setzten dem Angriff der zwei Orcs und des Blutelfen ein jähes Ende. Er trat über ihre Leichen in den Raum hinein.

Morka packte Saurfang an der Schulter. „Lauft, Hochfürst“, sagte sie. „Wir erkaufen Euch Zeit.“

Nein, das würden sie nicht. Nicht mehr als einen Herzschlag. Es war an der Zeit, ehrenvoll zu sterben. „Nehmt die Karten“, flüsterte er. „Bringt sie dem Kriegshäuptling.“

Morka riss die Augen auf, doch Saurfang drehte sich um und brüllte: „Malfurion Sturmgrimm! Ich fordere Euch zum Mak’gora heraus!“

Seine eigenen Worte kamen ihm fremd und absonderlich vor. Welchen Sinn konnte ein Nachtelf an einem orcischen Duell finden, das nur einer überleben würde? Es spielte keine Rolle. Malfurion war wegen Saurfang hier. Er würde sich nicht mit der Verfolgung seiner Ratgeber befassen.

Saurfang blickte zu den anderen Kriegern der Horde im Gasthaus hinüber. In Anbetracht ihrer Verwirrung erhob er seine Stimme noch intensiver. „Sturmgrimm gehört mir, Ihr fauligen Maden! Wenn Ihr das Gasthaus nicht innerhalb von fünf Sekunden verlassen habt, werde ich Euch persönlich töten!“

Morka sah zornig aus, doch sie gehorchte. Sie griff die Transportrolle mit den Karten und rannte aus dem Gebäude. Der Rest folgte ihr rasch.

Malfurion wandte seinen Blick nicht von Saurfang ab. „Ein Duell, Saurfang?“, fragte er ruhig – eine Ruhe, die sich mit jener im Auge des Sturmes vergleichen ließ. Eine Ruhe wie die Erde eines frisch ausgehobenen Grabes. Der Erzdruide ging langsam auf Saurfang zu. „Glaubt Ihr, ich hätte auch nur das geringste Interesse an einem Duell?“

„Es steht Euch frei zu fliehen, wenn Ihr Euch fürchtet“, sagte Saurfang. Er versuchte, Zeit zu schinden. Das war alles. Saurfangs einzige Hoffnung auf den Sieg bestand darin, dass die jüngsten Truppenbewegungen der Horde an Sylvanas übergeben werden konnten, sodass die Schlacht fortgesetzt werden konnte. „Oder nehmt es mit mir auf und seht, ob ich fallen werde.“

Malfurion sagte nichts. Er hob die Arme. Das Gasthaus erzitterte. Die hölzernen Dielen und Dachbalken knarzten und ächzten.

Saurfang bleckte die Zähne. Die Macht der Natur lag nicht in dem Hieb einer Faust oder dem Stoß einer Klinge. Sie wirkte dort, wo ein Wald durch eine Feuersbrunst verzehrt und doch nach nur einigen Jahren zurückkehren konnte. Sie wirkte dort, wo eine mächtige, sich selbst überlassene Stadt nach nur einem einzigen Jahrzehnt vom Wachstum der Pflanzen verschlungen wurde. Sie wirkte in tausend Generationen von Jägern und Beute, die denselben Instinkten ihrer Vorfahren folgten.

In den Händen eines Druiden konnte die Macht der Jahrhunderte in eine Minute gebündelt werden. In Malfurions Händen …

Dieses Gasthaus und alles in seinem Inneren würde binnen Sekunden wieder der Erde anheimfallen.

Saurfang sprang mit erhobener Axt vor, während Ranken und Wurzeln das Gasthaus auseinanderrissen. Malfurion wich seinem Schlag mühelos aus und die Metallklauen an seinen Händen rasten auf Saurfangs Schädel zu. Der Orc schlug sie mit dem Stiel seiner Axt zur Seite. Gerade so.

Saurfang brüllte, seine Axt sauste mit einem Pfeifen durch die Luft und Malfurions zweiter Schlag bohrte sich in die Lücke, wo Saurfangs Schulterplatten an den Rest seiner Rüstung anschlossen.

Blut tropfte auf den Boden. Wurzeln, zahllose Wurzeln, ein ganzer Wald an Wurzeln griff nach Saurfangs Knöcheln. Er wich ihnen gekonnt aus und hackte auf die Pflanzen ein, wann immer sie ihn zu fassen versuchten.

Als Teile des Gasthauses rund um seinen Kopf herabzustürzen begannen, akzeptierte der Orc seinen Tod. Gegen eine Kreatur wie Sturmgrimm lag keine Schande in der Niederlage. Saurfang musste schlichtweg seinem Ende entgegenblicken, jedoch ohne dabei zu kapitulieren.

Ein plötzlicher Stoß riss ihn von den Füßen und ließ sein Sichtfeld verschwimmen. Saurfang schloss die Augen. Es ist getan. Seine Hände wurden taub und prickelten vor der dunklen Energie, die die Ruinen des Gasthauses erfüllte …

Dunkle Energie?

Saurfang öffnete die Augen. Malfurion sah ihn nicht an. Seine Arme kreuzten sich vor seinem Gesicht, als ein in violetten Rauch getauchter Pfeil direkt vor ihm explodierte. Smaragdgrünes Licht erhob sich gegen die Dunkelheit und Malfurion stürzte sich auf Sylvanas Windläufer, die einen weiteren Pfeil angelegt und auf ihn gerichtet hatte.

Saurfang wäre aufgesprungen, doch seine Beine verweigerten sich ihm.

Dann brach das Gasthaus über ihm zusammen, und er spürte nur noch Dunkelheit und Schmerz. Doch er war nicht tot. Noch nicht.

Der Tod sollte nicht so sehr wehtun.

* * *

Die wirklich lästige Eigenschaft der Nachtelfen, grummelte Nathanos innerlich, ist, dass sie viel zu hartnäckig sind.

Die meisten Lebewesen gerieten im Angesicht einer bevorstehenden Niederlage ins Stottern. Ein verängstigtes Tier konnte mit schier unnatürlicher Geschwindigkeit davonlaufen, doch im Angesicht der Unausweichlichkeit des Todes hielt es inne. Der letzte Trost, den es sich erlauben konnte, war, nicht in einem Moment äußerster Erschöpfung zu sterben. Die Kaldorei sahen das anders. Nathanos war gezwungen, jedem einzelnen von ihnen bis zum bitteren Ende den Rest zu geben.

Der Spaß an der Jagd war ihm bereits vor einer Weile vergangen.

Unzufrieden mit sich selbst kehrte er nach Astranaar zurück. Dutzende von Nachtelfen, einschließlich Malfurion Sturmgrimm, konnten nach ihrem Angriff auf das Dorf fliehen. Nathanos hatte nur zwei davon aufgespürt und er zweifelte daran, dass irgendjemand anders auch nur einen erwischt hatte. Selbst Sylvanas würde vermutlich mit leeren Händen zurückkehren.

Andererseits verfolgte sie auch die bei weitem größte Beute. Er hatte keine Ausrede.

Das Chaos, das in Astranaar geherrscht hatte, war verflogen. Die Verwundeten wurden versorgt, die Toten waren gezählt und die Lebenden widmeten sich abermals der Schlacht, wenn sie auch ein wenig angeschlagen wirkten. Einem Wesen gegenüberzustehen, das bereits mehr als zehntausend Jahre lang über die Wildnis geherrscht hatte, war eine beispiellose Erfahrung.

Vielleicht wird die undankbare Meute der Horde dem Kriegshäuptling nun endlich den Respekt zollen, den sie verdient. Wieder und wieder war Malfurion erschienen, um die Truppen der Horde zu zerschlagen, und sie hatte ihm die Stirn geboten. Sie hatte hunderte, wenn nicht tausende Leben gerettet.

Sie hatte schon immer nicht weniger als ihre völlige Hingabe verdient, doch jetzt würde sie zudem ihre Achtung haben.

Es wurde auch Zeit.

Mehrere Soldaten durchwühlten verzweifelt die Trümmer des Gasthauses, in dem Saurfang allem Anschein nach gefallen war. Wenn die Gerüchte stimmten, war er in einem Duell mit Sturmgrimm bezwungen worden. Die Rettungsarbeit wurde von einer Orcfrau geleitet, die Nathanos wiedererkannte. Sie hat mir meinen Dolch abgerungen, dachte er belustigt.

„Ist er anständig gestorben?“, fragte Nathanos.

Morka blickte verärgert von den Trümmern auf. „Das letzte Mal, das ich ihn sah, war er noch am Leben. Wollt Ihr helfen oder nicht?“ In ihrer Stimme lag eine gewisse Schärfe.

Nathanos begann wortlos, die Trümmer fortzutragen. Ob Saurfang lebendig oder tot war, die Horde musste weitermarschieren, und den Sentimentalen unter ihnen würde das schwerfallen, solange das Schicksal des Hochfürsten nicht gewiss war.

Zehn Minuten später erschallte lautes Rufen. „Er lebt!“ Ein Meer aus Händen hievte die letzten Balken und Bretter zur Seite, und Saurfang wurde unter dem tobenden Jubel aller Soldaten in Astranaar auf die Füße gezogen. Der Orc war blutverschmiert und erschöpft, doch eindeutig lebendig.

Gut. Ich würde ungern den Tod eines derart dickköpfigen Orcs verpassen. Nathanos wartete, bis die Heiler den Schaden begutachten konnten – ein paar Schnittwunden, einige angeknackste Rippen und jede Menge blaue Flecken, die jedoch allesamt leicht zu verarzten waren – bevor er auf den Hochfürsten zutrat. Saurfang saß auf den Trümmern, gönnte sich eine Atempause und blickte auf den Boden.

„Habt Ihr Euch gut ausgeruht?“, fragte Nathanos.

Saurfang hustete und schnaubte. „Der beste Schlaf, der mir seit Tagen vergönnt gewesen ist. Wie läuft die Schlacht?“

„Sagt Ihr es mir, Hochfürst“, antwortete der Verlassene. „Was ist unser nächster Schachzug?“

„Ist Sturmgrimm Euch abermals entkommen?“ Saurfang starrte ihm ausdruckslos entgegen.

Nathanos unterdrückte einen Anflug von Zorn. „Nachdem er Euch entkommen ist, ja.“

Saurfang spuckte auf den Boden. „Dann fahren wir fort wie geplant. Was melden unsere Späher? Wohin ziehen die Nachtelfen sich zurück?“

Morka antwortete ihm. „Sie verlassen das Eschental. Wir glauben, dass sie dieses Land aufgeben.“

Ein Raunen ging durch die versammelten Krieger. Die auf der Straße stehenden Soldaten wichen zur Seite. Sylvanas Windläufer war zurückgekehrt und hielt direkt auf Nathanos zu.

Unglücklicherweise trug sie Malfurions Kopf nicht in ihren Händen.

Saurfang erhob die Stimme. „Stimmt es, Kriegshäuptling? Haben sie dieses Gebiet aufgegeben?“

Sylvanas nickte. Sie sprach zu den versammelten Soldaten. „Das Eschental gehört der Horde.“

Jubel erklang und breitete sich rasch aus. Die Krieger hoben ihre Fäuste und Waffen und stimmten in ein Siegesgeheul ein. Nathanos lächelte nicht. Der Krieg war noch nicht gewonnen.

Sylvanas wandte sich Saurfang zu. Sie sprach mit gesenkter Stimme, sodass nur Saurfang und Nathanos unter dem Getöse der Horde sie hören konnten. „Könnt Ihr weiterkämpfen, Hochfürst? Seid Ihr bereit für das Ende?“

Saurfang schlug die flache Seite seiner Axt gegen seine Rüstung. „Ich bin bereit, Kriegshäuptling. Erobern wir Darnassus zu Ehren der Horde.“

* * *

Die Nachtelfen hatten sich restlos aus dem Eschental zurückgezogen. Sobald die Horde begriffen hatte, dass es keine Hinterhalte, keine Fallen und keine Feinde mehr gab, raste sie voran. Alle wollten sie an vorderster Front stehen, wenn es so weit wäre, den Weltenbaum zu stürmen. Die Verheißung des Ruhmes beflügelte die Gedanken eines jeden Soldaten – dessen war sich Saurfang sicher.

Die Frontlinien der Armee erreichten die Westküste Kalimdors innerhalb weniger Stunden. Saurfang verschaffte sich schnell einen Überblick über das Terrain. Der Pfad aus den verzauberten Wäldern des Eschentals bog gen Norden in einen kleineren Wald ab. Dieser Pfad würde den ganzen Weg bis an die Dunkelküste führen.

Sie sollten auf erbitterten Widerstand stoßen. Die Nachtelfen hatten das Eschental aufgegeben, weil es keine weiteren Positionen bot, um Widerstand zu leisten. Doch hier, entlang der Küste, wurde der Wald von unpassierbaren Bergketten eingezäunt. Dort war er nur ein schmaler Streifen Land. Darnassus’ letztes, verzweifeltes Gefecht würde sich gewiss hier abspielen.

Malfurion würde das Kommando haben. Je länger die Horde wartete, desto mehr Zeit hatte der Erzdruide für die Vorbereitungen.

Saurfang wies die Truppen an, kurz an der offenen Küste nahe den Ruinen des Außenpostens von Zoram’gar Halt zu machen. Die Nachtelfen würden sich nicht aus der Sicherheit der Bäume hervorwagen, um auf offenem Feld anzugreifen, also war der Horde hier die Gelegenheit vergönnt, ihre beschädigte Ausrüstung zu reparieren, zu essen, zu trinken, sich auszuruhen und ihre Wunden zu versorgen, ohne Vergeltungsaktionen befürchten zu müssen.

„Wir sind unserem Ziel nahe, Horde“, sagte Saurfang. „Das ist Eure letzte Chance, Euch auszuruhen. Macht Euch bereit. Wir werden den Weltenbaum vor Einbruch der Nacht erobern.“

Saurfang und Sylvanas beugten sich noch einmal über die Karte, um ihre letzten Schritte zu planen. Sie waren sich einig, dass es keine Notwendigkeit für komplizierte Manöver gab – vorstoßen, den Feind ausfindig machen und ihn so gut aus dem Weg räumen, wie es ihnen möglich war.

„Ich werde den Angriff führen“, sagte Saurfang. „Ihr solltet zurückbleiben.“

Der Kriegshäuptling hob eine Augenbraue. „Malfurion wird dort sein, Hochfürst“, sagte sie.

„Ich möchte, dass er seine gesammelten Kräfte einsetzt. Sturmgrimm will mich tot sehen. Er wird alle Register ziehen. So können wir den Zustand seiner Verteidigung erahnen und einen Plan entwerfen, sie zu überwältigen.“

Sylvanas Mundwinkel zuckten. „Ich werde mich an den Rand des Waldes zurückziehen, wenn Ihr es so wünscht.“ Es war offensichtlich, dass sie nicht mit seinem Überleben rechnete.

Er konnte es ihr nicht verübeln.

Es gab keinen Mangel an Freiwilligen, die Saurfang begleiten wollten. Innerhalb von zehn Minuten machte er sich mit mehr als hundert Soldaten an seiner Seite auf den Weg in den nördlichen Wald. Sie hielten einen gewissen Abstand zueinander, waren jedoch noch eng genug beisammen, um gemeinsam zu kämpfen. Saurfang umklammerte seine Axt und ließ seine Augen entlang der vor ihm stehenden Bäume wandern, darauf wartend, dass Sturmgrimm sich zeigte.

Mehrere Minuten verstrichen. Die Horde marschierte vorwärts, Schritt um Schritt und völlig lautlos, abgesehen vom Geräusch, das ihre Stiefel auf der laubbedeckten Erde machten. Das Terrain war zwar nicht flach, doch auch nicht schwierig zu überqueren. Kleine Bäche wanden sich durch den Wald und jedes Mal, wenn Saurfang einen von ihnen passierte, rechnete er damit, dass Pfeile auf seinen Kopf fliegen oder Wurzen nach seinen Knöcheln greifen würden, um ihn unter Wasser zu ziehen. Es geschah nichts. Ein paar Irrwische huschten durch die Luft, doch sie stellten in geringer Anzahl keine Gefahr dar. Die meisten von ihnen blieben weit oben zwischen den Zweigen.

Der Wald war ruhig. Still. Leer. Die Krieger der Horde blickten wieder und wieder nach oben zu den Baumwipfeln hinauf, doch das Blattwerk hier war nicht so dicht wie im Eschental. Die Irrwische dort oben leuchteten und verbannten so auch noch die letzten Schatten. Die Nachtelfen konnten die Horde von dort oben unmöglich überraschen.

Sie können diesen Ort unmöglich aufgegeben haben, dachte Saurfang. Aber so schien es.

Schon bald konnte er die sandigen Ufer der Dunkelküste zwischen den Bäumen aufblitzen sehen, und dennoch war kein Feind in Sicht. In der Ferne konnte er Bewegungen ausmachen – Zivilisten der Nachtelfen am Ufer, die vom Weltenbaum geflüchtet waren. Einige von ihnen zeigten auf Saurfang und die Horde und stießen Warnrufe aus.

Wartet Malfurion auf den Einbruch der Nacht? Die Sonne neigte sich dem Horizont zu, doch die Horde würde die Dunkelküste lange vor der Dämmerung einnehmen, wenn sie nicht auf Widerstand trafen.

Saurfangs Nackenhaare sträubten sich. Sein Instinkt sagte ihm, dass er in eine Falle marschierte, aber sich zurückzuziehen, ehe er sie ausgelöst hatte, würde ihn auch nicht weiterbringen. Er ging voran. Wir müssen Malfurion dazu zwingen, sich zu zeigen.

Ein Irrwisch flog an Saurfang vorüber. Gedankenverloren schlug er ihn mit seiner linken Hand zur Seite. Er spürte einen stechenden Schmerz – der Irrwisch schien Saurfangs freie Handfläche anzugreifen. Er schoss um ihn herum, ehe er sich auf seinem Kopf niederließ.

Saurfang knurrte, als der Irrwisch ihm abermals einen Schlag zufügte. Mit einem mächtigen Hieb schlug er ihn von sich. Weitere Irrwische schwebten hoch in den Baumwipfeln und schossen aufgeregt hin und her. Saurfang vermutete, dass es ihnen nicht gerade gefallen hatte, was er soeben getan hatte.

Geflüsterte Flüche und Gegrunze erregten seine Aufmerksamkeit. Auch andere Krieger der Horde schlugen auf die Irrwische ein. Saurfang hielt inne. Es war nicht unüblich, dass Irrwische sich kurz vor dem Sonnenuntergang versammelten, aber sie waren nicht aggressiv. Normalerweise.

Doch er hatte so etwas schon einmal erlebt, oder?

Hoch über dem Hyjal war ein Dämonenfürst auf Nordrassil zumarschiert, um dessen Macht für die Brennende Legion zu gewinnen. Saurfang hatte in dieser Schlacht gekämpft und verzweifelt dem Ansturm der Dämonen standgehalten …

… während Malfurion Sturmgrimm seine Vorfahren um Hilfe anrief …

… und Tausende, nein Millionen von Irrwischen waren seinem Ruf gefolgt …

In geringer Anzahl waren Irrwische harmlos.

Doch mit gebündelten Kräften …

„Rückzug!“, schrie Saurfang. „Horde, auf der Stelle zurück! Lauft!“

Der Großteil der Krieger folgte seinem Ruf, doch einige erkannten die Gefahr nicht und setzten sich zu langsam in Bewegung.

Eine donnernde Stimme hallte durch den Wald und mit ihr das Versprechen auf Rache. „Ash karath“, sagte Malfurion Sturmgrimm.

Die Irrwische ließen sich wie eine bewegliche, doch unnachgiebige leuchtende Mauer von den Zweigen herabsinken. Sie umschlossen die Nachzügler und jene, die zu langsam waren, in einem Kokon des Lichts, aus dem nur noch qualvolle Schreie nach draußen drangen.

Lauft!“, schrie Saurfang abermals und dieses Mal gab es kein Zögern. Die Horde floh und ließ bei ihrem verzweifelten Rückzug Waffen, Schilde und Rüstungen fallen. Von ihnen war niemand an jenem Tage am Hyjal gewesen, doch sie alle kannten die Geschichte.

Irrwische zerrten an der Rüstung des Hochfürsten. Er hielt die Arme schützend über sein Gesicht und rannte, so schnell er konnte. Die zornige Hitze der Irrwische – die Wut der Vorfahren der Kaldorei – versuchte, sich durch seine Rüstung zu brennen und das Fleisch darunter zu versengen, versuchte, sich in seine Knochen und Eingeweide zu bohren und ihn bei lebendigem Leibe zu zerreißen.

Die Macht der Irrwische hatte einen Dämonenfürsten zu Fall gebracht. Die Sterblichen der Horde würden sie niedermetzeln.

Saurfangs gepanzerte Stiefel waren schwer und drohten an jeder Wurzel und jedem Stein auf seinem Pfad hängenzubleiben. Hier das Gleichgewicht zu verlieren würde den Tod bedeuten, doch er rannte weiter, bis sich die Bäume endlich lichteten und er wieder am Ufer stand. Schwer keuchend drehte er sich um, um zu sehen, wie viele andere die Flucht schaffen würden.

Über hundert Krieger der Horde hatten den Wald betreten. Weniger als ein Dutzend hatten ihn am Ufer nahe dem Außenposten von Zoram’gar wieder verlassen. Die Irrwische schwirrten zornig in unregelmäßigen Mustern am Waldrand hin und her und warteten darauf, dass die Horde sich abermals in ihre tödliche Umschlingung begab. Sie bildeten einen lückenlosen Wall von der Küste bis zu den Bergen. Der gesamte Wald zum Norden hin war durch sie geschützt.

Sylvanas stand bewegungslos auf dem freien Feld und beobachtete das Geschehen mit einem unergründlichen Ausdruck in ihrem Gesicht.

Die Irrwische teilten sich an der Mittellinie des Waldes, gerade weit genug, um den Soldaten der Horde einen Blick tief in den Wald hinein zu gewähren. Dort, auf einem kleinen Hügel, standen Malfurion Sturmgrimm und viele weitere seiner Brüder und Schwestern der Kaldorei.

„Bis hierher und nicht weiter“, sagte Malfurion. Seine Stimme hallte durch den Wald und über die freiliegende Küste hinweg. „Die Horde unternimmt keinen weiteren Schritt in unser Land. Nicht, ohne mit dem Leben dafür zu bezahlen. Das schwöre ich.“

Die Irrwische schlossen die Lücke und Malfurion verschwand.

Sylvanas wandte den Blick nicht von der Stelle ab, an der er gestanden hatte.

Saurfang starrte eine Weile ins Nichts und versuchte, seine Gedanken zu ordnen. Der Moment des Schreckens war verflogen. Jetzt betrachtete er die Geschichte aus Sicht des Taktikers. Die Irrwische würden nicht vom Fleck weichen und sich auf jeden Feind stürzen, der sich ihnen näherte.

Wir können diese Linie nicht überschreiten. Nicht leichtfertig. Er könnte seine gesamte Armee in diese Todesfalle schleudern, doch er war sich nicht sicher, ob die Horde es überstehen konnte. Er könnte jedem seiner Magier befehlen, die Bäume in Brand zu stecken, doch er war sich nicht sicher, ob die Flammen sich ausbreiten würden – die Irrwische könnten das Feuer einfach umkreisen und die Hitze ableiten.

Belagerungswaffen. Das war die Antwort – Fernangriffe in hohem Bogen auf den Wald aus sicherer Distanz, bis Malfurion und seine Verbündeten den Rückzug antreten mussten. Die Horde hatte das Ufer bereits erobert. Alles, was Saurfang tun musste, war …

„Allianz! Allianzschiffe! Aus Südwesten!“

Der Schrei bohrte sich durch seine Gedanken und Saurfang wurde schwer ums Herz. Das Donnern der Geschosse brachte das Meer zum Wogen. Gleven und Kanonenkugeln sausten über das Wasser, Explosionen erschütterten das ungeschützte Ufer und rissen gewaltige Kluften in die Reihen der Horde.

Die Nachtelfenflotte war zurückgekehrt. Vielleicht hatten die Schiffe sogar außer Sichtweite hinter den Klippen der Küste darauf gewartet, dass die Horde Malfurion in die Falle lief. Jetzt konnten sie die Armee der Horde ohne jeglichen Widerstand unter Beschuss nehmen.

Die Nachtelfen haben ihr Wunder gefunden. Die Horde konnte das Ufer nicht halten. Ihnen blieb nur der Rückzug oder der sinnlose Tod. „Zurück zu den Bäumen! Zurück ins Eschental!“, schrie Saurfang.

Seine Untergebenen trugen den Befehl weiter, und bald darauf setzte sich die Horde in Bewegung. Zurück. Der Beschuss der Allianz verfolgte sie den ganzen Weg bis zum Schutz der Wälder im Osten.

Sylvanas rührte sich nicht. Sie würdigte das Geschehen auf dem Meer kaum eines Blickes. Saurfang und seine Wachen blieben in ihrer Nähe am Rand des nördlichen Waldes stehen. Die Flotte würde sie nicht unter Beschuss nehmen, nicht hier, so nah an den Geistern ihrer Ahnen.

„Die Nachtelfen haben uns ausmanövriert, Hochfürst“, sagte Sylvanas. Sie klang verärgert.

„Ja, das haben sie.“

„Wir können nicht durch den Wald marschieren und wir können unsere Belagerungsmaschinen nicht an die Küste bringen, ohne sie zu verlieren“, sagte sie. „Die Verstärkung der Allianz wird eintreffen, bevor wir diese Verteidigungsfront auf direktem Wege überwinden können. Seht Ihr das genauso?“

„Ja, Kriegshäuptling.“ Saurfang konnte keine Lösung für dieses Problem finden. Und ja, der „direkte Weg“ würde zu lange dauern, wenn er denn funktionieren würde. Vielleicht – vielleicht – konnte die Horde im Zusammenspiel einer Gruppe aus Magiern, Hexenmeistern und Schamanen die Irrwische Baum für Baum zurückdrängen und den Wald Schritt für Schritt roden. Aber all das, während sie unter Beschuss von der Küste standen? Es würde Wochen dauern. Die Verstärkung der Allianz würde eintreffen und das Überqueren des Gewässers von der Dunkelküste aus unmöglich machen.

So wie es aussah, würden die Nachtelfen diese Schlacht gewinnen.

Jetzt war es die Horde, die ein Wunder brauchte.

Sylvanas trat näher an die Irrwische heran und betrachtete sie gelassen. Saurfang knirschte mit den Zähnen, doch er sagte nichts. Sie richtete sich vor dem Wall aus surrenden Lichtern auf, als würde sie Malfurion selbst die Stirn bieten. Und womöglich war es auch in gewisser Weise so.

Sylvanas drehte sich um. „Ich bin bereit, Malfurion allein entgegenzutreten.“

Saurfang war sich nicht sicher, ob er je eine schlechtere Idee gehört hatte. Nicht unter den gegebenen Umständen. „Kriegshäuptling…“

Sie schnitt ihm das Wort ab. „Ich weiß. Ich würde mich ihm, seiner verbliebenen Armee und den Geistern seiner Vorfahren allein stellen. Das wird … schwierig sein“, sagte sie trocken. „Aber wir haben sie fast überwältigt. Ich werde jetzt nicht aufgeben.“

Die Nachtelfenschiffe feuerten abermals. Die Geschosse landeten ganz in der Nähe und wirbelten bei ihrem Aufprall Fontänen aus Sand in die Luft. Einige von Saurfangs Wachen zuckten zusammen. Doch nicht Sylvanas. Und auch nicht Saurfang. Sie testen nur ihre Reichweite, wusste er.

„Irrwische sind nur in großer Anzahl gefährlich“, sagte Saurfang. „Könnt Ihr … sie töten, Kriegshäuptling? Genug von ihnen?“

Sylvanas betrachtete die Irrwische einige Momente lang und schüttelte dann den Kopf. „Nicht genug, um einen Unterschied zu machen. Aber wir können sie zerstreuen. Nehmt die Krieger, die Ihr benötigt, Saurfang, und geht in den Teufelswald. Findet einen Pfad über die Berge zur Dunkelküste und dringt von der Nordseite in dieses Waldstück ein. Sobald ich Euren Angriff höre, führe ich den Rest der Horde von hier aus hinein. Wir werden Malfurion von beiden Seiten zusetzen. Er wird noch heute fallen.“

„Kriegshäuptling, es gibt keinen Weg durch den Teufelswald“, sagte Saurfang.

„Findet einen oder schafft ihn Euch selbst“, erwiderte sie kalt. „Überlasst die Belagerungsmaschinen mir, sie und jede Eurer Wachen, die schwimmen kann.“

„Schwimmen?“, hakte Saurfang nach.

„Ich werde sie brauchen, um die Flotte zu erledigen“, sagte sie.

* * *

„Wie viele Schmuggler kennt Ihr?“, fragte Saurfang.

Nathanos sah ihn irritiert an. „Wie bitte?“

„Der Kriegshäuptling hat uns befohlen, einen Weg über die Berge in den Teufelswald zu finden.“ Saurfang legte seine Rüstung ab und spritzte sich ein wenig Wasser ins Gesicht, ehe er den Rest des Trinkschlauchs in einem Zug leerte. Es würde eine beschwerliche Reise werden. „Es gibt dort oben eine Straße nach Winterquell. Sofern ich nicht glauben soll, dass der Schwarzmarkt alle seine Waren durch Azshara verschifft,“ – wobei, wenn Gallywix involviert ist, sollte mich nichts überraschen – „dann muss es einen geheimen Pfad irgendwo im Teufelswald geben. Einen Pfad mit Zugang zur Dunkelküste, fernab der wachsamen Augen der Kaldorei.“

„Die meisten Schmuggler preisen ihre Taten nicht an“, sagte Nathanos. „Und sie werden sicherlich nicht die Aufmerksamkeit des Hochfürsten suchen.“

„Das sind die Befehle des Kriegshäuptlings, Pestrufer“, knurrte Saurfang. „Wir brauchen bloß einen Schmuggler, dessen Treue zur Horde ihm mehr bedeutet als sein Profit. Kennt Ihr wirklich niemanden, der helfen kann?“

„Ich kenne jemanden“, sagte Nathanos knapp.

„Findet diese Person und bringt sie mir.“ Saurfang wandte sich seinen Wachen zu. „Wer unter Euch kann gut schwimmen?“

Fast alle von ihnen hoben die Hand.

Morka trat an ihn heran. „Ich möchte Euch begleiten, Hochfürst.“

Er schüttelte den Kopf und legte seine Rüstung wieder an. „Was mir fehlt, ist Geschwindigkeit, kein Schutz. Und der Kriegshäuptling braucht gute Schwimmer. Folgt ihren Befehlen. Ich werde Euch alle wiedersehen, wenn die Schlacht vorüber ist.“

Saurfang schwang sich in den Sattel eines Waldwolfs und ergriff die Zügel. Viele weitere Reiter machten sich für die Reise bereit. „Der Teufelswald wird uns nicht freundlich gesinnt sein“, sagte er ihnen. „Doch wir werden erfolgreich sein, sonst wird die Horde untergehen. Aufsitzen!“

Er grub seine Fersen in die Seiten des Wolfs. Das Tier machte einen Satz nach vorne und hechtete auf das Eschental zu. Nathanos fluchte vor Zorn, als Saurfang ihn zurückließ.

Es tat Saurfang nicht einmal ein bisschen leid. Er wird schon aufholen. Wenn es eines gab, das Nathanos niemals tun würde, dann den Kriegshäuptling zu enttäuschen.

Die Kolonne der Reiter erstreckte sich hinter Saurfang. Der von ihnen aufgewirbelte Staub hing in der Luft und dämpfte den Glanz der untergehenden Sonne.

* * *

Die Dämmerung brach über die Küste herein. Sylvanas blieb nur wenige Schritte von den Schwärmen der Irrwische entfernt am Waldrand stehen. Sie zitterten und sprangen zwischen den Bäumen hin und her, durch ihre Anwesenheit sichtlich aufgebracht. Sie konnte ihren Hass spüren, ihren Zorn. Selbst diese sanftmütigen Geister der gefallenen Kaldorei hassten Sylvanas dafür, was sie war.

Sie ließ ihren Hass über sich ergehen. Das Wissen, dass sie sie so sehr verachteten, verbreitete in ihr ein wohlig-süßes Gefühl. Sie würden sie nur zu gerne in Stücke reißen, aber dafür müssten sie den Schutz der Bäume verlassen und sich verwundbar machen. Selbst nach dem Tod krallten sich diese Wesen noch an ihre Existenz.

Sie konnte diesen Impuls gut nachvollziehen.

Einer der Irrwische zischte besonders aufgeregt hin und her und zitterte dabei vor Zorn. Sylvanas schenkte ihm ein Lächeln. „Haltet mich doch auf, wenn Ihr es könnt“, flüsterte sie.

Der Irrwisch sprang im Alleingang vor und surrte direkt auf den Kopf des Kriegshäuptlings zu. Sie fing ihn zwischen ihren Händen und der Geist kreischte panisch. Er schimmerte, während er sich vor Verzweiflung wand.

Sylvanas hielt ihn vor ihr Gesicht, um ihn gründlich zu mustern. „Ihr wünscht, die Lebenden zu schützen?“, fragte sie.

Das Licht des Irrwischs flackerte angsterfüllt.

„Ist das alles, was Ihr Euch jetzt erträumen könnt? Eure Nachfahren zu verteidigen?“ Sie umschloss den Irrwisch mit beiden Händen, sodass er nicht entkommen konnte. Er hüpfte in seinem Versuch zu fliehen zwischen ihren Handflächen hin und her. „Ihr seid im Leben daran gescheitert, warum sollte es im Tod anders sein?“

Sie drückte die Hände zusammen, und der Lebensfunke des Geistes knisterte und erstarb. Als sie sie wieder öffnete, war nur schwarzer Staub zurückgeblieben. Sie wischte ihn sich von den Händen und wandte sich vom Wald ab.

Bald, Malfurion. Bald.

Die Schiffe der Nachtelfen feuerten erneut, doch ohne Ziel; die Geschosse landeten auf dem verlassenen Ufer und töteten dort nichts außer ein paar Kriechern. Nicht mehr als ein Einschüchterungsmanöver.

Die Späher der Horde hatten durch ihre Fernrohre geblickt und Sylvanas die Informationen gegeben, die sie brauchte. Die Schiffe waren vollständig bemannt und verfügten über ein Bogenschützenkontingent sowie eine ausreichende Menge an Vorräten, um eine langfristige Mission im Süden Kalimdors zu ermöglichen.

Die vernünftigste Lösung wäre, die Flotte mit einem Artilleriebombardement zum Rückzug zu zwingen. Doch das würde den Verlust fast jeder ihrer Belagerungsmaschinen bedeuten. Sylvanas würde diesen Befehl nur als letztes Mittel geben.

Für den Moment tat sie nichts. Sie konnten da draußen sitzen und auf das Ufer feuern, und sie konnte warten. Sie würde die Zeit nutzen, die nächste Phase der Schlacht vorzubereiten – die letzte Phase, komme, was wolle.

Sie kehrte zur in den östlichen Wäldern wartenden Armee zurück. „Soldaten der Horde, hört gut zu …“

* * *

„… Ihr werdet in der Unterzahl sein. Euch nicht mit den Waffen Eures Feindes messen können. Wenn Ihr gesehen werdet, werden sie Euch töten. Selbst wenn Ihr unentdeckt bleibt, könnten Eure Brüder und Schwestern der Horde Euch versehentlich töten“, hatte Sylvanas ihnen gesagt. Dann hatte sie gelächelt. „Also … wie viele von Euch möchten sich freiwillig melden?“

Alle hatten sich vor ihr versammelt und die Hand gehoben, auch Morka. Was für eine Geschichte das für meine Kinder abgeben wird, hatte sie gedacht. Selbst wenn sie nicht überlebten, würde jeder, der an dieser Mission teilnahm, auf ewig in den Kriegsliedern der Horde weiterleben. Dessen war sie sich sicher.

„Nun gut“, hatte Sylvanas gesagt. „Belagerungseinheiten, Ihr bleibt in Deckung, bis Ihr mich in den nördlichen Wald hineingehen seht. Erst dann werdet Ihr Euch auf den Strand begeben und mit dem Beschuss beginnen. Angriffstrupp, Ihr schwimmt los, sobald Saurfang mit seinem Angriff beginnt.“

Wie befohlen hatten sich die Freiwilligen in kleine Gruppen aufgeteilt. Fünfzehn pro Schiff – so lautete der Plan. Gegen eine volle Besatzung aus Kaldorei war jede Gruppe tatsächlich in der Unterzahl. Doch sie hatten nicht vor, in einem fairen Kampf zu gewinnen, oh nein. Sylvanas hatte jeder Belagerungseinheit einen Magier zugeteilt. Wenn die Horde zurückschoss, würden sie es mit unbeständigen, hochexplosiven und arkanverzauberten Geschossen tun, die ein gesamtes Schiff in Brand setzen konnten.

Morka zog ihre Rüstung aus und behielt nur ein paar kleine Dolche an ihrem Ledergürtel. Sie würde unter dem Trommelfeuer der Artillerie hindurchschwimmen, um die Schiffe zu zerstören, die sich außerhalb der Reichweite der Belagerungswaffen befanden.

Oder besser noch, dachte Morka, sie für die Horde erobern.

Vom Kriegshäuptling gestattete Piraterie. Was konnte es Besseres geben?

* * *

Nathanos’ Verärgerung war abgeklungen, lange bevor er zu Saurfang aufgeschlossen hatte. Er klammerte sich an die Zügel eines Raptors der Dunkelspeere, während dieser durch den Teufelswald raste. Das Tier schnaufte mit jedem Schritt, doch es hatte selbst mit zwei Reitern auf seinem Rücken den ganzen Weg vom Eschental sein Tempo beibehalten.

Der andere Reiter, ein Troll namens Rejiji, hatte sich den ganzen Weg über beschwert. „Hätt’ ja ruhig ’n bisschen aufreg’nder sein könn’“, sagte er wieder und wieder.

Endlich erblickte Nathanos Saurfangs großen Kriegertrupp auf dem Pfad vor ihm. Der Raptor kam schlitternd zum Stehen, und Rejiji wurde von seinem Rücken geschleudert und landete unsanft auf dem Boden.

Nathanos sprang geschickt vom Raptor ab, um nach dem Troll zu sehen. Es wäre ja noch schöner gewesen, wenn die einzige Informationsquelle der Horde sich bei einem unsinnigen Unfall den Hals gebrochen hätte. Rejiji sprang jedoch sogleich wieder auf die Füße, sein Gesicht rot vor Scham.

Saurfang tat, als habe er das Missgeschick nicht gesehen. „Nathanos. Es ist uns nicht möglich gewesen, eine Route zu finden. Habt Ihr die Antwort auf die Sorgen der Horde gefunden?“

„Das habe ich“, sagte Nathanos und zeigte auf den Troll. „Der hier hatte enge Kontakte zum Splitterspeerstamm.“

Saurfang runzelte die Stirn. „Splitterspeer?“

„Lebt’n früher an der Dunkelküste“, sagte Rejiji und klopfte sich den Staub vom Mantel. „Aber nach’m Kataklysmus sindse gefloh’n.“

„Und es gibt einen Pfad, der den Teufelswald und die Dunkelküste miteinander verbindet?“, fragte Saurfang.

Rejiji reckte das Kinn. „Soweit ich weiß. Da sin’ schon viele rüber. Is’ kein leichter Weg, aber ich hab gehört, wir nehm’n alles, was wir krieg’n könn’.“

„Das habt Ihr richtig gehört.“ Saurfang warf Nathanos einen argwöhnischen Blick zu. „Aber Ihr habt diesen Pfad nie selbst beschritten?“

„Nein, Hochfürst“, antwortete der Troll.

„Könnt Ihr ihn finden?“

Der Troll zuckte mit den Achseln. „Schätz’ schon.“

* * *

Bis zum Mittag war Saurfang erschöpft.

Der Troll hatte nicht gelogen, als er sagte, die Reise würde nicht einfach werden. Die Route zur Dunkelküste war eher eine Klippe als ein Pfad. Doch die steile Felswand besaß genügend Nischen und natürliche Stufen, dass die Truppen der Horde den Berg auf der einen Seite erklimmen und auf der anderen wieder hinabsteigen konnten. Ihre Reittiere hatten sie zurücklassen müssen, doch das war nicht gänzlich unerwartet gewesen.

Die meisten Soldaten hatten die Kletterpartie gemeistert. Einige waren ausgerutscht und würden mit gebrochenen Knochen zurück durch den Teufelswald reiten müssen.

Rejiji hatte den Weg mit einer Gewandtheit beschritten, als hätte er es bereits tausend Male zuvor getan. Vermutlich hat er das auch, dachte Saurfang. Die Lüge schürte keine Wut in ihm. Nathanos hatte recht – kein Schmuggler würde sich vor dem Hochfürsten als solcher offenbaren. Wenn der Troll vorgeben wollte, er habe dieses Wissen von flüchtenden Trollen der Splitterspeere gewonnen, dann würde Saurfang dieses Spiel mitspielen, auch wenn die hier und dort befestigten Seile und Flaschenzüge den Weg eindeutig als Schmugglerroute erkenntlich machten.

Als sie den Gipfel erklommen hatten, bot sich Saurfang zum ersten Mal seit sehr langer Zeit ein freier Ausblick über die Dunkelküste. Gen Norden konnte er den ganzen Weg bis zum Weltenbaum blicken, und nach Süden hin reichte die Sicht noch fast bis an den Ort, an dem die Horde gerade festsaß.

Am Fuße der Berge, an der Dunkelküste, konnte er Zivilisten der Nachtelfen an den Stränden umherlaufen sehen. Sie waren in kleinen Booten von Darnassus an die Küste gekommen, und es erweckte den Anschein, als warteten sie auf größere Passagierschiffe, um eine lange Reise zu bewältigen.

Saurfang lenkte Nathanos’ Aufmerksamkeit auf die kleinen Boote. Sie waren nur dürftig geschützt. Sie würden zerstört werden, sobald die Nachtelfen begriffen hatten, dass die Schlacht unwiederbringlich verloren war. „Sichert sie, sobald wir die Küste erreichen“, sagte er leise. „Sie werden uns bei der Eroberung des Weltenbaums von Nutzen sein.“

Er hatte sich mental bereits auf Nathanos’ Einwände gefasst gemacht, doch der Verlassene willigte ein. „Ich möchte beim ersten Vorstoß gegen Darnassus dabei sein“, sagte er.

„Gut“, erwiderte Saurfang. „Wir werden auf den Kriegshäuptling warten, um uns zu begleiten.“

Er konnte die Überreste der Nachtelfenarmee zwischen den Bäumen ausmachen. Sie hatten sich um Malfurion Sturmgrimm versammelt, der auf einem Hügel im Mittelpunkt des Waldes stand.

Es waren keine Irrwische in seiner Nähe. Sie hatten sich alle an der Front versammelt, wo sie den Großteil der Streitmacht der Horde abwehrten.

Saurfang und seine Gefolgsleute kletterten lautlos zu den Ruinen des Splitterspeerlagers hinunter. Es war verlassen, abgesehen von einer großen Fuchsfamilie, die sofort in den Untergrund verschwand, als sie die Horde herankommen sah.

„Ihr wisst, was zu tun ist“; flüsterte er seinen Truppen zu. „Ihr kennt das Ziel.“

Er linste über den Rand einer Erhöhung zu den nichtsahnenden Kaldorei hinüber. „Wir erobern die Küste, wir erobern den Wald, und dann erobern wir Darnassus.“

Saurfang schwang sich über den Hügel und stürmte hinab. Nathanos und der Rest, mehrere hundert Krieger der Horde, die ihrem Hochfürsten über die Berge gefolgt waren, hielten mit ihm Schritt, in ihrem Kriegsgeheul vereint.

„Für die Horde!“

* * *

Sylvanas lächelte. Die Irrwische flimmerten. Sie sahen verwirrt aus. Unentschlossen. Einige von ihnen verließen die Front und eilten zurück ins Gehölz.

Ein unverkennbarer Schrei hallte durch den Wald. „Für die Horde!“ Der Flankenangriff hatte begonnen.

Ausgezeichnete Arbeit, Saurfang.

Es war Zeit. Sylvanas trat in eine Gruppe von Irrwischen hinein. Sie streckte die Hände aus, auf der Suche nach den winzigen Pünktchen an Leben, die die Geister der Kaldorei ausmachten. Bevor sie angreifen konnten, entfesselte sie ihre Macht. Der Schmerz und das Grauen der furchtbaren Gaben, die ihr der Lichkönig gegeben hatte, entwichen ihrem Mund mit einem Kreischen und dunkle Schwaden begannen sich um sie auszubreiten.

Ringsum stürzten die Irrwische zu Boden, und ein leichtes Flackern begleitete ihre erbärmlichen Versuche, sich an ihren Leben festzuklammern. Sie verendeten wie Schneeflocken in der Mittagssonne. Die Horde johlte und stürmte hinter ihr mit gezückten Keulen und Klingen in den Wald.

Sylvanas legte einen Pfeil an und lief durch den Wald. Es befanden sich keine Irrwische mehr in ihrem Umkreis. Die Krieger der Horde schlugen die Kreaturen mit ihren Keulen und den flachen Seiten ihrer Klingen aus der Luft. Einige flackerten und verschwanden. Viele flohen einfach nur.

Malfurion weiß, dass es vorbei ist. Er hatte entschieden, seine Vorfahren vor ihrem unausweichlichen Ende durch die Hände der Horde zu bewahren.

Bald darauf sah sie ihn. Er wartete auf sie. Der Rest der Horde machte einen weiten Bogen um ihn, doch sie ging ohne zu zögern auf ihn zu.

Malfurion Sturmgrimm blickte sie voller Kummer an. „Hierfür wird es keine Vergebung geben, Sylvanas.“

„Ich weiß“, entgegnete sie.

Und damit war die Zeit für Gespräche vorüber.

Lok-tar ogar, dachte sie und ein durchtriebenes Grinsen schlich sich auf ihre Lippen.

An den Ufern hinter ihr feuerten die Belagerungsmaschinen ihre Geschosse ab. Kurz darauf folgten die Explosionen – sowohl an der Küste als auch weit draußen auf dem Meer.

* * *

Morka tauchte auf, um Luft zu holen, und fand sich inmitten einer Feuersbrunst wieder.

Der Kriegshäuptling hat nicht übertrieben, dachte sie, während sie die Panik in Zaum zu halten versuchte. Hier draußen ist es gefährlich.

Die Belagerungsmaschinen der Horde schleuderten ihre feurigen Geschosse aufs Meer hinaus, ihr arkanverzaubertes Trommelfeuer setzte die Flotte der Nachtelfen in Flammen, die als Antwort darauf ihre Kanonenkugeln und Gleven auf die Küste herabregnen ließen.

Morkas Angriffstrupp schwamm an den vorderen Reihen der Flotte vorbei und tauchte nur hin und wieder auf, um Luft zu holen. Doch auch das wurde immer gefährlicher. Die verzauberten Geschosse der Belagerungsmaschinen waren selbst im Wasser eine tödliche Gefahr. Ihre Flammen breiteten sich aus, als sei das Meer so brennbar wie ein Wald, der von einer Dürre heimgesucht wurde.

Die Angreifer waren gezwungen, nahezu eine ganze Minute unter den Flammen abzutauchen, ehe sie einen unberührten Fleck an der Oberfläche fanden.

Die anderen waren nicht weit entfernt von Morka aufgetaucht und rangen nach Atem. Morka zählte still vor sich hin. Elf … zwölf … vierzehn … Niemand fehlte. Das grenzte an ein Wunder.

Als letztes war ein Tauren aufgetaucht. Er schien den halben Ozean auszuspucken, ehe er sich wieder sammeln konnte. Er bedachte sie mit einem bitterbösen Blick. „Jetzt sind wir schon an der Flotte vorbei“, knurrte er.

„Ihr könnt gern zurückschwimmen“, erwiderte sie. Dann fasste sie ihn genauer ins Auge. „Kenne ich Euch nicht irgendwoher?“

Er schnaubte und atmete dabei versehentlich einen Schwall Wasser ein. Es dauerte einen Moment, bis sein Hustenanfall sich gelegt hatte. „Wir haben vor gar nicht langer Zeit gemeinsam in Orgrimmar ein paar Trinkschläuche geteilt.“

„Oh. Oh.“ Wie war nochmal sein Name? Lanagu? So etwas in der Art. Sie beschloss, es einfach zu probieren. „Seid Ihr bereit, Lanagas?“

Er sah sie verwirrt an. „Ich heiße Hiamo.“

„Ich kann mir einfach keine Namen merken. Bereit?“

Er nickte. Die anderen hatten sich um sie versammelt. Morka schwamm die letzten paar Züge zum Nachtelfenschiff und begann zu klettern. Durch kleine Spalte in den gewaltigen Holzplanken, die gerade genug Platz für ihre Finger ließen, konnte sie sich bis zum Kanonendeck hinaufhieven.

Morka linste durch eine Kanonenöffnung hinein. Sie befand sich auf der seewärtigen Seite des Schiffes. Im Inneren konnte sie die Kaldoreibesatzung dabei sehen, wie sie die Kanonen und Glevenschleudern beluden und abfeuerten. Die gegenüberliegenden Bullaugen gaben dabei den Blick auf brennende und sinkende Schiffe frei. Dieses Schiff war jedoch noch unbeschädigt. Die Belagerungsmaschinen der Horde hatten zunächst die näher am Ufer befindlichen Feinde unter Beschuss genommen.

Niemand bemannte die Kanonen auf dieser Seite. Niemand blickte auch nur in ihre Richtung. Wie sollten die Angreifer sich auch vom Meer aus nähern?

Hiamo hatte dieselbe Kanonenluke erreicht und blickte hindurch. „Was haltet Ihr davon?“, flüsterte er.

Morka wartete, bis einige weitere zu ihr aufgeschlossen hatten. Eine Idee nahm Gestalt an. „Ich sehe hier verschiedene Möglichkeiten. Wir könnten ein paar Brände legen, zurück ins Wasser springen und anschließend einen Kilometer durch die Feuersbrunst zurück zum Ufer schwimmen“, sagte sie.

Ein Blutelf musterte sie mit hochgezogener Augenbraue. „Oder?“

„Was haltet Ihr davon, stattdessen zur Dunkelküste zu segeln?“

Jeder der Hordesoldaten grinste sie an.

* * *

Saurfang stolzierte mit großen Schritten durch den Wald. Die Kaldorei hatten versucht, den Angriff in beide Richtungen abzuwehren, und der letzte organisierte Widerstand war gebrochen. Ihre Reihen waren zerfallen und ihre Krieger versprengt.

Jetzt hatten sich die Überlebenden zum letzten verzweifelten Akt einer gescheiterten Armee hinreißen lassen – kleine Grüppchen, die versuchten, Gegner auf allen Seiten abzuwehren, bis sie schließlich bezwungen wurden. Saurfang glaubte eine der Nachtelfenoffizierinnen, eine Schildwache, trotz mehrerer direkter Pfeiltreffer weiterkämpfen zu sehen. Tapfer. Ehrwürdig. Und aussichtslos.

Saurfang bekämpfte jeden, der sich ihm in den Weg stellte, doch es gab kaum noch Nachtelfen, die noch kämpfen konnten. Er folgte dem Getöse eines wahrlich furchterregenden Kampfes. Nicht weit vom Ufer boten sich zwei mächtige Kreaturen ein Duell bis aufs Blut.

Der Kriegshäuptling stellt sich Sturmgrimm allein.

Wenn Sylvanas fiel, würde es Saurfangs Verantwortung sein, ihre Aufgabe zu Ende zu bringen. Er war sich nicht sicher, ob er es konnte.

Er war noch mehrere hundert Schritte vom Kampfgeschehen entfernt. Saurfang näherte sich vorsichtig, während violette und smaragdgrüne Lichter durch den Wald schossen.

Eine gewaltige Explosion aus Dunkelheit ließ seinen Horizont erbeben, gefolgt vom Geräusch einstürzender Bäume. Saurfang ging in Deckung, als etwas Schweres durch die Luft sauste, hier und da gegen einen Baum krachte und schließlich etwa dreißig Schritte entfernt von ihm auf dem Boden landete.

Es hob den Kopf – seinen Kopf.

Saurfang sah ein Geweih. Ohne nachzudenken warf er seine Axt.

Kaum hatte sie seine Hand verlassen, wünschte er sich, sie zurückrufen zu können. Das war Malfurion Sturmgrimm, lebend und bereit, den Kampf gegen den Kriegshäuptling erneut aufzunehmen.

Die Axt drehte sich in einem sauberen Kreis in der Luft und überbrückte die Distanz innerhalb einer Sekunde.

Malfurion spürte sie nicht kommen. Nicht, bis sie tief in seinem Rücken landete.

Malfurion geriet ins Taumeln, blickte zum Nachthimmel auf und atmete tief aus. Dann brach er zusammen. Saurfangs Axt hob sich in einem schrägen Winkel vom Körper des Elfen ab.

Saurfang spürte keine Euphorie, bloß Grauen.

Es war falsch. Es war … schändlich.

Krieg war Krieg, doch Saurfang hatte ein Duell gegen Sturmgrimm verloren. Und jetzt hatte er ihn von hinten bezwungen.

Ein ehrloser Schlag, dachte Saurfang benommen. Er ist ein Held aus zehntausend Jahren des Krieges. Einst habe ich an seiner Seite gekämpft. Und jetzt habe ich ihn wie ein Feigling niedergestreckt.

Alles in Saurfang sträubte sich dagegen, den Blick auf sein Werk zu richten, doch er zwang sich dazu. Malfurion lag blutend auf dem Bauch, sein Atem flach und rasselnd.

„Es tut mir leid“, sagte Saurfang.

„Das braucht es nicht.“

Saurfang drehte sich um. Sylvanas stand neben ihm, ein zufriedenes Lächeln auf ihren Lippen. „Ihr habt Euch gut geschlagen.“

„Es war nicht meine Absicht, mich einzumischen“, sagte Saurfang.

„Ich hatte Schwierigkeiten, ihn zu erledigen. Er hat meine Zeit vergeudet.“ Sylvanas riss die Axt aus Sturmgrimms Rücken. Der Nachtelf keuchte vor Schmerzen und Blut quoll aus seiner Wunde, doch er gab keinen weiteren Laut von sich.

„Tötet ihn und setzt dem Ganzen ein Ende“, sagte Saurfang ruhig.

Sylvanas hob seine Axt und schien darüber nachzudenken. Dann blickte sie zu Saurfang hinüber. Er konnte den Ausdruck auf ihrem Gesicht nicht deuten, doch er gefiel ihm nicht.

Sie hielt ihm seine Axt entgegen. „Ich überlasse es Euch, Hochfürst.“

„Es war Euer Kampf.“

Sie hatte sich bereits abgewandt. „Es ist Euer Sieg. Nichts von alledem – nicht diese Schlacht, nicht Malfurions Niederlage – hätte ohne Euch geschehen können. Ihr habt Euch diese Ehre verdient. Nehmt Euch einen Moment, wenn Ihr ihn braucht, und nehmt ihm dann seinen Kopf. Wir sehen uns an der Dunkelküste.“

Mit diesen Worten verschwand sie über einen Hügel in Richtung Norden.

Saurfang spürte ein Gefühl der Ohnmacht. Ihr habt Euch diese Ehre verdient.

Er blickte abermals auf Malfurion hinab. „Es tut mir wahrlich leid.“

Malfurion drehte den Kopf. Mit einem Auge blickte er zu Saurfang auf. „Ihr habt die Horde im Dienste des Todes geführt. Ihr werdet diesen Tag bis zu Eurem Tod bereuen“, keuchte er.

„Ihr habt tapfer gekämpft, Malfurion“, sagte Saurfang. „Ruht in Ehre. Ihr habt es verdient.“

Er hob seine Axt. Und zögerte. Sekunden verstrichen, schließlich ganze Minuten, doch Saurfang konnte sie nicht auf Malfurions Haupt niederbringen.

Von oben spürte er Licht und Wärme auf sich herabscheinen. Es verhieß Trauer, Hoffnung und Liebe. Vielleicht war das Elune, die Malfurion im nächsten Leben willkommen hieß. Vielleicht machte das seine Tat einigermaßen erträglich.

Doch ich habe mir diesen Sieg nicht verdient.

Vielleicht wäre es ehrenhafter, Sturmgrimm leben zu lassen.

In Sylvanas’ Obhut? Ihn jetzt zu töten ist die größere Gnade.

Dennoch rührte seine Axt sich nicht.

Und dann, plötzlich, konnte er sich überhaupt nicht mehr rühren.

Ein helles Licht umgab Saurfang und ließ ihn völlig erstarren, jeder einzelne Muskel war wie gelähmt. Ein mächtiger Schlag traf ihn am Kopf und schleuderte ihn mehrere Schritte fort. Er schlug mit solcher Wucht auf dem Boden auf, dass ihm die Luft aus der Lunge gepresst wurde. Als er aufblickte, sah er das Licht der Elune, in all seinem Zorn und all seiner Pracht.

Tyrande Wisperwind.

Mit erhobenen Armen stand sie über ihrem gefallenen Partner, ein sanfter Windhauch ließ ihr weißes Kleid flattern. Ein Dutzend Stacheln von Elunes Licht schwebten über Saurfangs Kopf, bereit, ihm den Todesstoß zu versetzen.

Der Orc rührte sich nicht. Es hallte in seine Ohren. Die Klingen aus Licht zuckten über seinem Haupt.

Niedergestreckt von der Macht der Rechtschaffenheit? Es schien ihm passend zu sein.

Doch genau wie er gezögert hatte, zögerte auch sie. Tyrande kniete langsam nieder, und ohne den Blick von Saurfang abzuwenden legte sie Malfurion die Hand auf. Der Waldboden schien zu leuchten, als sie ihre Macht einsetzte, um seine Blutung zu stillen, seine Wunden zu heilen und ihm von Rande des Todes zurückzuholen.

Nach ein paar Momenten stand sie auf. „Ihr habt ihn nicht getötet. Warum?“

Saurfang entschloss, ihr die Wahrheit zu sagen. „Mein Angriff war ehrlos. Ich verdiene es nicht, ihm sein Leben zu nehmen.“

Diese Antwort schien sie nur zu erzürnen. „Dieser ganze Krieg ist ehrlos. Was stimmt nicht mit Euch? Wie könnt Ihr es wagen, so viel Blut für nichts zu vergießen?“

„Wir wagen es, weil wir es müssen“, sagte Saurfang. „Und wir müssen siegen.“

Tyrandes Gesichtszüge verfinsterten sich. Die Spitzen aus Licht über seinem Kopf hielten inne. Sie waren auf seinen Hals gerichtet. „Die Horde mag diese Schlacht gewinnen, Saurfang, doch wir werden unsere Heimat zurückerobern.“

„Vielleicht“, entgegnete Saurfang.

„Ihr habt Malfurion verschont, also lasse ich Euch eine Wahl“, sagte Tyrande. „Ihr könnt versuchen, mich davon abzuhalten, ihn mitzunehmen, und dabei sterben … oder Ihr könnt hier im Dreck liegenbleiben und leben.“

Das war nur gerecht. Saurfang knurrte. „Ihr habt die gleiche Wahl. Ihr könnt ihn nach Darnassus mitnehmen und Ihr werdet beide fallen, wenn wir die Stadt erobern … oder Ihr könnt ihn an einen weit entfernten Ort mitnehmen und Ihr werdet beide leben.“

Sie sagte nichts. Mit ihrer freien Hand holte sie einen weißen Stein mit einer leuchtend blauen Markierung hervor. Wenige Augenblicke später waren sie und Malfurion verschwunden.

Saurfang blinzelte. Wo waren sie hin? Zu ihrem Wohl hoffte er, dass sie nicht nach Darnassus gegangen waren.

Er stand auf, klopfte sich den Dreck von der Rüstung und gab sein Bestes, seine Schmerzen gleichermaßen abzustreifen. Malfurion würde sich erholen und wenn er in die Schlacht zurückkehrte, würde die Horde dafür bluten müssen. Dessen war sich Saurfang sicher.

Dennoch fühlte er sich, als sei eine schwere Last von seiner Seele gewichen. Es fühlte sich richtig an, dass Malfurion überlebt hatte. Ehrenvoll.

* * *

Die Nachtelfenbesatzung hatte zu Beginn etwa zwei Dutzend gezählt. Etwa die Hälfte starb im ersten Handgemenge, und Morka hatte fünf gezählt, die über Bord gesprungen waren, als ihnen die Ausweglosigkeit des Gefechts klar wurde.

Sieben Nachtelfen ergaben sich. Die meisten waren verwundet, und alle hatten finstere Blicke für die Krieger der Horde parat, die ihren Sieg auf dem Schiff feierten.

„Was wollen wir mit ihnen machen?“, fragte Hiamo, während er einen der Speere der Nachtelfen in seinen gewaltigen Pranken gemächlich hin und herdrehte.

Morka musterte die Gefangenen – ihre Gefangenen.

„Das Wichtigste zuerst. Wir sagen unseren Freunden, dass sie nicht mehr auf uns schießen müssen“, sagte sie. „Hol jemand diese Flagge ein!“

Ein Goblin kletterte den Mast hinauf und ließ die Flagge der Kaldorei aufs Deck hinabsinken. Sie besaßen keine Flagge der Horde, die sie an ihrer statt hissen konnten, doch die Botschaft war eindeutig. Vom Strand hallten Jubelschreie zu ihnen herüber.

Ein Fernrohr rollte auf dem blutverschmierten Deck umher, und Morka hob es auf. Sie zog es zu seiner vollen Länge aus und ließ es in einem Bogen über das Schlachtfeld und die anderen Nachtelfenschiffe schweifen. „Einige Schiffe brennen … ein weiteres südlich von uns wurde erobert … der Rest ist auf der Flucht.“ Morka schob das Fernrohr klackend zusammen und lächelte. „Sieg für die Horde!“

„Für die Horde!“, erwiderten die anderen.

Morka kniete neben einem der verwundeten Nachtelfen nieder. Ein Schnitt zierte seinen linken Unterarm und er versuchte, die Blutung mit seiner rechten Hand zu stoppen. „Sagt mir, Kaldorei“, sagte sie. „Könnt Ihr mit dieser Wunde schwimmen?“

„Nein“, sagte er.

„Dann werdet Ihr wohl auf dem Schiff bleiben müssen“, erwiderte sie leichtherzig. „Ihr und Eure Freunde wisst, wie man segelt, ja?“

Er sagte nichts.

Sie nickte, als habe er ihre Frage bejaht. „Das sind großartige Neuigkeiten, denn ich und meine Freunde wissen es nicht. Wollt Ihr uns nicht vielleicht nach Teldrassil bringen?“

Der Nachtelf spuckte auf das Deck. Unter der Horde brach Gelächter aus.

Morka lehnte sich dicht an ihn heran und zeigte ihm ihr heuchlerischstes Lächeln. „Auf meinem Schiff muss man sich seinen Platz verdienen. Hiamo, brennt das Meer noch immer?“ Sie stellte die Frage, ohne von dem Gefangenen aufzusehen.

Der Tauren grölte vergnügt zurück: „Oh ja, das tut es, meine Kapitänin!“

„Entscheidet Euch, Kaldorei. Macht Euch nützlich oder schwimmt.“ Mit lauter Stimme fügte sie hinzu: „Das gilt auch für den Rest von Euch.“

Niemand wählte den Ozean.

Wenige Minuten später machte das Schiff einen Ruck gen Norden. Es war keine komfortable Reise und die Nachtelfen halfen nur äußerst widerwillig. Durch das Fernrohr konnte Morka die Belagerungsmaschinen auf die Dunkelküste zurollen sehen – schneller als ihr Schiff.

Es war ihr egal. Morka stand am Ruder und steuerte ihre Beute mit einem breiten Grinsen. Daran könnte sie sich gewöhnen.

Und schon bald würden sie den größten Sieg der Horde in vorderster Reihe miterleben.

* * *

Die Schildwachen ergaben sich nicht. Selbst als die Horde die Dunkelküste gleich einer Flutwelle überrollte, kämpften sie weiter, nur um den Zivilisten von Teldrassil auch nur eine weitere Sekunde zur Flucht zu schenken.

Sylvanas hatte keine Einwände. Mehr tote Feinde? Weniger Gefangene? Sie taten ihr einen Gefallen.

Sie stand abseits der Front, den Bogen auf ihrem Rücken. Der Kampf war gewonnen, doch noch nicht vorüber. Ihre Horde rückte vorsichtig über den Strand voran. Nur noch ein kleiner Flecken ruhigen Ozeans trennte sie von ihrem Sieg. Niemand wollte jetzt fallen.

Nathanos trat aus der Hitze des Gefechts hinter die Front zurück. Sylvanas’ Blick traf auf seinen, und sie zog eine Augenbraue hoch. Er trat zu ihr heran, während er mit einer gedankenverlorenen Geste das Blut von seinen Klingen wischte. „Wo ist Saurfang?“

„Er holt sich seine Trophäe vom größten Preis dieser Schlacht“, antwortete sie.

Nathanos riss die Augen auf. „Er hat Malfurion getötet?“

„Was meint Ihr, wie die Kaldorei es aufnehmen werden?“, fragte Sylvanas. „Ihr legendärer Anführer, der Mann, der sie durch zehntausend Jahre voller Schrecken und Prüfungen geleitet hat, erschlagen von einem Orc mit einer Axt.“

„Nicht gut, würde ich meinen.“

„Das glaube ich auch“, sagte sie.

Nathanos blickte an ihr vorüber und runzelte die Stirn. „Da ist er, Kriegshäuptling. Ich sehe keine Trophäe.“

Sylvanas drehte sich um. Saurfang war tatsächlich gerade aus dem Wald gekommen, mit erhobenem Haupt und leeren Händen. Sie spürte einen Anflug von Ärger. Vielleicht hatte er etwas Törichtes getan, etwa die Leiche verbrannt, sodass keine Trophäe erbeutet werden konnte. Er sah ihr viel zu zufrieden aus, verglichen damit, wie bestürzt er gewesen war. „Wo ist Malfurions Kopf, Hochfürst?“

„Bei dem Rest seines Körpers, vermute ich“, sagte er.

Sie war nicht belustigt. „Und wo wäre das?

Saurfang erwiderte ihren Blick, ohne zusammenzuzucken. „Sturmwind, vermute ich. Tyrande ist gekommen und hat ihn fortgebracht.“

Es geschah nicht oft, dass Sylvanas sprachlos war.

Es dauerte nicht lange. „Malfurion lebt?“, knurrte sie. „Ihr habt ihn entkommen lassen?“

Seine Lippen zeigten kein Lächeln, seine Augen jedoch schon. Er war glücklich – glücklich! – darüber. „Ich konnte Tyrande nicht aufhalten. Vielleicht hättet Ihr das vermocht.“

„Vielleicht war es ein Fehler, Euch zu vertrauen“, schnappte Sylvanas. Ihre Hand wanderte zu ihrem Bogen. Nein. Noch nicht, entschied sie.

Nathanos stand an ihrer Seite, seine Worte kalt und schneidend. „Wie viele Leben der Horde wird Sturmgrimm nehmen, um sich zu rächen, Saurfang? Dieses Blut wird an Euren Händen kleben.“

„Damit werde ich mich befassen, wenn dieser Tag kommt“, entgegnete Saurfang schlicht.

Nathanos trat vor, Brust an Brust mit Saurfang. „Befasst Euch mit mir. Womöglich werde ich jeden Tropfen Blut, den Malfurion vergießt, von Euch zurückverlangen, selbst wenn ich dafür …“

„Genug. Was getan ist, ist getan“, sagte Sylvanas. „Diese Schlacht ist noch nicht vorüber.“

Ohne ein weiteres Wort schritt sie von dannen. Kurz darauf konnte sie Schritte hinter sich auf dem Sand hören. Ihr Champion und der Hochfürst folgten ihr und schwiegen dankenswerterweise. Sie konnte sich ihre Gesichtsausdrücke nur zu gut vorstellen – Saurfang zufrieden und Nathanos vor Wut kochend – doch sie wollte nicht, dass sie den ihren sahen. Nicht, bis sich ihr Zorn gelegt hatte. Sie musste nachdenken.

Malfurion wird leben. Sylvanas konnte es kaum glauben.

Sie nahm den Bogen von ihrer Schulter, legte einen Pfeil an und schoss. Der Pfeil flog in einem hohen Bogen über ihre Krieger und bohrte sich in den Rücken einer Schildwachenkommandantin. Die Nachtelfe kämpfte trotz mehrerer Pfeile in ihrem Körper nach wie vor verbissen, doch Sylvanas’ Beitrag ließ sie endlich fallen. Mit ihr brach auch der letzte Funken Widerstand an der Dunkelküste in sich zusammen. Sie schulterte ihren Bogen.

In dieser Schlacht ging es nicht um einen Streifen Land. Selbst Saurfang wusste das. Den Weltenbaum zu erobern war eine Möglichkeit, der Allianz eine unheilbare Wunde zuzufügen. Ihre Heimat und ihre Anführer zu verlieren hätte den Kaldorei als Nation, wenn nicht gar als Volk, ein Ende gesetzt. Selbst der Verlust eines Anführers hätte ausgereicht, um sie in Verzweiflung versinken zu lassen. Die Wunden dieser Schlacht hätten geblutet, bis sie vereitert wären, und die Allianz wäre schließlich an ihnen von innen verrottet. Anduin Wrynn wäre auf der Suche nach einem Wunder in einen letzten verzweifelten Krieg gezogen, weil nur ein Wunder ihn hätte retten können.

Aber dieses Wunder war bereits geschehen. Ein Wunder, gewährt durch die ehrenvolle Hand eines närrischen alten Orcs.

Und durch die Vermessenheit des Kriegshäuptlings. Sie musste sich zu ihrem Teil der Schuld bekennen. Es war ebenso ihr Fehler wie der Saurfangs.

Die Eroberung von Darnassus würde die Kaldorei erschüttern. Sie würden ihre Verluste betrauern, um die Gefangenen bangen und im Gedanken an die Horde, die ihre Heimstätten plünderte, erzittern. Doch sie würden nicht verzweifeln. Nicht mehr. Malfurions unmögliches Überleben hatte ihnen Hoffnung geschenkt. Ihre Wunde würde heilen.

Selbst in dieser dunklen Stunde, würden sie sagen, wacht Elune weiter über uns.

Und so war es auch, oder nicht? Elune war eingeschritten. Womöglich hatte sie sogar Saurfangs Todesstoß abgewandt. Und sie wäre nicht die einzige Kraft hinter der Allianz, die sich Sylvanas’ wahrem Ziel entgegenstellte.

Sylvanas’ Zorn erkaltete.

Sie hatte gewusst, dass das geschehen würde. Es war lediglich früher eingetroffen, als sie erwartet hatte. Das war alles.

Sie ging mit großen Schritten auf das Ufer zu, ohne den wenigen letzten Gefechten und dem Jammern der unglückseligen Kaldorei, denen die Flucht von der Dunkelküste nicht gelungen war, noch irgendeine Beachtung zu schenken. Mit einem prüfenden Blick musterte sie den Umriss Teldrassils, der sich weit über ihr im Licht des Mondes auftürmte. Bald würde er der Horde gehören.

„Sichert den Strand“, sagte Sylvanas. „Bereitet den Angriff auf den Baum vor.“

Eine Wunde, die nicht verheilt. Sylvanas musste einen neuen Weg finden, sie zuzufügen. Es gab kein Zurück.

„Warum?“

Die Stimme lenkte Sylvanas’ Aufmerksamkeit vom Baum ab. Sie stammte von einer tödlich verwundeten Schildwache, ebenjener, die Sylvanas erst vor wenigen Minuten niedergestreckt hatte. Sie hustete. Schwächlich. Dem Tode nah.

„Warum? Ihr habt doch bereits gewonnen“, sagte die Nachtelfe, jedes Wort unter großer Anstrengung hervorgebracht. „Es befinden sich nur Unschuldige am Baum.“

Das war gut zu wissen, wenn es denn stimmte. Sylvanas kniete neben ihr nieder. „Das ist Krieg“, sagte sie.

Saurfang und Nathanos besprachen bereits ihre Pläne für die nächste Phase der Schlacht. Sie ließ sie reden. Vor ihr lag eine Elfe, die für ihr Volk starb.

Sie erinnerte Sylvanas an sich selbst.

* * *

Saurfang erteilte in rascher Abfolge Befehle. Er organisierte die Belagerungseinheiten auf dem Strand und stellte sicher, dass sie allesamt auf Teldrassil ausgerichtet waren. Zweifelsohne wurden sie von Spähern in der Krone des Weltenbaums beobachtet. Er wollte, dass sie ihren Befehlshabenden berichteten, die Horde könne jeden Augenblick das Feuer eröffnen.

Er blickte zu seinem Kriegshäuptling hinüber. Sylvanas kniete neben einer sterbenden Nachtelfenkommandantin. Ein spontanes Verhör, schloss Saurfang. Hoffentlich gewinnt sie ihr ein paar brauchbare Informationen ab.

Nathanos sprach leise mit einigen halbwegs seetüchtigen Soldaten und befahl ihnen, das Ufer nach jedem Nachtelfenboot abzusuchen, das sie finden konnten, und sollte es noch so klein und schäbig sein.

„Ihr dürft der ersten Angriffswelle beitreten, Nathanos“, sagte Saurfang.

Die Augen des Untoten starrten ihm finster aus dem Schatten seiner Kapuze entgegen. „Ich brauche Eure Erlaubnis nicht. Ich habe eine Liste des Kriegshäuptlings. Sehenswürdigkeiten, die ich bewundern möchte. Personen, denen ich begegnen will.“

Ihr Pech, dachte Saurfang und bemühte sich, Nathanos’ glühende Verachtung zu ignorieren. Ein seltsamer Anblick auf dem Wasser erregte seine Aufmerksamkeit – zwei Nachtelfenschiffe segelten sehr dicht am Ufer entlang. „Was ist das?“

Nathanos folgte Saurfangs Blick. „Keine Nachtelfenflaggen. Womöglich haben wir sie erobert. Der Kriegshäuptling sagte, es wäre möglich, dass das geschieht.“

Ja, Saurfang konnte gerade so eine grünhäutige Orcfrau am Ruder eines der Schiffe ausmachen. Er hob seine Axt hoch über seinen Kopf. Die Orcfrau winkte zurück. Saurfang bemühte sich, sein Lachen zu verbergen.

„Das könnte diese Angelegenheit für uns sehr viel einfacher machen, Pestrufer“, sagte er. „Wie viele Krieger könnt Ihr auf jedes dieser Schiffe bringen?“

Nathanos bleckte die Zähne. „Eine Menge.“

„Findet jeden Soldaten, der etwas vom Segeln versteht. Sieht aus, als könnten sie die Hilfe brauchen. Stellt dann Euren Angriffstrupp zusammen.“ Saurfang spielte den Angriff in Gedanken durch. Es war noch viel zu tun. Er brauchte die Räuber an erster Stelle, dicht gefolgt von Unterstützungskräften und womöglich einige Windreiter zum Schutz des Luftraums zwischen der Dunkelküste und Darnassus.

Einige seiner besten Soldaten waren nach der Schlacht an der Dunkelküste ausgelaugt. Sie würden enttäuscht sein, zurückbleiben zu müssen, doch frische Truppen würden in der wichtigen ersten Angriffswelle nützlicher sein, nur für den Fall, dass die Nachtelfen sich zur Wehr setzten.

Ich frage mich, ob wir genug Zeit haben werden …

„Brennt ihn nieder.“

Die Worte des Kriegshäuptlings durchbohrten Saurfangs Gedanken wie ein Pfeil. Er starrte sie an.

Brennt … was nieder?

Nathanos sah ebenso verwirrt aus. Sie blickten einander an. Sylvanas sah ihnen mit weißglühendem Zorn in ihren Augen entgegen.

Abermals schrie sie ihren Befehl – über Saurfang hinweg. „Brennt ihn nieder!“

Nathanos drehte sich wortlos um und gab den Belagerungseinheiten ein Zeichen.

Dann ging alles ganz schnell. Schneller, als Saurfang begreifen konnte.

Ein Trollmagier setzte die Geschosse in Brand, und mit der Betätigung eines Hebels an einem halben Dutzend Kriegsmaschinen schleuderte die Horde sie in die Luft.

„Nein“, flüsterte Saurfang. Sprachlos verfolgte er die Reise der Brandbomben über den Ozean.

Jedes einzelne Geschoss traf sein Ziel. Orange Flammen züngelten an Teldrassil empor.

Ein Mantel des Schweigens legte sich über die Horde. Selbst die Schreie der gefangenen Nachtelfen verstummten. Alle beobachteten das Geschehen fassungslos.

„Nein“, flüsterte Saurfang abermals, lauter.

Eine zweite Salve ging in die Luft und durchbrach den lähmenden Schock, der von Saurfang Besitz ergriffen hatte. „Nein!“, brüllte er. „Aufhören! Hört auf zu schießen!“

Es war zu spät. Auch diese zweite Salve traf ihr Ziel, und binnen Sekunden stand die untere Hälfte des Weltenbaums in Flammen. Das Feuer griff um sich, als wäre es lebendig, und erklomm den Baum in Richtung der Stadt, die in seinen Zweigen thronte.

„Warum …? Warum …?“ Saurfang atmete schwer. Er drehte sich zu Nathanos um. Die Augen des Verlassenen waren weiter aufgerissen, als der Orc es je gesehen hatte.

Sylvanas hatte Saurfang den Rücken gekehrt, den Blick auf die sich ausbreitenden Flammen gerichtet. Verzweifelt versuchte Saurfang irgendeine Rechtfertigung für ihren Befehl zu finden.

Hatte die sterbende Nachtelfe ihr etwas erzählt? Planten sie einen Widerstand? War die Verstärkung der Allianz bereits näher als gedacht?

Ein Dutzend verschiedener Erklärungen rasten durch seinen Kopf. Er verwarf sie alle sogleich. Es gab keine Segel am Horizont. Nur einige wenige Schiffe der Kaldorei versuchten hektisch, den brennenden Zweigen auszuweichen, die auf sie herabregneten, während sie sich von dem Weltenbaum entfernten. Selbst die eroberten Schiffe wichen schwerfällig den Flammen aus. Damit hatten sie nicht gerechnet.

Damit hatte niemand gerechnet.

Und Sylvanas?

Der Gedanke erwischte Saurfang eiskalt.

War das von Anfang an ihr Plan gewesen?

Nein. Das konnte nicht sein. Sie hatte eine Strategie vor Augen gehabt. Die Eroberung des Weltenbaums – intakt – wäre ein brillanter strategischer Zug gewesen. Seine Zerstörung war …

Wahnsinn.

Der gesamte Baum brannte lichterloh. Ein blauweißes Flackern huschte über das Feuer, während es heißer und heißer brannte. Der Wall aus Flammen schien sich um den Baum zu drehen. Und dann begann Darnassus zu brennen.

Saurfang hörte Schreie. Die Hitze wallte über das Wasser zu ihnen herüber und mit ihr der grässliche Geruch eines außer Kontrolle geratenen Lauffeuers. Die gefangenen Nachtelfen auf der Dunkelküste schrien und weinten, während sie die Horde anflehten, den Baum nun zu stürmen, um ihre Familien vor dem sicheren Tod zu retten.

Die Klänge verschmolzen zu einer einzigen Symphonie des Grauens.

Männer, Frauen, Kinder … das Feuer machte keinen Unterschied. Feuer kannte keine Ehre, keinen Verstand; es kannte nur das Verlangen, alles in seinem Pfad zu verzehren.

Jede Person, die sich noch in Darnassus befand, würde sterben.

Und mit ihnen starb jede Hoffnung der Horde, einen aufrechten, sauberen Krieg gegen die Allianz zu gewinnen. Teldrassil sollte der Keil sein, der Sturmwind teilte. Jetzt würde er zum Schlachtruf der Allianz werden, so lange, bis jedes Volk der Horde vom Erdboden getilgt war.

Anduin Wrynn würde sofort zu den Waffen rufen – und jeder seiner Verbündeten würde seinem Ruf folgen. Die Allianz würde auf ihrem Pfad zur Rache vor nichts mehr Halt machen.

„Es liegt keine Ehre in dieser Tat!“, brüllte er Sylvanas entgegen.

Endlich wandte sie sich vom Weltenbaum ab. Ihr Blick war ruhig, der Zorn darin verschwunden. Was war an seine Stelle getreten? Leere? Zufriedenheit? Saurfang konnte ihre Züge nicht entziffern. Vielleicht hatte er das nie gekonnt.

„Jetzt werden sie Rache an uns üben. Sie alle!“, sagte er.

„Ich weiß.“ Sie war ruhig, so als läge nichts im Argen. „Ihr erster Gegenschlag wird Unterstadt treffen. Ihr werdet unsere Verteidigung planen müssen. Beginnt damit, die Stadt zu evakuieren.“

Saurfang rang um Worte. Schließlich platze es erfüllt von reinem Hass und Verachtung aus ihm hinaus: „Ihr habt die Horde auf tausende Generationen hinaus ins Unheil gestürzt. Uns alle. Und wofür? Wofür?

Ihr Gesicht zeigte keinerlei Regung. „Das war Euer Kampf. Eure Strategie. Und Euer Scheitern. Darnassus war nie der Preis. Es war ein Keil, der die Allianz auseinandertreiben sollte. Es war die Waffe, die jede Hoffnung zerschlagen sollte. Und Ihr, mein Meisterstratege, habt all das aufgegeben, um einen Gegner zu verschonen, den Ihr bezwungen hattet. Ich habe es uns zurückgeholt. Wenn sie jetzt angreifen, werden sie von Schmerz und nicht von Ruhm getrieben sein. Dieser Umstand könnte unsere einzige Chance auf einen Sieg sein.“

Er wollte sie töten. Er wollte sie zum Mak’gora herausfordern und ihr Blut unter den Augen von Horde und Allianz vergießen.

Doch sie hatte recht.

Eine Wunde, die nie verheilt. Das war von Anfang an der Plan gewesen. Und Saurfang hatte es versäumt, sie der Allianz zuzufügen. Die Nachricht von Malfurions wundersamem Überleben hätte sich unter den Armeen der Allianz wie ein Lauffeuer verbreitet und wäre als Beweis gesehen worden, dass das Schicksal auf ihrer Seite war.

Der Krieg wäre dennoch gekommen. Saurfangs Einzug in das Eschental hatte ihn unausweichlich gemacht. Und er wäre eben das geworden, was Saurfang am meisten gefürchtet hatte: ein Blutbad, die Opferung zahlloser Leben für den kleinsten Preis und ein klägliches Ende, das künftige Generationen dazu verdammte, einen Krieg zu führen, den niemand gewinnen konnte. Sylvanas hatte es abermals vor ihm erkannt.

Also …

… hatte sie ein Zeichen gesetzt. Das war kein Krieg, der in einem Patt enden konnte. Nicht mehr. Die Allianz und die Horde würden beide begreifen, dass ihre einzigen Möglichkeiten Sieg oder Tod waren. Lok-tar ogar. Darnassus würde nicht die letzte Stadt sein, die in Flammen aufgeht. Die Zahl der Toten auf beiden Seiten würde die dieser Gräueltat um ein Vielfaches überschreiten. Und sie alle würden auf seinem Gewissen lasten. Jeder lebende Moment würde ein Albtraum sein.

Sylvanas wandte sich abermals dem Weltenbaum und dem lodernden Feuer zu. Saurfang zwang sich, dabei zuzusehen, wie die Flammen die Stadt samt ihrer Bürger verzehrten. Er würde sich heute nicht weiter entehren, indem er sich abwandte.

Die Schreie hallten weiterhin in seinen Ohren. Sie erinnerten ihn an Shattrath. Damals hatte er dieses Geräusch genossen.

Rauch füllte die Luft und erinnerte ihn an Sturmwind; wie er durch die Straßen gerannt war, als alles rings um ihn herum in Flammen stand, und wehrlose, winselnde Menschen niedergestreckt hatte. Damals hatte er das Blutbad genossen.

Diesen Krieg hatte er auch genossen, oder etwa nicht?

Stundenlang stand Saurfang regungslos da, bis die Schreie verklungen und die Flammen zu glühender Kohle heruntergebrannt waren. Vor ihm stand der schwelende Überrest einer einst großen Zivilisation. In ihm wütete die Verzweiflung, ein Gefühl unabänderlicher Schande. Diesmal gab es keinen Rausch der Verderbnis, um das Grauen zu schmälern.

Dieser Moment würde Saurfang bis in alle Ewigkeit in seinen Träumen verfolgen. Diese Schande, und alle die darauf folgen würden, würde er immer und immer wieder durchleben.

Ihr habt die Horde im Dienste des Todes geführt, hatte Malfurion gesagt.

Wie konnte Saurfang sich den Soldaten stellen, die er in diesen Krieg geführt hatte? Wie konnte er erklären, was sie getan hatten?

Er konnte es nicht. Er würde es niemals können.

Doch diese Last war die seine, bis zu seinem letzten Atemzug.

Als Saurfang sich abwandte, hoffte er, dass dieser Tag bald kommen mochte.