Li Lis Reisetagebuch
von Blizzard Entertainment

Das Leben ist ein Abenteuer.

Das hat mir mal Onkel Chen in einem Brief geschrieben. Ein weiser Ratschlag. Mein Papa Chon Po vertritt allerdings eine andere Meinung. Er sagt, dass ich zu viel von der Welt da draußen träume und die Schönheit und Wunder der Wandernden Insel nicht erkenne. Aber da liegt er vollkommen falsch – ich liebe meine Heimat.

Und darum geht es in diesem Tagebuch. Wenn ich je eine so große Entdeckerin wie mein Onkel Chen werden will, muss ich wie er über meine Abenteuer schreiben. Und warum sollte ich damit nicht zu Hause beginnen? Vielleicht wird mein Buch ja irgendwann einmal in der Großen Bibliothek neben Onkel Chens Berichten stehen. Oder vielleicht werden eines Tages Leute aus Sturmwind, Orgrimmar oder anderen entfernten Ländern meine Aufzeichnungen lesen, um etwas über mein Volk, unsere Kultur und das, was diesen Ort hier so großartig macht, zu erfahren!

Aber immer der Reihe nach. Fangen wir mit der Einleitung an. Geboren wurde ich auf der großen Schildkröte Shen-zin Su, auch bekannt als „Die Wandernde Insel“. Heutzutage sitzen viele Pandaren nur noch herum und erzählen immer die gleichen alten Geschichten. Doch das war einmal anders. Unseren Ahnen lag das Abenteuer im Blut. Für sie bot jeder Tag auf der Insel die Möglichkeit, neue Dinge zu entdecken und neue Geschichten zu verfassen!

Während ich dies schreibe, führt Onkel Chen diese Tradition irgendwo dort draußen in der weiten Welt fort. Doch er ist nicht allein. Der Weg des Wanderers hat auch mich gerufen, hier bei mir zu Hause. Nun wird es Zeit, diesem Ruf endlich zu folgen!

Mein Name ist Li Li Sturmbräu und dies ist die Wandernde Insel.

***

1. Eintrag: Zurück zu den Grundlagen

Ich habe mich entschlossen, mein Zuhause auf Grundlage des Weges des Wanderers zu erkunden, einer Philosophie, über die Onkel Chen in seinen Berichten schon viel geschrieben hat. Dabei geht man auf jeder Reise Schritt für Schritt vor, beobachtet alles um sich herum, spricht mit jedem, dem man begegnet, und nimmt alle Einzelheiten wahr.

Nach einigen Überlegungen begann ich meine Reise durch Shen-zin Su dort, wo ich zum ersten Mal von der Geschichte der Insel erfahren hatte: an der Morgenspanne. Diese riesige Steinbrücke erstreckt sich entlang der hohen Klippen in der Nähe der Inselmitte. Auf ihrem höchsten Punkt kann man den gesamten Pei-Wu-Wald im Süden überblicken. Dort oben ist es wirklich atemberaubend!

Aber es ging mir nicht um die Aussicht. Ich begab mich in ein kleines Klassenzimmer unterhalb der Brücke. Dort erfahren die meisten Kinder etwas über Liu Lang, den ersten Pandarenentdecker, der mir schon aus einem Brief von Onkel Chen bekannt war. Das gemütliche Freilichtzimmer war voller eifriger Kinder, denen Lehrensucher die Geschichte von Liu Lang erzählten. Ich nahm Platz, schloss die Augen und versuchte mir vorzustellen, dass ich die Geschichte zum ersten Mal hörte.

Die Erzählung über Liu Lang gab mir das Gefühl, dass alles möglich wäre! Davon inspiriert ging ich über die Steinbrücke zum Tempel der Fünf Sonnenaufgänge, einem strahlenden Turm in der Mitte der Insel. In das Gebäude zu gehen ist, als beträte man eine andere Welt. Regen tropfte von der Decke, eine sanfte Brise wehte durch meine Kleidung, und obwohl es draußen kühl war, kam die Temperatur im Innern einem Sommertag gleich.

Die Lehrensucher behaupten, dass der Tempel gemeinsam mit Shen-zin Su gewachsen sei, als wäre das Gebäude selbst ein Teil der Großen Schildkröte. Dies ist ein heiliger Ort, und zwar aus gutem Grund. Der Tempel beheimatet die vier alten Geister des Landes: Shu (Wasser), Wugou (Erde), Huo (Feuer) und Dafeng (Luft). Solang es ihnen gut geht, bleibt das Wetter gemäßigt und die Jahreszeiten nehmen ihren gewohnten Gang.

Der Tempel ist voller weiser Sprichwörter und seltener Gegenstände. Am meisten interessierte mich jedoch Liu Langs Statue im ersten Stock. Während ich ihn betrachtete, dachte ich über all die großen Dinge nach, die er vollbracht hatte. Für seine Taten brauchte man wirklich Mut! Selbst zu Hause war er bestimmt stets von Abenteuern umgeben.

Als ich wieder ging, traf ich Meister Shang Xi. Er ist eine ziemlich wichtige Person – ein edler und tapferer Pandaren, der Jung und Alt gleichermaßen als Berater dient. Ich weiß gar nicht mehr, wie oft ich schon Ärger mit Shang hatte. Aber trotzdem war er immer nachsichtig gewesen – außer an dem Tag, als ich ihm seinen Tee mit Stinktierwasser aus den Singenden Teichen gekocht hatte. Auf jeden Fall war er guter Dinge und so stellte ich ihm einige Fragen, die mir schon länger unter den Krallen gebrannt hatten: Was würde Liu Lang tun, wenn er noch am Leben wäre? Wo würde er Abenteuer auf der Insel finden?

„Warum fragst du ihn nicht einfach?“, antwortete Meister Xi und zeigt auf die Statue. Daran hatte ich nicht gedacht! Aber einen Versuch war es wert. Nicht, dass ich wirklich eine Antwort erwartet hätte. Doch ich bekam sie!

Der Geist Shu hatte wahrscheinlich zugehört. Der kleine Kerl hüpfte auf Liu Langs Schulter und warf etwas Wasser auf den Boden. Nach einem kurzen Augenblick bewegte sich die Pfütze. Sie kroch wie ein Lebewesen zum Eingang des Tempels und sprang draußen die lange Treppe des Anbrechenden Morgens hinunter.

Ich folgte ihr, so schnell ich konnte, bis ich das nördlich vom Tempel gelegene weite Tal erreichte. Ich fragte das Wasser nicht, wohin es ging, denn das hätte die Überraschung zunichtegemacht. Genau wie Chen machte ich mich Schritt für Schritt auf die Reise!

2. Eintrag: Das anbrechende Dilemma

Meine Reise über die Wandernde Insel führte mich ins Tal des Anbrechenden Morgens!

Ich verfolgte die von Shu erschaffene Pfütze über die grasbewachsenen Hügel und durch die Dickichte der Gegend. Sie war mir stets einen Schritt voraus, was mich jedoch nicht im Geringsten störte. Zu dieser Jahreszeit war das Tal voller faszinierender Pflanzen und Tiere wie zum Beispiel Honigblattstrolchen. Diese raffinierten Waldgeister treiben gerne Schabernack und sorgen für allerlei Unruhe. Ich habe sie schon immer gemocht. Doch am besten an diesem Teil der Insel gefallen mir die hellroten Puzhubäume. Sie haben etwas Magisches an sich. Selbst nach dem Pflücken behalten ihre Blätter noch monatelang ihre Farbe.

Die Lehrensucher berichten, dass Liu Lang vor vielen Jahren verschiedene Schösslinge und Samen auf der ganzen Insel pflanzte. Gibt es deshalb auch in Pandaria dieselben Arten von Pflanzen und Blumen? Vielleicht benutzen dann auch dort die Leute Puzhublätter als Medizin und Dekoration wie wir.

Jedenfalls verlor ich Shus Wasser nördlich vom Tal des Anbrechenden Morgens irgendwo in Wu-Song aus den Augen. Und was noch schlimmer war: Niemand in der Siedlung hatte es gesehen! Wie ist es möglich, dass einem eine Wasserpfütze entgeht, die durch die Straßen tanzt? Aber man konnte den Dorfbewohnern wohl keine Schuld geben. Sie schienen vollends mit ihrer Arbeit und dem Kampftraining beschäftigt zu sein. Viele der besten Mönche der Insel werden ihn Wu-Song geboren und großgezogen, unter anderem aufgrund der Nähe des Dorfs zum Shang-Xi-Ausbildungsgelände, das direkt östlich auf einem großen Hügel gelegen ist. Den ganzen Tag über hallen die Geräusche von gegen Trainingspuppen schlagenden Fäusten und Waffen durch das darunterliegende Tal. Als ich mich zum Gelände begab, traf ich auf zwei der weisesten Pandaren überhaupt: Aysa Wolkensänger, eine Meisterin der Tushui-Schule, und Ji Feuerpfote, einen Huojin-Meister.

Beide dieser Philosophien sind ziemlich beliebt, haben jedoch jeweils einen ganz eigenen Charakter. Tushui lehrt einen zuallererst, das Richtige zu verteidigen. Es gibt nur einen wahren Weg im Leben, dem man stets folgen muss. Bei Huojin dagegen dreht sich alles um Leidenschaft und unmittelbares Handeln. Bei dieser Schule wird davon ausgegangen, dass man flexibel beim Erreichen seiner Ziele sein kann, wenn man das Allgemeinwohl zum Ziel hat.

Als Anhängerin des Wegs des Wanderers konnte ich mir die Gelegenheit nicht entgehen lassen, Aysa und Ji mit Fragen zu löchern. Also wollte ich von ihnen wissen, was ich tun sollte, um die Wasserpfütze zu finden.

„Setz dich hin, beobachte und warte, junge Pandaren“, sagte Aysa. „Shu ist ein uraltes Wesen und wird dir nicht immer antworten. Wenn sein Wasser dich finden will, wird es geschehen. Alles zu seiner Zeit.“

Ji hatte da einen etwas anderen Ansatz. „Du wirst das Wasser nur finden, wenn du gründlich vorgehst, kleine Sturmbräu. Suche jeden Baum und jedes Flussufer ab. Lasse nichts aus!“

Schließlich versuchte ich es auf beide Weisen. Zuerst setzte ich mich an Fus Teich, einen ruhigen Ort südlich vom Ausbildungsgelände. Ich meditierte mehrere Stunden, aber von Shus Wasserpfütze war nichts zu sehen. Dann folgte ich Jis Ratschlag und durchsuchte jeden Busch, den ich finden konnte. Aber dann erkannte ich schließlich, dass das alles nichts bringen würde. Meine Mission bestand im Entdecken. Falls Shu mich aus einem bestimmten Grund dorthin geführt hatte, sollte mir das vielleicht den ersten Schritt meiner Reise erleichtern.

Nachdem ich mich zurück auf den Weg zum Tempel der Fünf Sonnenaufgänge gemacht hatte, traf ich den Karrenfahrer Lun, der mit seinem großen Yak unterwegs war. Er hatte gerade einige Vorräte zum Tempel gebracht und machte sich nun bereit für die Rückkehr zum Dai-Lo-Bauernhof. Warum sollte ich also nicht einfach diesen Teil der Insel als Nächstes besuchen? Ich überredete Lun, mich auf seinem Karren mitzunehmen.

Allerdings schien er schlechte Laune zu haben. Er blickte so säuerlich drein, als hätte er in ein süßes Anko-Daifuku gebissen, das jemand mit ranzigem Yakkäse gefüllt hatte – was mir übrigens auch schon mal passiert ist. Nach einigen Fragen kam es dann schließlich heraus: Ho-zen-Diebe hatten seine Nahrungsvorräte geplündert!

Natürlich tat Lun mir leid, aber um ehrlich zu sein, war ich auch ziemlich begeistert. Dai-Lo zu erkunden war eine Sache, aber gleichzeitig auch den Diebstahl der Ho-zen zu untersuchen, war für mich wie ein Traum, der in Erfüllung ging.

Der nächste Abschnitt meiner Reise entwickelte sich immer mehr zu einem richtigen Abenteuer!

3. Eintrag: Wie man einen Ho-zen fängt

Nach meinen Erlebnissen im Tal des Anbrechenden Morgens ging es nun zum Dai-LoBauernhof!

Dieser wunderschöne Ort ist die Kornkammer der Wandernden Insel und wie ich in der Großen Bibliothek erfahren habe, gehört der Boden in dieser Region zu den fruchtbarsten der Welt. Dai-Lo selbst ist eine kleine Bauerngemeinde in der Nähe der „Ränge“ – langer, gewundener Abschnitte aus bestelltem Land voller Kürbisse, Möhren und anderen leckeren Dingen. Das reichhaltige Angebot frei zugänglicher reifer Nahrungsmittel macht das Gebiet zu einem bevorzugten Ziel für lästige Plagegeister wie die Shed-Ling. Diese pelzigen Biester fressen alles, was sie in ihre schmutzigen kleinen Hände bekommen, aber besonders gern mögen sie Gemüse.

Doch die Shed-Ling stellen nur eines der Probleme auf dem Bauernhof dar. Auf dem Weg nach Dai-Lo erzählte mir der Karrenfahrer Lun, dass eine Gruppe Ho-zen-Diebe sich in das Dorf geschlichen und einige Säcke Reis sowie verschiedenes Gemüse gestohlen hatten. Normalerweise halten sich diese hartnäckigen Affen in Fe-Feng im nordwestlichen Teil der Insel auf, machen manchmal aber auch hier Ärger.

Eines muss ich jedoch klarstellen: Ich mag Ho-zen. Sie haben ihre eigene, faszinierende Kultur und spezielle Bräuche. Ho-zen sind auf eine sympathische Art ziemlich verrückt. Aber gelegentlich übertreiben sie es einfach.

Ich war geschockt, als ich erfuhr, dass niemand versuchte, die Diebe zu finden. Da schon die Shed-Ling überall herumschlichen, erschien es den Bauern aus Dai-Lo wohl nicht so schlimm, ab und zu ein paar Nahrungsmittel zu verlieren. Ich sah es aber anders: Falls die Bauern es zuließen, dass die Ho-zen ihre Ernte stehlen, würden es diese pelzigen Rabauken immer wieder tun. Sie vergriffen sich an unserem Essen und ich wollte nicht die Hände in den Schoß legen und sie ungeschoren davonkommen lassen!

Lun sagte, dass die Ho-zen zuletzt in den nördlich von den Rängen gelegenen Wäldern auf ihrem Weg zu einem Gebiet namens „Die Singenden Teiche“ gesichtet worden waren. Schon bald hatte ich eine Spur aus angenagten Möhren und weggeworfenen BrokkoliRöschen gefunden. Anscheinend mögen selbst Ho-zen keinen Brokkoli ... Ich folgte der Spur bis in die abgelegenen Smaragdwälder, in denen sich die Teiche befinden.

Zu den Singenden Teichen bin ich schon immer gerne gegangen. Dieser Ort ist ruhig und voller Magie. Ich habe dort viel Zeit verbracht und auf Pfählen balanciert, die hoch aus dem Wasser ragen. Dieses Training ist ganz schön spannend, da man nicht einfach nur nass wird, wenn man hineinfällt. Das Wasser hat noch eine ganz andere Eigenschaft.

Im Laufe der Jahre sind alle möglichen Arten von Tieren in den Teichen gestorben und ihre Geister haben sich mit dem verzauberten Wasser verbunden. Wenn man nass wird, dann ... BUMM! Als Nächstes ist man ein hüpfender Frosch oder watschelt als Schildkröte durch den Schlamm. Es gibt sogar einen Teich mit Stinktiergeistern. Wenn der Fluch vorbei ist, riecht man noch tagelang äußerst unangenehm!

Gründlich suchte ich alles ab und beobachtete Kinder, die unter Anleitung eines Pandaren namens Bo der Starke von Pfahl zu Pfahl hüpften. Das ist ein kräftiger und ernster Geselle, der auch mich schon seit Jahren unterrichtet. Er hat ein gutes Herz, allerdings kann man mit ihm so viel Spaß haben wie mit einem Eimer voller alter Fischköder. Bei Bo dem Starken heißt es immer: „Mach das nicht!“ – wie bei meinem Papa. Die beiden sind das genaue Gegenteil von Onkel Chen.

Bo der Starke entdeckte mich, als ich an den Teichen entlangging, und warf mir einen bösen Blick zu. Er dachte wahrscheinlich, ich führte nichts Gutes im Schilde. Und da hatte er natürlich recht ... Zum Glück war er zu sehr mit dem Training beschäftigt, als dass er mir Ärger bereiten konnte.

Schließlich fand ich die Ho-zen-Diebe – und zwar genau fünf von ihnen. Sie lungerten am Stinktierteich herum und stießen sich gegenseitig ins Wasser. Immer, wenn einer hineinfiel und sich kurz verwandelte, hüpften die anderen ganz aufgeregt herum, wobei sie prusteten und brüllten, als würde es in der Brauerei Ki-Han etwas umsonst geben.

Auf einem nahegelegenen Hügel entdeckte ich hinter einem Baum die Überreste der Reissäcke und des Gemüses. Die Ho-zen waren so in ihr Spiel vertieft, dass sie gar nicht bemerkten, wie ich mich leise an das Versteck heranschlich, um mir die Waren anzusehen. Ich kam näher und näher, bis die Nahrungsmittel nur noch eine Armlänge entfernt waren, und dann ... kamen plötzlich zwei flaumige Ho-zen-Babys hinter den Säcken hervor!

Ich hätte nicht gedacht, dass hier eine ganze Familie auf Diebestour gegangen war. Da sie mit der Beute anscheinend ihre Jungen gefüttert hatten, konnte ich es nicht übers Herz bringen, sie ihnen wegzunehmen. Aber ein bisschen Rache war durchaus noch drin. Also warf ich einen der gestohlenen Kürbisse nach den Ho-zen beim Teich und rannte in den Wald. Dem lauten Platschen nach zu urteilen hatte ich zumindest ein paar von ihnen erwischt. Allerdings dürften sie nach der Verwandlung in Stinktiere besser gerochen haben als vorher ...

Auf meinem Rückweg zum Bauernhof entschied ich mich für mein nächstes Ziel, den Pei-Wu-Wald, ein dicht bewachsenes und furchteinflößendes Stück Wildnis in der Nähe von Dai-Lo. Dorthin zu gehen, war für mich mehr als nur eine Erkundung. Als Kind schlich ich mich alle paar Jahre in den Pei-Wu-Wald, lief dann allerdings nach ein paar Schritten immer ganz schnell nach Hause, da ich zu große Angst hatte, weiterzugehen.

Tja, nun war wohl die Zeit gekommen, mich endlich meinen Ängsten zu stellen. Ich besorgte mir Vorräte aus Dai-Lo und machte mich auf den Weg in den Pei-Wu-Wald, den gefährlichsten und verbotensten Ort auf der gesamten Wandernden Insel!

4. Eintrag: Der Verbotene Wald

Vollgepackt mit Vorräten vom Dai-Lo-Bauernhof bereitete ich mich auf meine Reise zum tödlichsten Ort auf der Wandernden Insel vor, dem Pei-Wu-Wald!

Der Wald ist gefährlich und der Zutritt daher fast allen Pandaren untersagt. Ich wusste, dass es nicht einfach sein würde, mich hineinzuschleichen. Der dichte Bambuswald ist von Hügeln und steilen Bergen umrandet und der einzige Zugang wird von zwei riesigen Toren versperrt. Diese unnachgiebigen Tore liegen vor Mandori, wo ich mein ganzes Leben verbracht habe. Das mag zwar praktisch klingen, bedeutet aber auch, dass in der Nähe der Tore immer Pandaren anzutreffen sind. Es ist also sehr schwierig, dieses Hindernis unbemerkt zu überwinden.

Was alles noch schlimmer machte, war, dass ich Bo den Starken sah, als ich nach einem stillen Fleckchen suchte, von dem aus ich das erste Tor genauer untersuchen konnte. Warum nur musste er unbedingt heute im Dorf herumschnüffeln? Er fragte mich, was ich vorher bei den Singenden Teichen gemacht hätte. „Ich habe die Schönheit und Pracht unserer Heimat genossen“, antwortete ich ihm – und das war nicht gelogen!

Trotzdem kniff Bo der Starke einfach nur die Augen zusammen und blickte mürrisch drein, wie immer. (Ich frage mich, ob er weiß, wie sehr er einer runzeligen Mooshautkröte ähnelt, wenn er das macht.) Da Bo unbedingt mit seiner fetten Schnauze herumschnüffeln musste, ging ich nach Hause, um mich etwas auszuruhen und abzuwarten, bis die Luft wieder rein war. Noch vor Sonnenaufgang verließ ich die stillen, verlassenen Straßen und kletterte mit einem Seil aus Yakhaar, das ich vom Dai-Lo-Bauernhof mitgebracht hatte, über die zwei großen Tore.

Schon bald erhob sich die Sonne über den Horizont, das dicke Kronendach des Pei-Wu-Waldes blockierte jedoch fast das ganze Licht. Nebelschwaden lagen dicht über dem Waldboden und erschwerten mir zusätzlich die Sicht. Um mich herum konnte ich aber Geräusche hören ... Unmengen von Geräuschen. Die Region ist für ihre reichhaltige Tierwelt wohlbekannt, doch es gibt nur eine Kreatur, die das Herz aller Pandaren mit Furcht erfüllt: der wilde Pei-Wu-Tiger.

Und einer von ihnen hatte es auf mich abgesehen. Wohin ich auch ging, aus einiger Entfernung folgte mir das Geräusch schwerer Pfotenschritte. Wenn ich anhielt, hielt auch mein Verfolger an. Wenn ich mich bewegte, bewegte auch er sich. Dann, ganz plötzlich, stürzte die Bestie schnaubend und knurrend auf mich zu. Ich nahm die Haltung des starken Ochsen an, um mich zu verteidigen, als die riesige Gestalt plötzlich aus dem Nebel hervortrat – es war Bo der Starke!

Warum konnte er sich nicht einfach um seine eigenen Angelegenheiten kümmern? Ohne ein Wort brachte Bo mich zurück nach Hause. Dann weckte er Papa auf und erzählte ihm, dass ich mich in den verbotenen Wald geschlichen hatte. Papa stauchte mich eine gute Stunde lang zusammen, bevor er sich wieder beruhigte. Zur Strafe, so entschied er, sollte ich eine ganze Woche lang das komplette Übungsprogramm bei den Singenden Teichen über mich ergehen lassen ... unter Bos strenger Aufsicht.

Ich versuchte, Papa zu erklären, worum es mir ging ... dass ich mich der Erkundung der Großen Schildkröte gewidmet hatte und darüber schrieb, wie wundervoll die ganze Reise war. Ich hatte geglaubt, es würde ihn glücklich machen, doch er schien sich weder darum zu kümmern noch mich zu verstehen.

Papa sagte, dass meine Bestrafung am nächsten Tag beginnen würde, was bedeutete, dass ich noch einen weiteren Ort besuchen konnte. Ich kochte noch immer vor Wut wegen allem, was geschehen war, machte mich aber dennoch auf den Weg nach Westen.

Schließlich gelangte ich zu einem langen, gewundenen Pfad, der zum Stabwald führte – der letzten Ruhestätte der Pandarenältesten der Wandernden Insel. Ein riesiger Steinlöwe, der Wächter der Ältesten, hütet den Eingang. Das mächtige Wesen gewährt nur jenen Zugang, die es im direkten Kampf bezwingen können. (Ich gehörte mit zu den jüngsten Pandaren, denen dies jemals gelungen war.)

Vor vielen Jahren, bevor er die Große Schildkröte verließ, hatte Onkel Chen mir erzählt, dass er diesen Teil der Insel oft auf der Suche nach Inspiration besuchte. Damals verstand ich ihn nicht, aber heute tue ich es. Dieser Ort ist von Magie erfüllt. Wenn jemand hier zur Ruhe gebettet wird, pflanzt man den Gehstab des oder der Verstorbenen in den Waldboden und der Stab wächst schließlich zu einem wundersamen Baum heran. So ist hier nach vielen Generationen ein ganzer Wald entstanden, der die gesamte Geschichte der größten Pandaren der Insel verkörpert.

Selbst meine Familie hat hier ein Grab, doch darüber möchte ich lieber nicht schreiben. Ich habe es dieses Mal nicht besucht. Nach dem Streit mit Papa konnte ich nicht noch mehr Kummer ertragen.

Als ich durch eines der ältesten Dickichte des Waldes spazierte, begegnete ich dem Ältesten Shaopai, der am Schrein seiner Familie gerade ein paar Räucherstäbchen anzündete. Shaopai ist ein unglaublich weiser Pandaren aus dem nahe gelegenen Morgenhauch. Der Älteste hat sein ganzes Leben dem Aufzeichnen weiser Worte gewidmet, zum Wohle zukünftiger Generationen.

Shaopai begleitete mich einen Teil des Weges, deutete dabei auf verschiedene Bäume und erklärte mir, an wen sie uns erinnern sollen. Bevor er den Rückweg in sein Dorf antrat, sagte er noch zu mir: „Ich spüre, dass dich etwas belastet, kleine Sturmbräu. Es steht mir nicht zu, dir Fragen zu persönlichen Dingen zu stellen, aber nimm bitte dies.“ Der Älteste gab mir einen glatten, runden Gegenstand, der kaum größer als meine Pfote war – es war ein Kummerstein. „Wenn dir das Leben schwer auf den Schultern lastet, kann der Kummerstein deine Last mindern. Seine Magie ist sehr stark."

Ich hatte die Kummersteine immer für nutzlosen Schnickschnack gehalten, doch wenn ein Weiser wie Shaopai an ihre Kraft glaubt, dann glaube auch ich daran.

Als ich schließlich den Wald verließ, überkam mich ein merkwürdiges Gefühl, das ich seither nicht abschütteln konnte. Ich war dankbar für Shaopais Geschenk und auch dafür, dass ich so viele wundervolle Orte auf dieser Insel bereisen konnte, aber ich wollte mehr. Die Wandernde Insel ist ein wunderschönes und zauberhaftes Land voller Geschichten und Wunder. Doch sie ist auch mein Zuhause. Ich habe hier alles gesehen. Aber da draußen, dort wartet eine ganze Welt darauf, entdeckt zu werden. Und ich mache mir Sorgen, weil ich fürchte, dass ich sie niemals sehen werde.

Den Rest des Tages verbrachte ich in der Großen Bibliothek und las erneut Onkel Chens Briefe durch. Er fehlt mir. Papa sagt, dass mein Onkel wahrscheinlich bei einem seiner „verrückten“ Abenteuer ums Leben gekommen ist, aber das glaube ich nicht. Ich weiß, dass er noch irgendwo da draußen ist, und ich weiß, dass er eines Tages zurückkehren wird.

Und bis dahin kann ich nichts weiter tun, als den Weg des Wanderers hier auf der Großen Schildkröte am Leben zu erhalten. Onkel Chen wäre stolz darauf ... Meine Ahnen wären stolz darauf. Denn genau für dieses Leben waren wir immer bestimmt! Liu Lang sagte einst selbst: „Jeder Horizont ist wie eine Schatztruhe, jede leere Karte eine Geschichte, die erzählt werden will.“

Wenn Papa das doch nur auch verstehen könnte. Aber es spielt keine Rolle, was er sagt. Eines Tages werde ich mir in dieser Welt einen Namen machen.

Und wenn es so weit ist, wird Onkel Chen an meiner Seite sein.

5. Eintrag: Der Jadewald

Seit meinem letzten Eintrag in diesem Tagebuch ist viel geschehen. Erst einmal ist Onkel Chen (dank der Hilfe meiner Wenigkeit) endlich nach Hause auf die Wandernde Insel zurückgekehrt. Kurz darauf brachen wir zu den weit entfernten Winkeln der Welt auf, um nach dem legendären Kontinent Pandaria zu suchen. Die meisten Bewohner der Großen Schildkröte glaubten, dass dieser Ort schon lange zuvor durch Kriege und Krankheiten zerstört worden war.

Nun, da lagen sie falsch.

Nachdem wir gegen Piraten gekämpft, einen wilden Sturm auf See überlebt und alle Arten von Gefahren überstanden hatten, gelang Onkel Chen und mir das Unmögliche: Wir fanden Pandaria, das Heimatland unserer Ahnen!

Doch die Reise dorthin verlief nicht ganz nach Plan. Geführt hat uns die Perle von Pandaria, ein mystisches Artefakt, die mir in Visionen zeigte, wie ich den Kontinent finden konnte. Es wäre allerdings schön gewesen, wenn uns diese dumme Perle vor der Gefährlichkeit der Reise gewarnt hätte.

Aber wichtig ist, dass wir Pandaria in einem Stück erreichten. Wir gingen in der Nähe des Jadewalds an Land, einer sich an der Ostküste des Kontinents erstreckenden Region. So weit das Auge reichte, waren grüne Wälder und Bambusdickichte voller seltsamer Pflanzen und Tiere zu sehen.

Onkel Chen und ich hatten zwar keine Karte, aber das war kein Problem. Nachdem wir uns die nähere Umgebung angesehen hatten, schlugen wir eine zufällige Richtung ein und begannen unsere Reise, wie es sich für wahre Anhänger des Weges des Wanderers gehört: Schritt für Schritt.

Schon bald tauchten die Bewohner auf und grüßten uns. Dutzende Echsenwesen mit Knopfaugen (die Saurok, wie ich später erfuhr) stürzten aus dem Wald hervor. Ihr Geruch ähnelte altem Leder, das man in verdorbenem Bier eingelegt und dann in ein Fass von Großmutter Meis fermentierter Fischpaste gesteckt hat. Und das war auch schon das Beste an ihnen.

Wir (oder eigentlich hauptsächlich Onkel Chen) machten kurzen Prozess mit den Ledergesichtern. Einige Problemchen hatten wir nur mit dem Anführer, einem riesigen Saurok voller Narben, Kriegsbemalungen – und noch mehr Narben. Aber schon bald zog er sich schreiend wie ein Kleinkind in den Wald zurück.

Das schmuddelige Lager der Saurok fanden wir in der Nähe. Es war voller Beute: Wagen mit Getreide und Gemüse und große Brocken reiner Jade. Während wir uns die Sachen ansahen, kam eine Gruppe Pandaren langsam aus dem Wald hervor. Als sie feststellten, dass die Saurok fort waren, verbeugten sie sich und überschütteten uns mit Lob, als wären wir Helden gewesen! Wie sich herausstellte, hatten die Ledergesichter das Gebiet terrorisiert, und alle Versuche, sie zu besiegen, waren fehlgeschlagen.

Unsere neuen Bewunderer waren vollkommen baff, als Onkel Chen ihnen erzählte, dass wir von der Wandernden Insel stammen. Die Leute in Pandaria hatten die Große Schildkröte seit Jahrhunderten nicht gesehen und die meisten von ihnen dachten, dass es die Insel nicht mehr gäbe. Ich war überrascht, wie sehr die Pandaren im Jadewald denen bei uns zu Hause ähnelten. Außer einigen kleinen Unterschieden wie der Kleidung gab es nicht viel, was sich über die Generationen hinweg geändert hatte.

Als sie erfuhren, dass wir ganz normale Entdecker waren, erzählten sie uns eine Menge über den Jadewald, seine Bewohner und seinen wichtigsten Ort: den Tempel der Jadeschlange. Dieser unglaubliche Tempel war nicht nur ein Monument für den legendären Pandarenkaiser Shaohao, sondern auch eng verbunden mit der Jadeschlange Yu'lon, einem der vier himmlischen Wesen, die über Pandaria wachten.

Als Onkel Chen und ich das Tempelgelände erreichten, meißelten Arbeiter gerade eine riesige Jadestatue namens „Schlangenherz“. Alle hundert Jahre überträgt Yu'lon ihre Lebensessenz in die Skulptur, die sich daraufhin in ein neues Wesen verwandelt. Dieser Kreislauf – das Erbauen von Statuen, um Yu'lon ihre Wiedergeburt zu ermöglichen – hatte seit Generationen bestanden, war jedoch von den Saurokräubern in Gefahr gebracht worden, die den Vorrat der Arbeiter an kostbarer Jade gestohlen hatten.

Einer der Tempelverwalter, Ältestenweiser Ren-Zhu, war so nett, Onkel Chen und mich ein wenig herumzuführen. Nach Norden ging es zum Arboretum, einem wundervollen Ort, an dem der Orden der Wolkenschlange beheimatet war. Diese furchtlose Gruppe hatte sich schon lange mit dem Zähmen, der Aufzucht und dem Reiten der Wolkenschlangen befasst, den majestätischen fliegenden Tieren, die ich am Himmel über dem Tempel gesehen hatte.

Der alte Ren-Zhu sagte, dass er uns zum Dank für den Sieg über die Saurok und die zurückgebrachte Jade jeden Wunsch erfüllen würde. Mein erster Impuls war, ihn um eine eigene Schlange zu bitten (die Jungen waren wirklich süß!), aber für Onkel Chen ging das ein bisschen zu weit. Also entschied ich mich für das Nächstbeste: einen Ritt auf einer Wolkenschlange!

Ich war zwar schon zu Hause mit einem der riesigen Kraniche und sogar im Zeppelin eines Goblins geflogen, aber diese Wolkenschlange war schon eine Klasse für sich. Sie schoss schneller in die Luft als alles andere, was ich je zuvor gesehen hatte. Aus dieser Höhe konnte ich gut erkennen, was hinter dem Jadewald lag. Im Westen gab es sanft ansteigende Ebenen und Ackerland. Im Nordwesten lag eine unglaublich hohe Bergkette mit schneebedeckten Gipfeln. Pandaria war riesig. Es gab dort so viel zu entdecken. Ich erkundete einen gesamten Kontinent, den seit Generationen kein Pandaren der Wandernden Insel mit eigenen Augen erblickt hatte!

Bevor mein Onkel und ich aufbrachen, um den Rest des Waldes zu erkunden, gaben wir Ren-Zhu die Perle von Pandaria. Er hatte uns wie einen Teil seiner Familie behandelt und als wir sahen, wie sehr die Pandaren den Tempel als Zentrum der Weisheit und Einsicht verehrten, war für uns klar, dass sie die Perle bekommen sollten. Sie herauszugeben, war nicht einfach, aber sie hatte mir bereits den Weg nach Pandaria gewiesen. Nun war für sie die Zeit gekommen, jemand anderen zu seiner Bestimmung zu führen.

In den darauffolgenden Wochen hatten Onkel Chen und ich vor allem eine Beschäftigung: Wir wanderten! Der Jadewald schien sich unendlich zu erstrecken und an jeder Ecke gab es etwas Neues und Spannendes: abgelegene Pandarenschreine, mit Ranken bedeckte antike Ruinen und Mönchskloster hoch in den Bergen. Das einzige Problem bestand darin, dass mein Onkel im Schneckentempo ging und sich alle paar Minuten hinsetzte, „um die Landschaft zu genießen“, wie er es ausdrückte.

Schließlich erreichten wir den Rand des Jadewalds. Vor uns lag das Tal der Vier Winde mit seinem Ackerland, das ich von der Wolkenschlange aus gesehen hatte. Ich war ganz wild darauf, etwas anderes als einen Wald zu erkunden, hätte aber nie erwartet, was Onkel Chen und mir auf dem nächsten Abschnitt unserer Reise begegnen sollte.

Schon bald darauf machten wir eine Entdeckung, die unser Wissen über die Familie Sturmbräu in den Grundfesten erschütterte!

6. Eintrag: Das Tal der Vier Winde

In den Wochen, in denen Onkel Chen und ich den Jadewald erkundeten, begann ich mich wie eine Fremde ohne wirkliche Verbindung zu Pandaria zu fühlen. Klar, meine Vorfahren stammen aus diesen Landstrichen, aber das liegt schon Generationen zurück. Obwohl ich ein paar Ho-zen getroffen hatte (noch größer und sogar noch verrückter als ihre Brüder zu Hause), war sonst auf diesem Kontinent fast alles anders, als ich es kannte.

Tja, doch dann besuchte ich das Tal der Vier Winde. Dort fühlte ich mich sofort wie zu Hause, allerdings war alles wesentlich größer. Das als Kornkammer von Pandaria geltende Tal war bedeckt mit ausgedehnten Ackerflächen, gegen die die Ränge auf der Wandernden Insel wie ein kleiner Garten anmuteten. Von einer Ernte dieses Tals hätten sich wahrscheinlich alle Pandaren in Mandori – und sogar Dickerchen wie Onkel Chen – ein Leben lang ernähren können.

Ich könnte dieses gesamte Tagebuch mit unglaublichen Dingen füllen, die ich im Tal sah – von der tosenden Huangtzekaskade bis hin zu den magischen Teichen der Reinheit. Aber nicht das Neue hat meine Aufmerksamkeit erregt, sondern die vertrauten Dinge, die ich an einem so weit von zu Hause entfernten Ort niemals erwartet hätte.

Diese Entdeckungen begannen, als Onkel Chen und ich das Tal an der Seite von Helden aus anderen Ländern Azeroths erkundeten, die Pandaria ebenfalls bereisten. Auf Fremde zu stoßen, war keine große Überraschung. Mein Onkel erzählte mir, dass ihm einige Wochen zuvor Mitglieder der Horde und Allianz über den Weg gelaufen waren, während ich geschlafen hatte. Wie sich herausstellte, sorgten die beiden Fraktionen im Jadewald für allerlei Ärger. Sie hatten sogar Einheimische wie die Ho-zen und ein Fischvolk namens Jinyu in ihren Konflikt hineingezogen. Zum Glück waren Onkel Chen und ich bereits dabei, den Wald zu verlassen, als diese Dinge geschahen.

Kurz nachdem wir das Tal betreten hatten, trafen wir Trübtrunk, einen freundlichen Pandaren, der sein eigenes Bier mit schmutzigem Wasser braute. Er war ein bisschen verrückt, aber ich mochte den großen Kerl. Aus heiterem Himmel erzählte er uns von einer Sturmbräu-Brauerei in der Gegend. Onkel Chen und ich konnten es gar nicht glauben. Wir hatten Angehörige in Pandaria – und eine Brauerei! Diese Nachricht brachte Chen dazu, sich zum ersten Mal seit Wochen schneller als ein paar Schritte pro Stunde zu bewegen.

Leider war die Brauerei in einem sehr schlechten Zustand. Shed-Ling, die denen auf der Wandernden Insel bis aufs Haar glichen, hatten die Getreide- und Reislager befallen. Hozen hatten Teile des Gebäudes eingenommen und waren dort Sturm gelaufen. Und was noch schlimmer war: Onkel Gao, der für die Brauerei verantwortliche Sturmbräu, wollte uns nicht mal helfen! Aber Chen und ich ließen uns die größte Entdeckung unserer Familiengeschichte nicht von irgendeinem griesgrämigen Verwandten ruinieren.

Schließlich beseitigten wir die Schädlinge in der Brauerei, was uns ohne die anderen Neuankömmlinge nicht gelungen wäre. Als alles wieder unter Kontrolle war, wurde Gao etwas zugänglicher. Zuvor hatten viele weitere Sturmbräus in der Brauerei gewohnt und gearbeitet, waren aber nach Westen gezogen, um gegen ein uraltes Insektenvolk namens Mantis zu kämpfen. Gao hatten sie zurückgelassen, damit er sich um die Brauerei kümmert. Auf ihm muss ein ziemlicher Druck gelastet haben, der Familie gerecht zu werden, da seine Bemühungen zu einigen ziemlich instabilen Gebräuen geführt hatten – von der Sorte, die lebendig werden und einen umbringen wollen.

Gao wusste nicht, wann die anderen Sturmbräus zurückkehren würden, erzählte uns aber alles über sie. Er klärte uns auch über die Geschichte unserer Familie im Tal und darüber auf, wie weit sie zurückreichte. Direkt vor der Brauerei zeigte er uns einen alten, der Witwe Mab Sturmbräu und ihrem Sohn Liao gewidmeten Schrein. Von den beiden hatte mir schon mein Papa erzählt. Nachdem Mabs Mann bei einem tragischen Traubenpressenunfall ums Leben gekommen war, hatte sie mit Liao ein neues Leben auf der Wandernden Insel begonnen.

Außer der Familie Sturmbräu gab es noch engere Verbindungen zwischen dem Tal und meiner Heimat. Gao behauptete, dass Liu Lang – der Gründer der Wandernden Insel – in der Nähe der Brauerei geboren worden und aufgewachsen war. Das muss man sich mal vorstellen! Sein Geburtsort bei einem Dorf namens Steinpflug befand sich am westlichen Rand des Tals.

Jeden Tag erfuhr ich neue Dinge über die Region und meine entfernten Verwandten. Alles lief gut, bis plötzlich schlechte Nachrichten eintrafen ...

Am Schlangenrücken, einer riesigen Mauer im Westen, geschah etwas Großes. Viele Jahre zuvor hatten die Mogu – gigantische Bestien und die ehemaligen Herrscher von Pandaria, bevor sie von meinen Vorfahren einen Tritt in den Allerwertesten bekommen hatten – die Barriere als Schutz vor ihren Erzfeinden, den Mantis, errichtet. Mittlerweile bewachten die Pandaren den Schlangenrücken, allerdings hatten diese Insektendinger kurz zuvor ihre Verteidigung durchbrochen und begannen nun mit einer Invasion der nächsten Siedlung: Steinpflug!

Onkel Chen und ich schlossen uns einer großen Pandarengruppe an, die sich in Steinpflug versammelt hatte, um die Angreifer abzuwehren. Zwar erledigten wir die Mantis, allerdings hatte ich das Gefühl, dass noch weitere Angriffe folgen würden. Die Einwohner erzählten von einer anderen Macht, die für den Angriff verantwortlich gewesen sein sollte – das düstere und geheimnisvolle Sha. Beim Gedanken daran, dass es so etwas in Pandaria gab, ließ es mir kalt den Rücken runterlaufen.

Nach dem Angriff beruhigte sich die Situation wieder. Onkel Chen und Onkel Gao diskutierten in der Brauerei tagelang über Rezepte und probierten neue Biere aus. Für mich war das in Ordnung. Seit unserer Ankunft in Pandaria hatte mich Chen immer gebremst. Nun wollte ich unbedingt selbst auf Entdeckungsreise gehen und hatte bereits den perfekten Ort dafür ausgemacht: die Krasarangwildnis. Von dort aus hatte Liu Lang Pandaria einst auf Shen-zin Su verlassen, der Meeresschildkröte, die schließlich zur Wandernden Insel heranwachsen sollte!

Von Krasarang hatte mir einer der Bauern im Tal berichtet. Er hatte mich vorgewarnt, dass der Ort sehr gefährlich wäre, aber das zu hören, steigerte mein Verlangen, ihn zu erkunden, noch mehr. Also besorgte ich mir ein paar Vorräte und schrieb Onkel Chen, wohin ich gehen würde. Er steckte mit seiner Nase so tief in Säcken voller Hopfen und Gerste, dass ich davon ausging, wieder zurück zu sein, bevor er es überhaupt mitbekommt.

Endlich war ich frei und ging meinen eigenen Weg. Nächster Halt: die Krasarangwildnis und der Ursprung der Wandernden Insel!

7. Eintrag: Die Krasarangwildnis

Auch ohne Onkel Chens Hilfe war es einfach, die Krasarangwildnis zu finden. Aber mich in diesem düsteren Sumpfgebiet an der Küste zurechtzufinden, war eine ziemliche Herausforderung. Das dichte Blattwerk hielt das Sonnenlicht ab, wodurch es fast unmöglich war, sich zu orientieren. Wenn ich nicht über knorrige Wurzeln stolperte, verfing ich mich in diesen dummen großen Ranken, die von den Bäumen hingen. Und dann waren da noch die Tiere: Saurok, riesige fauchende Wespen und andere Arten bedrohlicher Viecher gab es dort im Überfluss.

Es war genauso spannend, wie ich es mir erhofft hatte!

Aber es störte mich, dass ich die Stelle nicht finden konnte, an der Liu Lang diesen Ort auf Shen-zin Su verlassen hatte. Nach Tagen der ergebnislosen Suche traf ich den ersten Pandaren seit geraumer Zeit: einen Angler namens Ryshan, der gerade eine Fischladung an Zhus Wacht geliefert hatte. Dieser Außenposten im Nordosten der Krasarangwildnis war erbaut worden, um gefährliche Biester wie die Saurok davon abzuhalten, Reisende auf dem Weg zur Küste anzugreifen.

Freunde müssen in Krasarang ein seltenes Gut sein, da Ryshan mich wie ein Familienmitglied behandelte, obwohl wir uns erst seit Kurzem kannten. Als ich erklärte, warum ich in der Wildnis unterwegs war, berichtete er mir, dass die Stelle, an der Liu Lang Pandaria verlassen hatte, in der Nähe seines Dorfes – der Anlegestelle der Angler – lag. Er war so nett, mich in seine Siedlung einzuladen, damit ich meine Vorräte aufstocken konnte, bevor ich dorthin aufbrach. Endlich lief es wieder besser!

Auf dem Weg zum Dorf erzählte mir Ryshan von der Geschichte der Krasarangwildnis. In diese Wälder wagen sich nur wenige Pandaren. „Nur Angler und Verrückte – falls es da überhaupt einen Unterschied gibt“, sagte er voller Stolz. Wir gingen an einigen zerfallenen alten Ruinen vorbei, die seinen Informationen nach einst den Mogu gehört hatten. Vor dem Niedergang ihres Reiches hatten einige dieser großen Ungetüme in Krasarang gelebt. Erst kürzlich waren die Mogu wieder aufgetaucht, um ihre ehemaligen Territorien zurückzufordern, allerdings wurden sie von Helden wie jenen, die Onkel Chen und mir bei der Familienbrauerei geholfen hatten, aufgehalten.

Als wir an der Anlegestelle der Angler ankamen, brach schon fast die Abenddämmerung herein. Da das kleine Dorf mit seinen baufälligen Hütten vor der Küste von Krasarang lag, mussten Ryshan und ich per Boot übersetzen. Kein großes Problem, oder? Von wegen: Nachdem wir losgefahren waren, schrie der Angler plötzlich auf und schwang eines der Ruder. Was konnte einen tapferen Pandaren wie ihn aus der Fassung bringen? Krokolisken? Saurok? Ich hatte wirklich Angst um mein Leben, bis ich den Missetäter schließlich erblickte: einen Beuteldachs.

Diese pelzigen kleinen Kerlchen waren meisterhafte Diebe und naschten unglaublich gerne Fisch. Mit anderen Worten waren sie der Fluch der Angler. Der Beuteldachs in unserem Boot war ziemlich wild. Als Ryshan mit dem Ruder auf das Deck schlug, schreckte er nicht mal zurück, sondern fauchte und schlug mit seinen Krallen nach dem Angler.

Beuteldachse bleiben normalerweise im Tal der Vier Winde, aber dieser hatte den weiten Weg nach Krasarang zurückgelegt. Ich beruhigte Ryshan, indem ich versprach, mich um das kleine Fellknäuel zu kümmern und dafür zu sorgen, dass er keinen Fisch in die Pfoten bekam. Das war das Mindeste, was ich tun konnte, da der Beuteldachs ja immerhin auch ein Entdecker war. Seltsamerweise erinnerte er mich an meinen älteren Bruder Shisai. Vielleicht lag es an seinem dicklichen Gesicht und den buschigen Ohren, vielleicht aber auch an der Art, wie er alte Futterreste aus seinem Fell herauspickte und ohne Rücksicht darauf, wie eklig er dabei aussah, verspeiste. Wie auch immer, ich entschied mich, den Beuteldachs nach meinem großen Bruder zu benennen. So schwierig es auch zu glauben war, ich vermisste Shisai wirklich. Nun ja ... zumindest ein bisschen.

An der Anlegestelle der Angler brieten Ryshan und seine Freunde einen Teil des Tagesfangs und erzählten mir ihre schönsten Anglergeschichten. Als ich ihnen sagte, dass ich von der Wandernden Insel käme, nahmen sie dies als Herausforderung, mir noch abenteuerlichere Geschichten zu präsentieren und begannen, lang und ausufernd über einen Babykraken zu berichten, den sie Jahre zuvor gefangen hatten.

Nur Angler und Verrückte. Ja. Das traf den Nagel auf den Kopf.

Eine der interessantesten Erzählungen drehte sich um den Tempel des Roten Kranichs. Dieser in der Mitte der Krasarangwildnis gelegene, massive Komplex war zu Ehren des himmlischen Chi-Ji, auch bekannt als der Rote Kranich, erbaut worden. Laut Ryshan nannte man dieses mächtige und gütige Wesen auch den Geist der Hoffnung. Vor nicht allzu langer Zeit war etwas Gefährliches aus den Tiefen des Tempels des Roten Kranichs entkommen: Sha. Dieses seltsame Übel war später bezwungen worden, doch erst, nachdem sich ein Schatten der Verzweiflung über die Wildnis gelegt hatte.

Ich hatte vom Sha bereits während des Mantisangriffs auf Steinpflug im Tal der Vier Winde gehört. Warum tauchten diese eigenartigen Dinger plötzlich überall auf? War wirklich ganz Pandaria davon betroffen? Wenn ich nur an das Sha dachte, bekam ich schon eine Gänsehaut. Und gut schlafen konnte ich in dieser Nacht auch nicht wirklich.

Als ich mich am nächsten Morgen aufmachen wollte, nach dem Ursprungsort der Wandernden Insel zu suchen, landete ein riesiger Heißluftballon an der Anlegestelle der Angler! Der Pilot, ein freundlicher Pandaren namens Shin Flüsterwolke, war aus der nördlichen Region des Kun-Lai-Gipfels gekommen, um sich eine Ladung Fisch abzuholen. Anscheinend wollte er ihn an einen heiligen Ort hoch in den Bergen – den Tempel des Weißen Tigers – ausliefern. Der Fisch in Krasarang schien zum besten in ganz Pandaria zu gehören. Warum sonst hätte Shin so weit nach Süden reisen sollen?

Je mehr Shin über Kun-Lai erzählte, desto mehr entstand in mir der Wunsch, es selbst zu sehen. Der Ballonpilot sagte mir, dass ich ihn gerne begleiten dürfte, wenn ich ihm helfen würde, den Fisch einzuladen. Wie konnte ich dazu schon Nein sagen? Ich hatte zwar immer noch nicht die Stelle gefunden, an der Liu Lang und die Große Schildkröte ihre Reise über das Meer angetreten hatten, aber zumindest wusste ich nun, wo ich ungefähr suchen musste. Onkel Chen und ich könnten ja irgendwann später zurückkehren. Aber wann hätte ich noch einmal die Gelegenheit erhalten, zum Kun-Lai-Gipfel zu fliegen? Da mein Onkel sich in der Brauerei verkrochen hatte, hätte es noch Wochen – oder sogar Monate – dauern können, bevor wir endlich Pandarias entfernte Winkel besuchen würden. Vielleicht wäre es auch nie dazu gekommen. Ich stellte mir vor, wie Onkel Chen in der Brauerei saß, Unmengen von Bier trank und dicker als Shins Ballon wurde – so dick, dass er nicht mal mehr durch die Tür gepasst hätte!

Jetzt gab es nur noch eine Sache zu tun: Ich krempelte die Ärmel hoch, hielt die Luft an und begann, Fischfässer in den am Ballon hängenden großen Korb zu verladen. Danach roch ich wahrscheinlich wie eine echte Anglerin, aber das war nur ein geringer Preis für eine kostenlose Reise zu einem solch geheimnisvollen und spannenden Ort wie dem Kun-LaiGipfel.

Nachdem ich mich von den Anglern verabschiedet hatte, steckte ich Shisai in meine Reisetasche und sprang an Bord des Ballons. Schon bald stiegen wir immer höher über die Krasarangwildnis auf! Der Wind trug uns nach Norden über den Jadewald und bis zum majestätischen Kun-Lai-Gebirge. Durch die lockeren weißen Wolken konnte ich langsam mein Ziel erkennen.

Als ich Shin sagte, wie schön Kun-Lai aus der Ferne wirkte, wurde er traurig. „Es ist schon seltsam, wie perfekt alles von oben aussieht“, sagte er. „Kun-Lai ist ein wundersamer Ort. Aber mittlerweile gibt es auch dort Probleme. Ein Sturm braut sich über der Region zusammen, Kleines.“

Shin erklärte, dass in Teilen von Kun-Lai Krieg herrsche. Allerdings sollte ich mir keine Sorgen machen, da das Gebiet, in das er mich bringen würde, sicher wäre. Trotzdem fragte ich mich, ob es nicht ein Fehler gewesen war, mitzufliegen.

Dann erinnerte ich mich daran, dass Onkel Chen und alle anderen großen Entdecker gefährliche und friedliche Orte bereisen mussten. Für einen Wanderer gehörte das einfach dazu. Ich holte tief Luft und blickte nach vorn, bereit, mich jeder Herausforderung zu stellen, die mich in den verschneiten Bergen des Kun-Lai-Gipfels erwarten würde!

Eintrag 8: Kun-Lai-Gipfel

Ich hatte gedacht, dass der Jadewald schon ziemlich groß wäre, aber mit dem Kun-Lai-Gipfel war er nicht zu vergleichen. Die Berge waren so hoch, dass ich selbst im Heißluftballon meinen Hals recken musste, um zu erkennen, wo die verschneiten Abhänge über den Wolken verschwanden.

Unser Ziel – der Tempel des Weißen Tigers – befand sich im Nordosten vom Kun-Lai. Genau wie die Tempel im Jadewald und in der Krasarangwildnis war er einem der legendären Erhabenen Pandarias gewidmet, in diesem Fall dem Weißen Tiger Xuen. Der Ballonfahrer Shin nannte dieses Wesen auch den Geist der Stärke, die man in diesen unwirtlichen Bergen sicherlich gut gebrauchen kann.

Auf dem Tempelgelände herrschte bei unserem Eintreffen klirrende Kälte und nachdem wir die Fischfässer ausgeladen hatten, waren meine Pfoten vollkommen taub. Selbst mein Beuteldachs Shisai konnte der Kälte nichts entgegensetzen. Vom Kopf bis zum Schwanz war er mit Reif bedeckt und seine Schnurrhaare waren komplett eingefroren. Wäre er in letzter Zeit nicht so ein Miesepeter gewesen, hätte mir das kleine Kerlchen sogar leidgetan. Am Abend zuvor hatte er mich doch glatt versucht zu beißen, als ich ihn beim Stibitzen von Fisch aus den Fässern erwischt hatte!

Irgendwas stimmte nicht mit ihm, allerdings wusste ich nicht, was ... Noch nicht.

Nachdem wir unsere Lieferung ausgeladen hatten, ging es wieder gen Himmel und in Richtung der felsigen Hochlandsteppe südlich des Kun-Lai. In dieser Region lebte ein Großteil der Bevölkerung. Außer Ho-zen-Hütten und Pandarendörfern erblickte ich an einem See namens Tintenkiemenweiher eine Siedlung der Jinyu. Ich hatte gehofft, einiges über die uralte Kultur und vielfältige Geschichte dieses amphibischen Volkes zu erfahren. Aber was noch viel wichtiger war: Ich wollte unbedingt herausfinden, wie sie es schafften, winzige Fische in Blasen zu stecken und dann herumfliegen zu lassen.

Doch zum Erkunden des Weihers kam ich leider nicht. Außerdem konnte ich mich an keinem der faszinierenden Anblicke in Kun-Lai wirklich erfreuen, da Shisai immer gefährlicher und unberechenbarer wurde.

„Er ist wütend“, erklärte Shin, als er das Verhalten des Beuteldachses bemerkte. „Aber es ist nicht seine Schuld ...“ Der Pandaren erzählte mir, dass das Sha – ein Wesen aus purem Zorn – aus seinem Gefängnis hoch in den Bergen entkommen war. Es terrorisierte die Steppen und entfachte Gewalttätigkeiten zwischen den verschiedenen, dort ansässigen Völkern.

Und was noch schlimmer war: Ein Volk zotteliger, yakgesichtiger Nomaden namens Yaungol war von Westen aus in die Region einmarschiert. Diese Typen führten sich hier wie die großen Chefs auf und brannten alle Siedlungen nieder, die ihnen im Weg standen. Shin wusste nicht, ob das plötzliche Erscheinen der Yaungol mit dem Sha in Verbindung stand, aber sicherer machten diese Grobiane den Kun-Lai ganz bestimmt nicht.

Obwohl wir keine Möglichkeit hatten, viel gegen das Sha und die Yaungol auszurichten, konnten wir doch meinem Beuteldachs helfen. Shin sagte, dass es eine Person gäbe, die Shisai von seinem Zorn befreien konnte: den Mutigen Yon.

Yon lebte in einer kleinen Höhle auf dem Kota-Gipfel, einem abgelegenen Berg im Südwesten von Kun-Lai. Er war ein exzentrischer Pandaren und berühmt für seine Fähigkeit, wilde Tiere zu zähmen und für den Kampf zu trainieren. Da er und Shin alte Freunde waren, hieß Yon uns in seinem Zuhause willkommen und willigte ein, Shisai zu helfen. Er sah sich den mürrischen Beuteldachs genau an. Zwischendurch stellte Yon den Tieren in seiner Höhle Fragen oder murmelte leise vor sich hin. Was ich aber wirklich höchst seltsam fand, waren die an den Wänden hängenden Pullover, Schuhe und Schals für verschiedene Tierarten. Auf jedem Kleidungsstück war sogar der Name eines von Yons Haustieren eingestickt!

„Du kannst mich ruhig für verrückt erklären“, rechtfertigte sich der Zähmer, als er mich dabei erwischte, wie ich die Kleidung anstarrte. „Aber hier oben in der Kälte ist es wichtig, seine Haustiere warm zu halten. Sie könnten sich ja sonst etwas zerren.“

Ja ... Yon war schon irgendwie verrückt, aber ich mochte ihn. Er erinnerte mich an die Meistermönche auf der Wandernden Insel, die ihr ganzes Leben damit verbrachten, ihre Kampfkünste zu trainieren. Statt jedoch sein inneres Gleichgewicht zu erlangen, ließ Yon Babyhäschen gegen kleine Krokilisken antreten – was auch nicht schlecht war.

Am darauffolgenden Tag zeigte mir Yon, wie ich mich um Shisai kümmern und „seinen Zorn bündeln“ konnte, womit gemeint war, dem Beuteldachs beizubringen, gegen andere Tiere zu kämpfen. Ich hätte nicht erwartet, dass mein ungepflegtes kleines Wollknäuel mal Kampftaktiken einsetzen würde, aber wie sich herausstellte, war er ziemlich gut darin!

Shisai konnte sogar gegen Yons kampferprobte Tiere wacker standhalten (natürlich dank meiner strategischen Tipps). Außerdem wurde er durch die Kämpfe wirklich ruhiger. Wenn er gerade keinen Gegnern in den Allerwertesten trat, war er wieder ganz der Alte, wenn auch mit ein paar Narben mehr.

Am nächsten Morgen brach ich mit Shin und Shisai vom Kota-Gipfel auf. Bevor wir abreisten, gab Yon mir einen Beutel mit altem Haustierzubehör: Kauspielzeuge, um Shisai zu beruhigen, wenn er mal wieder mürrisch würde, Leckerchen und alles mögliche andere Zeug. Um eine Bezahlung bat mich der Zähmer nicht, was ich ihm sehr hoch anrechnete. Er hatte Shisai geholfen, weil er gerne wilde Tiere zähmte. Eventuell lag es aber auch daran, dass er wusste, wie es um meine Finanzen bestellt war.

Shin steuerte den Ballon nach Osten und wir unterhielten uns darüber, wo er mich am besten absetzen könnte. Mitten in unserem Gespräch fiel mir etwas auf dem Boden ins Auge: Aberdutzende Pandaren gingen durch ein riesiges Tor an der südlichen Grenze des Gebirges.

Shin nannte es das „Tor der Himmlischen Erhabenen“ und war ganz erstaunt darüber, dass es geöffnet war. Anscheinend war die Barriere zuvor Tausende Jahre lang verschlossen gewesen. Hinter der Mauer lag ein seit Langem von Mythen und Legenden umgebener Ort: das Tal der Ewigen Blüten. Auf dieses Land hatten nur wenige jemals einen Fuß gesetzt.

Mit anderen Worten war es also der Traum eines jeden Entdeckers und ich wusste, dass dort die nächste Etappe meiner Reise beginnen würde.

9. Eintrag: Das Tal der Ewigen Blüten

Das Tal der Ewigen Blüten war wie eine eigene kleine Welt, versteckt im Herzen von Pandaria. Eine warme, sanfte Brise wehte über Hügel voller goldenem Gras. Laub und Blüten fielen von den Bäumen und erfüllten die Luft mit einem süßen Wohlgeruch. Statt trocken und spröde wie gewöhnliche Blätter zu werden, blieben diese noch tagelang weich und frisch.

Viele Dinge, die ich sah, schienen zu den Legenden zu passen, dich ich über das Tal gehört hatte. Die Kinder in ganz Pandaria sogen die Mythen über diesen Ort sozusagen mit der Muttermilch auf. Laut einer der beliebtesten Geschichten gab es in dieser Region einige magische Teiche und manche behaupteten sogar, dass das Wasser darin Wunder vollbringen könnte! Das Tal war auf jeden Fall etwas ganz Besonderes und nicht nur ich wollte herausfinden, ob die Erzählungen über diese Region stimmten.

Dutzende Pandarenflüchtlinge kamen in das goldene Tal. Fast alle von ihnen waren vom Kun-Lai-Gipfel vertrieben worden, da die Yaungol ihre Häuser zerstört hatten. Die armen Leute brachten alles mit, was sie tragen konnten – in den meisten Fällen nur ihre Kleidung. Wer Glück hatte, besaß noch ein oder zwei Yaks, alte Familienerbstücke und genug zu Essen für ein paar Tage.

Ich schloss mich zwei Flüchtlingen – einem Pandaren namens Buwei und seinem Sohn – an, die allein unterwegs waren. Beide sagten nicht viel, bis ich den Charme der Sturmbräus spielen ließ, um ein bisschen mehr über sie in Erfahrung zu bringen. Es stellte sich heraus, dass Buwei und sein Sohn alles bei einem Überfall der Yaungol in Kun-Lai verloren hatten – sogar den Rest ihrer Familie. Nun waren sie auf dem Weg nach Nebelhauch, einem Dorf, in dem bereits viele der Pandaren aus Kun-Lai Zuflucht gefunden hatten.

Wie alle Flüchtlinge glaubten auch Buwei und der kleine Fu, dass sie im Tal Frieden finden würden. Und wer sollte es ihnen auch verübeln? Bis vor ein paar Tagen war dieser Ort seit Tausenden von Jahren vom Rest Pandarias abgeschottet gewesen. Die ganze Zeit über hatten die großen Erhabenen darüber gewacht. Diese legendären Wesen hatten besondere Hüter – den Goldenen Lotus – bestimmt, ihnen dabei zu helfen, das Tal im Blick zu behalten. Die Pandaren, denen ich begegnete, sagten, es wäre eine große Ehre, als Mitglied des heiligen Ordens auserwählt zu werden. Allerdings erschien mir die Sache ein wenig seltsam. Ich konnte mir nicht vorstellen, dass mir eines Tages eine gottähnliche Kreatur erscheinen und mich bitten würde, Freunde und Familie zu verlassen, um in einem geheimen Tal zu leben.

Trotzdem verstand ich, warum die Flüchtlinge ins Tal kamen. Die Erhabenen und der Goldene Lotus sorgten dafür, dass dort der wahrscheinlich sicherste Ort ganz Pandarias war.

Zumindest war es zuvor so gewesen.

Buwei sagte mir, dass sich im Tal einst der Sitz des Mogureichs befunden hatte. Kurz zuvor hatten diese großen Fieslinge einen Weg zurück dorthin gefunden und versuchten, sich ihr altes Territorium zurückzuholen. Es war zwar schwer zu glauben, dass die Mogu einst über einen solch schönen Ort wie das Tal geherrscht hatten, aber überall gab es Statuen von ihnen!

Trotz der Nachrichten über die Mogu besserte sich Buweis und Fus Laune im Laufe der Tage. Ich wünschte mir, ich hätte etwas damit zu tun gehabt, aber die Ehre gebührte einzig und allein meinem Beuteldachs Shisai. Das kleine Wollknäuel hatte nach unserer Abreise aus Kun-Lai seine Aggressionsprobleme größtenteils in den Griff bekommen. Für den Fall der Fälle zeigte ich den beiden Flüchtlingen aber, wie sie ihn mit Leckerchen und Kauspielzeugen wieder beruhigen konnten, falls er seine wilden fünf Minuten kriegen sollte. Buwei und sein Sohn spielten viel mit dem Beuteldachs und besonders Fu schien zu vergessen, was sie alles verloren hatten. Nur wenn er Shisai auf dem Arm hatte, lächelte er, und schon bald war er ein wahrer Meister im Umgang mit dem kleinen Kerlchen. Als wir Nebelhauch schließlich erreichten, war ich überrascht, wie groß und belebt dort alles war. Die Steinstraßen des Dorfes wirkten uralt und abgenutzt, aber viele der Gebäude schienen neu erbaut worden zu sein. Laut Buwei war Nebelhauch zuvor kleiner gewesen und hatte nur aus ein paar wenigen Gebäuden bestanden, in denen der Goldene Lotus Quartier bezogen hatte. Nach der ersten Welle von Pandaren aus Kun-Lai war der Ort jedoch schnell angewachsen.

Die Flüchtlinge schienen hier schnell heimisch geworden zu sein. Jeder Winkel des Dorfes war erfüllt vom Plaudern, Lachen und Singen der Pandaren. Die meisten Wagen, die sie mitgebracht hatten, waren zu behelfsmäßigen Tischen und Marktständen umfunktioniert worden. Was von ihnen übrig blieb, wurde als Feuerholz benutzt, um in großen Töpfen grünes Fischcurry zuzubereiten oder Hühnchenspieße mit Erdnusssoße zu braten. Gelegentlich spähten Waldgeister wie auf der Wandernden Insel von den Dächern herab. Die boshaften Gesellen beobachteten die Flüchtlinge bei ihren Aktivitäten und verschwanden dann blitzschnell wieder.

Nebelhauch zu besuchen, war schön, aber den Rest des Tals wollte ich auch noch erkunden. Am darauffolgenden Morgen brach ich in aller Frühe auf. Buwei und sein Sohn schliefen noch und der kleine Fu hielt Shisai mit einem Lächeln auf dem Gesicht in seinen Armen. Eigentlich hatte ich den Beuteldachs mitnehmen wollen, konnte es aber nicht übers Herz bringen, als ich sah, wie glücklich er Fu machte. Nach allem, was er durchgemacht hatte, sollte er Shisai ruhig behalten. Außerdem war ich es leid, ständig seine Haare in meiner Kleidung, meinem Essen und im Tee zu finden. Zumindest redete ich es mir ein, um nicht wie ein Kleinkind zu flennen, als ich Vater und Sohn zum Abschied einen kleinen Brief schrieb. Danach verließ ich das Dorf.

Kurz nach Sonnenaufgang begann irgendjemand – oder irgendetwas – mir durch das Tal zu folgen. Ich hatte so ein Bauchgefühl, aber ein sicheres Zeichen war dieser seltsame Gestank, der die Luft wie Räucherstäbchen erfüllt. Die Mischung aus verschwitztem Fell und Fisch erinnerte mich an Ryshan und die anderen Angler in der Krasarangwildnis. Ich spürte dem Geruch nach und erwischte meinen Verfolger schließlich hinter einem großen Felsbrocken. Zuerst hatte ich gedacht, es wäre Oma Mei gewesen, aber als ich dann genauer hinsah, stellte ich fest, dass dieses Ding nicht annähernd so behaart war.

Es war ein Grummel. In Kun-Lai hatte ich diese seltsamen Kreaturen schon gesehen, allerdings noch keinen von ihnen aus der Nähe. Sie konnten sich in den Bergen perfekt bewegen und waren dank ihres unglaublichen Geruchssinns gute Fährtensucher. Da das Leben im rauen Gebirge sie hatte abergläubisch werden lassen, trugen sie Amulette aus Münzen oder Hasenpfoten als Glücksbringer bei sich. Die Grummel nahmen sogar die Namen ihrer Lieblingsglücksbringer an, was in meinem Fall auch den Gestank erklärte ...

„Bote Fischflosse zu Euren Diensten!“, sagte der Grummel. „Chen Sturmbräu hat mich geschickt, um Euch zu finden – was ziemlich schwierig war. Viele Tage bin ich euch gefolgt, um sicherzugehen, dass Ihr auch wirklich Ihr seid. Nicht genug Gestank. Ihr braucht einen besseren Glücksbringer.“

„Ihr hättet mich aber auch einfach fragen können, wer ich bin“, antwortete ich.

„Ein Grummel vertraut zuallererst immer auf seine Nase.“

Er überreichte mir eine Schriftrolle von Onkel Chen. Zwischen all den Bierflecken und Tofustückchen auf dem Pergament erfuhr ich, dass er endlich mal seinen Allerwertesten bewegt und die Brauerei verlassen hatte. Was noch dazu kam: Er hatte noch weitere Sturmbräus im Abendlichtbraugarten gefunden, einer Art Siedlung in einer Region, die er als „Schreckensöde“ bezeichnete. Ich sollte ihn an einem der Wachtürme des Schlangenrückens treffen, der großen Mauer, die sich durch den Westen Pandarias zog.

„Und Li Li“, hatte Onkel Chen zum Schluss noch geschrieben, „was auch immer geschieht, geh nicht auf die andere Seite der Mauer! Dort ist es sehr gefährlich. Rühr dich einfach nicht von der Stelle, wenn du den Wachturm erreichst.“

Der Umstand, dass er nicht erwähnt hatte, wie ich ohne seine Erlaubnis weggelaufen war, machte mich nervös. Wenn er mir das durchgehen ließ, musste etwas Großes in der Schreckensöde geschehen. So sehr ich es auch bedauerte, das Tal zu verlassen, wusste ich, dass Onkel Chen mich brauchte. Und außerdem wollte ich mir doch zu gern mal auf der Mauer die Beine vertreten.

„Los, los!“ Bote Fischflosse zeigte nach Westen, wo der Schlangenrücken sich am Rande des Tals erstreckte. „Ich führe Euch zur Mauer, aber wir müssen uns beeilen. Wir haben Ostwind. Das bedeutet Glück und eine sichere Reise!“

Selbst aus großer Entfernung wirkte der Schlangenrücken riesig. Ich hatte die Barriere schon im Tal der Vier Winde gesehen und von diesem Moment an gehofft, eines Tages mal von ganz oben über Pandaria zu blicken.

Tja, und nun war dieser Tag endlich gekommen.

10. Eintrag: Die Tonlongsteppe

Eine Legende besagt, dass der Schlangenrücken aus Milliarden von Steinen besteht.

Ganz recht. Milliarden.

Als ich das zum ersten Mal hörte, hielt ich es für dummes Zeug. Aber als ich dann selbst auf der großen Mauer stand und ihre gewaltigen Ausmaße erblickte, begann ich, es doch zu glauben. Der Schlangenrücken wand sich gen Süden wie eine riesige Schlange, so weit, dass ihr Ende nicht einmal zu erahnen war. Der Wehrgang war breit genug, um gleich von mehreren Fuhrwerken nebeneinander befahren zu werden und trotzdem noch selbst einem so beleibten Pandaren wie meinem Onkel Chen bequem Platz zu bieten, zwischen ihnen herumzuschlendern. Einige Teile des Walls waren gerade frisch renoviert worden, mit flachen und exakt behauenen Steinen. Andere Bereiche wiederum waren verwittert, schroff und uneben und von vergangenen Gefechten gezeichnet.

Auf dem Schlangenrücken zu stehen, glich einem wahr gewordenen Traum, insbesondere nachdem mich der Weg dorthin so viel Zeit gekostet hatte. Nach den genauen Anweisungen Onkel Chens, hatte mich der Grummel-Bote Fischflosse zu einem entlegenen Wachturm in Kun-Lai geführt. Und als wir die Mauer endlich erreicht hatten, verstand ich, weshalb wir einen solchen Umweg auf uns genommen hatten.

Onkel Chen hatte dafür gesorgt, dass mich dort eine Eskorte erwartete ... ein Mitglied der Shado-Pan!

Sein Name war Min. Seit Generationen bewachte sein geheimnisvoller Orden den Schlangenrücken und schützte Pandaria vor Garstigkeiten wie den Mantis. Gekleidet war er wie die meisten Shado-Pan, denen ich bisher begegnet war: Er trug eine leichte Rüstung, einen breitkrempigen, tief ins Gesicht gezogenen Hut und hatte ein Tuch um sein Gesicht geschlungen. Er redete nicht viel, aber was er sagte, war äußerst interessant. Min erzählte mir, dass jeder Stein der Mauer eine Geschichte habe, Geschichten vom Kampf der ShadoPan gegen die Angreifer und wie manche von ihnen ihr Leben opferten, um ihre heilige Pflicht zu erfüllen.

Unser Aufbruch gen Süden wurde von Regen begleitet. Statt sich jedoch in großen Pfützen zu sammeln, rann das Wasser durch feine Fugenöffnungen hindurch und stürzte an den Mauerrändern herab, wie Tausende winziger Wasserfälle. Ich war gerade damit beschäftigt die Architektur des Schutzwalls zu bewundern, als mir an Min etwas Seltsames auffiel. Er schien die Augen stets gen Westen zu richten, als wäre es ihm in Fleisch und Blut übergegangen. Das Land, das dort lag, war unter dem Namen Tonlongsteppe bekannt, ein Gebiet freier, grasbedeckter Hügel und schroffer Felsen.

Tonlong war ein raues Land mit ebenso rauen Bewohnern: den Yaungol. Min erzählte mir, dass man in den vergangenen Jahren oft riesige Gruppen dieser bepelzten Nomaden durch die Hügel streifen sehen konnte. Im Moment wirkte das Gebiet verlassen. Geier kreisten über den glimmenden Überresten von Yaungol-Lagern.

Krieg war über Tonlong gekommen und wieder gegangen. Begonnen hatte er mit einer Invasion der Mantis, die die Yaungol nach Kun-Lai fliehen und Pandaren-Dörfer brandschatzen ließ. Der Einfluss des Sha hatte sie noch brutaler als gewöhnlich werden lassen. Doch schließlich konnten die Pandaren und ihre Verbündeten die Yaungol besiegen.

„Ich hege keinen Hass gegen die Yaungol“, sagte Min. „Die Shado-Pan tun nur, was zum Schutz der Pandaren nötig ist. Gefühle haben keinen Einfluss auf unser Handeln. Wir lernen, unsere Gefühle im Zaum zu halten, damit wir nicht von ihnen beherrscht werden. Aber keine Sorge, Kleine. Diese Nomaden sind Überlebenskünstler. Ihre Kultur wird Bestand haben. Und vor allem hoffe ich, dass sie aus diesen Ereignissen ihre Lehren ziehen.“

Das waren Mins letzte Worte für den Rest unserer Reise, wogegen ich nichts einzuwenden hatte. Es gab viel, über das ich nachzudenken hatte. Ich hätte die Yaungol für ihre Gräueltaten in Kun-Lai bestrafen wollen, doch nach dem, was ich in Tonlong gesehen hatte, wusste ich nicht mehr, was ich fühlen sollte. Sollte ich traurig oder froh sein?

Als wir den Wachturm erreichten, an dem wir Onkel Chen treffen sollten, hatte der Regen aufgehört und der Himmel hatte sich aufgeklart. Das gute Wetter ließ meine Stimmung steigen ... bis mir auffiel, dass mein Onkel fehlte. Die Shado-Pan, die normalerweise auf dem Turm Wache hielten, waren ebenfalls verschwunden.

Noch bevor ich Min fragen konnte, wo sie hin waren, griffen die Mantis an.

An die Außenseite der Mauer geklammert, hatten die Insekten uns aufgelauert. Plötzlich sprangen Dutzende von ihnen hinter den Zinnen hervor und kreisten uns ein. Sie stoben nach Nord, Süd und Ost, verstellten uns den Fluchtweg und drängten Min und mich gegen den Tonlong zugewandten Rand der Mauer. Ich hatte die Mantis zwar bereits im Tal der Vier Winde zurückgeschlagen, aber das machte diese erneute Begegnung mit ihnen keineswegs einfacher. Ihre bizarren Fühler, Mandibel und pergamentartigen Flügel jagten mir eine Gänsehaut über den Rücken.

Min bahnte sich mithilfe seines Speers einen Weg durch die Reihen der Insekten. Er stieß, parierte und wich aus, als wüsste er bereits vor den Mantis, was sie als Nächstes tun würden. Ich sprang vor, um ihm beizustehen, aber er hielt mich zurück.

„Wir haben in der Nähe der Wachtürme geheime Vorratslager angelegt“, sprach er stoisch, während er mit einem Speerwirbel einige Mantis zurückdrängte, die sich seiner Flanke näherten. „Such nach einem Stein mit einem eingravierten fauchenden Tiger. Dem Wappen der Shado-Pan. Schieb ihn beiseite und nimm dir das Seil.“

Ich fand den Stein zu seinen Füßen und stemmte ihn mit meinem Stab hoch. Darunter befand sich eine große Kammer voller Taschen mit getrockneten Nahrungsmitteln und einem dicken Seil. Während er gleichzeitig die Mantis abwehrte, befahl er mir, ihm das Seil um die Taille zu schlingen und das andere Ende über den Mauerrand zu werfen.

Danach wies er mich an, hinunterzuklettern.

Panik kroch in mir hoch. Den gewaltigen Schlangenrücken hinabzuklettern war eine Sache, aber es zu tun, während meine Sicherung sich im Kampf gegen eine ganze Armee von Mantis befand, war eine vollkommen andere. Außerdem, was würde mich am Boden erwarten? Mir fiel die mysteriöse Nachricht ein, die mir Onkel Chen geschrieben hatte: Und Li Li, was auch immer geschieht, geh nicht auf die andere Seite der Mauer! Dort ist es sehr gefährlich.

Und hinzu kam noch, dass es mir falsch vorkam, Min im Stich zu lassen. Doch was blieb mir anderes übrig? Er war ein Shado-Pan und hochrangiger Mönch. Er wusste, was er tat, und wenn ich seinen Respekt gewinnen wollte, musste ich ihm gehorchen.

Also begann ich zu klettern. Meinen Weg begleiteten die Klänge von Mins Speer auf MantisSchwertern und -Rüstungen. Die ganze Zeit über hoffte ich darauf, er würde sich endlich über die Mauer beugen und mir bedeuten, dass der Kampf vorüber sei. Doch nichts dergleichen geschah.

Als ich dem Boden näher kam, wurde das Seil plötzlich schlaff. Jemand hatte es gekappt. Ich fiel und landete in einem Dornenbusch am Fuße des Schlangenrückens. Dort verharrte ich bewegungslos und befürchtete das Schlimmste. Als Min endlich seinen Kopf über den Mauerrand beugte und zu rufen begann, seufzte ich erleichtert auf.

Wegen der großen Entfernung waren seine Worte kaum zu hören. Allem Anschein nach hatte er die Mantis besiegt, aber der letzte hatte das Seil durchtrennt. Min zeigte immer wieder nach Süden und ruderte mit den Armen, als würde er mir noch etwas anderes zu erklären versuchen. Er war ein hervorragender Mönch (einer der besten, der mir je begegnet war), aber was Gestik anging, war er gänzlich unbegabt. Ich wusste nur, dass es keine gute Idee war, hierzubleiben. Da das Seil kaputt war, gab es keinen Weg zurück auf die Mauer. Und das die Mantis uns dort angegriffen hatten, ließ vermuten, dass sich in der Gegend noch weitere von ihnen herumtrieben, die nur auf die Gelegenheit zu einem weiteren Überfall warteten.

Tonlong wirkte vom Boden aus noch weitaus bedrohlicher. Das Gras fühlte sich merkwürdig kalt an. Der klare Himmel war hinter einer finsteren Wolkenschicht verschwunden. Es donnerte. Hinter jedem Hügel oder Felsbrocken konnten sich wilde Tiere verstecken, die es auf mich als Mahlzeit abgesehen hatten.

Doch die größten Sorgen machte ich mir um Onkel Chen. Wo steckte er bloß? Warum war er nicht am Treffpunkt gewesen? So etwas vergaß er nicht einfach. Mich überfiel kurz der Gedanke, dass die Mantis ihm etwas angetan haben könnten, aber ich wusste, dass er für diese Insekten eine Nummer zu groß gewesen wäre. Er hätte sie zu Kleinholz verarbeitet, mit einer Hand auf den Rücken gebunden (oder wahrscheinlich eher einem Krug Bier in der Hand).

Ich entschloss mich, südwärts in Richtung der Schreckensöde zu gehen und zu versuchen, den Abendlichtbraugarten auf eigene Faust zu finden. Vermutlich wusste man dort, was Onkel Chen widerfahren war oder wo er steckte.

Es war zwar nur eine Vermutung, aber etwas anderes blieb mir in meiner derzeitigen Lage nicht übrig.

11. Eintrag: Die Schreckensöde

Zum ersten Mal in meinem Leben Angst verspürt – also so richtig – hatte ich auf der Wandernden Insel. Ich war noch ganz klein und hatte in der Großen Bibliothek das Buch der Schildkröte gelesen. Nach ein paar Seiten verschüttete ich ein Tintenfass über das Pergament. Ich versuchte, die Flecken wegzuwischen, wodurch es jedoch nur noch schlimmer wurde. Ich bekam es mit der Angst zu tun, stellte das Buch in eine verstaubte Ecke der Bibliothek und hoffte, dass niemand es je erfahren würde.

Die folgenden drei Tage waren der Horror, da ich mir sicher war, dass man mich erwischen würde. Ich konnte nicht richtig schlafen und essen. Ich verließ mein Zimmer kaum. Die Angst hatte von mir Besitz ergriffen wie einer dieser bösartigen Waldgeister aus Oma Mais Gruselgeschichten. Am Abend des dritten Tages fanden die Bibliothekare heraus, was ich getan hatte. (Zum Glück war das Buch nur eine Abschrift.) Zur Strafe zwang mein Papa mich, den Text des „Lieds von Liu Lang“ einige Tausend Mal abzuschreiben, was jedoch kein großes Problem war. Das Schlimmste waren diese schrecklichen drei Tage gewesen.

Derartig viel Angst hatte ich danach nie wieder gehabt ... bis ich in die Schreckensöde kam, die Heimat der Mantis. Ich betrat die Region weiter vom Schlangenrücken entfernt, als mir lieb war. Eine riesige Schlucht trennte die Tonlongsteppe von der Schreckensöde. Ich war am Abgrund entlang nach Westen gegangen, bis ich eine Naturbrücke – einen riesigen ausgehöhlten Baumstamm – gefunden hatte, über den ich auf die andere Seite gelangen konnte.

Das Sha der Angst hatte aus der Schreckensöde ein bizarres Abbild der Tonlongsteppe gemacht. Das Gelände war dasselbe – grasbewachsene Hügel, Felsen und riesige Kyparibäume –, alles andere wirkte jedoch seltsam und unnatürlich. Über der Öde drehten sich dunkle Wolken in einem großen, bedrohlichen Wirbel und der sie umgebende Himmel leuchtete gespenstisch. Flecken weißer und schwarzer Sha-Energie sprudelten überall aus dem Boden. Sie erinnerten mich an die Tintenspritzer auf dem Buch der Schildkröte. Jedes Mal, wenn ich atmete oder einen Schritt tat, lief mir ein kalter Schauer über den Rücken und ich fühlte mich, als würde ich den Schrecken jener drei Tage voller Angst aufs Neue erleben.

Ich wollte weglaufen. Und das hätte ich auch getan, wenn ich nicht an Onkel Chen gedacht hätte. Ich musste den Abendlichtbraugarten finden.

Je mehr ich mich auf den Ort konzentrierte, desto ruhiger wurde ich. In meinem Geist wiederholte ich ständig den Namen, während ich mich zum Stamm eines Kyparibaums begab (der Kor'vess hieß, wie ich später erfuhr). Die freiliegenden Wurzeln waren so groß, dass sie sich wie riesige Torbogen über mir wölbten. Stücke aus glitzerndem Bern lösten sich von den Zweigen und flogen wie träge Glühwürmchen durch die Luft. Hier und da konnte ich im Stamm des Kyparibaums gewölbte Eingänge und Fenster mit Wabenmustern erkennen. Die Architektur hatte etwas Insektenartiges und mir wurde klar, dass die Mantis diese Strukturen erbaut haben mussten. Diese Viecher lebten im Innern des Baums!

Zum Glück begegnete ich keinen Mantis – zumindest keinen lebenden. Überall lagen Insektenleichen, als ob ein Kampf stattgefunden hätte. Trotzdem wollte ich auf Nummer sicher gehen und blieb in den Schatten der Kypariwurzeln, während ich nach Anhaltspunkten suchte, die mir den Weg zum Braugarten weisen könnten.

Der erste Wink ergab sich, als ich die Überreste eines Holzfasses fand, das ganz klar von Pandaren hergestellt worden war. Die einzelnen Stücke waren von hellem Bern umgeben. Dann kam es mir in den Sinn: Waren die in den Schreckensöden lebenden Pandaren hinter dem Saft der Kyparibäume her? Es erschien mir logisch, da die Mantis Bern von der Waffenherstellung bis zum Bauen ihrer Behausungen für alles Mögliche nutzten. Ich hatte sogar gehört, dass dieses klebrige Zeug eine heilende Wirkung besitzt. Mit anderen Worten wäre es die perfekte Zutat für ein recht ungewöhnliches Bier.

Ich brauchte fast eine Stunde, um den Braugarten auf einem anderen Kyparibaum in der Nähe von Kor'vess zu entdecken. Pandaren in leichter Rüstung trotteten durch die verwitterte Siedlung. Dampf entstieg Kesseln, in denen Gerste und Hopfen kochten. Vom Baum tropfte der Saft in dicken Klumpen in die darunter stehenden Fässer. Der Ort wirkte behaglich, hatte jedoch auch etwas Raues an sich.

Nachdem ich den Braugarten betreten hatte, hörte ich schon bald eine vertraute Stimme.

„... die Shado-Pan haben sie auf dem Weg zur Schreckensöde zum letzten Mal gesehen“, sagte Onkel Chen. Ich entdeckte ihn im hinteren Abschnitt der Siedlung neben drei anderen Pandaren.

„Also, worauf warten wir noch?“, antwortete eine ältere Frau, die ihr Haar zu zwei Knoten zusammengebunden hatte. Sie gab einem auf dem Boden dösenden beleibten Pandaren einen Tritt. „Steh auf, Dicker Dan! Wir dürfen nicht noch eine Sturmbräu verlieren.“

„Sucht ihr nach mir?“, unterbrach ich die Runde.

Alle drehten sich gleichzeitig um. Onkel Chens überraschter Gesichtsausdruck war einfach Gold wert.

„Li Li!“ Er hob mich hoch und umarmte mich. Plötzlich verflog all meine Angst. Ich begann mich dafür zu entschuldigen, die Brauerei ohne zu fragen verlassen zu haben, aber Onkel Chen unterbrach mich.

„Wie könnte ich dir böse sein, wenn du wegläufst, um Dinge zu entdecken?“, sagte er. „Das habe ich schon immer so gemacht. Ich bin nur froh, dass es dir gut geht.“

Onkel Chen erklärte mir, warum er sich nicht mit mir am Schlangenrücken getroffen hatte. Die Mantis hatten die große Mauer an mehreren Stellen angegriffen und dadurch den Weg versperrt. Nach dem Sieg über die Insekten hatte er den Shado-Pan-Mönch Min getroffen und von ihm erfahren, was mit mir geschehen war. Mein Onkel war erst kurz zuvor zum Braugarten zurückgekehrt und war gerade dabei, einen Suchtrupp zusammenzustellen.

Einen Suchtrupp voller Sturmbräus! Ihre Namen waren Han, Mama und Dicker Dan.

„Du hast es ganz allein durch die Tonlongsteppe und die Schreckensöde geschafft?“, fragte mich Han.

„Natürlich hat sie das!“ Mama zwickte mir in die Wange. „Immerhin ist sie eine Sturmbräu, nicht wahr?“

Der Dicke Dan schnaubte, setzte sich hin und rieb sich die Augen. Mir schien, als würde er sich nicht oft so viel bewegen ... Er starrte mich still an und sagte schließlich: „Sie ... sie ist Evie wie aus dem Gesicht geschnitten.“

Mama, Onkel Chen und Han nickten und senkten die Köpfe. Als ich fragte, wer diese Evie überhaupt war, führten sie mich aus dem Braugarten hinaus zur Schlucht, die an die Schreckensöde angrenzt. Am Rand des Abgrunds stand ein steinernes Denkmal, das Evie gewidmet war.

Evie Sturmbräu.

Sie war während der Jagd in der Schreckensöde von den Sha oder den Mantis (oder vielleicht von beiden) getötet worden und Onkel Chen hatte sie gefunden. Obwohl ich sie nie kennengelernt hatte, fehlte sie mir. Wenn ich, wie der Dicke Dan behauptete, wie Evie aussah – hatten wir dann auch das gleiche Wesen? Hätten wir gute Freundinnen oder vielleicht so etwas wie Schwestern sein können?

Die Sha und die Mantis hatten mir jede Möglichkeit genommen, Antworten auf diese Fragen zu finden. Ich war wütend, nicht nur wegen Evie, sondern wegen all der Dinge, die ich auf meiner Reise durch Pandaria gesehen hatte. Auf die eine oder andere Art hatten die Sha auf dem ganzen Kontinent für Ärger gesorgt. Wie viele Unschuldige wie meine Cousine sollten noch sterben?

„Ich bringe dich zurück zum Tal der Vier Winde“, sagte Onkel Chen. „Dort solltest du bleiben, bis die Sha und die Mantis erledigt sind. Solch ein Ödland zu erkunden, ist nicht sicher.“

„Nein“, antwortete ich. Erkunden war das Letzte, was mir in den Sinn kam. „Es gibt eine Zeit des Erkundens und es gibt eine Zeit, in der man standhalten und kämpfen muss. Das hast du mir mal in einem deiner Briefe geschrieben. Und nun folge ich deinem Rat. Ich möchte hierbleiben und helfen.“

Ich fürchtete, Onkel Chen würde ablehnen und mich trotzdem ins Tal schicken, doch nach kurzer Zeit huschte ein Lächeln über sein pummeliges Gesicht. „Hm. Gesprochen wie eine wahre Wanderin.“

Danach gingen wir zurück zum Braugarten. Es gab noch viel zu planen. Vielleicht würde ich nicht an vorderster Front gegen die Sha und die Mantis kämpfen, aber ich würde alles in meiner Macht Stehende tun, um zu helfen – und wenn ich kochen oder Verbände schneiden müsste. Ich würde dafür sorgen, dass Evie nicht umsonst gestorben war ... dass Buwei und der kleine Fu zu ihrer Familie zurückkehren und sich etwas Neues aufbauen können ... und das jeder, den ich auf meinen Reisen getroffen hatte, die Möglichkeit bekäme, frei vom Einfluss der Sha zu leben.

Ich würde dafür sorgen, dass es noch ein Pandaria zum Erkunden gibt, wenn das alles vorbei wäre.

– Li Li Sturmbräu