Klagelied
Von Christie Golden

Ihr im Scheine der Monde, hört hin.

Ihr am Ufer des Flusses, hört hin.

Ihr, die Ihr Eure Liebsten haltet, hört hin.

Hört die Schreie der Sterbenden.

Hört das Flüstern des Windes über den schweigenden Toten.

Hört das Lied, das mein gebrochenes Herz auf ewig singen wird.

Von der Geschichte des Weltenbaumes

und dem Tod all der Träume,

die er einst in seinem mächtigen Geäst hielt.

Teil eins: Im Elfenbeinturm

In Reinheit werden alle Dinge geboren.

Der älteste Baum war einst ein zarter Schössling.

Und selbst die Sterne waren jung.

Oh Herrin Elune,

weint süße Tränen

bei dem Gedanken an die Unschuld,

die wir einst die unsere nannten.

Klirr!

Die martialische Musik des Schwertkampfes erklang, als die beiden Klingen aufeinandertrafen. Die Kämpfer sprangen auseinander, umkreisten sich. Der ältere Mann, mit Haar und Bart so weiß wie das Mondlicht, täuschte an und schwang seine Waffe dann in einem Bogen nach oben. Doch der Jüngere war schnell und parierte den Schlag geschickt. Funken flogen und die zusammenprallenden Klingen glänzten im Sonnenlicht.

„Nicht schlecht“, knurrte Genn Graumähne, während er erneut ausholte. Abermals parierte der Jüngere. „Doch eines Tages werdet auch Ihr in die …“

Graumähne konnte sein Schwert gerade rechtzeitig hochreißen, um den Schlag von König Anduin Wrynn abzuwehren.

„In die Offensive gehen müssen?“ Anduin grinste. Er drückte mit seiner Waffe nach unten, fühlte, wie die Klinge des älteren Mannes dagegen ankämpfte. Sein sonnenfarbenes Haar hatte sich gelöst und fiel ihm in die Augen. Er zog eine Grimasse, als ihm klar wurde, dass Graumähne dies bemerkt hatte.

Der gilnearische König zog sich unvermittelt zurück. Anduin verlor das Gleichgewicht und stolperte nach vorn. Graumähne schwang seine Klinge mit einer Geschwindigkeit herum, die beinahe der des jungen Königs glich, und drehte seine Hand erst im letzten Augenblick, sodass nur die flache Seite der Waffe Anduins Körper treffen würde. Vor Mühe knurrend gelang es Anduin, den Schlag zu blocken. Shalamayne, das Schwert seines Vaters, fing den Hieb ab, doch sein Griff konnte dem Aufprall nicht standhalten. Shalamayne fiel in das Gras des Gartens von Burg Sturmwind.

„Bevor Ihr etwas sagt“, schnaufte Anduin und bückte sich, um das Schwert aufzuheben. „In der Schlacht werde ich einen Helm tragen.“

„Unter idealen Bedingungen werdet Ihr es, ja“, sagte Graumähne feixend. Anduin nahm ihm etwas Schadenfreude nicht übel. Seine Wangen glühten gleichermaßen vor Verlegenheit und vor Anstrengung. „In der Zwischenzeit“, fuhr Genn fort, „schlage ich vor, Ihr lasst Euch die Haare schneiden. In der Schlacht müsst Ihr Euch um genügend andere Dinge sorgen, auch ohne Euch von Euren goldenen Locken blenden zu lassen.“

Anduin lachte. „Das wird schon kein Problem sein“, sagte er. „Bei unserer nächsten Übung binde ich sie besser zusammen.“

„Ihr Wrynn-Männer und Eure Vorliebe für langes Haar“, sagte Graumähne und schüttelte den Kopf. „Ich werde es wohl nie verstehen.“

Eine der Wachen von Sturmwind näherte sich und salutierte elegant. „Eure Majestät“, sagte der Soldat, „Spionagemeister Shaw ist mit Neuigkeiten zurückgekehrt.“

Anduin spannte sich an und blickte zu Graumähne. Der Ausblick auf eine Audienz mit Mathias Shaw war für beide ein ernüchternder Gedanke. „Ist es dringend?“, fragte Anduin.

„Wie es Eurer Majestät beliebt“, antwortete der Wachmann.

Der junge König entspannte sich ein wenig. „Das ist beruhigend“, sagte er. „Bringt ihm Erfrischungen und sagt ihm, König Graumähne und ich werden ihn in Kürze im Kartensaal empfangen.“

* * *

Genn und Anduin, frisch gekleidet und besser riechend als noch vor einer halben Stunde, schritten in den Saal, in dem Mathias Shaw die große Karte von Sturmwind mit geübtem Auge betrachtete.

Anduin hielt die meisten seiner Besprechungen hier ab. Als kleiner Junge hatte er sich oft in den Saal geschlichen und mit den Figuren gespielt, die Einheiten von Soldaten, Vorräte und Waffen repräsentierten. Doch jetzt stand dieser Saal für die schwerste aller königlichen Pflichten – das Ersinnen von Kampfstrategien.

Shaw drehte sich um und verneigte sich, als die beiden den Saal betraten.

„Es ist schön, Euch zu sehen, wenn Ihr keine schlechte Kunde bringt“, witzelte Anduin.

Genn grunzte belustigt, doch Shaw zeigte nicht einmal ein Lächeln. „Es ist eine nette Abwechslung“, war alles, was der Spionagemeister zu sagen hatte. „Wie besprochen, Eure Majestät, habe ich Orgrimmar mit meinen Agenten durchsetzt.“

Nach Anduins kürzlicher Begegnung mit Sylvanas Windläufer im Arathihochland, bei der er erfahren hatte, wie tief sie sinken würde, um ihre eigenen Ziele zu erreichen, war er gleichermaßen untröstlich und wütend. Er hatte Genn und Mathias mitgeteilt, dass er zwar ohne Provokation keinen Krieg beginnen würde, jedoch nicht länger gewillt war, der Anführerin der Horde einen Vertrauensvorschuss zu gewähren.

Ich will, dass sie und der Pestrufer und Saurfang – dass alle, die in Orgrimmar Rang und Namen haben – unter ständiger Beobachtung stehen. Und sie sollen es wissen, hatte der König gesagt. Sie sollen glauben, dass sie noch nicht einmal in der Taverne etwas zu trinken bestellen können, ohne dass die Allianz die Farbe des Bieres kennt.

Shaw hatte eine Augenbraue hochgezogen. Eine interessante Vorgehensweise, hatte er gesagt, jedoch nicht protestiert.

Jetzt fragte Anduin: „Gibt es bereits Ergebnisse?“

„Meine Spione … genießen die Herausforderung“, sagte Shaw mit einer Stimme, die verriet, dass er selbst es nicht tat.

„Gab es Opfer?“

„Deutlich weniger als erwartet.“

„Gut“, sagte Anduin. „Entsendet noch mehr.“

Genn nickte zustimmend mit seinem weißen Haupt.

Shaws buschige rote Augenbrauen zogen sich vor Missfallen zusammen. „Wenn ich noch mehr Spione entsende, dann wird in Orgrimmar niemand mehr über die Straße gehen können, ohne ein Dutzend von ihnen anzurempeln.“

„Dann ist es eben so“, sagte Anduin. „Ich nehme an, sie liefern weiterhin nützliche Informationen?“

„Das tun sie in der Tat. Die neuesten Berichte deuten darauf hin, dass Kriegshäuptling Sylvanas und ihr Hochfürst sich uneinig sind – und der Pestrufer nicht gut darauf zu sprechen sein soll.“

Genn und Anduin blickten einander an. „Das könnten großartige Neuigkeiten für uns sein“, sagte Anduin. „Mein Vater hatte gute Worte für Varok Saurfang übrig und ich selbst habe seine Aussage bei Garrosh Höllschreis Prozess gehört. Er genießt schon lange den Ruf eines Ehrenmannes. Vielleicht sieht er Sylvanas langsam im gleichen Licht wie wir.“ Er fragte sich, ob Saurfang über die unehrenhaften Entscheidungen unterrichtet worden war, die Sylvanas im Arathihochland getroffen hatte, und ob diese Entscheidungen den Hochfürsten beunruhigt hatten. Es wäre zu hoffen.

Anduins Tonfall wurde bestimmter. „Er ist kein Narr, und die Bansheekönigin glaubt mehr an Macht als an Ehre.“

„Verharmlost den alten Orc nicht zu sehr“, warnte Shaw. „Er ist ein Veteran des Ersten Krieges, in dem Sturmwind eingenommen und Euer Großvater ermordet wurde.“

Anduin neigte den Kopf. „Ihr habt recht. Dennoch ist mir ein Orc mit Ehre lieber als eine Banshee ohne. Und wenn Saurfang und Nathanos Pestrufer sich ebenfalls uneinig sind, soll mir das nur recht sein.“

„Was genau geht Pestrufer unter die faulige Haut?“, fragte Genn Shaw.

„Kriegspläne.“

„Die da wären?“

„Im Wandel“, antwortete Shaw. „Deshalb auch die Meinungsverschiedenheit zwischen dem Kriegshäuptling und ihrem Hochfürsten. Doch ein einziges Wort ist nach außen gedrungen.“

Anduin hob eine seiner blonden Augenbrauen. „Und das wäre?“

Grimmig antwortete Shaw: „Silithus.“

* * *

Als Cordressa Dornenbogen, gefolgt von zwei anderen Schildwachen und drei Zwergen, endlich in Sichtweite des Tempels des Mondes war, weinte sie beinahe. Der kürzlich beförderte Hauptmann hatte vorab eine Ankündigung gesandt. Tyrande Wisperwind hatte daraufhin Anweisung gegeben, dass der Schildwache und denen, die sie eskortierte, ein Heldenempfang zuteilwerden sollte.

„Nun schaut Euch das an“, sagte Gavvin Starkarm, Anführer der Expedition der Forscherliga, während sie sich auf den Tempel zubewegten. „Fast so schön hingemeißelt wie Eisenschmiede.“

Cordressa lächelte müde. Sie hatte die Zwerge über die letzten Wochen ins Herz geschlossen. Magni Bronzebart, der Sprecher für Azeroth, hatte die Anführer der Allianz gewarnt, dass die Welt um Heilung gefleht habe. Die Forscherliga war dem Aufruf gefolgt, indem sie eine Mannschaft nach Silithus entsandt hatte, um das als Azerit bezeichnete seltsame neue Material zu erkunden. Die Substanz, die Essenz von Azeroth selbst, war an die Oberfläche getreten, als der gefallene Titan Sargeras ein riesiges Schwert gewaltsam in die Welt gerammt hatte. Die Eigenschaften von Azerit waren erstaunlich, und die Allianz hatte bislang kaum Gelegenheit gehabt, es ausgiebig zu studieren. Aufgrund der Gefahr, die an diesem Ort von den Goblins ausging, hatte Tyrande Cordressa und andere Schildwachen beauftragt, die Gruppe zu beschützen.

Cordressa hatte die Beschreibungen der Zwerge natürlich gehört – sie seien kurz gewachsen, trinkfreudig und laut, mit derbem Mundwerk und unglaublichem Starrsinn. Angeblich taten sie nichts anderes, als Dinge auszugraben, die besser verborgen geblieben wären, und drehten nur dann ihre Köpfe zur Sonne oder den Monden, wenn sie es unbedingt mussten. Doch ihre Vorurteile hatten sich schnell zerstreut, nachdem sie sie kennengelernt hatte.

Zum großen Bedauern der Schildwache hatten alle – auch sie selbst – die Anzahl, die Wildheit und die Dreistigkeit der Goblins in der Nähe des gigantischen Schwertes unterschätzt. In einer einzigen Nacht hatten die Schildwachen und die Expedition mehrere Verluste erlitten. Von Schuldgefühlen geplagt hatte Cordressa es sich zur Aufgabe gemacht, den Rest der Mannschaft in Sicherheit zu bringen.

Gavvins Bemerkung über den großen Tempel der Nachtelfen mochte für andere abwertend geklungen haben, doch nicht für Cordressa. Sie hörte die Ehrfurcht und den Respekt in Gavvins dröhnender Stimme, also lächelte sie.

„Ich bin sicher, Eisenschmiede ist ein prachtvoller Ort“, sagte sie, „doch wir haben etwas, das Ihr nicht habt. Ich schätze, es wird Euch sehr gefallen.“

„Ach? Und was soll das sein?“, fragte Inge Eisenfaust.

„Mondbrunnen.“

„Ich habe mal einen Mondbrunnen im Hain des Sumpfhüters besucht“, meldete Arwis Schwarzstein sich zu Wort. „Sah sehr hübsch aus und war ziemlich erfrischend!“

Mondbrunnen waren kostbar und heilig, gefüllt mit heilendem Wasser und von Priesterinnen gesegnet. Sie sahen alle „sehr hübsch“ aus, doch nichts kam an den Mondbrunnen in Darnassus heran. Cordressa freute sich schon auf die Reaktionen der Zwerge.

Als sie den Tempel des Mondes betraten, verstummten die Zwerge. Nach der erbarmungslosen, nahezu leblosen Landschaft von Silithus war das Grün des Tempels geradezu erschütternd. Die Zwerge sahen sich mit leicht geöffneten Mündern um und starrten dann wie gelähmt die gigantische Statue im Zentrum des Tempels an.

„Das ist Haidene“, erklärte Cordressa, „die erste Hohepriesterin von Elune.“ Die meisten, die den Tempel des Mondes zum ersten Mal besuchten, glaubten, die weiße, schimmernde Statue einer Nachtelfe, die ein Becken fließenden Wassers in die Höhe reckte, sei Elune selbst. In einigen Teilen des Tempels spielten elfische Barden Musik, die so zart war wie Elunes Licht und so beruhigend wie das sanfte Plätschern von herabfallendem Wasser.

Eine der Priesterinnen, Astarii Sternsucher, trat hervor und umarmte Cordressa. „Die Kunde Eures Kommens erreichte uns“, sagte sie. Sie drehte ihr gütiges Antlitz den Zwergen zu, die sie mit weit aufgerissenen Augen anstarrten. „Eure Reise war lang und gefährlich. Wir betrauern Eure Verluste. Bitte erlaubt uns, zu tun, was wir können, um Euch zu heilen und zu erfrischen. Es gibt reichlich zu essen und dazu Wasser aus dem Mondbrunnen. Doch seine größte Wirkung entfaltet das geweihte Wasser, wenn man darin badet. Wir haben einige Roben, die Ihr anziehen könnt, wenn Ihr es wünscht.“

Gavvin runzelte die Stirn. „Na ja, ist nicht so, als hätte ich keinen prächtigen Körperbau, aber ich will die netten Damen nicht beleidigen.“ Seine vorher schon rötlichen Wangen glühten in einem so tiefen Rotton, wie es Cordressa bei ihm noch nie gesehen hatte.

Astarii lächelte. „Es gibt private Räumlichkeiten, in denen Ihr Euch umziehen könnt.“

„Ähm … oh“, brummte Gavvin und errötete noch stärker. „Also, in diesem Fall … vielen Dank.“

Das Becken im Tempel bot ausreichend Platz für alle. Noch besser, als zu fühlen, wie ihr eigener Schmerz, ihre Müdigkeit und ihre Trauer von dem kühlen Wasser gelindert wurden, war das Erstaunen in den Gesichtern ihrer Freunde. Ja. Freunde. Sie sind nicht länger einfach nur meine Schützlinge. Sie öffnete ihre Haare und ließ ihre nachtblauen Locken über ihre Schultern fallen, während sie in das Wasser sank und ein Dankgebet sprach.

Das Wasser dämpfte alle Geräusche, doch die Schildwache konnte dennoch hören, wie ihr Name gerufen wurde. Widerwillig öffnete sie die Augen. Ein vertrautes Gesicht lächelte auf sie herab. „Delaryn!“, rief Cordressa und setzte sich im Wasser auf.

Leutnant Delaryn Sommermond hatte sich auf eine der niedrigen Wände des Beckens gesetzt. Sie war ebenfalls eine Schildwache, allerdings jünger als Cordressa und von niedrigerem Rang. Cordressa war ihre Mentorin gewesen, seit der Kataklysmus durch Azeroth gewütet hatte, und sie standen einander nahe. Delaryns blassrosa Haut leuchtete unter ihrem dunkelblauen Haar. Sie hatte ihre Gesichtstätowierungen immer noch nicht gewählt. Ich weiß, dass sie nicht immer für einen Übergangsritus stehen, hatte sie einst zu Cordressa gesagt. Doch ich finde, das sollten sie. Und es gibt noch nichts, was mich so sehr geprägt hätte, dass ich es schon wagen würde, ihre Form zu wählen.

„Ich habe gehört, dass Ihr zurückgekehrt seid“, sagte Delaryn. Sie wandte ihren strahlenden Blick den Zwergen zu, die im Becken saßen, die Köpfe gerade so über Wasser und mit einem Ausdruck der Wonne in ihren Gesichtern. „Ich bin froh, dass Ihr sie nach Hause gebracht habt.“

„Ich wünschte, es wäre mir bei allen gelungen“, sagte Cordressa. Der Schmerz stahl sich selbst durch das Wasser des Mondbrunnens in ihr Herz. „Ich habe Lady Tyrande einen Brief mit Details der Ereignisse gesandt.“

Delaryn zwang sie nicht, Einzelheiten preiszugeben. Stattdessen sagte sie: „Unsere Herrin hat gebeten, dass Ihr persönlich bei ihr vorsprecht.“

„Dann werde ich sogleich zu ihr gehen.“ Cordressa erhob sich.

Ihre Freundin legte eine Hand auf ihre Schulter und drückte sie sanft, doch bestimmt zurück ins Wasser. „Sobald Ihr geheilt seid“, sagte sie. „Das war ihr ausdrücklicher Wunsch.“

„Ich bin stets bereit zu dienen, sobald ich dazu aufgerufen werde“, antwortete Cordressa. „Doch ich gebe zu … es ist schön, noch ein paar Momente länger bleiben zu können.“

* * *

Kurze Zeit später bedankten sich Cordressa und Delaryn bei den Priesterinnen und verabschiedeten sich von ihnen. Cordressa beneidete sie – ihre sanftmütigeren Schwestern, deren Wege sie in einen Tempel geführt hatten anstatt auf das Schlachtfeld. Ein derartiger Weg war ihr nie bestimmt gewesen, genauso wenig wie Delaryn.

Tyrande Wisperwind, Hohepriesterin von Elune und Gründerin der Schildwache, arbeitete in einem kleinen, privaten Zimmer auf einer andere Ebene des Tempels. Sie war dabei, ein Sendschreiben zu verfassen, als die beiden Schildwachen ankamen. Während sie eintraten, hob sie den Blick.

Cordressa salutierte. „Herrin Tyrande, ich bin gekommen, wie Ihr es wünschtet. Ich übernehme die volle Verantwortung für mein Versagen in Silithus.“

Die Hohepriesterin schwieg. Sie stand auf, begab sich zu ihrer Freundin und umarmte sie. Tyrande nahm wieder etwas Abstand und sah Cordressa sanft an. „Schildwache Cordressa“, sprach sie mit warmer Stimme, „ich habe Euren Bericht gelesen. Ich verstehe Eure Emotionen. Es ist schwer, jene zu verlieren, die uns anvertraut werden. Doch es ist auch klar, dass wir alle – ich, Malfurion, König Anduin und seine Berater – die Bedrohung durch die Goblins in Silithus unterschätzt haben. Man nimmt sie nur allzu schnell auf die leichte Schulter und wir mussten dafür büßen. Was Euch betrifft – Ihr habt die Überlebenden durch trügerisches Terrain nach Hause geführt und uns außerdem wertvolle Informationen gebracht. Ich betrachte das nicht als Versagen.“

Lächelnd berührte sie Cordressas Wange und trat zurück. „Ich habe eine Antwort an König Anduin bezüglich einiger besorgniserregender Informationen, die seine Spione erhalten haben, so gut wie fertiggestellt.“

„Soll ich gehen, Herrin?“, fragte Delaryn.

„Ihr dürft bleiben, Schildwache“, sagte Tyrande. „Dieses Wissen wird sich schon bald verbreiten.“

Delaryn neigte den Kopf.

Tyrande setzte sich wieder. „Nach der Tragödie im Arathihochland hat König Anduin die Zahl der Augen erhöht, die die Anführer der Horde in ihrer Hauptstadt beobachten. Es scheint, als wären sich der Kriegshäuptling und ihr Günstling, Nathanos Pestrufer, mit Hochfürst Saurfang über die Truppenbewegungen uneinig.“ Sie sah Cordressa an. „Eure Begegnung mit den Goblins in Silithus war schon beunruhigend genug. Doch es scheint, als wolle Saurfang noch einige weitere hundert Soldaten der Horde dorthin entsenden.“

Cordressa runzelte die Stirn. „Darf ich offen sprechen?“

„Das dürft Ihr immer.“

„Einige hundert sind nichts, worüber wir uns Sorgen machen müssten.“

Tyrande antwortete mit grimmigem Gesicht. „Das sollten wir, wenn es sich bei dieser Zahl nur um Kundschafter handelt, die den besten Weg für eine künftige Armee bestimmen sollen. König Anduin und auch ich glauben, dass die Horde eine tödliche Einsatzmöglichkeit für Azerit gefunden hat und dass Saurfang beabsichtigt, der Allianz sämtliche Zugangsmöglichkeiten zum Azerit zu nehmen. Dadurch könnte sich das Gleichgewicht der Macht deutlich zugunsten der Horde verschieben.“

Cordressas Magen verkrampfte sich. Anduin Wrynn hatte Darnassus vor einigen Monaten besucht. Er, Malfurion und Tyrande hatten über genau dieses Szenario gesprochen. Die Nachtelfen und die Draenei waren die einzigen Bastionen der Allianz auf dem ganzen Kontinent, die einem Einfall der Horde in Silithus schnell etwas entgegensetzen könnten, und die Ressourcen der Draenei waren während des Krieges gegen die Legion zur Neige gegangen. Seitdem hatte Tyrande den langsamen, aber sicheren Aufbau einer Armee beaufsichtigt, die zum Ort von Sargeras’ bösartigem Schwert entsandt werden konnte, sollte es nötig werden.

„Ich verstehe“, antwortete Cordressa. „Doch leider habe ich die Gefahren erlebt, denen sich die Forscherliga schon heute gegenübersieht. Sie kann einer Armee nicht standhalten, genauso wenig wie unsere Priester und Druiden.“

„Zeigen die Mondbrunnen Wirkung?“, fragte Delaryn.

In anderen Zeiten hatten die Nachtelfen in verschiedenen Teilen der Welt Mondbrunnen an Orten errichtet, die durch die Teufelsmacht oder ähnliche Energien gestört wurden. Priester und Druiden machten sich gemeinsam die Macht der Natur und die Segen von Elune zunutze und das geweihte Wasser konnte das aufgewühlte Land oftmals beruhigen und läutern. Verschiedene Gruppen waren in der Hoffnung nach Silithus entsandt worden, dass diese heilende Magie auch dort ihr Werk verrichten könne. Es war eine friedvollere Art, den durch das Schwert von Sargeras und die Gier der Goblins angerichteten Schaden zu bekämpfen.

„Dazu lässt sich noch nichts sagen“, antwortete Tyrande. „Wir haben gelobt, die Heiler in ihren Bemühungen, sich um Azeroth zu kümmern, zu unterstützen. Wenn die Horde einen Vorstoß gegen das Schwert von Sargeras wagt, werden wir sie verteidigen, und wir müssen uns darauf vorbereiten.“ Sie zeigte auf den Brief, den sie geschrieben hatte. „Ich habe Shandris Mondfeder geschrieben, ihre Soldaten in höchster Alarmbereitschaft zu halten. In den nächsten Wochen werde ich Truppen entsenden, jeweils ein oder zwei Schiffe, um keine Aufmerksamkeit zu erregen. Sobald sich unsere Flotte in Feralas versammelt hat, werden sie bereit sein, zum Schwert zu marschieren, sobald ich den Befehl gebe.“

Shandris Mondfeder war beinahe so legendär wie Tyrande selbst. Als Heranwachsende verwaist, nachdem ihre Familie von der Brennenden Legion getötet wurde, fand sie in Tyrande eine zweite Mutter. Shandris war eine der ersten Schildwachen und blieb bis zu diesem Tage ihre Generalin. Aktuell hatte sie die Führung über die Streitkräfte der Nachtelfen im üppig grünen Land Feralas und die sogenannte Volltrefferhütte inne, an der sie mit Jägern aller Völker zusammenarbeitete.

„Wenn diese Armee der Horde die Unterstützung des Kriegshäuptlings erhält“, fuhr Tyrande fort, „dann benötigt sie Zeit zur Vorbereitung. Und sie wird außerdem Zeit benötigen, um an ihr Ziel zu gelangen. Wir werden reichlich Gelegenheit haben, um Hochfürst Saurfang einen herzlichen Empfang zu bereiten.“

Tyrande Wisperwind lächelte.

* * *

Manchmal hatte Renzik es satt, der Kontaktmann von SI:7 in Orgrimmar zu sein. Er konnte die Gründe verstehen. Nahezu jedes andere Mitglied der Organisation gehörte eindeutig einem Volk der Allianz an, was bedeutete, dass sie achtzig Prozent der Zeit unerkannt bleiben mussten. Die verbleibenden zwanzig Prozent mussten sie sich auf Magie oder wirklich ausgefallene Verkleidungen verlassen. Natürlich waren ihre Möglichkeiten, verdeckt zu bleiben, begrenzt.

Renzik war stellvertretender Befehlshaber und ein Goblin. Aus diesem Grund versicherte Mathias Shaw ihm ständig, dass er sich vor allem auf ihn verließ, um zu erfahren, was wirklich auf Hordenterritorium vor sich ging.

Das war alles schön und gut und auch etwas schmeichelhaft, doch es wurde so langsam auch langweilig. Er war ein Spion und ein Schurke und legte ehrlich gesagt auch wenig Wert darauf, mit anderen zusammenzuarbeiten. Doch die Bezahlung war gut und er war wahrscheinlich einer von nur einer Handvoll Goblins, die ehrlich von sich behaupten konnten, hohes Ansehen zu genießen. Außerdem verachtete er das, was aus den Goblins unter der sogenannten Führung des Handelsprinzen Jastor Gallywix geworden war.

Darüber hinaus hatte er eine klitzekleine Schwäche für die Art der Allianz, die Dinge zu betrachten – was er nie offen zugeben würde, um seinem hart erarbeiteten Ruf nicht zu schaden.

Er hatte sich seit dem ersten Tag des Debakels mit dem Schwert im Sand in der Hauptstadt der Horde aufgehalten und als Händler von Krimskrams ausgegeben. Er war derjenige, dem die Spione der Allianz Bericht erstatteten – natürlich indirekt. Nur wenige wussten, wer er wirklich war, und das war Renzik auch ganz recht.

Dieser Auftrag war ziemlich langweilig, insbesondere da Renzik in seiner Rolle als Händler kaum Gelegenheit hatte, durch die Dunkelheit zu schleichen. Das Gute war, dass niemand so viele Gerüchte zu hören bekam wie ein Händler. Die Leute schütteten dem Fremden mit den schönen Waren entweder ihr Herz aus oder sie ignorierten ihn und redeten, als würden sie seine unmittelbare Anwesenheit gar nicht bemerken.

Er hatte seinen Verkaufsstand in der Nähe der Feste Grommash aufgebaut. Hier war er weit genug entfernt, um nicht als Bedrohung betrachtet zu werden, doch auch nahe genug, um zu beobachten, wer in der Feste ein- und ausging – und wie sie aussahen, wenn sie die Feste verließen.

Es war ganz besonders befriedigend gewesen, täglich zu beobachten, wie Varok Saurfang für seine Besprechung mit dem Kriegshäuptling in die Feste trottete. Er sah frustriert aus, wenn er sie betrat, und blickte für gewöhnlich finster drein, wenn er sie verließ. Noch besser war es, wenn der Kriegshäuptling höchstpersönlich beschloss, die Feste für einen harten Ausritt auf ihrem knöchernen Ross zu verlassen. Die Bansheekönigin zeigte kaum Emotionen. Wenn sie also ihre Augen zusammenkniff, ihre Lippen fest aufeinanderpresste und barsch sprach, dann war das in etwa so, als würde ein Orc jede Beherrschung verlieren.

Mit anderen Worten: Seine Aufgabe wurde allmählich interessant.

Es war wieder an der Zeit. Und da trat auch schon Saurfang aus der Dunkelheit der Feste Grommash in die grelle Nachmittagssonne von Durotar. Sein Gesichtsausdruck wurde mit jedem vergehenden Tag immer mehr zur Gewohnheit.

Renzik wischte sich über seinen verschwitzten, kahlen Schädel. Seine Spione hatten berichtet, dass Nathanos ebenfalls nicht mit den Plänen oder den Ansichten des Hochfürsten zufrieden war. Liebestoller Welpe, dachte Renzik und sann über die Vorstellung einer verliebten „Leiche“, wie er die Verlassenen nannte.

Unheimlich.

Während er noch über den Champion der Dunklen Fürstin nachdachte, ertönte eine zornige Stimme.

„Saurfang!“ Die Stimme klang fast menschlich, aber eben nicht ganz. Genauso wie Nathanos, selbst mit seinem funkelnden neuen Körper, fast, aber eben nicht ganz menschlich war.

Saurfang zuckte nicht einmal mit der Wimper und stapfte weiterhin in Richtung des großen Tores von Orgrimmar.

Varok Saurfang!“ Oh, jetzt war Nathanos richtig wütend. Das würde interessant werden. Er fing zwar nicht an zu rennen, als er aus der Feste kam, doch man konnte sehen, dass er es wollte. „Wachen! Haltet ihn auf!“

Niemand bewegte sich mehr. Alle richteten ihre Aufmerksamkeit auf die Szene, die sich vor ihnen ereignete. Renzik musste nicht einmal seine Waren im Blick behalten, auch wenn er es aus Gewohnheit tat.

Für einen Augenblick bewegten sich die zwei Wachen nicht. Dann hielten sie Saurfang zwar nicht wirklich auf, doch sie traten – man könnte es eher als ein Schlendern bezeichnen – verstohlen und mit besorgten Gesichtern in seinen Weg. Ihre Waffen erhoben sie nicht.

Oh Mann, in deren Schuhen möchte ich heute nicht stecken. Egal was sie tun, irgendjemand Mächtigen werden sie verärgern.

Saurfang wurde langsamer und blieb stehen. Er starrte eine der Wachen an, dann die andere. Keine erwiderte seinen Blick. Stattdessen sahen sie woandershin und machten sich höchstwahrscheinlich gerade vor Angst ins Hemd. Langsam drehte sich der Hochfürst um.

Orcs waren viel größer als Verlassene und viel zäher. Und dieser Orc hier war ganz besonders groß und ganz besonders zäh. In seiner frischen menschlichen Hülle erschien Nathanos verglichen mit ihm ironischerweise wie ein Zwerg – ha!

„Ihr wurdet nicht entlassen“, schnauzte Nathanos.

Ihr wart nicht bei der Besprechung.“

Stille. Als leidenschaftlicher Lauscher wusste Renzik ganz genau, was das bedeutete. Offenbar wusste es Saurfang auch, denn er kniff die Augen zusammen und grollte tief in seiner Brust.

„Ihr solltet Euch nicht in Dinge einmischen, die Euch nichts angehen, Pestrufer. Ihr seid Sylvanas’ Champion, nicht ihr Hochfürst.“

„Im Leben war ich Waldläufer“, sagte Nathanos. „Der einzige Mensch, dem diese Ehre zuteilwurde. Ich diente schon damals Fürstin Sylvanas und ich diene ihr auch heute, und ich weiß über die meisten Dinge viel mehr, als Ihr Euch auch nur vorstellen könnt.“

„Ich vertraue nicht auf Vorstellungskraft. Ich vertraue auf Tatsachen. Zahlen. Strategien. Waffen. Ich kenne mich mit diesen Dingen aus, Pestrufer, und ich kämpfte schon in Kriegen, als Ihr noch geblökt habt wie ein vernarrtes Mondkalb.“

Wäre er noch menschlich gewesen, dann wäre Nathanos zweifelsohne entweder tiefrot angelaufen oder blass wie Milch geworden. Doch in seinem jetzigen Zustand stand er nur da, erstarrt, seine glühenden Augen fest auf Saurfang gerichtet.

Renzik bemerkte einen mit Kniehosen, einer Weste und einer Kappe bekleideten Goblin in der Nähe, der Gold annahm und Wettscheine ausstellte. Der Schurke lachte rau in sich hinein. Wo sich schnell Geld machen ließ, war ein Goblin nicht weit. Er richtete seinen Blick wieder auf den eskalierenden Streit, während er leichten Fußes einige Schritte in Richtung des Buchmachers machte.

„Einhundert Gold auf den Pestrufer“, sagte er. Alle anderen würden mit Sicherheit auf den Orc setzen. Doch Renzik hatte genug Zeit in der Gesellschaft von Menschen verbracht, um zu verstehen, dass sie sich oft noch in den aussichtslosesten Situationen behaupten konnten, insbesondere wenn ihr Stolz – oder ihr Herz – auf dem Spiel stand. Im Falle des Pestrufers vermutete Renzik, dass er immer noch menschlich genug war. Folglich würden sowohl Stolz als auch Herz eine Rolle spielen.

 „Ich schulde Euch als Älterem einen gewissen Respekt“, sagte Nathanos. „Deshalb übe ich mich in Geduld und warne Euch. Verlasst meine Fürstin nie wieder ohne ihre Erlaubnis – oder Ihr müsst Euch vor mir verantworten.“

Saurfang tat das, was diese Situation am ehesten außer Kontrolle geraten lassen würde. Er lachte.

Dann begann er, langsam zu klatschen. „Ich übe mich ebenfalls in Geduld, Welpe“, sagte er, „indem ich Euch Euren viel zu menschlichen Kopf nicht abreiße. Ich habe eine Lektion für Euch. Respekt will verdient werden … und meinen müsst Ihr Euch erst noch verdienen.“

„Vielleicht verdiene ich mir ja Euren Respekt, wenn Euer Blut den Sand von Orgrimmar tränkt.“

Saurfang richtete sich so gerade auf, wie es seine krumme, orcische Wirbelsäule erlaubte, und breitete seine Arme aus, so als wollte er den Verlassenen umarmen.

„Ihr dürft es gerne versuchen! Dann wird sich der Kriegshäuptling ein neues Spielzeug suchen müssen.“

Nathanos Pestrufer stieß einen untypischen Wutschrei aus, der Renzik überraschte und zugleich zuversichtlich stimmte.

Damit mache ich ein Vermögen, dachte er und rieb sich erwartungsvoll die Hände, als der Champion der Verlassenen gegen den Hochfürsten anstürmte.

* * *

„Ein Kampf“, wiederholte Tyrande, die die Nachricht ebenso wenig glauben konnte wie Anduin. Ihrer Gehilfin, Schildwache Cordressa, gelang es, eine ernste Miene beizubehalten. Weitestgehend.

„Ein Kampf“, versicherte ihnen Shaw. „Dieser Bericht stammt direkt von meinem stellvertretenden Befehlshaber.“

Anduin sah jene an, die sich um den Tisch im königlichen Garten versammelt hatten. Es war unvermeidlich, dass sie sich irgendwann im Verlauf des Besuchs der beiden Staatsoberhäupter – Hohepriesterin Tyrande Wisperwind und Prophet Velen von den Draenei – in den Kartensaal von Burg Sturmwind würden begeben müssen. Doch vorerst sollte das düstere Thema der Kriegsstrategie zumindest unter offenem Himmel und umgeben von grünen und lebenden Dingen besprochen werden. Sicherlich würden Tyrande und Cordressa diese Geste zu schätzen wissen. Er war bemüht, alle Pflichten eines guten Gastgebers und verantwortungsvollen Königs zu erfüllen – auch wenn er nie damit gerechnet hätte, dass die Besprechung eines Faustkampfs zwischen Hochfürst Saurfang und Nathanos Pestrufer je Teil dieser Pflichten sein würde.

Anduin hatte Tyrande zuletzt in Darnassus getroffen. Er war dorthin gereist, um den Nachtelfen für ihre Hilfe gegen die Legion zu danken und mit ihnen zu besprechen, wie man mit dem neu entdecken Azerit umgehen sollte. Allen war schmerzlich bewusst, dass Teldrassil und die Exodar die letzten Bastionen der Allianz auf dem Kontinent Kalimdor waren, und sowohl Velen als auch Tyrande hatten zugestimmt, dass bezüglich des Schwertes von Sargeras und der Substanz, die in diesem Gebiet jetzt an die Oberfläche trat, Umsicht geboten war.

„Wer hat den Kampf gewonnen?“, fragte – natürlich – Genn Graumähne.

„Saurfang. Doch laut dem Bericht meines Agenten war es knapper, als man annehmen könnte“, sagte Shaw. „Ihm zufolge sind beide Kontrahenten fast von dannen gekrochen.“

„Weiß Euer Agent, ob Saurfang bestraft wurde?“, fragte Anduin.

„Ganz im Gegenteil“, antwortete Shaw. „Nathanos war derjenige, der zurechtgewiesen wurde.“

Leise sprach Anduin: „Dann ist es jetzt geschehen.“

Alle Köpfe drehten sich zu ihm. „Was ist geschehen?“, fragte Genn.

Der junge König blickte jeden von ihnen nacheinander an. „Die Entscheidung ist gefallen. Sylvanas hat für Saurfang anstelle ihres Champions Partei ergriffen. Er wird schon bald marschieren. Nach dem zu urteilen, was Eure Spione uns mitgeteilt haben, Shaw, war Nathanos dagegen. Seiner Meinung nach ist das eine Verschwendung von Ressourcen. Waren nicht das die Worte, die Ihr gewählt hattet?“

„Das waren sie“, bestätigte Shaw.

„Dieser Vorfall hat wahrscheinlich das Fass zum Überlaufen gebracht. Die Truppen der Horde werden nach Silithus marschieren.“

„Diese plötzliche Eile“, sagte Velen stirnrunzelnd. „Es ergibt keinen Sinn. Magni hat uns alle – Horde wie Allianz – schon vor einiger Zeit über das Azerit und dessen wahre Natur unterrichtet. Warum also jetzt dieser Vorstoß? Was weiß Saurfang, das wir nicht wissen?“

„Es könnte ganz einfach sein – ein alter Krieger, der den Kampf sucht“, sprach Graumähne.

„Nein“, sagte Tyrande. „Saurfang ist kein Narr und würde auch nicht nur um seines Egos willen Ressourcen und Soldaten verschwenden. Wenn er so darauf drängt, dann hat er auch einen Grund.“

„Sie haben bestimmt eine Möglichkeit gefunden, Waffen aus Azerit herzustellen“, sagte Graumähne.

„Ihr könntet recht haben, König Graumähne.“ Tyrande wandte ihren leuchtenden Blick Anduin zu. „Ich stimme Euch zu, König Anduin. Die Lage eskaliert tatsächlich. Als ich Euer letztes Schreiben erhielt, sandte ich den Befehl an Generalin Mondfeder, sie solle sich bereitmachen, Soldaten zu empfangen. Ich werde sie unverzüglich entsenden, wenn wir uns in dieser Angelegenheit alle einig sind. Sie können Silithus noch vor der Horde erreichen.“

Ein Schauer durchfuhr Anduin und hinterließ Kälte in seiner Magengrube. Trotz allem, was er in seinem jungen Leben gesehen hatte, allem, was er überstanden und verloren hatte, war er noch nie in einer Situation wie dieser gewesen:

am bröckelnden Abgrund eines ausgewachsenen Krieges mit all seinen erbarmungslosen Schrecken. Waffen, Truppen, Soldaten, Schurken, Bomben, Gift, Gemetzel – all das war für sich genommen schon schrecklich genug, doch wer konnte schon wissen, welche entsetzlichen Veränderungen durch das Azerit ermöglicht würden? Zehntausende – ja, Hunderttausende – könnten sterben, wenn dieser Krieg ausbrechen sollte.

Anduin schluckte schwer und stellte fest, dass alle Augen auf ihn gerichtet waren. Er wusste nicht, ob er Tyrande dankbar sein oder sie verfluchen sollte. Sie, die Veteranin aus Jahrtausenden des Krieges, hatte das schreckliche Wort aus fünf Buchstaben nicht selbst ausgesprochen. Ich werde sie unverzüglich entsenden, hatte sie gesagt. Und mit dieser Formulierung – so präzise und bewusst wie ihre Zielgenauigkeit in der Schlacht – wartete Tyrande Wisperwind nur darauf, dass Anduin den Befehl gab.

Es würden die ersten Schritte in Richtung eines unausweichlichen Krieges sein – denn Anduin konnte sich keine Situation ausmalen, in der Varok Saurfang seine Truppen marschieren ließ und sich dann weigerte, sie auch einzusetzen.

Konnte dies der Grund sein, aus dem der alte Orc und der Champion der Dunklen Fürstin aneinandergeraten waren? Weil Sylvanas keinen Krieg mit der Allianz wollte? Noch während er darüber nachdachte, verwarf er den Gedanken als die Hoffnung eines Kindes, das sich nach Frieden sehnte. Sylvanas Windläufer hatte wieder und wieder bewiesen – bei ihrer Beharrlichkeit konnte ihre Einstellung nicht missverstanden werden –, dass sie den Krieg gegen die Allianz herbeisehnte.

Er leckte sich über die Lippen, die plötzlich trocken geworden waren, und atmete tief ein. Licht, ich flehe dich an, gewähre mir deine Führung.

„Setzt Eure Truppen in Bewegung, Hohepriesterin“, wies Anduin die Anführerin der Nachtelfen an. Zu seiner eigenen Überraschung war seine Stimme volltönend und stark. Das Licht gewährte ihm seine Führung und die Worte gingen ihm klar und leicht von der Zunge. „Sendet sie aus, um die Allianz zu schützen. Wenn die Horde tatsächlich beabsichtigt, Silithus einzunehmen, dann werden wir bereits eine sichere Stellung haben. Ich vertraue auf Euer Urteilsvermögen bei ihrem Einsatz. Ich selbst würde Aufklärung und Abschreckung bevorzugen.“

„Ich ebenso, König Anduin. Krieg ist etwas Schreckliches.“ Tyrandes Stimme zitterte, während sie sprach. Nicht vor Angst – das wäre nicht sie –, sondern wegen der tiefsitzenden Kenntnis der Schrecken, die Anduin niemals vollständig begreifen würde, auch mit einhundert Jahren nicht.

Sie wandte ihren Blick Velen zu und hob fragend eine türkisfarbene Augenbraue. Anduin hatte Mitleid mit ihm. Der Draenei hatte mehr vom Krieg gesehen, als man sich vorstellen konnte – vielleicht sogar noch mehr als Tyrande.

Velen seufzte tief. „Nachdem die Legion besiegt war, hatte ich auf etwas Frieden gehofft. Doch ich muss Euch beiden zustimmen. Sendet die Truppen aus, Hohepriesterin. Sendet sie aus und lasst uns beten, dass sie nicht gebraucht werden.“

Es war getan. 

Teil zwei: Der Ruf der Schlacht

Das Horn der Jägerin ist erklungen!

Es ruft uns nun zur Schlacht,

all das zu schützen, was uns wichtig ist:

diese Stadt,

diesen Brunnen des Mondes,

diesen sanften Gesang der Abendbrise.

Es ruft uns.

Und wir antworten.

* * *

Cordressa ging neben dem Erzdruiden Malfurion Sturmgrimm durch die Tempelgärten. Tyrande hatte beschlossen, in Sturmwind zu bleiben, um zusammen mit Velen, Anduin Wrynn und Genn Graumähne langfristige Kriegsstrategien auszuarbeiten. Die Hohepriesterin hatte Cordressa angewiesen, nach Darnassus zurückzukehren, um Malfurion über den neuesten Wandel der Ereignisse zu unterrichten.

Auch wenn der große Erzdruide vor einigen Jahren aus seinem Aufenthalt im Smaragdgrünen Traum zu seinem Volk zurückgekehrt war, musste man sich immer noch an seine Präsenz gewöhnen.

Malfurion Sturmgrimm war einzigartig – der großartigste Druide, den die Nachtelfen je hervorgebracht hatten. Seine Verbundenheit mit der Natur war so tiefgehend, dass schon sein Körper von dieser Verbindung zeugte. Ein Hirschgeweih schmückte seinen Kopf, Federn zierten wie Flügel seine muskulösen Arme und seine Füße erinnerten an die einer Großkatze.

Wie die Natur selbst war der mächtige Shan’do – der ehrwürdige Lehrer – gleichzeitig sanft und wild. Doch als fühlendes Wesen mit machtvollem Geist und starkem Willen hatte er die vollständige Kontrolle darüber, welcher Aspekt seines Wesens in Erscheinung trat.

Jetzt sprach er mit sanfter Stimme, während sie gemeinsam Kräuter sammelten. „Ihr seid kürzlich aus Silithus zurückgekehrt.“ Malfurion beugte sich über einen Silberblattbusch, pflückte ein Blatt, zerrieb es zwischen seinen Fingern und atmete das klare, belebende Aroma ein. Dabei strich er mit seiner anderen Hand über die Pflanze und murmelte seinen Dank. Drei Blätter sprossen aus dem Stängel. Malfurion hatte der Pflanze ihr Opfer dreifach zurückgezahlt.

Auch Cordressa zerrieb ein Blatt und atmete den Duft ein. Sie lächelte, als Ruhe und Klarheit sie erfüllten. Schildwachen genossen ein Leben, in dem sie ganz Azeroth bereisten, doch Cordressa hatte Darnassus nur selten verlassen, und so gefiel es ihr auch. Niemals würde sie ihrer Pflicht ausweichen oder vor einem Kampf zurückschrecken. Es hatte Zeiten gegeben, in denen sie über mehrere Jahre weit von ihrem Volk entfernt stationiert gewesen war. Doch hier war ihre Heimat, mit Tyrande und Malfurion, in Darnassus. Wenn sie weg war, sehnte sie sich nach dem Frieden des Tempels und seiner Gärten.

Sie pflückte eine Blüte des Maguskönigskrauts und betrachtete das tiefe Rosa der Blume, als sie sprach: „Wie ich meiner Herrin und den anderen in Sturmwind bereits berichtet habe, konnte ich persönlich nichts beobachten, was den Fokus der Horde auf Silithus rechtfertigen würde – und ganz bestimmt nichts, was Saurfangs Bereitschaft erklären würde, entschieden gegen den Willen seines Kriegshäuptlings zu handeln. Alles, was ich sehen konnte, war eine beträchtliche Menge an Goblins, die entschlossen waren, Azerit abzubauen und Eindringlinge zu töten.“

„Kein plötzlicher Anstieg der Zahl der Goblins?“

„Keiner, der mir bekannt wäre. Sie greifen natürlich an, doch sie gehen dabei feige vor und ich konnte nie eine bedeutende Zunahme an Waffen oder Truppenstärke beobachten. Nichts, was darauf hindeuten würde, dass die Horde eine Armee dorthin entsendet. Natürlich würde eine solche Vorgehensweise Sinn ergeben, wenn meine Herrin und der König von Sturmwind recht haben in ihrer Überzeugung, dass die Horde gelernt hat, Waffen aus Azerit herzustellen.“

Malfurion hielt vor einem blühenden Beet Friedensblumen an und blickte auf die weißen Blüten. „Ich werde dafür sorgen, dass Tyrandes Befehle, Soldaten nach Silithus zu entsenden, befolgt werden. Dazu werde ich viele Schildwachen und andere, die kämpfen können, von heimischen Posten abziehen müssen, um die Reihen unserer Armee zu füllen.“

„Verstanden, Shan’do.“

Er lächelte traurig. „Ihr werdet unter denjenigen sein, die versetzt werden, Schildwache Dornenbogen. Ich fürchte, ich muss Euch bitten, nach Silithus zurückzukehren. Jene, die mit dem Gebiet vertraut sind, müssen die Truppen begleiten.“

Ein allzu kurzer Aufenthalt. „Natürlich“, antwortete Cordressa. „Wann wünscht Ihr, dass ich aufbreche?“

„Ich will, dass Ihr das erste Schiff nehmt.“

Sie nickte. Ein Gedanke ereilte sie: „Ich habe schon oft an der Seite von Schildwache Sommermond in der Schlacht gekämpft. Ich würde mich freuen, sie wieder bei mir zu haben. Darf ich Euch bitten, sie ebenfalls zu versetzen?“

„Ja“, sagte der Erzdruide, „doch sie geht nicht nach Silithus. Viele Posten im Eschental werden unbesetzt sein, sobald die Schiffe ihre Segel hissen. Ich werde Schildwache Sommermond und andere anweisen, diese Posten zu besetzen.“

Ich konnte kaum Zeit mit ihr verbringen, dachte Cordressa, dann fügte sie sich in ihr Schicksal. So ist das Leben einer Schildwache. „Habe ich Zeit, mich von den Mitgliedern der Forscherliga zu verabschieden?“

„Natürlich. Doch verweilt nicht zu lange“, sagte Malfurion.

Das war mehr, als Cordressa erwartet hatte, und sie neigte dankbar den Kopf. „Danke, Shan’do.“

 Malfurion überreichte ihr ein ledernes Schriftrollenetui. „Fragt Eure Zwergenfreunde, ob sie geneigt wären, nach Sturmwind zu reisen, bevor sie nach Eisenschmiede weiterziehen. Sie können diese Sendschreiben in meinem Namen an Tyrande und Anduin überreichen. Ich danke Euch, Schildwache. Möge Elune Euch segnen.“

Möge sie uns alle segnen, dachte Cordressa, wenn wir kurz davorstehen, gegen die Horde in den Krieg zu ziehen.

* * *

Die beiden Schildwachen schritten schweigsam auf einen grünen, abgeschiedenen Bereich neben dem Tempel zu, in dem die hochgeborenen Elfen der Stadt lebten, die einzigen Bewohner Darnassus’, die arkane Magie praktizierten. Portale waren ein wertvolles Geschenk, und so bedeutete der Einlass, den die Kaldorei ihren hochgeborenen Brüdern und Schwerstern erst kürzlich und äußerst zaghaft gewährt hatten, dass kleinen Gruppen – wie den Überlebenden der Expedition der Forscherliga, die bereits genügend gelitten hatten – lange Seereisen erspart bleiben konnten.

Ebenso bedeutete er, dass wichtige Informationen schnell übermittelt werden konnten. In Zeiten des Krieges könnte dies von entscheidender Bedeutung sein.

„Ich hatte gehofft, mehr Zeit mit Euch verbringen zu dürfen, alte Freundin“, sagte Cordressa im Gehen zu Delaryn, „doch anscheinend haben unsere Anführer andere Pläne.“

Delaryn zuckte mit den Schultern. „Wir gehen dorthin, wo wir am besten dienen können.“

Den Zwergen war während ihrer Wartezeit nicht langweilig geworden. Chefarchäologe Grauflaum, ebenfalls ein Mitglied der Forscherliga, unterhielt sich angeregt mit seinen Kollegen, während drei Magier, Tarelvir, Dyrhara und Maelir, zusahen und nachsichtig lächelten. Cordressa freute sich über den Ausdruck des Friedens auf den Gesichtern der Zwerge.

„Gavvin Starkarm, Inge Eisenfaust und Arwis Schwarzstein“, sagte sie, „ich werde für immer bereuen, dass es mir nicht gelungen ist, Eure Gefährten heil nach Hause zu bringen. Ich entschuldige mich für mein Versagen.“

Gavvin sah sie mit gütigen Augen an. „Mädel“, sprach er sanft, „die Welt da draußen ist rau. Wir beide wissen das. Jeder, der der Forscherliga beitritt, weiß es. Wollten wir uns der Gefahr nicht stellen, dann würden wir im Schutz unserer Häuser bleiben, in Sesseln am Kamin und mit einem Humpen Bier in der Hand. Sie kannten die Risiken. Und ohne Euch Schildwachen wären wir wohl alle in diesem garstigen Sand draufgegangen.“

„Ich danke Euch. Ich hatte gehofft, Euch in Eure schöne Stadt begleiten und sie mit eigenen Augen sehen zu dürfen, doch mir wurde aufgetragen, schnellstmöglich nach Silithus zurückzukehren. Wir hoffen inständig, dass Eure Gruppe dort als letzte unter der Horde leiden musste.“

Gavvin wirkte verblüfft. „Sie schicken Euch zurück? Einfach so, hmm?“

„Dort gibt es einige Goblins, die an die Macht der Allianz erinnert werden müssen“, sagte Delaryn und Gavvin lächelte.

„Darf ich Euch um einen Gefallen bitten?“, fragte Cordressa.

„Was es auch ist, Schätzchen, wird im Handumdrehen erledigt“, antwortete Gavvin.

Cordressa überreichte dem Anführer der Zwerge das Schriftrollenetui, das Malfurion ihr gegeben hatte. „Unser Shan’do, Malfurion Sturmgrimm, lässt fragen, ob Ihr diese Briefe vor Eurer Rückkehr nach Eisenschmiede nach Sturmwind bringen würdet. Sie sind für Lady Tyrande und König Anduin bestimmt, die wahrscheinlich ihrerseits Informationen haben dürften, die Ihr an Eure Drei Hämmer überreichen sollt.“

Gavvin nahm die Schriftrollen vorsichtig an sich. „Ist mir eine Ehre, die Nachrichten zu überbringen.“ Er blickte sie durch seine buschigen Augenbrauen an und räusperte sich. „Nun …“ Er reckte sich nach oben und tätschelte sie verlegen am Arm. „Passt gut auf Euch auf, tapferes Mädel. Und denkt dran, den Goblins einen Hieb oder drei von Gavvin Starkarm zu verpassen.“

Cordressa lächelte. „Ihr habt großen Mut bewiesen. Es war mir eine Ehre, an Eurer Seite zu kämpfen.“ Sie salutierte mit einer Faust an ihrer Schulter.

Die schlanke Magierin Dyrhara bewegte flink und geschickt ihre Hände und ein Kreis aus Licht erschien. Darin schimmerte ein Bild von Sturmwind.

„Möge Elune Euren Pfad erhellen“, sagte Cordressa.

„Möge Euer Bier immer in rauen Mengen fließen“, antworte Gavvin.

Cordressa stieß ein kurzes, überraschtes Lachen aus und Gavvin zwinkerte. Einer nach dem anderen traten die Zwerge ins Portal und verschwanden.

„Ich danke Euch“, sagte Cordressa zur Magierin und lächelte dann den Archäologen Grauflaum an, der sich an den Hut tippte. Sie nickte Delaryn zu und sie schritten zusammen hinaus auf den weißen Steinpfad, der sich durch die große Stadt wand.

„Wann brecht Ihr auf?“, fragte Delaryn.

Cordressa lächelte traurig. „Wir beide müssen in wenigen Stunden aufbrechen. Ich treffe meine Schiffskameraden für unsere Reise nach Feralas am Hafen – und Ihr trefft die Euren für die Reise an die Dunkelküste und von dort aus ins Eschental.“

Das Gesicht der jüngeren Nachtelfe verfinsterte sich. „Ich verstehe. Lasst mich raten – die hochrangigen Schildwachen müssen sich in Silithus einfinden und der Rest besetzt ihre Stellungen.“

„So ist es.“

Delaryn seufzte. „Ich beneide Euch, Cordressa.“

„Das braucht Ihr nicht. Silithus ist kein angenehmer Ort.“

„Wenigstens werdet Ihr etwas tun. Das Eschental ist gewissermaßen das Exil.“

Cordressa lächelte. „Es ist schön und friedvoll …“

„Und langweilig.“

„Anaris Windholz ist jetzt die Kommandantin in dieser Region, denkt daran“, sagte Cordressa. „Ihr bekommt eine Chance, von der Besten zu lernen.“

Delaryns Miene hellte sich wieder auf, als sie diesen Namen hörte. Anaris Windholz war eine vielfache Kriegsheldin, die ihren Ruf erst kürzlich während des Kataklysmus festigen konnte. Die Silberwindzuflucht, einst zusammen mit Astranaar ein bedeutender Außenposten im Eschental, war ihrem Namen früher gerecht geworden – ein einladender Ort mit einem vergleichsweise luxuriösen Gasthaus. Doch die Umwälzung der natürlichen Ordnung, die der Kataklysmus verursacht hatte – und der Zustrom an Orcs – hatte all das verändert.

Die Orcs hatten Schildwachen und Zivilisten gleichermaßen abgeschlachtet. Cordressa hatte es nicht mit eigenen Augen gesehen, doch angeblich hatten die Orcs jene gejagt, die zu fliehen versuchten, und ihre Körper auf der Straße verrotten lassen – als erbarmungslose Warnung an alle, die versuchen sollten, die Silberwindzuflucht wieder einzunehmen.

Erst als Anaris mit einer kleinen Armee von Schildwachen eintraf, konnte die Silberwindzuflucht für die Nachtelfen zurückerobert werden. Jetzt diente sie erneut als Operationszentrum der Schildwache im Eschental.

„Anaris Windholz“, murmelte Delaryn, ihre Stimme leise vor Ehrfurcht. „Ich wusste nicht, dass sie nach ihrem Sieg dortgeblieben ist! Ich bin sicher, sie kann mir vieles beibringen. So oder so werde ich in Eurer Abwesenheit hart an mir arbeiten, Cordressa. Bis das letzte Schiff gen Feralas aufgebrochen ist, erachten mich der Erzdruide und die Hohepriesterin vielleicht als würdig, an Bord gehen zu dürfen. Und so könnten wir doch noch zusammen kämpfen!“

Cordressa lächelte ob des Eifers ihrer Freundin, doch ihre Freude verging schnell. „Vielleicht dauert es nicht einmal so lange, bis wir Euch brauchen. Silithus könnte zur ersten Front eines neuen Krieges werden.“

„Eines erneuten Ausbruchs eines alten Krieges, meint Ihr“, sagte Delaryn, deren Laune schnell ebenso düster wurde wie die ihrer Freundin. „Passt auf Euch auf.“

Für einen Augenblick umarmten sie sich innig, dann zog sich Cordressa zurück. „Ich muss nur wenig packen“, sagte sie. „Ich glaube, ich nehme den langen Weg zu den Docks. Ich möchte mich an Laub, das Fließen von Wasser und Gelassenheit erinnern, wenn ich mich erneut dieser furchtbaren Wüste stellen muss.“

Mit einem letzten Nicken in Richtung ihrer Freundin wandte sich Cordressa ab und ging zur Terrasse der Händler anstatt direkt zum Hippogryphenmeister.

* * *

Delaryn sah Cordressa hinterher.

Sie waren Schildwachen. Hartgesottene Veteranen aus mehr Schlachten und sogar Kriegen, als viele der jüngeren Völker überhaupt erlebt hatten. Einige Mitglieder der Allianz und der Horde dachten, der Tod bedeute den Kaldorei nichts, weil sie so lange lebten. Als ob man „genug“ vom Leben haben könnte – von Freude, Lachen, Liebe, Ritualen und Wundern. Davon, einfach ein Kaldorei zu sein.

Nein, das konnte man selbstverständlich nicht. Und damit gewann jede Schlacht, jeder Schlag an Bedeutung. Denn letztendlich waren selbst Elfen nicht gegen den Tod gefeit. Jede Schlacht und jeder Schlag, die das eigene Leben nicht forderten, bedeuteten nur, dass man dem unausweichlichen Moment näherkam, an dem das Glück einen verlassen würde.

Doch auch im Leben eines Soldaten gab es Freude, Freundschaft mit seinen Waffenbrüdern und -schwestern. Liebe, oder wenigstens einen angemessenen Ersatz dafür, für jene, die einem für eine Nacht, ein Jahr, ein Jahrzehnt begegneten – allerdings nur selten für immer.

Und natürlich Helden, die man bewundern und denen man nacheifern konnte.

Delaryn Sommermond war im Begriff, einen solchen zu treffen.

* * *

Mein Liebster,

obwohl ich dich und die Gerüche, Anblicke und Klänge unserer geliebten Stadt vermisse, ist mein Aufenthalt in Sturmwind es wert.

Zum ersten Mal nach viel zu langer Zeit stimmen wir mit den anderen Mitgliedern der Allianz bezüglich des weiteren Vorgehens vollkommen überein. Azerit ist zu wertvoll – und unsere Welt zu kostbar –, als dass wir es uns leisten könnten, auch nur eine Gelegenheit zu verpassen, es zu verteidigen. Welche Schrecken mögen Sylvanas und ihre Verlassenen erschaffen? Welch grässliche Waffen mögen die Goblins bauen oder die Orcs und Trolle ersinnen? Es freut mich, dass das letzte Schiff mit Verteidigern gen Feralas aufgebrochen ist und unsere Armee bereit ist, zu handeln, sobald sie es muss.

Auch wenn ich großen Respekt für den verstorbenen König Varian hegte, so muss ich gestehen, dass ich beim jungen Anduin Bedenken hatte. Ich freue mich, zu berichten, dass er sich Tag für Tag als würdiger Nachfolger seines Vaters beweist. Er ist so furchtbar jung – doch für uns sind das so viele, nicht wahr? Dennoch ist er entweder selbst weise oder willens, auf Weisheit zu hören, was vielleicht noch wichtiger ist. Es ist erstaunlich, wenn man darüber nachdenkt, dass unsere Völker – die Menschen, die Draenei und die Zwerge – alle von Priestern angeführt werden.

Doch Anduin spricht auch von Hoffnung auf einen dauerhaften Frieden, selbst jetzt, da wir uns auf den Krieg vorbereiten. Der Verlust von Unschuld ist immer ein herber, doch nur mit absolut klarem Blick können wir gute Anführer sein.

Ich freue mich, hier zu sein und ihm beibringen zu dürfen, was ich nur kann, und ich freue mich, dass er mir zuhört.

Bis zu unserer nächsten Umarmung, mein Malfurion.

* * *

Man sollte niemals seine Helden treffen, dachte Delaryn, während sie unter den schützenden Bäumen des Eschentals dahinschritt.

Gestern erst hatte Schildwache Vannara mit gedämpfter Stimme erzählt: „Mir hat mal jemand gesagt, Anaris könne so gut wie Shandris Mondfeder schießen und so schlecht wie ein Satyr inspirieren.“

„Wer immer das gesagt hat, war wirklich großzügig“, hatte Delaryn erwidert. Zwar war der Titel der Kommandantin des Eschentals definitiv eine Ehre, doch Delaryn hatte sich gefragt, warum Anaris Windholz niemals an einen anderen Ort zum Kämpfen entsandt worden war. Sie war nie an der Verheerten Küste erschienen, um gegen die Legion zu kämpfen, und war auch noch nie in das Territorium der Horde geschickt worden. Selbst jetzt wurde sie trotz aller Ereignisse nicht nach Silithus abkommandiert. Doch warum?

Delaryn verstand es jetzt.

Kommandantin Windholz sah auf jeden Fall aus, wie man es von ihr erwarten würde. Sie war eine der größten, körperlich stärksten Schildwachen, die Delaryn je getroffen hatte. Sie hatte purpurnes Haar und blassblaue Haut, doch das Faszinierendste an ihr war ihr Gesicht.

Weibliche Nachtelfen ließen sich häufig ihr Gesicht tätowieren, wenn sie einen bedeutenden Übergangsritus vollendet hatten. Stilisierte Krallenspuren waren dabei eine typische Tätowierung, doch Anaris Windholz hatte keinen Bedarf an stilisierten Narben. Der Raptor eines Trolls hatte sie angegriffen und ihr stattdessen echte Narben verpasst. Die Einschnitte überzogen ihr ganzes Gesicht, von der Stelle gleich unter ihrem Haaransatz bis hinunter zum Kinn. Es war nur Elunes Gnade zu verdanken, dass der Raptor ihr kein Auge ausgerissen hatte. Anaris hatte entschieden, die Narben nicht fortheilen zu lassen. Stattdessen trug sie die Wunden, die sie als „wahres Mal der Seele“ bezeichnete, mit Stolz.

Was Anaris an körperlicher Schönheit fehlte, machte sie durch Wildheit wieder wett – und, so kam es Delaryn vor, durch ihre Einstellung anderen gegenüber.

Delaryn hatte den Fehler gemacht, die hervortretenden Narben anzustarren – den besten Versuch des Raptors, Anaris Windholz’ Kopf von ihren Schultern zu trennen. Delaryn hatte die Geschichte gehört, doch es war erschreckend und beunruhigend, es mit eigenen Augen zu sehen. Bevor sie ihre Reaktion verbergen konnte, hatten sich ihre Augen geweitet und sie hatte ein leises Geräusch des Mitgefühls von sich gegeben. Nach der Art zu urteilen, wie der Blick der Kommandantin von Gesicht zu Gesicht wanderte, war sie damit nicht die Einzige.

Ihre geschundene Lippe kräuselte sich zu einem Feixen. „Frisch aus Darnassus, was?“

Delaryn und die anderen hatten Blicke ausgetauscht, überrascht vom Tenor ihrer Begrüßung. „Im Moment, ja, doch viele von uns haben schon an anderen Orten gedient“, hatte Delaryn begonnen.

Anaris schnitt ihr mit einer erbosten Geste das Wort ab. „Der Erzdruide hat Euch auserwählt, also müsst Ihr in der Lage sein, zu kämpfen. Niemand wird zur Schildwache, ohne in der Schlacht Blut zu vergießen.“ Ihr Ton brachte ihre Meinung jedoch klar zum Ausdruck – dass jene, die ihren Dienst umgeben vom Komfort und der Schönheit von Darnassus leisteten, weniger wert waren als jene, die es nicht taten. „Ihr, Leutnant Delaryn Sommermond. Sieht so aus, als wärt Ihr meine stellvertretende Befehlshaberin.“

„Ich diente bereits mit …“

„Ihr dient jetzt mit mir, und nur darauf kommt es an. Ihr werdet meinen Befehlen Folge leisten und dafür sorgen, dass jene unter Euch nicht aus der Reihe tanzen.“ Anaris betrachtete sie alle. „Dieser Einsatz wird schwieriger, als Ihr glaubt. Die Befehle aus Darnassus hatten zur Folge, dass die Zahl der im Eschental stationierten Schildwachen halbiert wurde. Durch diese extreme Dezimierung werden jene, die uns Böses wollen, ermutigt – Diebe und Mörder werden Chancen erkennen, unsere Bevölkerung und einzelne Reisende auf der Straße anzugreifen. Wir sind hier, um sie zu beschützen. Wir tragen die Verantwortung für jeden Zivilisten. Ich muss darauf vertrauen können, dass Ihr alle der Aufgabe gewachsen seid.“

Delaryn hatte versucht, in diesem unangenehmen und schwierigen Moment den Frieden des Tempels in sich heraufzubeschwören – und versagt.

Auch später hatte sie nicht mehr Erfolg. Die Nächte und Tage zogen sich hin, erfüllt mit endlosen und erniedrigenden Prüfungen, Drills und Übungen. Die Schildwachen von Darnassus – jene, denen es oblag, die Seele und das Herz der Kaldorei zu beschützen – wurden auf den Prüfstand gestellt, als wären sie unerfahrene, grüne Rekruten.

Das alles war lächerlich. Die Botschaften, die sie von Ort zu Ort überbringen sollten, waren trivial, was ihnen die Empfänger auch mitteilten. Selbst die Zivilisten, mit deren Schutz sie beauftragt waren, sahen die Neuankömmlinge mitleidsvoll an, was Delaryn einfach nicht ertragen konnte.

Doch sie musste es, denn eine Schildwache war ein Soldat und Soldaten befolgten Befehle. Taten sie es nicht, konnte daraus Chaos entstehen. Sehnsüchtig dachte Delaryn an ihre Erstausbildung, an ihre ersten Schlachten, an Cordressa und Shandris und Tyrande. Dann biss sie sich auf die Zunge und tat, was ihr befohlen wurde.

Sie eilte von der Sternenstaubspitze zurück zur Silberwindzuflucht. Der Regen peitschte heftig und ihre Stiefel sanken mit jedem Schritt etwas in den Boden ein. Ihr dunkelblaues Haar klebte an ihrem Schädel. Sie zitterte und sehnte sich nach etwas Heißem zu trinken. Nahe an ihrem Herzen, im Gegensatz zu ihr selbst vor dem Wolkenbruch geschützt, trug sie einen durch und durch gewöhnlichen Bericht über etwas völlig Belangloses.

Delaryn hörte ein tiefes Grollen und dann ein lautes Schnauben hinter sich. Sie erstarrte.

Nachtelfen waren für gewöhnlich in der Lage, mit den Tieren zusammenzuleben, die sie als ihre wilden Verwandten ansahen, also sprach Delaryn beruhigend und respektvoll, während sie sich herumdrehte: „Ich grüße Euch, Bruder Bär. Wir … Ferryn?“

Ihr Gegenüber ließ sich langsam auf das bärige Hinterteil fallen und das seltsame, beinahe schon blökende Geräusch, das er von sich gab, war zweifellos ein Lachen. Er wechselte seine Gestalt und einen Augenblick später saß dort ein großer, blassblauer Nachtelf mit langem, wilden Haar von moosiger Farbe. Auch er war völlig durchnässt.

„Ah, Del“, sagte Ferryn mit warmer, voller Stimme und betrachtete sie mit hellen, tänzelnden Augen. „Du fällst jedes Mal darauf herein.“

Delaryn seufzte gereizt. „Irgendwann werde ich zuerst schießen.“

Er sah sie mit gespieltem Entsetzen an. „Du? Gegen das Protokoll verstoßen? Niemals.“

Sie drehte sich um und ging weiter in Richtung Silberwindzuflucht. Ferryn begab sich zu ihr und lief leichtfüßig neben ihr her. Sie waren auf jede erdenkliche Weise still – sie sprachen nicht und ihre Schritte wurden durch Schlamm und Gras gedämpft. Wie einfach es ist, neben ihm zu gehen, selbst nach all den Jahren, die wir uns nicht gesehen haben.

Doch so war es zwischen ihnen schon immer gewesen.

Sie fühlte, wie seine Finger zögernd über ihre strichen, bereit, sich zurückzuziehen, wenn sie nicht reagierte. Doch sie reagierte. Natürlich tat sie es. Delaryn konnte sich keine Gelegenheit ausmalen, bei der sie es nicht getan hätte. Ihre Pflichten – und, um ehrlich zu sein, auch ihre unterschiedlichen Wesenszüge – ließen sie getrennte Wege gehen, doch Elune sorgte dafür, dass sie immer wieder zusammenfanden.

Und so umschlang Delaryn mit ihrer behandschuhten Hand die seine und sie gingen zusammen weiter.

„Was bringt dich hierher?“, fragte sie.

„Das Gleiche könnte ich dich fragen“, antwortete Ferryn.

„Versetzung“, sagte sie, unsicher darüber, was er wusste und wie viel sie ihm sagen konnte.

„Mich auch“, sagte er. „Ich wurde vom Teufelswald hierher gerufen. Viele meiner Brüder und Schwestern sind gen Süden unterwegs.“ Er sah sie an. „An einen sandigen Ort.“

Delaryn entspannte sich. Er wusste es bereits. „Ah“, sagte sie. „Ich kann Sand nicht leiden.“

„Ich auch nicht. Er setzt sich in Fell und Federn fest.“

„Und in Rüstungen.“

„Warst du enttäuscht?“

Bei Elune, er kannte sie viel zu gut. „Cordressa ist dorthin gegangen. Ich wurde stattdessen leider hier stationiert.“

„Zuerst war ich auch unzufrieden mit meinen Befehlen. Aber soweit es mich betrifft … scheint das alles gar nicht so unglückselig zu sein.“

Wie lange war es her, dass Ferryn geholfen hatte, die Teufelsenergien zurückzuschlagen, die einen einst so schönen Teil des Eschentals verderbt hatten? Zehn Jahre? Ein Dutzend? Mindestens ein Jahrzehnt seit ihrem hundertsten – oder tausendsten – Abschiedskuss.

Delaryns Anspannung wich zum ersten Mal von ihr, seit sie hier angekommen war. Ferryn hatte recht. Alles in allem war es gar nicht so unglückselig.

* * *

Einige Tage später lagen sich Delaryn und Ferryn in einem abgeschiedenen Winkel, den sie für sich entdeckt hatten, vor sich hindösend in den Armen, während die Sonne durch die Blätter auf sie herabschien.

Ferryn hörte einen Zweig über ihnen knarzen. Mit nur einem Gedanken wurde er zum Nachtsäbler. Sein gesteigerter Geruchssinn brachte ihn dazu, geradewegs hin zum Goblingestank zu springen, der seine Augen fast zum Tränen brachte.

Das gedrungene, hässliche grüne Ding trug kaum Rüstung und kein Hemd. Es war klar, dass er sich auf seine Hautfarbe verlassen hatte, um sich im dichten Laub unkenntlich zu machen. Es war eine gewagte Entscheidung, doch sie half ihm jetzt nicht weiter. Ferryn schlug die beiden Klingen des Assassinen mit einem beiläufigen Tatzenschlag zur Seite und riss dem Möchtegern-Mörder dann mit seinen zwei langen, scharfen Fangzähnen die Kehle heraus.

Im gleichen Augenblick erschien Delaryns Pfeil im Schädel des Goblins. Ferryn frage sich, wer den armen Kerl wohl zuerst getötet hatte. Der Druide sprang auf den Boden und folgte Delaryn, die bereits in Richtung Silberwindzuflucht rannte. Mit einer leichten Drehung seines Ohres quittierte er den sanften Aufprall, als der doppelt tote Goblin zu Boden fiel. Er warf Delaryn einen Blick zu, als er sie einholte. Ihre Augen trafen sich für einen kurzen Moment. Delaryns Gesicht drückte den gleichen Schrecken aus, der auch sein eigenes Herz ergriff.

Sie waren auf halbem Weg zurück, als das beunruhigende, silbrige Geräusch des Horns ertönte.

Sie kamen zu spät. Die Zuflucht wurde angegriffen.

Sie sahen die Kadaver von großen Nachtsäblern im aufgewühlten Gras liegen – wunderschöne Kreaturen, die den Kaldorei als treue Reittiere gedient hatten. Näher an der Zuflucht fanden sie Leichen der Kaldorei … und der Horde.

Delaryn sog scharf Luft ein – das einzige Anzeichen dafür, wie viele der Ermordeten sie als ihre Freunde betrachtet hatte. Viele der Nachtelfenkörper trugen keine Zeichen von Verletzungen, doch die Klingen, die ihre Mörder immer noch fest in den Händen hielten – einige davon schwarz vor Gift – erzählten die ganze entsetzliche Geschichte.

Der Goblin, den Ferryn umgebracht hatte, war nicht allein gewesen.

* * *

Zusammen rannten Delaryn und Ferryn zum Gasthaus. Weitere Körper lagen auf dem Boden. Einige von ihnen zuckten noch, während Heiler sich verzweifelt um sie bemühten. Auf einem Geländer saß eine blauschwarze Sturmkrähe.

Delaryn versteifte sich, als Vannara auf sie zukam. Sie sah niedergeschlagen aus.

„Dieser Druide brachte eine Botschaft vom Rajenbaum“, sagte Vannara und nickte in Richtung der Sturmkrähe. „Auch dort gab es einen Angriff. Und in Sternenstaub. Die Attentäter der Horde hatten gleichzeitig angegriffen, doch seit sie geschlagen wurden, ist alles ruhig. Was immer das auch war, es scheint nun vorbei zu sein.“ Sie zögerte. „Del … was geschieht hier?“

„Ich weiß es nicht“, sagte Delaryn, die genauso ratlos und schmerzerfüllt war wie Vannara. „Wo ist die Kommandantin?“

„Unterwegs auf Patrouillenübung mit einem Dutzend Schildwachen.“

„Wie lange sind sie schon fort?“

„Seit Mitternacht.“

Ihre Blicke trafen sich. Eine plötzliche Welle von Abscheu überrollte Delaryn. Routinemäßige Patrouillen bestanden für gewöhnlich aus einer Handvoll Mitglieder, normalerweise vier oder fünf. Wäre Anaris Windholz nicht so versessen darauf gewesen, die Schildwachen von Darnassus zu demütigen, wären hier vielleicht noch genügend von ihnen übrig gewesen, um Leben zu retten. Sie musste die harten Worte zurückhalten – die Toten würden dadurch auch nicht wieder zum Leben erweckt werden. „Wo?“

„Das hat sie nicht gesagt.“

Ferryns Katzenkopf stieß gegen Delaryns Arm. Natürlich. Er konnte Anaris aufspüren.

Delaryn sah ihn dankbar an. „Bleibt in Alarmbereitschaft für eine zweite Angriffswelle. Kümmert Euch weiter um die Verwundeten. Ferryn und ich werden sie finden.“

Sie rannte in die Unterkunft der Kommandantin und griff nach einem Hemd aus Leinen. Der Druide nahm die Witterung auf, duckte sich dann nahe an den Boden und blickte zu ihr hoch. Einen kurzen Moment lang zögerte Delaryn. Druiden waren keine Tiere. Sie ließen es normalerweise nicht zu, dass sie wie Tiere geritten wurden. Doch sie beide wussten, dass die Schurken die Nachtsäbler getötet hatten, sodass alle Überlebenden zu Fuß unterwegs sein würden – für so etwas blieb jetzt keine Zeit.

„Danke“, sagte Delaryn demütig und kletterte auf die blauschwarze Katze. Sie hielt sich gut fest, als Ferryn mit vor Zorn flach angelegten Ohren der Witterung von Kommandantin Anaris Windholz folgte.

Sie fanden die Gruppe einige Kilometer vom Lager entfernt. Zu Delaryns Erstaunen war sie nicht einmal auf Patrouille. Anaris bellte Marschbefehle, verlangte einen vollkommenen Gleichschritt. Schildwachen waren vollendete Soldaten in bester körperlicher Verfassung, doch es zeigte sich deutlich, dass sie erschöpft waren und ihnen keine Rast genehmigt wurde. Sie hat ihre besten Krieger genommen und sie bis zur Erschöpfung gehetzt, während jene, zu deren Schutz sie sich verpflichtet hat, unter Qualen sterben mussten.

„Kommandantin!“, rief Delaryn. „Kommandantin! Man hat uns angegriffen!“

Anaris wirbelte herum und ihr geschundenes Gesicht verfinsterte sich vor Wut. Ihr Blick wanderte zu Ferryn. „Erklärt es mir.“

Die Schildwachen hielten an. Ihre Erschöpfung verflüchtigte sich angesichts der tatsächlichen Gefahr für ihr Volk und sie hörten wie gebannt zu, während Delaryn sprach.

„Schurken der Horde“, sagte Delaryn. „Viele von ihnen. Sie haben zuerst unsere Nachtsäbler getötet, damit wir die Kunde nicht verbreiten konnten. Viele sind tot. Vannara sagt, es seien Berichte von anderen Außenposten im Eschental eingegangen, die die gleiche Situation beschreiben.“

Für einen kurzen Moment starrte Anaris sie nur an. Dann wirbelte sie zu den Schildwachen herum. „Was steht Ihr hier nur herum? Ihr, lauft zum Hain der Silberschwingen! Seht nach, ob …“

Ferryn stieß ein kehliges, wütendes Knurren aus, doch es war zu spät. Als sie merkte, wie Ferryn sich anspannte, sprang Delaryn von ihm herunter, doch ein Verlassener hatte sich bereits von einem überhängenden Ast fallen lassen.

Er landete direkt auf Anaris’ Rücken und stach mit seinen Doppelklingen zu, noch während sie fiel. Flinker, als ein totes Ding sich bewegen können sollte, rollte der Attentäter auf seine Füße. Einer seiner Dolche vollführte einen sauberen, schnellen Schnitt quer über Maruas Hals und trennte ihr fast den Kopf vom Körper.

Mit einem zornigen Jaulen sprang Ferryn in Richtung des Verlassenen, während Delaryn – viel zu langsam – einen Pfeil zog und ihn in ihren Bogen spannte. Sie nahm verschwommen etwas wahr, und plötzlich erschien ein weiterer Schurke, ein Blutelf, der mit seinen eigenen Klingen Hiebe austeilte, während langes, goldenes Haar wie ein Mantel hinter ihm wehte. Nach einer Zeit, die sich kaum länger als ein Herzschlag angefühlt hatte, lag ein halbes Dutzend Nachtelfen verblutend oder sich vor Qual krümmend auf dem grünen Waldboden.

Endlich fingen sich die Schildwachen wieder. Der Blutelf verschwand im Nu, doch darauf kam es nicht an. Sie würden ihn schon auf seiner feigen Flucht erwischen. Sie sandten einen Pfeilschauer durch die Lücken in den Bäumen, trafen jedoch nichts. Der Sin’dorei war ihnen entschlüpft.

Der Verlassene hatte nicht so viel Glück. Eriadnar hastete zu ihm und zog ihr Schwert. Sie schlug eine Furche quer über den Torso des Mörders und hackte ihm einen Arm ab. Ferryn machte einen Satz und nagelte ihn am Boden fest. Er konnte sich gerade noch zurückhalten, um ihm nicht die Kehle herauszureißen.

Anaris Windholz lag auf dem Waldboden, die Augen geöffnet, doch ohne ihr gewohntes Leuchten. „Kommandantin?“, sagte Eriadnar.

„Sie ist tot“, antwortete Delaryn barsch. Sie war immer noch wütend auf Windholz, auch wenn ihr Zorn die Kommandantin jetzt nicht mehr erreichen konnte.

„Delaryn“, sagte Eriadnar leise, „Ihr seid jetzt die Kommandantin.“

Ja, das war sie. Wie seltsam es klang. Delaryn schüttelte sich und ging auf den Gefangenen zu. Ihr Blick fiel auf die Dolche, die er fallen gelassen hatte, bedeckt mit Anaris’ Blut. Vorsichtig hob sie einen davon auf und nickte dann Ferryn zu. Er wich einen Schritt zurück und grollte den Verlassenen bedrohlich an.

Sie starrte auf ihn herab und kanalisierte ihren Schmerz und Zorn, als sie ausspie: „Sprich mit mir, Verlassener, und vielleicht lasse ich dich am Leben.“

„Leben?“, grunzte er in diesem furchtbaren, hohlen Ton, der für sein Volk charakteristisch war. „Ich lebe schon seit langer Zeit nicht mehr, Elfe.“

„Du magst also Wortspiele? Lass uns doch lieber ein Zahlenspiel spielen.“ Sie gestikulierte in seine Richtung. „Du hast einen Arm weniger. Ich kann zwei daraus machen. Oder noch besser, ich fange klein an. Du hast immer noch fünf Finger. Sag mir etwas Nützliches, Leiche, oder ich mache vier daraus.“

Als er nicht antwortete, kniete sie sich hin, ergriff seine Hand am Gelenk und brachte seine Klinge nahe heran.

„Ich werde reden!“, fauchte er wütend.

Also ist die Klinge vergiftet. Auch wenn er stirbt, will er diese Schmerzen nicht erleiden müssen.

„Was sind deine Befehle?“

Seine toten Lippen legten gelbe Zähne frei. Fauliger Atem stieß Delaryn ins Gesicht, als er lachte. Ihr Magen begehrte auf, doch sie zwang sich dazu, nicht zurückzuweichen.

„Ich hätte gedacht, sie wären eindeutig“, sagte er. „Sind die Intelligenteren etwa als Erste gestorben? Ach nein, warte, es gibt keine intelligenten Nachtelfen. Ein Troll hat sich die Ohren eines anderen Kommandanten geschnappt, weißt du. Er trägt sie jetzt.“

Ihr war klar, dass das gar nicht so unwahrscheinlich war. Doch Delaryn fiel nicht auf den Köder herein. „Keine Val’kyr bringt dich zurück, wenn ich dir das hier in die Kehle ramme.“

Delaryn betrachtete die Klinge.

„Was für eine Art von Gift hast du benutzt?“, fragte sie beiläufig. „Ich schätze, es verursacht Schmerzen – ihr Verlassenen mögt solche Gifte. Wenn du mir nicht bald etwas Nützliches sagst, könnte ich zu dem Schluss kommen, dass du Zeit schindest und mir gar nichts zu sagen hast.“ Ihre Stimme war kalt.

„Welcher Gefangene würde denn keine Zeit schinden? Existenz ist etwas Wertvolles. Selbst wir wissen das.“

Es stimmte. Die Nachtelfen hatten großen Respekt vor dem Leben. Sie folterten keine Gefangenen und erfreuten sich auch nicht an unnötigen Opfern.

Doch sie hatten keine Verwendung für Monstrositäten wie die Verlassenen.

Irgendetwas in ihrem Inneren wurde so hart wie Fels. Delaryn hielt die Klinge wenige Millimeter vor seinen Zeigefinger. „Strapaziere. Meine. Geduld. Nicht.“

Die grausame Schadenfreude wich aus seinen verrottenden Gesichtszügen, als er merkte, dass das nicht bloß eine leere Drohung war. „Ihr könnt nicht siegen“, sagte er. „Wir sind überall. Habt ihr noch nicht begriffen, dass all eure Posten angegriffen werden? Dutzende meiner Art sind mit unseren schmerzvollen Giften über sie hergefallen. Und eure schlauen Jäger, eure gerühmten Schildwachen, eure schleichenden Druiden – keiner hatte auch nur die geringste Ahnung.“

Delaryn dachte an den Druiden, der mit seiner Botschaft zur Silberwindzuflucht geflogen war. Einige Außenposten hatten tatsächlich einen Überraschungsangriff gemeldet. Doch irgendetwas in den Worten des Verlassenen fühlte sich erzwungen an.

„Du willst mich täuschen“, blaffte Delaryn. „Was ist euer Plan? Die Horde marschierte gen Silithus. Warum der Umweg über das Eschent…“

Und dann wurde ihr die Antwort selbst klar, so überdeutlich, dass es sich anfühlte, als hätte ihr jemand ein Messer in den Bauch gerammt.

Die Flotte der Nachtelfen segelte nach Feralas.

Tyrande war in Sturmwind.

„Ihr macht einen Weg frei“, murmelte sie entsetzt.

Der Verlassene antwortete nicht, sondern lachte wieder. Delaryn hob den Dolch, doch aus dem Lachen des Schurken wurde ein röchelndes Husten. Zähe Flüssigkeit spritzte aus seinem Hals und dann lag er still. Er hatte sie getäuscht. Seine Wunden hatten ihm das Leben genommen, bevor sie es konnte.

Delaryn verschwendete keine Energie auf Frust über den letzten Streich des Verlassenen oder die wertvollen Minuten, die sie mit seiner Befragung verbracht hatte. Sie hatte schon genug Zeit verloren.

Sie sprang auf die Beine. „Eriadnar, seid Ihr verletzt?“

„Nein, Kommandantin.“

„Dann lauft, Schwester“, sagte sie. „Lauft so schnell Ihr könnt nach Darnassus. Kämpft nicht. Haltet nicht an. Versteckt Euch, wenn Ihr müsst. Aber bringt diese Botschaft nach Darnassus. Sagt Malfurion, dass eine Armee kommt.“

Ferryn verwandelte sich wieder in seine Kaldoreigestalt zurück. „Ich kann schneller fliegen, als sie laufen kann“, bot er an.

Delaryn schüttelte den Kopf. „Für dich habe ich eine andere Aufgabe. Geht, Eriadnar. Möge Elune Euch leiten.“

Die Schildwache nickte mit weit aufgerissenen Augen und befolgte ihren Befehl so geschwind wie ein Pfeil, der von einem Bogen abgeschossen wurde.

Delaryn wandte sich an Ferryn. „Geh ins Brachland. Die Horde kommt. Wir müssen wissen, wie viel Zeit uns bis zu ihrer Ankunft bleibt. Geh immer weiter, bis du sie sehen kannst. Lass dich nur in Kämpfe verwickeln, wenn es unbedingt sein muss. Bleib am Leben und melde dich bei mir zurück.“

Er nickte. Sie sahen einander einen Moment lang an. Worte waren nicht nötig. Sie waren schon unzählige Male in die Schlacht gezogen, manchmal zusammen, manchmal jeder für sich. Jetzt wurden sie erneut in die Schlacht gestürzt.

Im selben Augenblick griffen sie nach einander, küssten sich innig und wandten sich dann wieder ihren Pflichten zu.

Ferryn wusste es nicht, doch jedes Mal, wenn sie sich trennten, betete Delaryn zu Elune um seine Sicherheit. Sie bat nun erneut um diese Gunst. Und zum allerersten Mal hatte sie die leise Vorahnung, dass die schöne, liebevolle Mondgöttin das Gebet in dieser Schlacht nicht erhören würde.

* * *

Ferryn kämpfte gern. Er war gut darin. Doch Delaryn hatte deutlich gemacht, dass sie keine weiteren Soldaten für den Angriff brauchte – sie brauchte Informationen darüber, wie sie angreifen sollte.

Dennoch war er bereit für einen Kampf, wenn sich die Gelegenheit ergeben sollte.

Flink bewegte er sich in seiner Lieblingsform, der eines Nachtsäblers, und sprang hoch in den Bäumen von Ast zu Ast auf seinem Weg von der Silberwindzuflucht nach Südwesten. Was er sah, als er den Nachtweisenwald betrat, machte sein Herz gleichermaßen krank und wütend.

Sowohl am Hain der Silberschwingen als auch am Außenposten der Silberschwingen war es still, als er herannahte, doch er nahm den Geruch von Blut wahr. Ferryn öffnete die Schnauze für ein stilles Knurren und drängte weiter.

Auch der Schutzwall von Mor’shan, einst ein orcischer Außenposten, der nach dem Tode des monströsen Garrosh Höllschrei erobert werden konnte, war gefallen. Ferryn hatte bereits damit gerechnet, doch in den Geruch von Kaldoreiblut mischte sich der Gestank von Goblins und Orcs. Er wurde langsamer und bewegte sich vorsichtig, nahezu unsichtbar, weiter. Ein Orc lachte schallend auf und erhob dann die Stimme zu einem rauen Lied. Ferryn ließ sich auf einen niedrigeren Ast fallen und spähte. Ein einzelner Orc und ein Goblin plünderten die Leichen, nahmen Waffen und Schmuckstücke an sich. Der Goblin grunzte, als er versuchte, den Ring eines Jägers abzuziehen. Er zog so sehr an der Hand, dass die Leiche umherwippte.

Nur zwei. Er könnte mit ihnen fertigwerden. Ferryn brannte vor Wut, doch wollte er sich seinem Zorn nicht hingeben. Er würde die Region ausspähen und mit Informationen zurückkehren. Das waren seine Befehle. Delaryn war jetzt Kommandantin des Eschentals und er würde ihr gehorchen.

Ihr habt Glück, dass mir so viel an Del liegt, dachte er verbittert und schlich an den beiden vorbei, die den Tod hundertfach verdienten.

Ferryns Geruchssinn war schärfer als ihrer, selbst in seiner Nachtelfengestalt. Jetzt war er sogar noch stärker. Dennoch würden auch sie ihn wittern können, wenn er nicht vorsichtig war. Er vergewisserte sich, dass er sich windabwärts befand, bevor er an den Befestigungen vorbeischlich.

Als die Luft rein war, wechselte er in die Gestalt einer Sturmkrähe. Mit kräftigem Flügelschlag erhob er sich in die Lüfte. Es war Mittag. Die Horde hatte zu einer Zeit zugeschlagen, bei der sie wusste, dass die Nachtelfen am verletzlichsten sein würden. Die Sonne brannte erbarmungslos herab und wurde durch das schonungslose rötliche Gelb des Brachlands, das seinen Namen ganz zu Recht führte, noch verstärkt. Was Ferryn in diesem Licht sah, ließ ihn abrupt einhalten.

Sein Herz zog sich in seiner Brust zusammen. So viele … Tausende, vielleicht sogar Zehntausende – zu viele, um sie zu zählen. Weit verteilt, ein riesiger Fleck in der Landschaft. Von Kodos gezogene Wagen sammelten sich um eine der wenigen Oasen, um sich vor dem Einmarsch ins Eschental auszuruhen und zu trinken. Dutzende von Belagerungsmaschinen ragten über der Landschaft auf.

Sie würden sich viel langsamer bewegen, als ein Druide der Kaldorei es konnte. Ferryn war sich unsicher, ob er es wagen sollte, weitere Informationen zu sammeln. Er sorgte sich weniger um sein eigenes Leben. Doch die Horde könnte bemerken, dass die Sturmkrähe über ihren Köpfen ein Druide war. Dann würde sie wissen, dass sie entdeckt wurde.

Andererseits hatte bereits ein koordinierter Angriff durch Meuchelmörder stattgefunden. Der Horde musste klar sein, dass die Bedrohung den Kaldorei mittlerweile bekannt war. Und so wagte Ferryn sich näher heran und flog dabei so hoch, wie es ihm möglich war, ohne dabei die Gestalten unter sich aus den scharfen Augen zu verlieren. Es war eine wahre Armee der Horde. Nicht nur Orcs waren darunter – auch wenn er mehr als genug der abstoßenden Dinger zählen konnte –, sondern auch jedes andere Volk.

Spione der Allianz hatten berichtet, dass Saurfang diese Armee persönlich anführte. War der Kriegshäuptling auch anwesend? Führte sie die Armee an, nicht Saurfang?

Aus der Eingebung wurde Gewissheit. Natürlich würde sie hier sein. In ihrer Arroganz würde sie es nicht zulassen, dass einem anderen die Ehre zuteilwurde. Außerdem war Sylvanas Windläufer das vermutlich mächtigste Mitglied der Horde.

Du berechnende, feige Banshee, dachte Ferryn. Niemals hättest du den Angriff gewagt, wenn unsere Herrin und unser Herr hier wären. Doch sie wird kommen. Sie und der Shan’do holen sich dafür deinen Kopf.

Ferryn fand keine Spur von Sylvanas. Was er sah, war jedoch ein riesiger Orc mit langen, weißen Zöpfen, der gerade von einem Wagen stieg. Seine Rüstung war besser als die der anderen und als er durch die Reihen schritt, zollten sie ihm Hochachtung. Alt wie er war, strahlten seine Bewegungen Autorität aus. Das Alter hatte ihm nichts von seiner Stärke genommen.

Für einen langen Augenblick schwebte der Druide mit stetem Flügelschlag über dem Lager und nahm so viele Details auf, wie er konnte. Dann, als sein Seelenschmerz durch Wut und das brennende Verlangen verdrängt wurde, etwas zu tun, kreiste er zurück und flog so schnell, wie seine Schwingen ihn trugen, nach Norden.

* * *

Als die Kunde vom Eintreffen der Schildwache Malfurion erreichte, ging er unverzüglich zum Mondbrunnen, um sie zu treffen. Sie war von den Priesterinnen bereits versorgt worden – drei von ihnen hatten sich um sie versammelt und boten ihr Essen an, das sie dankbar annahm.

„Schildwache Eriadnar“, sagte Malfurion, während er auf sie zuging.

Sie saß am Rande des Beckens, ihre zusammengesunkene Körperhaltung zeugte davon, dass sie von ihrer Reise noch ausgelaugt war, doch als sie seine Worte vernahm, erhob sie sich.

„Nein, Schildwache, Ihr habt Euch das Recht zu sitzen verdient. Welche düsteren Neuigkeiten bringt Ihr?“

Erschöpft sank sie zurück. „Ich komme aus der Silberwindzuflucht. Fast all unsere Außenposten sind einem koordinierten Angriff der Horde zum Opfer gefallen. Anaris Windholz ist tot. Delaryn Sommermond befehligt an ihrer statt. Sie schickte mich aus, um Euch zu sagen …“ Für einen kurzen Moment schien es so, als könne die Schildwache sich nicht dazu bringen, die Worte auszusprechen. Dann sprach sie mit brüchiger Stimme weiter. „Um Euch zu sagen, dass eine Armee kommt.“

So lange schon hatte Malfurion in Erwartung dieser Nachricht gelebt – dass sich die Horde eines Tages erheben und ihr grausames Auge auf Darnassus richten würde. Nun war es endlich geschehen.

Er und Tyrande waren auf eine List hereingefallen. Sie hatten ihre Flotte nach Süden gen Silithus geschickt, genau wie die Horde es gewollt hatte. Die Kaldorei waren noch nie so verletzlich gewesen.

Doch die Horde würde nicht siegen. Ihr war nicht klar, welche Kräfte sie mit diesem dreisten Angriff auf nachtelfisches Territorium geweckt hatte. Sie verstand nicht, dass sie gegen mehr kämpfen würden als die Bewohner des Eschentals. Durch die respektvolle, aber auch unnachgiebige Hand Malfurion Sturmgrimms und der Druiden, die er ausgebildet hatte, würde die Horde vom Eschental selbst angegriffen werden.

Zweifelsohne würde der Krieger Saurfang auf den Kampf vorbereitet sein. Und er und seine Streitkräfte mochten wohl gegen andere Krieger siegen, doch nicht gegen das, was ebenjene Krieger verteidigten.

Dieser Beschluss verfestigte sich in ihm und Malfurion stand noch aufrechter – er bereitete seinen Geist bereits auf das vor, was kommen würde.

Die Schildwache hatte die Veränderung in ihm gespürt und schien davon ermutigt, wenn auch etwas verunsichert.

„Ich danke Euch für Eure Eile“, sagte er zu ihr. „Wenn Ihr Euch ausgeruht habt, möchte ich Euch noch eine weitere Aufgabe auferlegen.“

* * *

Berichte gingen von mehr und mehr Außenposten ein. Nicht alle waren angegriffen worden. Jene, die unbeschadet geblieben waren, entsandten Soldaten zur Silberwindzuflucht, nachdem sie Delaryns Warnung erhalten hatten. Andere, wie Astranaar, hatten zwar Verluste erlitten, jedoch die Schurken zurückschlagen und töten können. Um wieder andere blieb es unheimlich still.

Unterstützung ging nahezu im Minutentakt ein und Delaryn versuchte, sich dadurch ermutigt zu fühlen. „Die meisten von uns haben überlebt“, sagte sie den Neuankömmlingen und erinnerte sie daran, dass das Überraschungsmoment der Horde verloren war. „Sie dringen in unsere Heimat ein. Wir kennen uns in diesen Wäldern bestens aus und arbeiten in Harmonie mit dem Land. Die Horde hat keinen dieser Vorteile. Wir sind die erste Verteidigungslinie und wir haben das Terrain …“

Eine Sturmkrähe flog in das Gasthaus der Silberwindzuflucht, in dem sich ihre Leutnants versammelt hatten. Ferryn wechselte mitten in der Luft die Gestalt und landete geschmeidig auf seinen Füßen, vor Anstrengung leicht keuchend.

Delaryn und die anderen hörten gebannt zu, während er beschrieb, was er gesehen hatte, wen er gesehen hatte – und von wem er annahm, dass sie ebenfalls anwesend war. Sie zwang sich zu einem neutralen Gesichtsausdruck, doch jedes Wort, das er sprach, fühlte sich wie ein Pfeil an.

Jetzt konnte man es nicht mehr leugnen. Die Horde hatte eine Armee ausgeschickt, um Darnassus anzugreifen, angeführt vom Hochfürsten Varok Saurfang und höchstwahrscheinlich auch dem Kriegshäuptling höchstpersönlich. Sie hatten genügend Truppen, Versorgung und Ausrüstung dabei, um ihre Aufgabe zu erfüllen.

„Was glaubst du, wie sehr wir zahlenmäßig unterlegen sind?“, fragte sie leise.

Ferryn zögerte. „Sieben, vielleicht acht zu eins“, antwortete er schließlich.

Schweigen, so dick und schwer wie eine Decke, legte sich über das Gasthaus.

So viele. Zu viele. Ohne die Flotte …

Nein. Sie erlaubte sich diesen Gedanken nicht.

Sie blickte auf den Mystralsee hinaus. Kürzliche Regenfälle hatten das Wasser zum Steigen gebracht, sodass das kleine Gebäude auf der winzigen Insel in seiner Mitte nur knapp von einer Überschwemmung entfernt war.

„Der Regen“, sagte sie plötzlich. „Sie reiten auf Kodos. Bringen Wagen mit. Unglaublich schwere Ausrüstung. Die Straßen sind immer noch weich. Die Wagen werden feststecken. Und ein angestiegener, reißender Fluss ist schwieriger zu überqueren.“

Ihre Augen blitzten vor Wut.

„Ganz besonders, wenn wir die Brücken niederbrennen.“

Teil drei: Der Ansturm

Die Ersten sind gefallen,

die Vorhut dieser Schlacht.

Sie warten auf uns

im Reich der Irrwische und Schatten.

Doch wir haben noch Blut zu vergießen.

Ihres. Unseres.

Denn dies ist der Preis

für die Zeit, unsere leuchtende Stadt zu retten,

geborgen in einem Baum aus Träumen und Sternenlicht.

* * *

Anduin Wrynn, Tyrande Wisperwind, Velen und Genn Graumähne standen zusammen an der Löwenruh. Anduin fühlte jedes Mal, wenn er das gemeißelte steinerne Abbild seines Vaters betrachtete, ein Ziehen in seiner Brust. Selbst jetzt, Monate später, war es schwer zu glauben, dass er nicht mehr da war. Manchmal, wenn Anduin im Zwielicht herkam, in dieser kurzen Zeit der Ruhe zwischen Tag und Nacht, konnte er sich beinahe einreden, sein Vater sei anwesend, knapp außerhalb seines Blickfelds.

„Dies ist ein friedlicher Ort“, sagte Tyrande. „Das freut mich sehr.“

Sie und die anderen Anführer der Allianz waren kurz nach Varians Tod gekommen, als ein symbolischer, aber leerer Sarg feierlich aufgebahrt wurde. Auch dieses Grab war leer. Von Varian war nichts übrig gewesen, was man hätte begraben können. Dennoch fühlte Anduin sich seinem Vater hier näher als an jedem anderen Ort.

„Die Bürger von Sturmwind sind sehr verständnisvoll“, sagte Anduin. „Wenn ich hierherkomme, stört mich niemand. Dahinter hat man einen schönen Ausblick auf den Hafen.“

Sie stiegen die Stufen herab, als eine Wache von Sturmwind auf sie zuhastete. Anduin lief ihm den Rest des Weges entgegen. Die anderen folgten ihm.

„Was ist los?“, fragte er.

Der Wachmann atmete durch, doch als er sprach, waren seine Worte nicht an seinen König gerichtet. „Lady Tyrande … es gab einen Angriff … Evakuierungen … beginnen. Flüchtlinge … kommen durch die Portale.“

Tyrande wurde sehr still. Für einen Augenblick wirkte sie wie eine Statue, schöner noch als Haidene im Tempel des Mondes. Nur die schnell pulsierende Ader an ihrem Hals durchbrach diese Illusion. Dann sagte sie: „Bringt mich zu ihnen.“

Als die vier Anführer das Magiersanktum erreichten, hatte sich dort bereits ein Dutzend Flüchtlinge versammelt. Erzmagier Malin hielt Portale für noch mehr Flüchtlinge geöffnet. Sie waren Zivilisten – Schmiede, Schneider, Bäcker. Eine einzelne Schildwache hatte sie begleitet. Sie schritt bei Tyrandes Erscheinen nach vorn, kniete nieder und streckte ihr eine Schriftrolle entgegen.

Anduin erkannte das Siegel. Dieses Schreiben stammte von Malfurion Sturmgrimm. Tyrandes Augen weiteten sich, als sie es las, den Mund zu einer grimmigen Linie zusammengepresst. Trotz der Natur der Besprechungen, die im Kartensaal abgehalten worden waren, hatte Anduin sich an ihrem Besuch erfreut. Doch jetzt sah er die Veränderung der Anführerin der Kaldorei von einer Priesterin zur Kriegerin – eine Transformation, die subtiler, doch genauso bedeutsam war wie Genns Verwandlung in seine Worgengestalt.

Sie hob ihren Kopf und als sie sprach, war ihre Stimme ruhig und bestimmt. „Die Horde greift das Eschental an.“

„Das Eschental?“, wiederholte Anduin verblüfft.

„Aber Silithus ist …“, begann Genn.

Als sie das schreckliche Ausmaß der Nachricht begriffen, verstummten sie. Die Nachricht traf Anduin wie ein brutaler Schlag in die Magengrube. Die riesige Hordenarmee, die Saurfang versammelt hatte, war nie für Silithus bestimmt gewesen. Das Eschental hatte nicht die Mittel, einer Armee zu trotzen, die so groß war wie die, von der Anduins Spione berichtet hatten.

Und das Eschental war alles, was zwischen der Horde und Darnassus stand.

Er war wütend und tief getroffen, dass Sylvanas Windläufer ihn – sie alle – trotz all seiner Bemühungen abermals vorgeführt hatte. Diesmal würde die Allianz mit Blut bezahlen müssen.

Genn schlug sich mit der Faust in die Hand und durchbrach die ohnmächtige Stille. Sein Gesicht war rot angelaufen, seine Augen blitzten vor Zorn. „Sylvanas hat uns ausgetrickst! Shaws sogenannte Spione …“

„Haben gemeldet, was sie sahen“, unterbrach Anduin ihn, während seine eigene Schuld an ihm nagte. „Das ist die Aufgabe von Spionen. Wir können ihnen nicht die Schuld geben. Saurfang und Sylvanas sind brillante Taktiker und Kriegsveteranen.“ Er atmete tief ein. „Ich bin es, der versagt hat. Ich hätte wissen müssen, dass die Horde sofort zuschlagen würde, wenn sich ihr eine Gelegenheit bietet.“

„Erfahrenere Köpfe als der Eure haben nicht damit gerechnet“, versicherte Velen ihm. Trotz seiner tröstenden Worte hatte er die Augenbrauen vor tiefer Sorge zusammengezogen.

„Wir werden später noch genug Zeit haben, uns gegenseitig die Schuld zuzuschieben“, sagte Tyrande. Sie sprach abgehackt, doch gefasst, und sie glich Genns hitzigen Ausbruch mit kaltem Zorn und ihrem brillanten Verstand aus. „Doch jetzt hört zu.“

Sie las weiter, übersetzte dabei die Inhalte und fasste sie für die anderen zusammen. „Es gab einen koordinierten Angriff auf mehrere Außenposten und Patrouillen, darunter die Silberwindzuflucht, Astranaar, die Sternenstaubspitze und der Schutzwall von Mor’shan.“

Ihre Stimme zitterte an keiner Stelle, wie Anduin verwundert feststellte. Ihn traf jeder geäußerte Name wie ein Schlag.

„Für den Moment scheint der Vorstoß der Horde aufgehalten worden zu sein. Malfurion glaubt, die derzeitige Kommandantin des Eschentals, …“ – Tyrandes Augen weiteten sich leicht, doch dann las sie weiter – „… Delaryn Sommermond, werde versuchen, sie am Falfarren aufzuhalten. Er bildet eine natürliche Barriere und der Wasserpegel ist derzeit wegen kürzlicher Regenfälle stark angestiegen.“

Anduin sann über die Berichte seiner Spione nach. Zwar waren diese herzzerreißend ungenau bezüglich des Ziels der Armee, doch die Spione hatten die Bewaffnung sorgfältig notiert. „Die Horde hat Belagerungsmaschinen. Damit wird es ihr schwerfallen, den Fluss zu überqueren.“

Tyrande nickte. „Malfurion hat die Flotte, die nach Feralas unterwegs ist, zurückbeordert. Wenn wir die Horde am Falfarren aufhalten, verschafft uns das womöglich wertvolle Zeit.“

Niemand stellte die Frage, ob es auch genug Zeit sein würde. Anduin sah die verängstigten Gesichter der Flüchtlinge an. Wenn die Horde es mit diesen Waffen bis nach Darnassus schaffen sollte …

Er schluckte und holte tief Luft, bat das Licht, ihm zu helfen, seinen Kopf freizubekommen und sich zu konzentrieren. „Sturmwind schickt umgehend Verstärkung“, sagte er.

Tyrande nickte. Sie wusste – sie alle wussten –, dass man Armeen nicht durch Portale schicken konnte wie kleine Gruppen. Er konnte sämtliche Verstärkung aus ganz Azeroth schicken und sie würde, genau wie die Armee, die die Allianz zu genau diesem Zweck so selbstgefällig zusammengestellt hatte, zu spät kommen, um noch viel ausrichten zu können.

Oder vielleicht nicht. Vielleicht würde Elune – das Licht – mit ihnen sein. „Dieses Territorium gehört Eurem Volk, Lady Tyrande. Ich weiß, dass die Kaldorei der Horde keinen Zoll davon freiwillig abtreten werden. Das Gelände ist auf Eurer Seite, nicht auf ihrer – und Ihr kennt es auf jede erdenkliche Weise. Diese schweren Waffen könnten der Untergang der Armee sein.“

Zur Schildwache sagte er: „Shan’do Malfurion hat das Richtige getan. Teilt ihm mit, was Ihr hier gehört habt – und dass Sturmwind darauf vorbereitet ist, Flüchtlinge aufzunehmen. Alle, die es bis hierher schaffen, finden bei uns Zuflucht. Ihr habt mein Wort.“

Er wandte sich Velen zu: „Ich vertraue Euch die Flüchtlinge an. Werdet Ihr sie zur Kathedrale begleiten und Euch um sie kümmern?“

„Selbstverständlich“, antwortete der Prophet. „Es wird mir eine Ehre sein. Bitte“, sprach er zu den Flüchtlingen, „kommt mit mir, meine Freunde.“ Er neigte den Kopf vor Tyrande, die ein erzwungenes Lächeln zustande brachte.

„Viele Gilneer sind immer noch in Darnassus“, sagte Genn zu Anduin, nachdem die Gruppe von Flüchtlingen Velen der mit Teppichen ausgelegten Schräge hinuntergefolgt war. „Ich würde gern dorthin gehen und sie hierher zurückbringen. Mein Volk muss sehen, dass es von seinem Anführer nicht vergessen wurde.“

Anduin schüttelte den Kopf. „Im Moment brauche ich Eure Erfahrung und Euren Rat … falls es zum Schlimmsten kommen sollte.“

„Sorgt Euch nicht“, versicherte Tyrande Genn. „Mein Volk wird sich vergewissern, dass das Eure in Sicherheit ist.“

„Ich danke Euch, aber ich kann mein Volk nicht einfach zurücklassen. Es braucht ein vertrautes Gesicht!“

Anduin konnte ihn verstehen. So sehr die Nachtelfen die Gilneer auch mochten, würde sich Genns Volk ohne jemanden, den es kannte und dem es seine Führung anvertrauen konnte, dennoch verloren und verängstigt fühlen. „Vielleicht Tess?“, schlug er vor.

„Ich würde sie hinschicken, wenn ich wüsste, wo ich sie finde“, grollte Genn. Er unterbrach sich, dachte nach, während die Portale weiterhin summten und immer mehr Nachtelfen hindurchtraten. „Mia“, sagte er. „Niemand kann andere besser beruhigen als sie. Außerdem verbringt sie ohnehin die Hälfte ihrer Zeit dort.“

Königin Mia Graumähne war in der Tat eine häufige Besucherin des Lagers bei der Heulenden Eiche in Darnassus. Anduin mochte sie sehr und musste zustimmen – mit ihrer schnellen Auffassungsgabe und ihrem gütigen Herzen war die zierliche, aber willensstarke Mia die beste Wahl.

„König Anduin?“ Es war die Schildwache – Anduin glaubte, ihr Name lautete Eriadnar. „Das ist nur der Anfang. Shan’do Malfurion hat eine vollständige Evakuierung befohlen – nicht nur der Stadt, sondern auch der umgebenden Dunkelküste.“

Dann glaubt er, dass es keine Hoffnung gibt. Niemand sprach es aus, doch er konnte sehen, dass alle Anwesenden denselben Gedanken hatten.

Seine Gedanken überschlugen sich, während er über mehrere Dinge gleichzeitig nachdachte. Wo er die Nachtelfen unterbringen sollte, wenn die Kathedrale keine weiteren aufnehmen konnte. Sie waren kein wirklich großes Volk, doch Darnassus war eine beachtliche Stadt. Was dies für sie als Volk – für ihre Kultur – bedeuten mochte. Wie um alles in der Welt er irgendetwas – Waffen, Soldaten, sonstige Vorräte – rechtzeitig zu den Kämpfenden bringen sollte.

„Ich werde eine Einheit Wachen von Sturmwind entsenden, um die Evakuierung an der Heulenden Eiche und anderswo in Darnassus zu unterstützen. Erzmagier Malin, sendet eine Botschaft nach Dalaran. Schildert die Situation und lasst fragen, ob sie bereit wären, sich uns hier in Sturmwind anzuschließen, damit wir mehr Flüchtlinge durch die Portale bekommen.“

Malin nickte.

„Was das Eschental betrifft: Ich werde unverzüglich alle Streitkräfte dorthin entsenden, die ich erübrigen kann. Velen bekommt, was immer er braucht, einschließlich aller öffentlichen Räumlichkeiten, die wir finden können, um die Flüchtlinge unterzubringen. Ich schicke jemanden in den Netherlichttempel, um die Priester der Konklave zu bitten, uns zu unterstützen. Ich bin sicher, Erzbischof Faol wird uns gerne helfen.“

Tyrande war seit einiger Zeit still gewesen. Jetzt sprach sie zu Schildwache Eriadnar: „Ich werde mit Euch zurückkehren und Malfurion in diesem Kampf um die Verteidigung unserer Stadt unterstützen.“

Die Schildwache kniete nieder. Sie sprach Darnassisch, nicht die Gemeinsprache, deshalb verstand Anduin nur einen Teil dessen, was sie sagte. Was es auch sein mochte, es kam eindeutig von Herzen und ebenso eindeutig bewegte es Lady Tyrande zutiefst. Sie kniete nieder und umarmte Eriadnar für einen langen Moment, erhob sich dann und ging zu den Flüchtlingen. Sie streckten die Hände aus, um sie zu berühren – schüchtern, doch verlangend –, und Anduin sah die Sorge in ihren Gesichtern.

Tyrande legte einen Arm um eine Mutter, die ein kleines Kind in den Armen trug. Als sie sprach, zitterte ihre Stimme zum ersten Mal, seit diese schreckliche Prüfung begonnen hatte. „Ich sehne mich danach, zurückzukehren und an der Seite meines Mannes zu kämpfen. Doch meine Leute müssen wissen, dass jemand für sie da ist, wenn sie durch das Portal treten. Deshalb … werde ich bleiben.“

Ihre Augen blitzten. „Zumindest vorläufig.“

* * *

Königin Mia Graumähne bereitete sich schon auf ihren Aufbruch nach Darnassus vor, noch bevor ihr Ehemann seine Frage zu Ende stellen konnte – wie er es sich auch gedacht hatte. Sie waren schon so lange zusammen und hatten so viel durchgestanden, dass sie beinahe keine Worte brauchten, um fließend miteinander zu kommunizieren. Dennoch konnte Genn nicht anders, als sie daran zu erinnern, Darnassus so schnell wie möglich zu betreten und auch wieder zu verlassen. Mia versprach, innerhalb weniger Stunden zurückzukehren.

Nach einem innigen Kuss für ihren Mann und einer langen, mitfühlenden Umarmung für Tyrande – Mia verstand besser als die meisten, was die Entscheidung, in Sturmwind zu bleiben, der Hohepriesterin abverlangte – schritt sie nur eine halbe Stunde nach der Ankunft von Schildwache Eriadnar in Sturmwind durch das Portal. Mit der Zusicherung, dass die Wachen von Sturmwind kurze Zeit später mit Nahrung und Sanitätsgütern nachkommen würden, traten sie und Eriadnar an einem der Orte Azeroths heraus, den Mia am meisten liebte: dem Tempel des Mondes.

Für gewöhnlich war der Tempel still und luftig. Doch jetzt herrschte ein starker – wenn auch geordneter – Andrang und das Murmeln leiser, aber besorgter Stimmen übertönte das beruhigende Plätschern des Brunnens.

„Königin Mia!“, rief der Magier aus, der das Portal für sie und Eriadnar offengehalten hatte. „Euch haben wir nicht erwartet!“

„Blickt nicht so überrascht drein“, antwortete Mia und trat aus dem Weg, damit die geduldig wartenden Nachtelfen durch das Portal nach Sturmwind schreiten konnten. Sie nickte ihnen beruhigend zu und zeigte dabei ihre gewohnt fröhliche, über alles erhabene Zuversicht.

Ich bin nicht überrascht“, sprach Astarii Sternsucher, die sich ihnen mit einem warmen Lächeln näherte. „Ich wusste, Ihr würdet kommen.“

Die beiden Frauen umarmten sich. Die Königin mochte es eigentlich nicht, „Favoriten“ zu haben, doch irgendetwas war an dieser dezenten, grünhaarigen Priesterin besonders. Sie hatten schon immer ein harmonisches Verhältnis gehabt.

Leise fragte Mia sie: „Wie geht es allen?“

„Wir sind Kaldorei“, antwortete Astarii einfach.

Mia bekam einen Kloß im Hals. Genn hatte selten Geheimnisse vor ihr und die Neuigkeiten, die er ihr mitgeteilt hatte, waren erschreckend. Er hatte sie gebeten, dafür zu sorgen, dass alle Gilneer in Darnassus es sicher nach Sturmwind schafften – und dass sie zurückkehrte, sobald diese Aufgabe abgeschlossen war. Sie traf eine spontane Entscheidung. Nicht zum ersten Mal würde Mia Graumähne tun, was ihr Herz für richtig hielt, ganz egal, was andere – auch ihr Mann – von ihr erwarteten.

„Ich werde eine Weile hier sein“, sagte sie. „Sobald mein Volk in Sicherheit ist, bleibe ich, um dem Euren zu helfen.“

„Königin Mia, ich glaube nicht, dass König Genn …“

Mia bedeutete Astarii, zu schweigen. „Überlasst Genn mir.“

Selbst in all der Anspannung zuckten Astariis Lippen kurz, und der Hauch eines Lächelns war zu erkennen. „Ihr kennt ihn am besten, Eure Majestät.“

„So ist es. Nun …“ Sie drehte sich zu dem Magier um. „Maelir, richtig?“

„Ja, Eure Majestät.“

„Werdet Ihr zur Heulenden Eiche mitkommen und bei der Evakuierung dort assistieren?“

„Natürlich“, sagte er. „Es wird mir eine Ehre sein, den Gilneern zu helfen.“

* * *

Hilfe sickerte weiterhin zur Silberwindzuflucht durch. Delaryn machte sich keine Illusion, dass rechtzeitig genug kommen würde – oder überhaupt kommen konnte –, um die Horde hier zu besiegen. Doch der Falfarren war der perfekte Ort, um sie zu verlangsamen und zumindest einige der Orcs, Trolle und andere Mitglieder der Horde zu ihren Ahnen zu schicken.

Ein Druide, erschöpft von seinem langen Flug aus Darnassus, kam mit einem Brief von Malfurion an. Eriadnar hatte ihn erreicht, sagte er Delaryn. Tyrande war bei König Anduin, der geschworen hatte, bei der Evakuierung zu helfen und Verstärkung zu schicken. Seinerseits hatte Malfurion mehrere Gruppen von Druiden ausgesandt, um Delaryn zu unterstützen.

„Sie werden in Kürze eintreffen.“ Trotz seiner Erschöpfung weckte der Druide etwas Zuversicht. „Die Wälder und Gewässer sind unsere Freunde. Je mehr wir mit der Natur zusammenarbeiten können, die uns so viel geboten hat, desto stärker verzweifeln unsere Feinde.“

„Ich danke Euch“, sagte Delaryn. „Eure Fähigkeiten werden hier von unschätzbarem Wert sein. Das Eschental ist Euch dankbar – und ich bin es auch.“

Sie befahl, dem erschöpften Druiden Essen und Trinken zu bringen. Dann entfaltete sie den Brief. Es war gut, dass die Evakuierungen allmählich begannen, doch Delaryn war besorgt. Wie die Zwerge der Forscherliga würden die meisten Reisenden einer nach dem anderen durch die Portale schreiten, allerhöchstens in Zweier- oder Dreiergruppen. Portale waren eine großartige Möglichkeit für Einzelne, schnell von einem Ort zum anderen zu gelangen, jedoch nicht geeignet, eine ganze Stadt zu evakuieren.

Oder um eine Armee zu befördern.

Wir werden die Horde aufhalten, so lange wir können, hatte sie zu ihren Truppen gesagt. Jeder Schritt, den sie auf unserem Land machen, wird sie teuer zu stehen kommen.

Sie hoffte inständig, dass Malfurion Vorschläge bieten würde, wie man diese Behauptung in die Tat umsetzen konnte.

Ich habe eine Botschaft an Generalin Federmond geschickt, hatte der Erzdruide geschrieben. Die Flotte mit den Soldaten der Generalin soll umgehend zurückkehren. Ich habe außerdem Magier angewiesen, Euch zu unterstützen, und werde in Kürze selbst ins Eschental aufbrechen.

Habt Mut, Kommandantin Sommermond. Ihr seid nicht allein.

Möge Elune uns beistehen.

Als sich wirbelnd ein Portal öffnete, jubelten die sonst so zurückhaltenden Nachtelfen. Die Magier, die durch das Portal schritten und die bis zu diesem Augenblick in Darnassus nur mit großer Vorsicht willkommen geheißen worden waren, lächelten überrascht. Der Jubel schwoll an, als jeder von ihnen ein weiteres Portal öffnete, und erreichte seinen Höhepunkt, als im Laufe einiger Minuten (und nicht ohne einige Unterbrechungen) ein Dutzend Bären, Vögel und Nachtsäbler durch die Portale kamen.

Danke, Shan’do.

„Wir werden Euer Feuer brauchen“, sagte Delaryn zu zwei Magiern, die sich als Sarvonis und Ralara vorgestellt hatten. „Es gibt Dinge zu verbrennen.“

Die Brücken über den Falfarren – meisterlich gefertigte Bögen aus Holz und eingelegtem Stein – würden natürlich zuerst weichen müssen. Delaryn hatte Soldaten über die Brücken geschickt, jeweils zehn bis zwanzig auf einmal.

Auch ihre Befehle hatten mit Feuer zu tun.

Ferryn hatte von den Belagerungsmaschinen der Horde berichtet. Wenn die einfallende Armee sie vom Schutzwall von Mor’shan bis zum Fluss schaffen konnte, ließe sich mit ihnen schwerer Schaden anrichten. Und wenn sie mit ihnen den Fluss überqueren sollte …

Der Gedanke daran, wie die Horde in Darnassus über die wunderschönen weißen Steinpfade kroch, den Tempel entweihte, wertvolle Artefakte plünderte und die grünen, lebendigen Orte zertrampelte, die so kunstvoll in das Stadtbild eingefügt worden waren … Delaryn erlaubte sich nicht, diesen Gedanken noch länger zu hegen. Je mehr Belagerungsmaschinen und Waffen sie hier und jetzt sabotieren konnten, desto weniger würden letztendlich im Sand der Dunkelküste stehen und ihre Heimat angreifen.

Alle, die laufen konnten, wurden zum Dienst berufen. Selbst jene, die im Allgemeinen als Zivilisten galten – Schneider, Lebensmittelhändler, Gastwirte – hatten über die Jahrhunderte gelernt, gut genug zu kämpfen, um sich verteidigen zu können. Die wenigen, die nicht kämpfen konnten – Mütter mit kleinen Kindern, Verwundete –, waren durch Portale nach Sturmwind gesandt worden, als die Magier eintrafen.

Delaryn fühlte sich elend, als sie zusah, wie jene, zu deren Schutz sie angeblich hierher abbestellt worden war, zusammen mit ihren Schwestern von der Schildwache still über die Brücken hetzten, bewaffnet mit Bogen und Dolchen.

Sie fühlte mehr, wie Ferryn neben sie trat, als dass sie es hörte. Er legte eine starke, warme Hand auf ihre Schulter und für einen ganz kurzen Augenblick hätte Delaryn alles dafür gegeben, wieder so wie an diesem Morgen neben ihm liegen zu dürfen, bevor die Stille des Waldes zerschlagen worden war. Oder, noch besser, mit ihm durch ein sicheres und ruhiges Darnassus schlendern zu dürfen.

Die Magier erwarteten stillstehend den Befehl.

Delaryn atmete tief ein. „Brennt sie nieder.“

Sarvonis wölbte seine Hände und bewegte eine um die andere. Delaryn fühlte sich auf absurde Weise daran erinnert, wie sie einmal auf dem Gipfel eines Berges einen Schneeball geformt und ihn nach dem ahnungslosen Ferryn geworfen hatte. Die Erinnerung ließ ihr ein kaum merkliches Schmunzeln über die Lippen gleiten.

In der Handfläche des Magiers flackerte ein Licht auf, das zu einer kleinen Kugel aus orangefarbenen Flammen heranwuchs. Die Kugel sprang aus Sarvonis’ Händen und schoss auf die Brücke zu. Die wunderschöne Konstruktion ging in Flammen auf und erfüllte die Nacht mit einem lauten, wütenden Knistern.

Leise drangen Schreie in Delaryns Ohren und ein dünner Rauchfaden kräuselte sich zwischen den fernen Bäumen in die Höhe. Dann war eine Belagerungsmaschine schon zerstört – eine Maschine weniger, die Felsen auf eine Stadt herabhageln lassen konnte, die während ihres kurzen Bestehens schon so viel durchgemacht hatte.

Und dann … das Dröhnen von Trommeln.

Sie spannte sich unter Ferryns Hand an.

„Sag mir, was du von mir verlangst“, sagte er.

Dass du überlebst, dachte sie. Doch sie sagte: „Du hast doch schon einmal mit diesen Druiden zusammengearbeitet, oder? Jene, die durch die Portale gekommen sind?“

„Mit einigen von ihnen, ja“, antwortete er. „Wir geben ein schlagkräftiges Rudel ab.“

„Dann nimm dir dieses Rudel und lass die von der Horde glauben, dass unsere Truppenstärke größer ist, als sie erwartet hatten.“

Ferryn sah den Fluss an, der jetzt kleine Stückchen verkohlten Holzes davontrug. Sein Blick folgte den geschwärzten Stücken der Brücke flussabwärts. Dann blickte er flussaufwärts. Seine Augen verengten sich.

„Ich glaube, wir können genau das tun“, sagte Ferryn. Er zog Delaryn an sich und küsste sie, diesmal sanft, dann drückte er seine Lippen gegen ihre Stirn. Nur für ihre Ohren bestimmt flüsterte er: „Ich weiß, du hast Angst. Und ich weiß, dass deine Angst unserem Volk gilt, nicht deiner eigenen Sicherheit. Aber verzweifle nicht. Wir sind noch nicht am Ende. Und wir werden dafür sorgen, dass jedes Opfer zählt.“

Er berührte ihre Wange und ging.

Delaryn blickte wieder über den Fluss. Sie presste ihre Lippen fest zusammen. „Kommt“, sagte sie zu Schildwache Vannara. „Lasst uns die Horde zermürben, wie sie es nie für möglich gehalten hätte.“

Wir werden so viele ihrer Waffen zerstören, wie wir nur können. Wir lassen sie glauben, dass unsere Zahl größer ist, als sie erwartet haben. Wir spicken sie mit Pfeilen, hindern und erwürgen sie mit den Bäumen ebendieser Wälder. Wir zeigen ihnen eine Wildheit, die sie schockieren und entmutigen wird.

Wir halten die Stellung.

* * *

Es war Jahre her, dass Ferryn zuletzt im Eschental gewesen war, doch er erinnerte sich noch gut daran. Der Falfarren half ihnen für den Augenblick, doch sie gewannen damit lediglich etwas Zeit. Die gewaltige Armee, die er erblickt hatte, würde den Fluss letztendlich überqueren, auch wenn sie dafür auf den Rücken ihrer Toten übersetzen musste.

Womit ich, sinnierte er finster, überhaupt kein Problem hätte.

Er wusste nicht, wie gut der Feind das Gelände des Eschentals kannte, doch Saurfang oder die Dunkle Fürstin durften auf keinen Fall unterschätzt werden. Die Horde war schon früher in Teile des Eschentals eingefallen und hatte sie sogar besetzt. Saurfang würde genau wie Ferryn wissen, dass die schmalste Stelle des Falfarren im Norden lag, gleich unterhalb der Ruinen von Xavian. Dorthin würde die Horde ziehen.

Ferryns Plan war simpel. Auf Befehl seiner Kommandantin rief er die versammelten Druiden zu sich und setzte sie ins Bild. „Sie sind in der Überzahl und das wissen sie auch. Unsere Aufgabe besteht darin, in ihnen Zweifel an diesem Wissen zu wecken. Sie werden die Belagerungsmaschinen schon bald heranschaffen und suchen nach Möglichkeiten zum Übersetzen. Kommandantin Sommermond verwickelt sie jenseits des Flusses in einen Kampf. Andere sind auf Patrouille, um die Horde am Übersetzen zu hindern. Sie werden ins Horn blasen, sobald die Horde einen Vorstoß wagt.“

„Wir werden bei den Teichen in der Nähe von Xavian auf sie warten, dort und auch in anderen Gebieten – wann und wo immer wir gebraucht werden.“

Sie sahen einander verwirrt an. „Wie sollen wir das bewerkstelligen?“, fragte einer der Druiden.

Ferryn grinste und deutete zur Antwort nach oben.

* * *

Nach den ersten Sabotageaktionen an den Belagerungsmaschinen der Horde rief Delaryn ihre Streitkräfte wieder zurück an das Westufer des Falfarren. Sie hatten vorerst getan, was sie tun konnten, doch jetzt kam die Horde zu ihnen. Und Delaryn ließ sie gewähren.

Die Nachtelfen waren mit Hörnern ausgestattet. Jedes Mal, wenn die Horde sich auf der gegenüberliegenden Seite des Flusses versammelte und begann, herüberzuschwimmen, feuerten die Kaldorei ihre Pfeile ab und füllten den Fluss mit Hordenleichen. Wenn Feinde es zum Ufer schafften, brachen die Nachtelfen über ihre glücklosen Widersacher herein, umstellten sie und schlachteten sie ab, holten sich die Pfeile zurück, die deren Leben beendet hatten, und wandten sich dann den nächsten Mitgliedern der Horde zu, die das Pech hatten, sich nach vorn durchgekämpft zu haben.

Ferryns Plan, Grüppchen von Druiden durch die Bäume eilen zu lassen, sobald sie den Schlachtruf hörten, ging wunderbar auf. Doch dabei würde es nicht bleiben. Die Hörner schienen jeden Augenblick aufs Neue zu erklingen.

Sie hatte sich die Rolle der Kommandantin nicht ausgesucht, doch sie würde nicht davor zurückschrecken. Jetzt stürzte sie sich ins Gefecht, kämpfte wütend an der Seite ihrer Kameraden, mit Pfeilen, um den Feind aus der Ferne zu töten, und mit der Mondgleve im Nahkampf.

Eine Sechsergruppe – drei Trolle, zwei Tauren und ein Blutelf – kletterte ans Ufer. Ihre Krieger, die Tauren und zwei der Trolle, hatten einen Schildwall errichtet und wehrten das Schlimmste des Pfeilschauers ab. Delaryn verlangsamte ihren Atem, zielte und wartete.

Da! Eine Handbreit freier Raum. Sie ließ den Pfeil fliegen.

Sie bemerkte ein violettes Wirbeln am Rande ihres Blickfelds. Vannara, die neben ihr gestanden hatte, sackte auf dem Boden zusammen. Ein mit gestreiften Federn versehener Pfeil, der schlanke Schaft mit Metallringen und Ornamenten verziert, ragte aus ihrem Hals.

Delaryn hatte ihre Rettung einzig ihren Instinkten und Jahrhunderten der Ausbildung zu verdanken, als sie gerade noch rechtzeitig zur Seite zuckte. Ein zweiter Pfeil gab ein frustriertes Singen von sich, als er an ihr vorbeiflog und sich in einen Baumstamm bohrte.

Sie sprang, drehte sich und schoss gleichzeitig. Als sie landete, blitzten zwei kleine rote Punkte in den Schatten der Bäume auf der anderen Seite des Flusses auf – ein Gesicht, teilweise von einer roten Kapuze verdeckt.

Das Gesicht hatte einen graublauen Farbton, der jedoch nicht dem gesunden, von Elune gesegneten Hautton der Nachtelfen glich. Dieses Gesicht hatte einen grünlichen Unterton, der jeden, der es sah, an die darunterliegende Fäulnis gemahnte. Die Male in ihrem Gesicht waren schwarz und ihre Augen glühten dunkelrot.

Sylvanas Windläufer.

Die Dunkle Fürstin, Kriegshäuptling der Horde. Schlächterin von Tausenden. Alles, was den Nachtelfen ein Gräuel war – Verachtung für die Natur, Hass auf das Leben, rücksichtsloses Handeln – wurde durch diese eine monströse Banshee verkörpert. Und dort stand sie.

Sollte ihr Kriegshäuptling fallen, würde die Armee ins Chaos stürzen. Schneide den Kopf ab und der Körper fällt.

Innerhalb eines halben Herzschlags hatte Delaryn ihren Pfeil gezogen und gefeuert.

Sylvanas war nicht mehr dort.

Nein! Delaryn konnte einen kurzen, rauen Schrei nicht unterdrücken. Ich hätte das alles hier und jetzt beenden können …

Ein erneuter Pfeilhagel stieß schrill kreischend herab. Delaryn versuchte, gegen die lähmende Verzweiflung anzukämpfen. Das würde den Feind nur stärken. Sie durfte die Hoffnung nicht aufgeben.

Elune, beschütze deine Kinder. Beschütze sie vor diesen Monstern. Gib uns die Stärke, diese Schlacht zu schlagen, und behüte unser Volk.

Und wie als Antwort auf dieses Gebet heulten mehrere Nachtsäbler hinter ihr auf. Jägerinnen aus Astranaar waren gekommen, um sich an dem Scharmützel zu beteiligen. Die erschöpften Kämpfer jubelten.

Eine Jägerin ritt zu Delaryn. Die Kommandantin schoss weiter, hörte sich aber ihre Botschaft an. „Der Shan’do kommt!“

Malfurion Sturmgrimm war fast da, wie er es versprochen hatte. Es war an der Zeit, sich zurückzuziehen und mit der nächsten Phase zu beginnen. „Findet mir einen Druiden“, befahl sie der Jägerin. „Der Shan’do muss erfahren, dass der Kriegshäuptling hier ist.“

* * *

Die Hörner erklangen aus dem Süden. Sie kündigten eine erneute Welle der Horde an, die sich nichtsahnend bereit erklärt hatte, zu sterben. Die Schnauze eines Nachtsäblers war nicht zum Lächeln geeignet, dennoch zuckte eine heiße Freude rund um Ferryns große Fangzähne.

Der Plan war brillant gewesen. Immer wenn sie in der Gestalt von Nachtsäblern oder großen Vögeln von oben herabstießen, glotzten die Mitglieder der Horde nur dumm, während der Tod auf sie hereinbrach – wenn sie denn überhaupt nach oben sahen, was nicht oft vorkam. Die sechzehn Druiden unter dem Baumkronendach des Eschentals waren geschickt, leise und vorsichtig. Wenn so viele von ihnen oben in den Zweigen waren, konnte ein Ast leicht nachgeben. Doch Ferryns „Rudel“ hatte jahrhundertelange Erfahrung in dieser Gestalt und konnte Risiken so rasch berechnen, dass sie es nicht einmal merkten.

Von Zweig zu Zweig sprangen sie, leise wie der Tod und in perfektem Rhythmus, abgestimmt auf ihren Atem und Herzschlag. Einmal wandte sich eines von Ferryns Ohren einem Geräusch zu. Er drehte seinen großen Kopf und schnüffelte, doch es gab keine Fährte und er konnte nichts sehen. Er war gerade auf einem weiteren Ast gelandet, als hinter ihm zwei der großen Vögel vor Schmerzen aufschrien. Einer stürzte in das weiche Gras am Boden, der andere krachte mit voller Wucht gegen einen Baum.

Als die nächsten Shuriken durch die Luft schnitten, hörte Ferryn sie, sprang mit einer geschmeidigen Drehung seines Katzenkörpers zur Seite und änderte zusammen mit seinen verbleibenden Brüdern und Schwestern die Richtung, um den Mörder zu töten. Einer seiner Gefährten hatte nicht so viel Glück, heulte auf und stürzte vom Ast.

Der unbarmherzige Wind, der ihn davon abgehalten hatte, den Blutelf zu wittern, änderte die Richtung und der Gestank stieg Ferryn in die Nase. Doch er konnte die Position des Schurken nicht ausmachen. Dann – dort war er! Der närrische Sin’dorei hatte sich verraten, indem er durch einen fahlen Mondstrahl gehechtet war. Er landete auf einem Ast und sprang zum nächsten. Ferryn und die anderen nahmen die Verfolgung auf.

Die Richtung, die der Schurke einschlug – weg von der Kampflinie –, war beabsichtigt, so viel war sicher. Doch er war sich nicht ganz bewusst, dass er jetzt in ihrer Welt war, nicht in seiner glänzenden, rot-goldenen Hauptstadt. Die Wurzeln, Zweige und Blätter gehorchten einer Druidin, die ihre Kaldoreigestalt angenommen hatte, was ihr erlaubte, sich den Zorn des geschändeten Waldes zunutze zu machen.

Die Bäume erwachten mit zitternden Blättern und machten sich bereit, den Eindringling zu ergreifen.

Zwei weitere Shuriken schwirrten durch die Luft. Ferryn und die anderen wanden sich und wichen aus. Nur ihre meisterhafte Beherrschung dieser Gestalten machte es ihnen möglich, auf Ästen zu landen oder sich blitzschnell in die Lüfte zu erheben. Shenda, schlank, blaugrau und erzürnt, sprang den Blutelf an. Ihre Krallen waren ausgefahren, ihre gut 30 Zentimeter langen Fangzähne gebleckt …

Und Ferryn sah entsetzt zu, wie Shendas Kehle plötzlich offen war. Wie ein Fluss quoll das Blut heraus, als sie zu Boden stürzte.

Weiter vorne landete eine Gruppe von Ferryns Brüdern und Schwestern gleichzeitig auf demselben hervorstehenden Ast, zu sehr auf ihre sie verspottende Beute konzentriert. Doch der Schurke war nicht dort. Der Ast gab mit einem fürchterlichen Knacken nach, verstärkt durch die Schreie der Nachtsäbler, bevor sie hart auf dem Boden aufschlugen.

Es war zu spät. Ferryn wusste es bereits, als sie fielen. Der Schurke würde sie töten, bevor sie sich wieder sammeln konnten, um sich zu verteidigen. Die Druiden, die noch in den Bäumen waren, flogen oder sprangen von Ast zu Ast, um zu helfen. Ferryn nahm sich zusammen, um ihnen zu folgen.

Nur einen Herzschlag darauf ertönte der mächtige Knall eines Gewehrschusses.

Der Schurke hatte einen Freund. Gut. Ferryn war in seiner Trauer und Wut bereit, mehr zu töten als …

„Geht“, erklang ein einzelnes geflüstertes Wort.

Andere hätten gedacht, sie hätten nur das Seufzen des Windes in den Blättern vernommen, doch Ferryn kannte die Stimme seines Shan’do.

Malfurion Sturmgrimm.

Ferryn konnte seinen Lehrer nicht sehen, doch Malfurion konnte ihn sehen – nicht nur ihn, sondern auch sein wütendes, brechendes Herz. Wie so oft sprach der Erzdruide genau das aus, was Ferryn nicht hören wollte – aber hören musste.

Protestierend klammerte Ferryn sich am Baum fest. Seine Sicht war rot vor Zorn und seine angespannten Katzenmuskeln kündigten Ungehorsam an. Doch der Shan’do hatte recht. Der Schurke und der Jäger würden es mit dem Erzdruiden nicht aufnehmen können und Ferryn würde am Leben bleiben, um zu kämpfen.

Er fühlte einen Hauch von heilender Energie, die seine Gliedmaßen erfrischte und seine Sinne belebte. Sein Geist fand jedoch keinen Trost. Unter ihm richteten der Schurke, der Jäger und dessen Begleiter Ferryns Brüder und Schwestern hin. Er hörte ihre Schreie, roch ihr Blut.

Und doch musste er gehen.

Mit einem gequälten Knurren sammelte Ferryn sich, wirbelte herum und eilte zurück zum Fluss.

Völlig instinktiv sprang er von Ast zu Ast und kanalisierte seinen Zorn in seine Bewegungen. Indem er dem Falfarren nach Süden folgte, hatte Ferryn fast das Gebiet erreicht, in dem Delaryn kämpfte, als er ein furchtbares, knarrendes, ächzendes Geräusch hörte.

Er hatte in Nordend gekämpft. Er hatte die Geräusche von Eis und Schnee vernommen. Er hatte erlebt, wie Gletscher knarrten, als riesige Brocken gefrorenen Meerwassers in allen erdenklichen Blau- und Grüntönen sich lösten und mit einem tiefen Grollen in den eisigen Abgrund stürzten.

Und er kannte auch dieses Geräusch. Es war das Geräusch von Eis, das durch Magie erschaffen wurde.

Sie froren den Falfarren ein.

Wie konnten wir das nur nicht voraussehen?, dachte Ferryn verzweifelt, während sich seine Muskeln noch schneller zusammenzogen und ausdehnten, als er über die dicken Äste hastete. Als plötzlich ein orangefarbenes Licht aufleuchtete, kniff er die Augen zusammen. Einer der Magier der Horde hatte für seine Kameraden die Umgebung erleuchtet. Ferryn grub seine Krallen in die Äste, um nicht wie seine Kameraden abzustürzen.

Sie grölten nun, sangen in einer ihrer hässlichen Sprachen. Nach einigen wertvollen Herzschlägen schüttelte Ferryn den Kopf, öffnete die Augen und sprang weiter durch die Baumkronen.

Als der Druide und sein Rudel am Fluss auf und ab gelaufen waren, um Soldaten der Horde anzugreifen, die versucht hatten, das Ufer zu erreichen, hatten sich andere Nachtelfen zu ihnen gesellt. Die Druiden hatten erfahren, dass alle Magier der Hochgeborenen nun fort waren. Sie waren anfangs eine unschätzbare Hilfe gewesen, indem sie so viele der Brücken und Belagerungsmaschinen in Brand gesteckt hatten, doch Sylvanas’ Bogenschützen – und vielleicht auch die Dunkle Fürstin selbst – hatten sie als Ziele auserwählt, die so schnell wie möglich zu beseitigen waren. Und so waren keine Magier mehr übrig, um das Eis zu schmelzen, das einst ein tosender Fluss gewesen war.

Die magische Beleuchtung war erloschen. Die Nacht war wieder hereingebrochen und das war die Zeit der Kaldorei. Die meisten Völker der Horde liebten die Sonne. Der Nachteinbruch war für Augen, die mehr an das grelle Leuchten der Wüste als den Schatten des Waldes gewohnt waren, schwieriger zu bewältigen. Außerdem verfügte Ferryn über die verstärkte Sehkraft der Großkatze, deren Gestalt er angenommen hatte.

Er blickte durch das Laub auf das darunterliegende Eis, das in vereinzelten Strahlen des Mondes glänzte. Die erste Welle des Ansturms der Horde hatte es nun ans Ufer geschafft. Einige rutschten in ihrem Eifer, den verhassten Feind zu erreichen, aus und fielen hin, doch das verletzte lediglich ihren Stolz. Viele hatten hier bereits ihren Weg über den Fluss gefunden. Zweifelsohne waren an anderen Stellen entlang des Falfarren noch weitere übergesetzt.

Und unter ihnen befand sich der Hochfürst.

Ferryns Nackenhaare stellten sich auf. Er filterte den Missklang der Schlacht heraus – das Zusammentreffen von Stahl auf Stahl, Hämmer, die Knochen zerschmetterten, das Jubeln der Sieger, die Schreie der Sterbenden und den Geruch von Blut, der so erschütternd war, wenn man ihn zusammen mit den fruchtbaren grünen Düften des Eschentals einatmete. Ferryn konzentrierte sich vollkommen auf den rennenden Orc.

Wenn ich es schaffe, ihn jetzt auszuschalten …

Noch ein paar Äste, nur noch ein Sprung – und dann war der weißhaarige Orc, der seine Axt mit dem Geschick und der Wildheit eines Meisters führte, nur noch einen Sprung entfernt. Im schwachen Licht und vollständig auf das Schlachtgetümmel konzentriert würde Saurfang den Druiden niemals sehen können.

Nicht einmal, während er starb.

Ferryn machte einen Satz, das Maul weit aufgerissen, die Krallen ausgefahren und mit hämmerndem Herzen.

Erneut Helligkeit – ein weiterer Zauberspruch eines Magiers.

Saurfangs Augen begegneten denen von Ferryn.

Der Druide war zu weit entfernt. Er fühlte den Luftzug, als der Orc seine Axt nach unten schwang. Der Schlag war so stark, die Schneide der Waffe so scharf, dass Ferryn einen kurzen Augenblick lang verwirrt darüber war, was er sah, als sein abgeschlagener Kopf durch die Luft flog.

Doch er hatte genug Zeit, sein Versagen zu begreifen, bevor alles erlosch.

* * *

Die Flotte war auf ihrem Weg nach Feralas in ein Unwetter geraten. Stürme hatten mehrere Schiffe vom Kurs abgebracht und jetzt waren sie in Verzug. Auch wenn sie ihre Mannschaft zu höchster Geschwindigkeit antrieb, hatte Cordressa es nicht eilig, der erbarmungslosen Sonne und dem brennenden Sand von Silithus ausgesetzt zu sein.

So ergeben, wie sie beide der Lady Tyrande waren, hatten sie und Shandris Mondfeder natürlich voneinander gewusst. Doch Cordressa hatte noch nie direkt unter der Generalin der Schildwache gedient. Sie war äußerlich ruhig geblieben, als sie mit Delaryn über ihren Auftrag gesprochen hatte, glücklich darüber, dass ihre jüngere Freundin eine Chance erhalten würde, unter Kommandantin Windholz zu dienen. Doch Anaris Windholz war lediglich berühmt. Shandris Mondfeder hingegen war eine Legende, und Cordressa zitterte heimlich bei dem Gedanken, ihr zu begegnen.

Sie hätte sich nicht sorgen müssen. Shandris’ enge Freundschaft mit Tyrande wurzelte auf Ähnlichkeiten und die sagenumwobene Bogenschützin und Generalin erwies sich als warmherzig und zugänglich. Shandris’ Führung wirkte beinahe mühelos – sie belohnte Effizienz und Einsatz mit Lob und inspirierte ihre Soldaten dazu, besser zu werden. Es gab Regeln, doch diese waren sinnvoll. Es gab Disziplin, aber keine Bestrafung, und selbst Tadel äußerte sich in kaum mehr als einem klug gewählten Wort.

Oft wurde Cordressa an den Tisch der Generalin in ihrer Kajüte eingeladen, während draußen die Stürme wüteten. Weinflaschen wurden entkorkt, Geschichten erzählt und die Tage gingen fließend ineinander über.

Sie sprachen gerade über die besten Befiederungsmöglichkeiten für Pfeile, als Shandris eine Gestalt am Nachthimmel ausmachte. Cordressa folgte dem Blick ihrer Generalin und plötzlich wurde ihr kalt.

Es war ein Vogel – größer als jede Seemöwe –, der bei Nacht flog.

Eine Sturmkrähe.

Das konnte nur eines bedeuten. Cordressa und Shandris sprangen von ihren Stühlen auf, als die Sturmkrähe, die keine war, auf dem Deck landete und ihre elfische Gestalt annahm. Die Druidin zitterte vor Erschöpfung. Sie sah sehr jung aus. Wo sind all die anderen Druiden, dass Malfurion gezwungen ist, jene loszuschicken, die kaum mit ihrer Ausbildung begonnen haben?

„Nein, junge Schwester“, sagte Shandris, als die Druidin mit einiger Anstrengung versuchte, sich zu erheben. „Laugt Euch nicht noch mehr aus, sondern sprecht. Was ist geschehen?“

Cordressa goss dem Mädchen etwas Wasser ein und Shandris kniete sich neben sie, um es ihr zu geben.

„Horde“, sagte die Druidin, nachdem sie den Becher in einem Zug ausgetrunken hatte. „Die Armee – sie hat die Richtung gewechselt. Sie marschiert nach Darnassus, nicht nach Silithus. Malfurion schickt mich. Ihr müsst alle zurückkommen.“

Entsetzen brach über Cordressa hinein, als wäre sie mit Eiswasser überschüttet worden. „Nein“, hauchte sie. Nicht Darnassus. Nicht die leuchtende Stadt, für deren Entstehung sie alle so viel geopfert hatten. Und Del …

Sie befand sich genau auf dem Weg der heranmarschierenden Armee.

Shandris, die tausend Schlachten geschlagen hatte, erholte sich schneller als Cordressa. „Es war ein brillanter Plan“, murmelte sie. „Jeder einzelne Schritt.“ Ihr Blick war gedankenverloren. „Aber sie haben nicht damit gerechnet, dass wir so langsam reisen würden. Habt Ihr mich als Erste aufgesucht?“

„Ja, Generalin“, sagte die Druidin. „Ich sollte es Euch vor allen anderen mitteilen.“

„Es tut mir leid, Euch das fragen zu müssen, aber … seid Ihr stark genug, um diese Botschaft an die restlichen Schiffe zu überbringen? Jene hinter uns?“ Tyrande hatte sie zeitversetzt ausgeschickt, um die Horde zu täuschen – vergebens, wie sich nun herausstellte.

„Natürlich“, sagte die junge Druidin.

Cordressa war sich dessen nicht so sicher, doch es blieb ihnen nichts anderes übrig.

„Tut es“, befahl Shandris. „Ihre Druiden sollen die Natur dazu bewegen, uns Wind zu schenken. Wir müssen unverzüglich an die Dunkelküste zurückkehren. Versteht Ihr das?“

Die ausgezehrte, blasse Druidin nickte mutig.

Shandris lächelte und drückte ihre Schulter. „Nur noch diese eine Aufgabe, dann könnt Ihr Euch ausruhen. Wie heißt Ihr?“

„Teshara.“

„Teshara“, sagte Shandris ernst, „möglicherweise habt Ihr gerade Euer Volk gerettet.“

Trotz ihrer Erschöpfung und Angst hellte sich die Miene der jungen Druidin auf.

* * *

Delaryn erkannte das seltsame Ächzen nicht als das Einfrieren des Flusses, bis es zu spät war. Und kurz darauf erklang ein weiteres Geräusch – das Brüllen der siegestrunkenen, nach Blut dürstenden Soldaten der Horde, die jetzt übersetzen konnten.

Sie hatte nie damit gerechnet, die Horde am Falfarren vollständig aufzuhalten – sie wollte ihre Ankunft nur hinauszögern, um so vielen Unschuldigen wie möglich die Flucht zu ermöglichen und es jedem kämpfenden Kaldorei zu erlauben, sich an der Schlacht zu beteiligen. Dennoch war das ein schwerer Schlag. Die Horde war ihrem Ziel einen Schritt nähergekommen, und das nachdem so viele bei dem Versuch gestorben waren, sie aufzuhalten.

Doch dann überbrachte ein Läufer ihr die süßen Worte, auf die sie so lange gewartet hatte: „Malfurion kommt.“ Druiden hatten dem jungen Boten erzählt, sie hätten den weißen Hirsch gesehen, schimmernd wie Malorne, von den Monden geküsst. „Einigen befahl er, zu bleiben und ihm zu helfen, doch er sagte, die meisten von uns sollten sich zurückziehen, um Euch zu finden.“

Danke, Elune.

„Sylvanas ist Teil der Armee“, offenbarte Delaryn dem Läufer.

Seine Augen weiteten sich und er blieb stumm.

Ich hätte es ihm nicht sagen dürfen.Was könnte er schon tun, wenn er die Dunkle Fürstin zu Gesicht bekäme … außer zu sterben? „Wie heißt Ihr?“, fragte sie ihn.

„Tavar.“

„Welche Fertigkeiten besitzt Ihr, Tavar?“

Seine Unsicherheit wich. Er grinste sie kurz an, trat in die Schatten … und verschwand.

Sie hatte nicht die Zeit, erstaunt zu sein, doch sie war es. Für sein junges Alter war er sehr gut. Sie dachte an den Verlassenen, der Anaris getötet hatte, an seine spöttische Fratze – an alle, die in dem Angriff, mit dem keiner gerechnet hatte, Opfer der vergifteten Klingen geworden waren.

Zorn erfüllte sie. Sie machte ihn sich zunutze, während eine frische Idee in ihr heranreifte: „Solche Fertigkeiten kann ich gebrauchen. Findet die Druiden, mit denen Ihr gesprochen habt. Versammelt eine Gruppe. Dann kommt mit mir, Tavar. Wenn es Malfurions Wunsch ist, dass wir Zeit herausschlagen, sollten wir ihn nicht missachten.“

Die Geräusche der Schlacht folgten Delaryn und ihren Begleitern, als sie festen Schrittes durch den Wald liefen, die Niederlage am Falfarren hinter sich ließen und zu ihrem nächsten Ziel – und zum möglichen Sieg – hasteten.

* * *

Anduin konnte nicht schlafen. Seit die Schlacht im Eschental angebrochen war, fand er nur in kurzen, unregelmäßigen Momenten etwas Ruhe.

Er kleidete sich willkürlich, zündete eine Kerze an und trottete in den Kartensaal. Dort entzündete er einige der stehenden Kandelaber, stellte seine eigene Kerze vorsichtig auf den Tisch und betrachtete die vor ihm ausgebreitete Welt.

Das Eschental.

Er dachte an die immer düstereren Sendschreiben, die Tyrande und ihn erreicht hatten.

Wir haben den Falfarren verloren.

Sylvanas ist hier.

Panik in Darnassus.

„Ihr könnt auch nicht schlafen, wie ich sehe.“

Genns sonst so hartes Gesicht wurde durch den Schein der Kerze, die er trug, etwas weicher.

Der junge König wandte seinen Blick wieder der Karte zu. „Gibt es Kunde von der Königin?“ Die Gilneer aus dem Lager bei der Heulenden Eiche waren durch das Portal gekommen, kurz nachdem Mia gegangen war. Die Königin war dortgeblieben, um die Bemühungen in Darnassus zu koordinieren, und Anduin fand diese Entscheidung beunruhigend.

„Sie schickt Briefe“, sagte Genn. „Diese verdammt dickköpfige Frau. Sie wird noch den allerletzten Hasen durch das Portal schicken, bevor sie selbst zurückkommt.“

„Wer von Euch hat eigentlich von wem die Dickköpfigkeit erlernt?“, fragte Anduin und versuchte zu lächeln.

Genn grunzte. „Wir sind schon so lange zusammen, dass ich es gar nicht mehr weiß.“ Er gab vor, unbesorgt zu sein, doch wenn es um seine Familie ging, war Genn Graumähne durchschaubarer, als er selbst glauben wollte. „Wie steht es mit Euch, mein Junge?“

Anduin blieb einen Moment still. Er zeigte auf die Karte. „Wir haben nicht genügend Figuren, um eine so große Armee überhaupt darstellen zu können“, sagte er mit brüchiger Stimme. „Genn … sie werden Darnassus verlieren.“

„Ich weiß.“ Die Stimme des alten Mannes war sanft, als er neben Anduin trat. „Es ist eine brillante Strategie, das muss ich der Horde lassen.“

Anduin zuckte zusammen. „Erst Theramore, jetzt Darnassus. Dann haben sie ganz Kalimdor, abgesehen von der Azurmythosinsel. Und schon bald werden wir die Draenei evakuieren müssen, merkt Euch meine Worte.“ Die Draenei waren kaum in der Lage, die in die Enge getriebenen Nachtelfen zu unterstützen, auch wenn einige tapfere Seelen die Reise dennoch auf sich genommen hatten. Sobald Darnassus fiel, würde die hungrige Horde ihre Aufmerksamkeit zweifelsohne auf die Azurmythosinsel richten.

„Gut möglich.“

Der junge König rieb sich die müden Augen. „Die Strategie ist noch brillanter, als Euch bewusst ist.“

„So?“ Genns Blick wurde finster. „Wie meint Ihr das?“

„Die Horde könnte sich niemals gegen eine wahrhaft vereinte Allianz behaupten. Zusammen sind wir unaufhaltsam, auch ohne Flotte“, sagte er. Er nahm Bezug auf die katastrophalen Schäden, die Schiffe beider Fraktionen in der ersten Phase des Krieges gegen die Brennende Legion an der Verheerten Küste erlitten hatten. „Aber wenn sie uns spalten, können sie uns einen nach dem anderen unschädlich machen.“

„Dazu wird es niemals kommen.“

Anduin wandte sich dem schroffen Krieger zu, der ihm sowohl Mentor als auch Freund geworden war. „Wird es nicht?“, fragte er leise. „Was geschieht, wenn die Kaldorei ihren Weltenbaum verlieren?“

„Wir schlagen zurück. Wir marschieren gegen Unterstadt.“

„Die Horde wird ganz Darnassus als Geisel nehmen, um uns davon abzuhalten. Auch wenn wir es versuchen, würden wir niemals alle durch ein Portal bekommen, bevor die Stadt fällt. Es ist einfach nicht möglich. Wenn wir Unterstadt oder Silbermond angreifen, zerstört die Horde den Weltenbaum und tötet alle Gefangenen, die sie in dieser Schlacht macht. Glaubt Ihr, die Nachtelfen würden das dulden?“

Genns Blick wurde noch finsterer. Er antwortete nicht.

Anduin fuhr fort, seine Stimme kaum lauter als ein Flüstern. „Und was ist mit Gilneas? Was würdet Ihr sagen, wenn ich beschlösse, den Kaldorei zuerst zu helfen?“

Und das würde er tun, insbesondere wenn die Horde Tausende von Gefangenen bedrohte. Und Genn wusste das.

„Ich bin handlungsunfähig, wenn die Allianz gespalten ist“, sagte Anduin. „Das war der Zweck dieser Aktion, Genn. Nicht einfach nur Darnassus einzunehmen, sondern es gegen uns zu verwenden. Das Herz dessen zu treffen, was unsere Königreiche zur Allianz macht. Sylvanas wird uns gegeneinander ausspielen. Das ist der große Plan.“ Er schüttelte den Kopf, seine Finger ruhten auf den kleinen Figuren auf dem Tisch. „Ich war ein Narr, das nicht früher erkannt zu haben.“

Genn blieb lange Zeit stumm. „Wann habt Ihr so viel über Strategie gelernt?“

Anduin lachte bitter. „Als ich mich im Kampf üben sollte, las ich lieber Bücher.“

„Nun, Ihr seid ein Narr.“ Überrascht von den Worten wandte Anduin sich zu ihm zu. „Ihr seid ein Narr, wenn Ihr auch nur für einen Augenblick glaubt, dass ich meine Unterstützung zurückziehen würde, weil Ihr den Kaldorei helft. Will ich mein Königreich zurück? Will ich, dass mein Volk nach Hause zurückkehren kann? Natürlich will ich das! Aber will ich es so sehr, dass ich das Leid unschuldiger Nachtelfen zulassen würde, die den Gilneern in den letzten Jahren so großzügig geholfen haben? Die den Worgenfluch gemildert haben, sodass wir wir selbst bleiben konnten, anstatt uns im Wahnsinn zu verlieren? Die uns Nahrung und Obdach in ihren eigenen Häusern boten, als wir nichts hatten?“

Genn machte ein abschätziges Geräusch, etwas zwischen einem Schnaufen und einem Knurren. „Nein. Niemals würde ich diese Güte verraten, indem ich mich jetzt von ihnen abwende. Genau das versteht Sylvanas über die Lebenden nicht. Und ganz sicher versteht sie die Allianz nicht. Ihr steht ein böses Erwachen bevor, Ihr könnt Euch meine Worte merken.“

Für einen kurzen Moment konnte Anduin ihn nur schockiert anstarren. Dann musste er, wie zum ersten Mal seit Äonen, vor echter Freude lächeln. Inmitten all der Trostlosigkeit, all der Angst, der Sorgen und des Schreckens gab es hier dennoch etwas Gutes, Starkes und Wahrhaftiges, an dem man sich festhalten konnte. Und Genn Graumähne – in all seiner Reizbarkeit und mürrischen Dickköpfigkeit, der sich einst von der Allianz abgewandt und sich aus Eigennutz hinter einer Mauer verschanzt hatte – hatte Anduin dieses Geschenk gemacht.

Ich merke mir Eure Worte, Genn Graumähne, und es erfreut mein Herz, sie zu hören. Sie sind ein Leuchtfeuer in Zeiten entsetzlicher Finsternis.“

Beide Männer drehten sich zu Tyrande herum, die, immer noch in ihr Priesterinnengewand gekleidet, in der Tür stand. Auch wenn ihr Gesicht von Schmerz gezeichnet war, lag darin eine Sanftheit, eine Leichtigkeit, die Anduin seit Tagen nicht gesehen hatte. Mit einer aufgerollten Schriftrolle in einer Hand schritt sie auf sie zu.

„Ich kam, um schlechte Neuigkeiten zu überbringen. Ich wusste nicht, dass ich hier etwas hören würde, das meine Seele im Innersten heilt. Dafür danke ich Euch.“

Murmelnd hob sie eine Hand. Es war unmöglich, dass Anduin eine Waldbrise spürte, die durch sein blondes Haar strich, doch genau das tat er. Er roch Sommer und Leben und seine Erschöpfung verflog wie Samen einer Wildblume, die vom Wind davongetragen werden.

„Wir lassen uns nicht spalten – selbst wenn meine Stadt fällt.“ Schmerzerfüllt schloss sie die Augen. „Sie stellen sich in Astranaar zum Gefecht.“

Teil vier: Das letzte Gefecht

Das Juwel unserer Stadt,

gefangen in ihrem feigen Griff.

Ein letztes Mal erheben wir uns.

Ein letztes Mal handeln wir.

Beim Licht der Monde,

beim Funkeln unserer Klingen,

beim Lied unserer Pfeile

werden wir triumphieren –

oder wir werden fallen.

* * *

Komm sofort zurück. Die Horde überrennt das Eschental und marschiert zum Weltenbaum. Komm zurück, solange du noch kannst.

Mia bedankte sich bei dem Kurier, der sicherlich Wichtigeres zu tun hatte, als Briefe von Genn Graumähne an seine Frau zuzustellen. Sie faltete das Sendschreiben zusammen und verstaute es nahe an ihrem Herzen. Die Worte waren unverblümt. Anderen hätten sie leidenschaftslos oder gar herrisch erscheinen können, doch nach Jahrzehnten der Ehe wusste Mia ganz genau, was dieser kurz gefasste Brief bedeutete. Ihr Mann war krank vor Sorge um sie.

Und das durfte er durchaus sein.

Doch sie durfte auch hierbleiben, solange sie konnte.

Es hatte nicht länger als eine oder zwei Stunden gedauert, alle Gilneer nach Sturmwind zu schicken, doch Mia liebte das Volk von Darnassus und würde bis zum allerletzten Moment bleiben. Sie war gewissermaßen von selbst zur Botschafterin von Sturmwind geworden. Sie stand am Rande des Mondbrunnens im Tempel des Mondes, sodass man sie sehen konnte, dirigierte den Strom der zunehmend verzweifelten Nachtelfen und versicherte ihnen, sie würden im menschlichen Königreich Hilfe und Sicherheit finden.

 Astarii kam in einer der wenigen Ruhepausen an ihre Seite. „Mein Herz ist hin- und hergerissen“, sagte die Priesterin. „Ich wünschte, Ihr wärt in Sturmwind, doch ich freue mich auch, dass Ihr hier seid. Sie vertrauen Euren Worten – und Ihr und Euer Volk habt Euch dieses Vertrauen verdient. Wenn Ihr sagt, wir werden in Sturmwind in Sicherheit sein, dann wissen wir, dass es wahr ist.“

Die freundlichen Worte trieben Mia unerwartet Tränen in die Augen. „Mein Gemahl steht bereit, um sie auf der anderen Seite in Empfang zu nehmen. Alle werden evakuiert.“ Irgendwie, dachte sie sich, sprach es aber nicht aus.

„Sagt das nicht“, sprach Astarii mit weicher Stimme, nur für Mias Ohren gedacht. „Denn zumindest das ist nicht wahr.“

Mias Herz setzte einen Schlag aus, als sie die Worte vernahm, denn sie erkannte die Wahrheit darin. „Ihr beschämt mich, meine Freundin.“

„Das war nicht meine Absicht.“

„Ich weiß. Ihr habt recht.“ Sie drehte sich um und warf wieder einen Blick über die Menge. „Wir finden eine Zuflucht für alle, die in Sturmwind ankommen. Wir werden Soldaten entsenden, um jene zu befreien, die es nicht schaffen.“ Trotzig hob sie ihr Kinn. „Und mein Gemahl wird den Angriff anführen.“

Ein warmes Lächeln zeigte sich auf Astariis Gesicht „Das“, sagte sie, „glaube ich Euch wahrhaftig.“

* * *

Ferryn war nicht unter den Druiden, die Tavar versammelt hatte.

Die Furcht schloss ihre eisige Faust um Delaryns Herz, doch sie kämpfte dagegen an. Wenn er lebte, dann kämpfte er andernorts für ihr Volk. Wenn er getötet worden war, gab es nichts, was sie hätte tun können. So viele waren tot. Weitere würden sich schon bald zu ihnen gesellen, vielleicht sogar Delaryn selbst. Sie hatte diese Möglichkeit schon vor langer Zeit akzeptiert, als sie zur Schildwache wurde. Ihre Lebensaufgabe bestand darin, die Kaldorei zu beschützen, und in diesem Augenblick tat sie alles, was in ihrer Macht stand, um Zeit für sie zu gewinnen.

Was die Toten betraf … sie waren Elunes Gnade überlassen. Ihre Körper würden zur Erde zurückkehren. Sie würden weiterhin existieren, nur in einer anderen Form.

Als sie ihren Plan geschildert hatte, stieß er auf Entsetzen, wie sie es erwartet hatte.

„Das sind unsere Freunde! Unsere Familien!“, sagte Mareela, eine der Jägerinnen aus Astranaar, mit entrüsteter Stimme. „Sie haben doch schon alles gegeben!“

„Ihre Geister sind von uns gegangen“, antwortete Delaryn. „Und ja, natürlich sollten ihre Körper ehrfürchtig an die Erde zurückgegeben werden. Doch wir haben keine Zeit, uns um sie zu kümmern. Nicht wenn wir die Tausenden retten wollen, die in diesem Moment verzweifelt zu fliehen versuchen. Jene, die gestorben sind, sind fort, Mareela. Sie gaben sich hin, um unschuldige Leben zu retten. Und genau das werden sie tun … noch ein letztes Mal.“

Delaryn wollte daraus keinen ausdrücklichen Befehl machen. Der Gedanke machte ihr ebenso zu schaffen wie jenen, die sie anführte. Könnte sie das tun, wenn es Cordressa wäre, die hier lag?

Wenn es Ferryn wäre?

Und die Antwort kam, so gewiss wie die Leichen, die neben ihr lagen: Ja, sie könnte es … weil alle Nachtelfen sich wünschen würden, zu tun, was sie konnten, um die Horde davon abzuhalten, ihre leuchtende Stadt zu besudeln.

„Wir werden ihrer gedenken“, sagte Delaryn, während die anderen sich widerstrebend, aber doch still abwandten, um ihrem Befehl zu folgen.

Delaryn hatte eine dunkle Inspiration aus den Geschichten bezogen, die davon erzählten, wie die Horde vor Jahren die Silberwindzuflucht besetzt, die Geflohenen gnadenlos gejagt und ihre Leichen als Warnung der Verwesung überlassen hatte.

Die Nachtelfen wählten die toten Körper sorgfältig aus, während sie in unmittelbarer Nähe von Astranaar nach jenen suchten, die im Kampf gefallen waren. Die Leichen, die oftmals die Gesichter von Freunden trugen, wurden darauf untersucht, ob sich ihre Wunden durch Schwerter, Mäntel oder andere Kleidungsstücke verdecken ließen.

Delaryn befahl außerdem, auch die Bereiche tiefer im Wald abzusuchen, in der Hoffnung, jene zurückzuholen, die von den Schurken aus den Schatten heraus getötet worden waren. Wie viele Tage waren seitdem vergangen? Delaryn hatte den Überblick verloren. Zu viele, hauptsächlich mit Kämpfen verbracht, mit kurzen Momenten des Schlafs oder etwas Essen hier und da und mit dem Versuch, den zwei klügsten Köpfen der Horde und einer Armee, die gegenüber den Nachtelfen eine Überzahl von acht zu eins hatte – jetzt vielleicht sogar noch mehr –, einen Schritt voraus zu bleiben.

Sie wandte sich ihrer herzzerreißenden Aufgabe zu. Aus irgendeinem Grund hatte sie die Klinge des Verlassenen behalten, der Anaris getötet hatte. Sie nahm sie von ihrem Gürtel und untersuchte sie darauf, ob das tödliche Gift noch daran haftete. Es war noch da, auch wenn es jetzt unter dem getrockneten Blut der ehemaligen Kommandantin des Eschentals schwer zu erkennen war. Delaryn schritt zu einer Schildwache, die von dem Pfeil eines Waldläufers getötet worden war. Sie kniete sich neben die gefallene Nachtelfe, zog den Schaft heraus … und stieß die vergiftete Klinge in die Wunde.

Einige der anderen keuchten leise hinter ihr und ihr eigenes Herz schmerzte. Vergebt mir. Ich bete, dass Ihr heute weitere Leben retten werdet.

Als sie die Klinge herauszog, hielt sie sie so, dass das schwarze, teerartige Gift an der Öffnung der Wunde zu sehen war. Dann ging sie zum nächsten Leichnam weiter. Schließlich tat es der Rest der Schildwachen ihr gleich. In diesem Moment liebte sie sie innig, denn sie verstand sehr gut, wie viel Überwindung es sie kostete … und welch ein Vertrauen sie in ihre Führung setzten.

Tavar hatte mehrere Phiolen mit Gift zu dieser traurigen Aufgabe beigetragen. Delaryn dankte dem jungen Schurken und hasste sich selbst für das, was sie ihn gleich fragen würde.

„Ihr seid sehr geschickt und talentiert“, sagte sie.

Seine Wangen liefen rot an und er verbeugte sich. „Ich fühle mich geehrt, dass Ihr so denkt.“

„Fühlt Euch nicht geehrt. Seid lieber besorgt“, antwortete Delaryn. „Ich möchte Euch um etwas bitten, das Euch vermutlich das Leben kosten wird.“

Er wurde ernst und zeigte auf die Leichen, die sie umgaben. „Sollte es so sein, werde ich mit Stolz zu ihnen stoßen.“

Sein Mut brachte sie fast zum Weinen. Doch sie konnte es nicht. Elune wusste, es würde noch genug Zeit für Tränen geben, für Klagelieder, um die Gefallenen zu ehren, so denn irgendjemand von ihnen überlebte, um zu singen oder zu weinen.

„Ihr macht Euch gut in den Schatten. Wie sieht es mit dem Töten aus?“

Er lächelte, beinahe grausam, und sah für einen Augenblick nicht mehr jung aus. „Sehr gut.“

„Und Verkleidungen?“

„Ganz vortrefflich.“

 Sie musste fast lachen. „Man könnte meinen, es gäbe nichts, was Ihr nicht könnt, Tavar.“ Dann fügte sie in einem ernsteren Tonfall hinzu: „Antwortet nicht, um mich zu beeindrucken. Antwortet aufrichtig. Wir können es uns jetzt nicht leisten, zu versagen.“

„Ich kann Leben nehmen und das habe ich auch schon“, sprach er in einem ähnlichen Tonfall wie sie. „Und ich kann mich wirklich ausgezeichnet verkleiden.“

„Zeigt es mir.“

Tavar zögerte. „Jetzt?“

„Wir haben später Zeit, Euch mit angemessener Kleidung auszustatten. Doch jetzt – zeigt mir, welches Bild Ihr nur mit Euch selbst als Farbpalette malen könnt.“

Er stockte erneut. Verdrossen wandte sie sich ab – und hielt dann inne, als eine Hand nach ihrem Arm griff. Verglichen mit der Hand eines Nachtelfen war sie stämmig – kürzere Finger, breitere Handfläche. Delaryn drehte sich um und blickte auf das Gesicht eines Menschenmannes mit feinen Gesichtszügen herab.

„Das ist das Beste, was ich im Moment bewerkstelligen kann“, sagte er mit dem unverkennbaren Akzent eines Eingeborenen von Sturmwind. Und erst jetzt bemerkte sie zu ihrer eigenen Überraschung die langen Ohren eines Kaldorei. Aus irgendeinem unerfindlichen Grund war ihr Blick vorher nicht darauf gefallen. Sie schüttelte den Kopf und sagte: „Verwandelt Euch zurück.“

Er richtete sich auf und der trügerische Schatten, in den er sich gehüllt hatte, fiel von ihm ab.

Sie überlegte. „Wie gut könnt Ihr einen Verlassenen darstellen?“

Tavar grinste.

* * *

Alles hing von einer List ab, was keine von Delaryns Stärken war. Doch es war die einzige Möglichkeit außer der, zu kämpfen und zu sterben, während die Belagerungsmaschinen der Horde auf ihrem unerbittlichen Marsch gen Teldrassil über ihren Leichnam rollten.

 Als ihre eigenen Späher zurückkehrten, meldeten sie, dass ebenjene der Horde nur wenige Stunden entfernt waren. Delaryns Begleiter verschmolzen mit den Schatten des Waldes, der Astranaar umhüllte. Delaryn selbst hockte in einem Baum und dachte darüber nach, wie einfach es für Ferryn gewesen wäre, ihn hinaufzuklettern. Sie konnte ihn beinahe auf einem der obersten Äste sehen, sein Schwanz verspielt zuckend, während er darauf wartete, dass sie ihn einholte.

Sie sollte akzeptieren, dass er tot war. Doch wenn sie es tat, dann würde sie um ihn trauern müssen, und das konnte sie nicht. Noch nicht. Und so hatte sie sich eingeredet, dass er an einem anderen Ort kämpfte. Es gab mehr als genug Möglichkeiten, Mitglieder der Horde zu töten. Und er liebte einen guten Kampf.

Liebt einen guten Kampf …

Die erste Prüfung waren die Späher der Horde. Würden sie bemerken, dass etwas nicht stimmte? Sie sehen müde aus, dachte sich Delaryn. Und ganz wie erwartet steckte einer von ihnen – ein Blutelf – nach einem oberflächlichen Streifzug entlang des Sees von Astranaar (auf dem sie natürlich nicht eine Spur der Elfen gefunden hatten, die sich nur wenige hundert Schritte entfernt versteckt hielten) die Spitze seines Stiefels unter einen Leichnam und hob ihn abschätzig an.

„Schurkenklinge“, sagte er.

„Hier auch“, antwortete ein Troll. Er schnüffelte an einer zweiten Leiche. „Blutig.“

Delaryn spannte sich an. Würde der Troll weitere Untersuchungen vornehmen? Den Umhang anheben und die klaffende Wunde entdecken, die darunter verborgen war? Dann würde nichts anderes übrigbleiben, als die Späher zu töten und das Gebiet der Horde zu überlassen.

„Aber ich kann den Gestank vom Gift riech’n“, fuhr der Troll fort.

„Wer nicht gestorben ist, ist geflohen, schätze ich“, sagte der Blutelf. „Feiglinge.“

„Die Feiglinge ham aber viele von uns umgebracht“, antwortete der Troll.

Der andere Späher zuckte mit den Schultern.

Trotz all ihrer Erschöpfung hätte Delaryn vor Freude aufschreien können.

Die Stunden vergingen. Die Infanterie der Horde traf ein und errichtete ein Basislager auf der gut zu verteidigenden Insel – wie Delaryn es vorgesehen hatte.

Karren und Wagen polterten heran. Delaryns Muskeln schmerzten von all dem Stillhalten, doch sie spannten sich an, als Hochfürst Saurfang von einem der Wagen herabstieg. Er war schlauer – und vorsichtiger – als die meisten anderen, die sie in dieser Armee gesehen hatte. Würde er bemerken, was den anderen entgangen war?

Er bemerkte es nicht. Stattdessen erkundigte er sich nach einer Schlacht, die nicht stattgefunden hatte, und grunzte seinen Beifall, als eine Orcfrau berichtete, dass die Nachtelfen von ihren Schurken getötet worden waren.

Saurfang kam in Reichweite von Delaryns Bogen, doch weder sie noch jemand anderes schoss. Stumm dankte sie Elune für ihrer aller Zurückhaltung und Disziplin. Eine Stunde später trafen die verhassten Belagerungsmaschinen ein und kamen entlang der Hauptstraße nach Astranaar zum Stillstand.

Delaryn glitt am Baum hinunter und setzte ihre Wache auf einem niedrigeren Ast fort. Der Ast war lang genug, sodass sie einen hervorragenden Blick auf das Innere des Gasthauses und einen seiner Eingänge hatte. Ihr Blick traf den Tavars, der in einem anderen Baum wartete, und sie nickte ihm zu.

Er erwiderte das Nicken … und verschwand. Eine halbe Stunde später näherte sich ein Verlassener, größer als die meisten anderen und mit der Rüstung und dem Abzeichen von Sylvanas Windläufers Leibwache ausgestattet, dem Gasthaus. Es dauerte drei volle Herzschläge, bis ihr klar wurde, dass es sich dabei um den jungen Tavar handelte. Elune hat Euch mit einer Gabe gesegnet, so dunkel sie auch sein mag, dachte sie. Möge ihr Segen Euch folgen.  

Selbstbewusst schritt Tavar auf das Gasthaus zu. Das war die letzte Prüfung, von der alles abhing. Wenn Tavar erfolgreich war …

Am Eingang hielt er inne. Sie lehnte sich nach vorne, bemühte sich, etwas zu hören, und staunte über das seltsame, düstere Timbre eines Verlassenen in seiner Stimme. Er war sehr gut.

„Hochfürst Saurfang? Nach draußen, sofort.“

Doch Hochfürst Saurfang fühlte sich nicht kooperativ. Er fixierte Tavar mit stechendem Blick und wandte seine Aufmerksamkeit dann wieder seinen Karten zu. Er sagte etwas, das Delaryn nicht vernehmen konnte. Sie hörte noch angestrengter zu.

Tavar versuchte es erneut: „Der Kriegshäuptling wartet auf Euch. Befolgt Ihr ihre Befehle nicht, Hochfürst?“

Delaryn legte die Stirn in Falten. Seid vorsichtig, Tavar.

Glücklicherweise schien Saurfang das überzogene Schauspiel nicht zu bemerken, denn er stapfte in Richtung Tür los. Dann hielt er plötzlich inne.

Hat er …

Hatte er nicht. Saurfang hatte lediglich seine Axt auf dem Tisch vergessen und holte sie jetzt.

Doch eine andere Orcfrau hatte bemerkt, was ihrem Kommandanten entgangen war. Delaryns Herzschlag wurde schneller, als die Orcfrau sich zwischen Saurfang und Tavar stellte und etwas sagte, das Delaryn nicht hören konnte.

„Ich bin der Abgesandte meiner Königin“, sagte Tavar. „Das sollte für Euresgleichen genug sein.“ Delaryn konnte die aufsteigende Panik in seiner Stimme hören und sprach ein Gebet zu Elune, dass der Feind es nicht bemerkt hatte.

Saurfang packte seine Axt und sprach noch mehr Worte, die Delaryn nicht hören konnte.

„Ihr habt Eure Befehle. Nach draußen, Hochfürst. Wie lange wollt Ihr Euch dem Kriegshäuptling noch widersetzen?“ Tavar hatte sich wieder gesammelt. Seine Stimme klang beinahe gelangweilt.

Doch es war zu spät. Delaryn wusste es und sie vermutete mit einem schmerzhaften Anflug von Trauer, dass es Tavar ebenso erging.

Saurfang schritt nach vorn, und jetzt konnte Delaryn den alten Orc hören. „Ich glaube nicht, dass der Kriegshäuptling Euch kümmert. Sagt mir, Nachtelf, bei welchem Namen nennt Malfurion Euch?“

Elune … bitte nicht …

„Zieht Eure Klingen, Assassine, oder sterbt auf der Flucht!“

Es gab nichts, was Delaryn hätte tun können. Hilflos, trauernd und wütend sah sie zu, wie Saurfang angriff, wie Tavar – so jung, so talentiert und vielversprechend – seine Dolche zog und nach dem Hochfürsten der Horde stach. Der Hieb traf sein Ziel nicht.

Saurfang hingegen traf sein Ziel und durchschnitt grausam den Hals des jungen Elfen.

Die Tarnung verschwand, als Tavar auf die Bodendielen fiel, und Delaryn sah durch einen Schleier sinnloser Tränen ein letztes Mal sein wahres Antlitz. Das tat auch der Orc, und Überraschung zeigte sich auf seinem verwitterten grünen Gesicht, als Saurfang bemerkte, wie jung sein Gegner gewesen war.

Saurfang sagte etwas. Seine Stimme klang beinahe sanft. Tavar spuckte dem Hochfürsten auf die Stiefel, bevor er starb.

Jetzt – zu spät für Tavar – schritt Saurfang aus dem Gasthaus heraus. Delaryn hatte sich eingeredet, über Wut und Trauer erhaben zu sein, doch darin lag sie falsch. Ihre Hände krampften sich um die Äste. Ihr hattet Erfolg, Tavar. Findet nun Euren Frieden.

„Hört mir gut zu! Muss die Horde wirklich daran erinnert werden, dass wir im Krieg sind?“, bellte Saurfang zornig. „Braucht die Horde …“

Er brach plötzlich ab.

Nein, schrie Delaryn innerlich.

Erschöpft vom Kämpfen und vom Mangel an Schlaf war der alte Krieger beinahe – beinahe – unachtsam genug geworden, damit der Hinterhalt funktionieren konnte.

Er wird trotzdem funktionieren, redete sie sich ein.

Der Hochfürst der Horde eilte zur vermeintlichen Sicherheit des Gasthauses von Astranaar, doch der Boden unter seinen Füßen begann zu zittern wie ein wildes Tier, das sich auf den Angriff vorbereitet. Die Luft fühlte sich dicht und schwer an und Delaryn genehmigte sich trotz ihrer Anspannung ein wildes, fast schon grausames Grinsen. Sie hielt sich die Ohren zu. Das gewaltige Grollen – wie ein Felsstück, das von einer Klippe abbrach – machte sie trotzdem nahezu taub, als die Erde unter dem Aufschlag erzitterte.

Malfurion Sturmgrimm landete, Zorn, Anmut und Macht ausstrahlend, dort, wo Saurfang noch vor kaum mehr als einer Sekunde gestanden hatte.

Lok-Narash!“, rief Saurfang.

Zu den Waffen“ … in der Tat, dachte Delaryn.

Jetzt. Für Tavar und Vannara und Marua und sogar Anaris. Für Ferryn. Für all jene, die ihr Leben gegeben hatten. Delaryn glaubte nicht an Vergeltung. Doch sie glaubte an Gerechtigkeit. Und das hier … das hier war Gerechtigkeit.

Mit lauten Schlachtrufen sprang die Kompanie der Elfen aus ihrer Tarnung in den Bäumen hervor und stand ihrem geliebten Shan’do im Kampf bei.

Der gutmütige, beschützende Shan’do mit seiner sanften Stimme und mit Bewegungen, die so leicht waren, dass sie das Gras, auf das seine katzenartigen Pfoten traten, kaum zu zerdrücken schienen, war verschwunden. An seine Stelle war die Verkörperung der zornigen Natur selbst getreten. War Malfurion auf irgendeine Weise größer geworden? Er schien die Horde zu überragen, die jetzt die Flucht ergriff – neben ihm sahen selbst die Tauren schwach und zerbrechlich aus. Delaryn erschauderte vor wilder Freude und der Aussicht auf den Sieg … und auf Saurfangs Tod.

Der Hinterhalt hatte die Horde so gut wie unvorbereitet getroffen und ihre Mitglieder gaben leichte Ziele ab, während sie versuchten, sich wieder zu sammeln. Die angeschlagenen Kaldorei, die ihrem Feind zahlenmäßig stark unterlegen waren, konnten diesen Nachteil in den ersten wenigen Momenten etwas entschärfen.

Delaryn zog Pfeile, ließ sie fliegen, zog abermals Pfeile, wieder und wieder. Sieben Mitglieder der Horde fielen durch Pfeile, die aus ihren Augen und Hälsen herausstanden, noch bevor sie überhaupt feststellen konnten, aus welcher Richtung die Bedrohung kam. Die Druiden unter ihnen waren Raubtiere, die nach Beute suchten, und ihre Krieger … ihre Waffen spalteten Feinde, schlugen Köpfe ab, durchstachen Rüstungen. Die Hordenkrieger starben wie die Fliegen.

Malfurion hatte Saurfang in das Gasthaus verfolgt. Schmerzensschreie erklangen aus dem Inneren, zusammen mit dem trotzigen Brüllen Saurfangs. Delaryn hatte nicht viel Aufmerksamkeit dafür übrig, doch sie konnte in dem Getöse ein Wort heraushören: Mak’gora. Der alte Orc forderte Malfurion Sturmgrimm zu einem Ehrenduell heraus.

Das war fast – fast – schon erheiternd. Später, bei einem Glas Wein mit Ferryn in dem von ihnen geretteten Darnassus, würde sie darüber lachen.

Doch vorerst tötete sie weiter.

Sie hörte Malfurions Reaktion auf die Herausforderung nicht. Doch sie konnte das Ächzen und Knarren vernehmen, sah, wie die Wurzeln aus dem Boden platzten und an den Wänden des Gasthauses nach oben schnellten, wie ihre Ranken nach dem massiven Stein griffen und ihn auseinanderrissen. Der Krach war ohrenbetäubend und die bislang wackeren Krieger der Horde wankten.

Das kam sie teuer zu stehen. Immer mehr fielen den Angriffen der Kaldorei zum Opfer.

Dann begann das Dach einzustürzen. Saurfang befand sich immer noch im Inneren.

Elune war gütig.

Aber dann … Delaryn erzitterte heftig. Ein Instinkt älter als die Zeit selbst ließ sie zurückschrecken. Die Haare an ihren Armen richteten sich wieder auf, und zwar nicht wegen der Präsenz von Malfurion und seiner nahezu gottgleichen Gewalt über die Natur, sondern wegen etwas anderem – etwas Verdorbenem, Falschem, etwas Unnatürlichem.

Der Pfeil, dessen geisterhafte, dunkle Streifen aus violettem Rauch sich schlangenartig um seinen Schaft wanden, galt nicht ihr, doch er flog nur einen Fingerbreit an ihrer Wange vorbei. Wenige Schritte weiter überkreuzte Malfurion seine Arme vor seinem Gesicht. Die Federn, die sie zierten, flatterten im Schwung der Bewegung. Der Pfeil explodierte vor ihm, während er in smaragdgrünem Licht gebadet zu sein schien. Die Farbe der Natur. Die Farbe des Trotzes der Kaldorei.

„Nein!“, entwich Delaryn ein qualvoller, wütender Protestschrei. Wir hatten sie! Es hätte genau hier enden sollen!

Ihr Schrei erregte die Aufmerksamkeit der Bansheekönigin. Sie hatte bereits einen zweiten Pfeil gezogen und abgefeuert, doch sie hielt inne und drehte sich um. In diesem Moment erschütterte ein weiteres Beben die Erde und das, was von dem Gasthaus übriggeblieben war, stürzte in sich zusammen.

Glühend rote Augen trafen Delaryns Blick und dunkle Lippen verzogen sich zu einem kaltblütigen Lächeln. Der Blick durchbohrte Delaryn, als wäre er selbst ein Pfeil. Dann wandte Sylvanas Windläufer ihre Aufmerksamkeit einem würdigeren Gegner zu.

Delaryn hätte sich glücklich schätzen müssen. Nur wenige ihres Volkes hatten diesen Blick erhalten und überlebt. Doch alles, was sie fühlen konnte, während Malfurion einen herausfordernden Schrei ausstieß und die grüne Energie des Lebens auf Sylvanas’ giftigen Todeshauch prallte, war Verbitterung. Verbitterung und Kälte.

Unter der Horde brach wilder Jubel aus. Malfurions Erscheinen hatte sie verschreckt und der Einsturz des Gasthauses über ihrem Hochfürsten hatte sie in einen Schockzustand versetzt. Doch dank der Präsenz ihres Kriegshäuptlings wich diese Beklommenheit einem neu auflodernden Zorn.

Malfurion hatte mit der Ankunft von Sylvanas Windläufer gerechnet und Delaryn entsprechende Anweisungen gegeben, was in diesem Falle zu tun war. So Elune es will, wird Saurfang getötet und der Rest seiner Streitkräfte zermürbt, bevor sie eintrifft. Auch wenn dies nicht geschieht, müsst Ihr Euch nach Norden zurückziehen, hatte er geschrieben. Ich werde an der Grenze zwischen dem Eschental und der Dunkelküste zu Euch stoßen, sofern ich kann.

Sie sollten sich nach Norden zurückziehen, um zu sehen, ob durch irgendeine glückliche Fügung die gen Feralas segelnde Flotte Malfurions Botschaft erhalten hatte und rechtzeitig angekommen war.

Wir waren unserem Ziel so nahe.

Delaryn hob das Horn an ihre Lippen und blies das Signal zum Rückzug.

Astranaar war eine vernünftige Wahl für ein derartig gefährliches Wagnis gewesen. Ein Wagnis, das sich zum Teil ausgezahlt hatte. Doch das nördliche Eschental war ein noch besserer Verbündeter für die Nachtelfen, mit dem Ozean auf einer Seite und einer schier unpassierbaren Gebirgskette auf der anderen. Wenn sie ihren Preis einfordern wollte, würde die Horde einen äußerst schmalen Pfad durch den Wald einschlagen müssen.

Und es gab noch etwas, das den Nachtelfen helfen würde – etwas, womit der Feind vielleicht nicht gerechnet hatte.

* * *

Jetzt, da sie nicht mehr von den Kaldorei angegriffen wurde, kam die Horde überraschend schnell durch den nordwestlichen Teil des Eschentals voran. Sie hatte den Sieg vor Augen, was sie schneller marschieren ließ.

Trinkt nicht voreilig aus diesem Kelch, dachte Delaryn. Wir werden euch so lange Widerstand leisten, wie auch nur einer von uns atmen kann – und selbst danach noch.

Wie er versprochen hatte, traf Malfurion an der Grenze auf Delaryns Streitkräfte. Bei ihm war jemand, den die Kommandantin nie wieder zu sehen befürchtet hatte – Eriadnar. Die beiden umarmten sich innig und Delaryn dankte Elune, dass Eriadnar überlebt hatte. Eriadnar, der Erzdruide, Delaryn und die Überreste ihrer Kompanie warteten, so fürchterlich in ihrer Zahl geschwächt seit diesem ersten, schrecklichen Moment, als Ferryn ihren angehenden Mörder im Baum getötet hatte. Die Nachtelfen wogen ihren Hass und ihren Wunsch, endlich zu handeln, mit der Geduld jener aus, die ein langes Leben geführt hatten.

Delaryn wurde nach Süden geschickt, um den Feind zu beobachten und zu beschatten. Die Horde hatte ein provisorisches Lager im freien Feld am Ufer nahe den Ruinen des Außenpostens von Zoram’gar aufgeschlagen. Sie wusste, dass die Nachtelfen sich nicht dorthin wagen würden. Der Kriegshäuptling war zugegen, eine schlanke, geschmeidige Gestalt unter den massigeren Trollen, Tauren und Orcs, und Delaryn sah mit einer gewissen Enttäuschung, dass Saurfang seine Begegnung mit Malfurion überlebt hatte.

Der Orc war zu weit entfernt, als dass sie hätte verstehen können, was er sagte, doch er schrie und Jubel brandete auf, als mehrere Soldaten nach vorn sprangen. Er rief nach Freiwilligen. Über einhundert bewaffnete und gerüstete Kämpfer der Horde bewegten sich vom Strand hin auf den Schatten des Waldes zu.

Kommt nur, Saurfang. Wir sind auf Euch vorbereitet. Wir alle sind auf Euch vorbereitet.

Delaryn hatte in ihrer Ausbildung gelernt, einen würdigen Gegner zu respektieren. Dennoch empfand sie eine gewisse grimmige Schadenfreude, als sie über die nächsten Stunden der Horde dabei zusah, wie sie Schritt für Schritt anrückte und mit jedem Moment, in dem sie nicht angegriffen wurde, immer nervöser wurde. Geduld konnte manchmal so herrlich sein.

Ein Schauspiel, hatte Malfurion in seine Anweisungen geschrieben. Delaryn hatte nicht verstanden, was es zu bedeuten hatte. Doch jetzt verstand sie es. Sie würden schon bald ein tödliches Theaterstück aufführen, bei dem es auf Illusion, Halbwahrheiten und Mysterien ankam.

Und so wartete sie. Der Wald war nicht vollkommen dunkel: Leuchtende, unwirkliche Kugeln flogen dort hin und her. Wer nicht verstand, was sie waren, würde die Lichter vielleicht hübsch und ein wenig verlockend finden. Jene, die im Bilde waren, betrachteten sie mit Respekt, Ehrerbietung, Dankbarkeit … oder Furcht. Denn es waren Irrwische, die Geister der geliebten Toten der Kaldorei. Für einen Augenblick fragte sich Delaryn, ob wohl einige der heute Gefallenen unter ihnen waren – ob Ferryn unter ihnen war – doch sie verbannte den Gedanken wieder. Jetzt gab es weniger Zeit für Ablenkungen denn je.

Ein Troll wedelte verärgert mit einer dicken, dreifingrigen Hand nach einigen Irrwischen, die um ihn herumhuschten. Der Schweif einer Tauren und ihre Ohren zuckten, als wären diese Lichter, gerade einmal von der Größe des Kopfes eines Kaldorei, nichts weiter als lästige Insekten.

Narren, dachte Delaryn. Kommt nur …

Es dauerte noch einige Minuten, bis Saurfang sich der Gefahr bewusst wurde. In der grässlichen, kehligen Sprache der Orcs rief er den Befehl zum Rückzug. In seiner Stimme schwang Angst mit.

Und es gab Grund dazu. In kleinen Gruppen waren die Geister der Toten tatsächlich harmlos. Doch in großer Zahl konnten sie einen Dämonenfürsten erlegen – was sie auch schon getan hatten.

Und jetzt beorderte Malfurion Sturmgrimm die wichtigsten Darsteller dieses Dramas auf die Bühne. Seine Stimme grollte wie Donner. „Ash karath“, rief er. Tut es!

Seine Worte waren gleichermaßen ein Befehl an die Geister und eine spöttische Kampfansage an die Horde. Letztere zog sich so schnell sie konnte zurück – zumindest die Schlaueren unter ihnen, die auf Saurfang gehört hatten.

Die Dunkelheit des Waldes erhellte sich, als die Irrwische dem Befehl des Shan’do folgten. Zu spät verstanden all die Mitglieder der Horde, die sich in die Schatten der Bäume gewagt hatten, was um sie herum geschah. Die Irrwische stießen als solide Lichtfläche auf jene herab, die zu töricht oder verwirrt gewesen waren, um mit ihrem Kommandanten zu fliehen. Sie verbargen sie vor Blicken – machten sie aber nicht unhörbar. Im ganzen Wald waren gequälte Schreie zu hören. Und Delaryn freute sich, dieses Lied zu vernehmen.

Die verbleibenden Soldaten der Horde flohen verzweifelt und vergeblich. Ein Orc, riesig und vor Waffen strotzend, stolperte über eine der Dutzenden von Wurzeln, die sich jetzt an die Oberfläche schlängelten, und schlug hart auf dem Boden auf. Eine weiße, surrende Wolke senkte sich auf ihn. Einen Augenblick später hob sich die Wolke wieder und segelte zum nächsten Opfer des Zornes der Irrwische. Dabei ließ sie nichts als verkohlte Skelette zurück, und manchmal auch nur Asche.

„Zu mir!“, rief der Shan’do.

Das war das Stichwort für den Auftritt der Elfen in diesem Theaterstück um Leben und Tod. Sie stiegen aus dem Unterholz oder ließen sich von den Ästen fallen, in denen sie sich verborgen hatten, und stießen zu ihrem Anführer, der dem Feind hinterherjagte. Die Irrwische surrten wütend und attackierten die Horde, während sie dorthin zurückfloh, wo sie hergekommen war.

Delaryn hatte geschätzt, dass mehr als einhundert den Hochfürsten begleitet hatten. Nur eine Handvoll – nicht mehr als ein Dutzend – schaffte es zurück zum Ufer in der Nähe des Außenpostens von Zoram’gar. Der Rest war von den Irrwischen vernichtet worden.

Als seine Soldaten den Rand des Waldes erreicht hatten, rief Malfurion den Befehl zum Anhalten. Er hob seine mächtigen muskulösen Arme und die Irrwische flogen als leuchtender Schwarm auf ihn zu. Sie bildeten eine Mauer, die ihre lebenden Brüder und Schwestern verhüllte.

Einige Augenblicke später teilte sich die Mauer aus Irrwischen wieder auf seinen stummen Befehl hin. Sie zog sich wie ein Vorhang zurück und enthüllte Malfurion Sturmgrimm auf einer kleinen Anhöhe. Jeder Soldat unter seinem Befehl war vor ihm aufgereiht, sodass ihre Zahl größer schien. Um sie herum bewegten sich die Zweige der Bäume und griffen nur nach Luft … vorerst.

„Bis hierher und nicht weiter.“ Malfurions volle und hallende Stimme wurde durch die stille Luft zur Horde getragen, die sich am Ufer versammelt hatte. „Die Horde unternimmt keinen weiteren Schritt in unser Land. Nicht, ohne mit dem Leben dafür zu bezahlen. Das schwöre ich.“

Der Vorhang aus lebendem Licht schloss sich wieder.

Ein Schauspiel.

Nun war die Horde wieder am Zug.

Delaryn erschlaffte ein wenig, doch sie lächelte. „Shan’do“, fragte sie, „woher wusstet Ihr, dass es funktionieren würde?“

Malfurion lächelte. Für gewöhnlich machte dieser Ausdruck sein Gesicht sanfter, doch jetzt betonte er nur seine Wildheit. Er verneigte sich tief vor den Lichtern, die seinem Ruf gefolgt waren. „Angst ist ein nützliches Werkzeug, wenn sie schlau eingesetzt wird. Die Horde ist mächtig“, sagte er mit vor Entschlossenheit donnernder Stimme, „und ihre Mitglieder sind intelligent. Doch viele sind zutiefst abergläubisch. Ich habe damit gerechnet, dass diese schützenden Geister nicht nur jene vernichten würden, die sie umschlingen – sie sollten auch diejenigen verängstigen, denen die Flucht gelingt. Diese Angst wird sich in der restlichen Armee der Horde verbreiten. Sie können nicht weiterziehen, ohne sich den Irrwischen, unseren Pfeilen und dem Zorn des Waldes zu stellen.“

Sein Blick schweifte über die zu ihm aufgereckten Gesichter. „Dies ist unser Land. Unsere Heimat. Sie werden nicht siegen. Wir werden bis zu unserem letzten Atemzug kämpfen, wenn es sein muss. Wir werden hier standhalten, solange …“

Der große Druide unterbrach sich, denn er hatte etwas bemerkt. Er richtete seinen Blick gen Himmel. Delaryn sah nach oben und erblickte zuerst nichts – dann entdeckte sie eine Sturmkrähe. Sie flatterte zum Shan’do hinunter und wechselte ihre Gestalt zu der einer jungen Kaldorei. Sie kniete vor ihm nieder, offenbar zu nervös, um ihm ins Gesicht zu blicken. „Großer Shan’do“, sagte das Mädchen, „ich komme von Generalin Shandris Mondfeder. Die Flotte ist hier!“

„Elune hat unsere Gebete erhört!“, rief Malfurion und Jubel brandete auf. Der Klang von Kanonenfeuer bestätigte die Worte der jungen Druidin. Delaryn konnte nicht an der strahlenden Barriere aus Irrwischen vorbeisehen, doch ihr Herz machte einen Sprung.

Zwischen dem Knallen der Waffen der Kaldoreischiffe konnten Delaryn und die anderen leise hören, wie Saurfang Befehle zum Rückzug bellte. Jetzt hatten sie keine Möglichkeit mehr, ihre Belagerungsmaschinen ans Ufer zu bekommen. Jede Bemühung würde dazu führen, dass die großen Waffen zu Kleinholz geschossen wurden.

Die Armee der Horde war festgenagelt – zwischen dem Zorn von Elfengeistern und der Macht von Elfenschiffen. Sie konnte immer noch triumphieren. Sie war in der Überzahl. Doch sie würde die Irrwische Schritt für Schritt zurückdrängen müssen und jeder von ihnen würde Opfer unter der Horde fordern. Sie würde nur langsam vorankommen und stünde dabei unter ständigem Beschuss durch Kanonenfeuer. Es würde Wochen dauern – und die Verstärkung der Allianz hatte die Segel bereits vor Tagen gesetzt.

Wir könnten gewinnen, dachte Delaryn und ihr wurde von der Tragweite dieser Offenbarung beinahe schwindelig.

* * *

Teshara war mit einem grimmigen Grinsen und mit guten Neuigkeiten zu Shandris zurückgekehrt, obwohl sie und die Mannschaften der Flotte das willkommene Leuchten von Irrwischlicht bereits erblickt hatten. Sie hatten die Horde von ihrem komfortablen Lager am Meer an den Rand des Waldes getrieben – wo Malfurion Sturmgrimm schon auf sie wartete.

„Der Shan’do hat die Irrwische gerufen, um unsere Heimat zu verteidigen“, sagte sie. „Unsere Reihen sind dezimiert, doch die Überlebenden versperren der Horde den Pfad nach Teldrassil. Alle Wege des Feindes sind blockiert.“

Die Worte kamen mit der Überzeugung, die nur den Jüngsten gewährt wird, doch Cordressa wusste, dass sie vollkommen stimmten. Mit dieser neuen Hoffnung ließ sie es sich nicht nehmen, die jüngere Elfe aufzuziehen. „Nein, ein Weg steht ihm noch offen“, sagte sie. „Er kann mit eingezogenem Schwanz zurück nach Hause rennen.“

Mit Ausnahme des Rückzugs sah sich die Horde auf allen Seiten dem Tod gegenüber. Die Flotte bombardierte sie aus dem Westen. Malfurion und die Soldaten der Kaldorei, lebende wie tote, hinderten sie am weiteren Vormarsch nach Norden und im Osten lagen der Teufelswald und unwegsames Gebirge.

„Es ist noch zu früh zum Feiern“, warnte Shandris und senkte ihr Fernglas. „Sie haben die Küste verlassen, doch wenn wir unsere Reichweite erhöhen, riskieren wir die Zerstörung der Irrwische.“

Teshara sank in sich zusammen und die Überschwänglichkeit verließ Cordressa. „Dennoch haben wir sie in der Falle, es sei denn, sie ziehen sich zurück.“

„So ist es. Und wir können sie hier festnageln, bis die Schiffe aus Sturmwind eintreffen.“

„Können wir nicht jetzt angreifen?“, fragte Teshara. „Am Strand?“

„Es sind noch nicht all unsere Schiffe eingetroffen, junge Schwester, und wir haben nicht die Truppenstärke für einen entscheidenden Sieg im Nahkampf. Nein, die Zeit ist unser Verbündeter. Für den Augenblick haben wir uns einen Vorteil verschafft. Sollten sie versuchen, uns zu bombardieren, haben wir eine Chance, ihre Belagerungsmaschinen zu zerstören. Wir warten.“

Sie lächelte. „Und wir werden gelegentlich auf sie feuern, nur um sie daran zu erinnern, dass wir hier sind.“

* * *

Die Stunden krochen vorüber und immer mehr Schiffe trafen ein. Einige an Bord der Schiffe schliefen. Andere spielten Spiele, um die Zeit totzuschlagen. Der Himmel wurde erst vom abendlichen Zwielicht eingefärbt, dann von der Nacht. Teshara kehrte von einem Erkundungsflug zurück und berichtete, dass eine große Zahl – hunderte Soldaten der Horde – ausgeschickt worden war, um durch die Berge des Teufelswaldes nach einem Weg zur Dunkelküste zu suchen. Als sie das hörte, musste Shandris schmunzeln.

„Ihnen muss klar sein, dass diese Bemühungen aussichtslos sind“, sagte sie.

Cordressa stimmte zu: „Weniger Horde, um die man sich kümmern muss.“

Später beschwerte sich die junge Druidin über Langeweile. Cordressa lachte, zerzauste ihr die kurzen grünen Haare und sagte ihr, sie solle dafür dankbar sein.

Doch sie alle waren bereit zu handeln. Es war frustrierend, so schnell so weit gekommen zu sein, nur um dann nicht kämpfen zu dürfen.

Ihr Wunsch wurde ihnen schon bald erfüllt.

Die Horde begann, ihre Belagerungsmaschinen heranzurollen. Im Nu sprangen die Mannschaften der Schiffe auf und bombardierten die riesigen Waffen. Etliche wurden in der ersten Salve zerstört, doch der Rest …

Sie schossen nicht mit Steinen auf die Schiffe. Sie schossen mit Feuer: unbeständige, arkanverstärkte Sprengladungen, die ihre Ziele nahezu unverzüglich in Brand steckten. Die Schiffe, die dem Ufer am nächsten waren, wurden zuerst Opfer des Feuers und Cordressa sah mit hilflosem Grauen zu, wie eines der Schiffe wie Zunder in Flammen aufging.

„Zielt weiter auf die Belagerungsmaschinen!“, befahl Shandris, ihr Gesicht vor Schmerz und Wut grimmig und angespannt. Die Schiffe der Kaldorei versuchten mit Kanonenschüssen und Gleven, die Abschussvorrichtungen der unnatürlich tödlichen Sprengladungen zu zerstören.

Flammenlachen breiteten sich auf der Wasseroberfläche aus und bewegten sich auf weitere Ziele zu. Drei Schiffe – nein, jetzt waren es vier – brannten hoffnungslos ab. Jene, die sich an Bord dieser Schiffe befanden, sprangen ins Wasser und schwammen verzweifelt zu den verbleibenden.

Etwas erregte Cordressa Aufmerksamkeit. Eine Bewegung im Wasser, doch nicht die vertraute Form eines Nachtelfen. Ein Orc. Welcher Wahnsinn …

Und dann verstand sie es. „Sie versuchen, die Schiffe zu entern!“, rief sie.

„Bombardement fortsetzen!“, befahl Shandris. Sie beide hatten Pfeile gezogen und begannen, auf die Köpfe der Hordensoldaten zu schießen, die die Wasseroberfläche durchbrachen.

Innerhalb weniger Minuten wurde aus der Langeweile unter der Flotte Chaos – aus völliger Sicherheit die drohende Zerstörung.

Ein weiteres Schiff ging explosionsartig in Flammen auf. Cordressa schoss weiter.

Mehr konnte sie nicht tun.

* * *

Zu welchen Göttern oder Loa oder Ahnen die Horde auch beten mochte, ihre Gebete waren erhört worden.

Malfurions Plan hätte erfolgreich sein sollen. Doch wenn die Irrwische sich nicht eng zusammenschließen konnten, waren sie kaum gefährlicher als Regentropfen. Die Berge hätten nicht passierbar sein sollen – und dennoch waren sie es. Was für einen dunklen Durchgang hatte die Horde gefunden, den die Nachtelfen, die schon so lange hier lebten, übersehen hatten?

Jetzt fand die Schlacht an zwei Fronten statt – vor und hinter ihnen. Die Irrwische wurden versprengt … und getötet.

Er fühlte sie. Sie war jetzt ganz nah. Er hatte die Bansheekönigin lange an der Nase herumgeführt, doch die Zeit für falsche Spiele war jetzt vorbei.

So würde es also enden – nicht mit der Flotte von Sturmwind, die zu ihrer Hilfe segelte, auch nicht mit den Irrwischen, die den Feind zerstörten, sondern im Chaos. Indem sein Plan – der Plan, der nach allen Regeln der Logik hätte funktionieren müssen – sich nun gegen sie wandte.

Jetzt sitzt mein Volk in der Falle, dachte Malfurion. Ich kann es nicht retten, ich kann die Katastrophe nur abmildern.

Er hatte keine Zeit, einen Brief zu schreiben, und auch keine Zeit, es zu unterlassen. Teshara, die junge Druidin, nahm das gefaltete Sendschreiben mit zitternder Hand entgegen. Tränen standen in ihren großen Augen. „Geht nach Darnassus“, sagte er zu ihr. „Lasst sie Euch durch ein Portal nach Sturmwind schicken. Übergebt dies an meine Herrin.“

„Ich will kämpfen! Ich kann die Schlacht hören!“

„Ihr dient mir und Eurem Volk am besten, indem Ihr meine Befehle befolgt.“ Dieses Kind würde noch genug Zeit haben, um zu kämpfen. Die Schlacht um die Rückeroberung des Weltenbaumes würde erbittert sein und sie würde diese Worte womöglich noch zurücknehmen wollen.

Teshara schluckte hart und warf sich dann auf ein Knie. „Es war mir eine Ehre, Euch zu dienen, Shan’do“, sagte sie mit belegter Stimme. Dann erhob sie sich unsicher, sprang auf und verwandelte sich in eine Sturmkrähe.

Delaryn rannte leicht keuchend zu ihm. Ihre Rüstung war mit Blut bespritzt. Keins davon schien das ihre zu sein. „Wir können sie nicht länger aufhalten“, sagte sie.

Der Erzdruide hob sein Gesicht zum Himmel, sah zu, wie die Sturmkrähe verschwand.

„Sylvanas trachtet erneut nach mir“, sagte er ihr ruhig. „Diesmal werde ich zu ihr gehen und sie so lange aufhalten, wie Elune mich lässt.“

Delaryn war mutig und unerschütterlich gewesen, hatte seine Befehle befolgt und dennoch entschlossen reagiert, wo sie es musste. Sie war stark gewesen, hatte den Glauben bewahrt. Sie und jene unter ihrem Befehl hatten so hart gekämpft und so viel geopfert. Doch die Armee der Horde war einfach zu groß. Durch ihre schiere Anzahl hatte sie alles abgeschüttelt, was die Kaldorei gegen sie aufbringen konnten.

Anzahl, Saurfangs Taktiken … und der böse Wille der Dunklen Fürstin.

Tränen rannen an Delaryns Gesicht herunter. Sanft wischte Malfurion sie fort. Einen Augenblick lang schmiegte sie ihre Wange in seine große, tröstende Hand. Dann atmete sie tief ein. Sie wusste es. Die Horde würde Darnassus einnehmen. Jetzt ging es darum, so viele Leben wie möglich zu retten.

„Wie lauten meine Befehle, Shan’do?“, fragte sie leise.

So tapfer. Sie alle waren so tapfer, dachte Malfurion. Sie haben etwas Besseres verdient. Ich wünschte, ich könnte es ihnen bieten. Doch alles, was ich geben kann, ist mein Leben.

„Führt Eure Streitkräfte nordwärts zum Nebelrand“, antwortete er. „Wenn Ihr dort seid … tut alles, was in Eurer Macht steht.“ Malfurion hielt inne. „Kommandantin Sommermond … Ihr habt Euch gut geschlagen. Elune sei mit Euch.“

Sie richtete sich auf, salutierte knapp und rannte dann davon.

Malfurion Sturmgrimm wechselte seine Gestalt und reckte den von einem Geweih gekrönten Hirschkopf empor, während seine Hufe flink über Stein und Gras liefen. Er folgte dem grässlichen Surren dunkler Macht, das in der Luft schwebte. Wenn er sie tötete, würde die Stadt dennoch fallen – doch sie ließe sich einfacher zurückerobern, wenn die Horde ihre Ordnung verlöre.

Und ein Teil von ihm wollte, dass sie für ihre Taten bezahlte.

Er wechselte die Gestalt abermals von Hirsch zu Elf, sandte Befehle an Stein und Wurzel und Erde und Blatt, und er wartete. Als sie erschien, ihn genauso spürte, wie er sie spürte, elegant selbst im Untod, stellte er fest, dass seine Verbundenheit mit Dingen, die so viel größer waren als er selbst, ihm seinen Zorn genommen und nur Trauer hinterlassen hatte – um sein Volk, um seine Liebsten und sogar um Sylvanas Windläufer.

„Hierfür wird es keine Vergebung geben, Sylvanas.“

„Ich weiß.“

* * *

Anduin hatte geglaubt, dafür bereit zu sein. Doch als die Tage vergingen und stets neue Schrecken mit sich brachten, stellte er fest, dass niemand je wirklich bereit für etwas so Herzzerreißendes sein konnte.

Es kamen immer mehr Flüchtlinge. Anduin hatte befohlen, die Portale Tag und Nacht geöffnet zu halten, doch die Magier mussten schlafen und essen, genauso wie jeder der stoischen, doch emotional ausgezehrten Flüchtlinge. Die Kathedrale war jetzt zum Bersten voll und die Priester hatten angefangen, durch Sturmwind zu ziehen und ihr Bestmögliches zu tun, um die Hungrigen, Erschöpften und Verängstigten zu versorgen. Anduin hatte die königlichen Schatzkammern geöffnet, um Decken, Betten und Essen zu bezahlen, und die Gastwirte – und selbst die normalen Bürger – hatten ihre Türen großzügig geöffnet.

Der junge König wusste, dass ihm einige der schlimmsten Aspekte der Krise erspart geblieben waren. Velen war jederzeit bereit, zur Azurmythosinsel zurückzukehren, falls es sein musste, doch bislang schien die Horde versessen darauf zu sein, nach Darnassus zu marschieren, und die Draenei waren im Moment nicht in Gefahr.

Als eine schlanke, junge Kaldorei mit grünem Haarschopf durch ein Portal trat, zwei Briefe fest an sich gedrückt und darauf bestehend, sie sofort an Genn und Tyrande auszuhändigen, wurde sie umgehend zur Hohepriesterin eskortiert, die – zusammen mit Anduin, Genn und Velen – den Verletzten half. Die Botin drückte Genn einen Brief in die Hand. Nach einem kurzen Blick in ihr Gesicht las er umgehend die Notiz und atmete dann vor Erleichterung auf.

Nachdem Tyrande sich aufgerichtet und umgedreht hatte, brach die Druidin abrupt in Tränen aus. Sie händigte ihrer Herrin den Brief aus und begann mit gebrochener Stimme auf Darnassisch zu sprechen. Die Hohepriesterin wurde fürchterlich blass, als sie den Brief las.

Nein, dachte Anduin. Bitte, Licht …

Tyrande schloss das am Boden zerstörte Mädchen in die Arme und tröstete es, auch wenn sich deutlich zeigte, dass sie selbst einen fürchterlichen Schlag erlitten hatte.

„Lady Tyrande“, sagte Anduin, „was ist geschehen?“

Langsam hob die Hohepriesterin den Kopf. „Malfurion Sturmgrimm hat Abschied genommen.“

Die Flüchtlinge, die sie gehört hatten, atmeten scharf ein. Einige begannen zu weinen. Velen und Genn blickten fassungslos drein und Anduin stockte der Atem.

Tyrande fuhr fort. Sie sprach weiterhin mit gespenstischer Gefasstheit, während das Mädchen sich an ihr festhielt: „Die Horde ist ihm und seinen Soldaten in den Rücken gefallen und die Irrwische sind zerschlagen. Jetzt stellt sich mein Geliebter Sylvanas Windläufer, um die Stellung zu halten, während weitere Kaldorei aus einer Stadt fliehen, die schon bald zum Gefängnis werden wird.“ Steif erhob sie sich. „Ich werde zu ihm gehen.“

„Tyrande, das könnt Ihr nicht“, sagte Anduin.

Tyrande, die plötzlich lebendig zu werden schien, warf ihren Kopf herum und starrte ihn an. Verblüfft zog sich das Mädchen zurück und trat zur Seite.

„Seid Ihr sicher, dass Ihr mir das sagen möchtet?“, fragte Tyrande mit bebender Stimme.

Ruhig antwortete er: „Ihr würdet Euer Volk ohne Anführer zurücklassen. In einer Zeit, in der es mehr denn je einen braucht.“ Er deutete auf die Hunderte von Nachtelfen, die sich in der Kathedrale drängten. „Genn, Velen und ich haben bereits geschworen, den Kaldorei zu helfen, den Weltenbaum zurückzuerobern. Sterbt jetzt und Ihr schlagt ein paar Stunden für sie heraus. Lebt und Ihr bietet ihnen eine Zukunft.“

Als Antwort richtete sich Tyrande einfach nur noch gerader auf und blieb stumm.

„Dann geht Ihr also“, sagte Genn. Tyrande nickte. Genn nickte zurück. „Sagt meiner Mia, sie soll nach Hause kommen. Sofort.“

Tyrandes Mundwinkel hoben sich ob Genns Unverblümtheit, doch ihr Lächeln verging schnell.

Anduin akzeptierte, dass er sie nicht umstimmen können würde, doch vielleicht konnte er ihr auf andere Weise helfen. „Als ich jünger war“, sagte er, „lagen mein Vater und ich sehr oft im Streit. Jaina gab mir dies – damit ich ab und an aus der Burg entfliehen konnte.“

Er griff in seinen Mantel und nahm einen kleinen Stein heraus. Er war flach und grau und mit einem blau leuchtenden Wirbel versehen. „Das ist ein Ruhestein“, sagte er. „Früher brachte er mich nach Theramore, damit ich sie besuchen konnte.“ Er lächelte traurig. Die Erinnerungen an diese Besuche waren bittersüß. „Seitdem habe ich ihn auf Sturmwind eingestellt.“

Er hielt ihn Tyrande entgegen. „Nehmt ihn. Bleibt am Leben. Findet Malfurion und bringt ihn zurück. Dann werdet Ihr beide gemeinsam Euer Volk in der Schlacht anführen, um den Baum wiedererlangen – und Sturmwind wird Euch beistehen.“

Sie starrte den Ruhestein einen Moment lang an und griff dann langsam danach. Schließlich schenkte Tyrande Wisperwind ihm ein sanftes, strahlendes Lächeln. „Das werde ich tun, König Anduin Wrynn. Und diesen Moment halten wir als Beginn dieser Schlacht fest.“

Sie beugte sich vor und küsste ihn sanft auf die Wange, dann schritt sie durch das Portal nach Darnassus.

* * *

Als Tyrande herauskam, herrschte Aufruhr.

Nachtelfen drängten sich in engen Schlangen und warteten darauf, durch die Portale – die einzig verbliebene Möglichkeit – aus der Stadt fliehen zu können. Die Magier, die die Portale aufrechterhielten, sahen erschöpft aus. Ihre Arme zitterten, während sie die magischen Pforten geöffnet hielten. Priesterinnen, die genauso ermüdet waren, versuchten, die Massen auf geordnete Weise durch die Portale zu geleiten. Etliche Kaldorei hatten sich am Mondbrunnen versammelt und baten Elune um Sicherheit. Kinder, die für die Besorgtheit der Älteren empfänglich waren, weinten und ihre Eltern hielten sie fest an sich gedrückt.

Jubel brandete auf, als alle ihre Hohepriesterin erkannten.

„Lady Tyrande!“, rief eine Nachtelfe und versuchte, sich durch die Menge zu drücken.

„Hohepriesterin!“, schrie jemand anders.

„Was geschieht hier?“

Die Stimme war menschlich und ihre Besitzerin trat neben sie, nachdem sie sich einen Weg durch die Menge gebahnt hatte. Tyrande blickte auf Mia Graumähne herab. Die Miene der Königin war gefasst, aber ihre Augen waren weit aufgerissen und sie zitterte ganz leicht. Die Hohepriesterin beugte sich hinunter, um ihre Worte zu hören: „Wir haben gehört, dass die Horde die Irrwische zerstört hat, die Schildwachen alle tot sind und die Horde sich mit arkanem Feuer nähert, um den Weltenbaum zu verbrennen.“

„Nichts davon ist wahr“, sagte Tyrande. „Aber … die Horde kommt.“ Sie hielt inne, wünschte sich, die schrecklichen Worte nicht aussprechen zu müssen. „Und sie wird Darnassus einnehmen.“

Mia sog scharf Luft ein, straffte dann ihre Schultern und nickte. „Seid Ihr hier, um uns bei den Evakuierungen zu helfen?“

„Ich kann nicht.“ Tyrandes Stimme brach, während sie die Situation um sich herum betrachtete. „Malfurion stellt sich Sylvanas. Ich muss ihm beistehen. Wenn er diesen Kampf gewinnt, erleidet die Moral der Horde einen herben Schlag. Sie könnte sogar für eine gewisse Zeit in Chaos verfallen. Damit wäre es uns möglich, noch mehr von unseren Bürgern die Flucht zu ermöglichen.“ Sie hielt inne. „Ihr solltet zu Eurem eigenen Gemahl zurückkehren, Königin Mia. Er sorgt sich sehr.“

Mia schüttelte den Kopf. „Noch nicht. Ich bin nur wenige Schritte von einem Portal entfernt“, sagte sie. „Es wird Genn guttun, sich noch etwas länger in Geduld zu üben. Geht. Ich werde den Priesterinnen weiterhin helfen, die Reihen in Bewegung zu halten und die Ruhe zu bewahren.“

Dann sprang Königin Mia auf die Mauer des Mondbrunnens. „Bürger von Darnassus! Ehrt Eure Hohepriesterin! Sie wird sich Malfurion Sturmgrimm im Kampf anschließen!“

Die Menge wurde still und ein Weg wurde freigemacht.

Bewegt hob Tyrande ihre Arme und bat Elune, sie zu segnen. Ihr Volk würde Hoffnung, Mut und Stärke brauchen, um die Bürde auf sich zu nehmen, die schon bald auf seinen Schultern lasten würde. „Oh, mein Volk … wir sind nicht allein“, rief sie. „Malfurion und ich werden alles tun, was in unserer Macht steht, damit so viele von Euch wie möglich in Sicherheit gelangen. Und alle, die bleiben müssen, fürchtet Euch nicht! Wenn Teldrassil in die Hände der Horde fällt, dann wird die Allianz nicht auf sich warten lassen. Wir haben Freunde. Und wir haben unseren Willen. Wir sind Kaldorei!“

Sie jubelten ihr zu, als sie an ihnen vorbeischritt. Sie wusste, dass ihre Worte allein nicht genug waren. Aber vorerst war das alles, was sie tun konnte.

* * *

Es war Nacht. Vom Rücken ihres abhebenden Hippogryphen aus bot sich Tyrande der trostlose Anblick hunderter Nachtelfen, die aus anderen Teilen des Weltenbaumes in Richtung Darnassus flohen, in die Stadt fluteten und die fahlweißen Steine ihrer Straßen und das Grün ihrer Grasflächen bedeckten. Und als die gefiederten Flügel der großen Kreatur schließlich stetig schlugen, brach Tyrandes Herz noch mehr.

Unter ihr brannten etliche Schiffe lichterloh – Schiffe der Flotte, die gen Silithus gesegelt waren, um die Unschuldigen an einer nicht existierenden Kriegsfront zu beschützen. Andere Schiffe der Kaldorei, die noch intakt waren, zogen sich zurück. Am Nebelrand wurde gekämpft. Das ansonsten so willkommene, wunderschöne Licht der Monde erschien grausam. Es leuchtete auf die Kämpfenden herunter und erhellte eine furchterregende Menge an Belagerungsmaschinen, die auf den Baum ausgerichtet waren.

Und viele der elfischen Gestalten am Ufer regten sich nicht.

Einen halben Herzschlag lang wünschte sie sich nichts sehnlicher, als den Hippogryphen landen zu lassen und an der Seite dieser tapferen Kaldorei zu kämpfen, die wussten, dass sie kaum noch etwas Nützlicheres bewirken konnten, als den Feind mitzureißen, wenn sie fielen. Doch Anduin hatte recht. Sie konnte ihr Volk nicht ohne Anführer zurücklassen. Sie und Malfurion wurden mehr denn je gebraucht.

„Vergebt mir“, wisperte sie den Kaldoreisoldaten zu und fröstelte dabei nicht nur von der Kühle der Nachtluft. „Man wird sich an Euch erinnern.“

Sie wandte ihren Blick dem Landesinneren zu und fragte sich, wo Malfurion wohl gegen die verhasste Dunkle Fürstin kämpfen mochte. Sie musste ihn schnell finden. Doch wo war er? Trotz all ihres über Jahrtausende angesammelten Wissens, trotz all der Geduld, die sie sich angeeignet hatte, war sie nicht darauf vorbereitet, ein einzelnes Wesen in dem riesigen Wald unter ihr aufzuspüren. Würde sie etwa alle enttäuschen?

Tränen trübten ihre Sicht. Sie hob ihr Gesicht, um es von den Monden küssen zu lassen. Herrin Elune, betete sie, ihr Herz voll überbordender Leidenschaft, erleuchte meinen Weg.

„Möge Elunes Licht Euren Weg erleuchten“ war ein geläufiger Segen unter ihrem Volk, ausgesprochen als freundlicher Abschied, eine gebräuchliche Grußformel zwischen Freunden wie Fremden. Doch jetzt bat Tyrande darum wie nie zuvor. Sie brauchte ein Wunder, etwas, das den Nachtelfen – einem vertriebenen, entmutigten und verängstigten Volk, das nur dank der Güte seiner Verbündeten überlebte – in ihrer ausweglosen Situation Hoffnung schenken würde.

Tyrande atmete auf.

Ihre Göttin hatte sie erhört.

Ein einzelner Strahl aus Mondlicht durchbohrte den Nachthimmel, schien direkt nach unten und durchbrach das Blätterdach für einen kurzen Moment, bevor er verblasste.

Dort. Dort war ihr Liebster. Dort war die letzte Hoffnung der Nachtelfen.

Und Elune zeigte ihr den Weg.

„Danke“, sagte sie halb geflüstert, halb geschluchzt, während sie den Hippogryphen landen ließ, und betete, dass sie nicht zu spät kam.

Auf dem Waldboden vor ihr lag ihr Liebster im Sterben. Sein Blut schimmerte im Licht der Monde. Und über ihm, mit erhobener Axt, stand Hochfürst Varok Saurfang.

Tyrande schrie auf und sprang vom Hippogryphen. Elunes Licht, lodernd, hell und weiß, durchflutete das Gebiet. Mit dem Rücken zu ihr erstarrte Saurfang, eingefangen von ihrem Zauberspruch, als wäre er zu Stein geworden. Als Tyrandes Füße den Boden berührten, stieß sie eine Hand hart nach vorn. Der Orc wurde in die Luft gehoben und zur Seite geschleudert. Er fiel schwer auf den Boden, lebte aber noch.

Tyrande stand über ihrem Liebsten, als Saurfang zu ihr hochblickte. Das Licht, das sie beschworen hatte, hatte sich in schimmernde, tödliche Lichtstacheln verwandelt, die über dem weißen Kopf des Orcs hingen. Er kniff in der Helligkeit die Augen zusammen, keuchte, machte aber keine Anstalten, sie anzugreifen.

Ich kann ihn mit nur einem Gedanken töten. Und doch erwidert er meinen Blick und bittet nicht um Gnade. Der Orc hätte Malfurion den tödlichen Schlag versetzen sollen, bevor sie eingreifen konnte, doch er hatte es nicht getan. Warum nur?

Sie hielt ihren Blick auf Saurfang gerichtet, als sie sich hinkniete und eine Hand auf den immer noch atmenden Malfurion legte. Sylvanas’ Dunkelheit hatte ihre hässlichen Spuren auf dem Erzdruiden hinterlassen, doch es war die schreckliche, klaffende Wunde an seinem Rücken, die Tyrande das Herz durchbohrte, als ihre Finger in ein Rinnsal aus Blut einsanken.

Elune, lass mich ihn heilen. Lass mich ihn von hier wegtragen. Gib uns die Kraft für das, was uns bevorsteht.

Erneut folgte das Licht der Göttin ihrem Ruf. Dasselbe Leuchten, das zuvor ein Turm aus Licht gewesen war, legte sich nun um Malfurions Körper und umhüllte ihn mit Helligkeit, bis die herrliche heilende Energie absorbiert war. Unter ihrer blutverschmierten, doch wohlwollenden Hand fühlte sie, wie Knochen zusammenwuchsen, Wunden sich schlossen und das große Herz wieder stetig zu schlagen begann.

Tyrande atmete erleichtert auf und erhob sich dann, um sich dem gescheiterten Mörder ihres Gemahls zu stellen. Saurfang hatte sich klugerweise nicht bewegt. Die Dolche aus Licht schwebten immer noch über seinem Kopf und warteten auf Anweisungen.

 „Ihr habt ihn nicht getötet“, stellte sie fest. „Warum?“

 Seine braunen Augen musterten sie einen Moment lang. Dann schien er zu einem Schluss zu gelangen. „Mein Angriff war ehrlos“, antwortete er leise. Das Eingeständnis schien ihn viel Überwindung zu kosten, ihn beinahe zu verletzen. „Ich verdiene es nicht, ihm sein Leben zu nehmen.“

 Zorn durchfuhr sie und machte ihre Stimme so hart wie Stein und so scharf wie eine Klinge. „Dieser ganze Krieg ist ehrlos.“ Sie dachte an die zitternden, verängstigten Flüchtlinge, an die über das ganze Ufer verteilt liegenden Leichen, an die Belagerungsmaschinen, die darauf vorbereitet wurden, ihre Stadt anzugreifen. „Was stimmt nicht mit Euch? Wie könnt Ihr es wagen, so viel Blut für nichts zu vergießen?“

„Wir wagen es, weil wir es müssen“, sagte Saurfang. Er hatte sich immer noch nicht bewegt oder den Blickkontakt unterbrochen. „Und wir müssen siegen.“

Die tödlichen Stacheln aus Elunes Licht reagierten auf ihre Wut und nahmen eine furchterregende, tödliche Starre an. Ihre scharfen Spitzen deuteten auf seinen Hals. Sie sehnte sich danach, sie zu entfesseln.

Doch sie tat es nicht. Tyrande hatte auf Seiten der Horde schon genug Mangel an Ehre gesehen und sie nahm Saurfang ab, dass er beschämt war. Wie lang hatte er dort gestanden, ohne den tödlichen Hieb auszuführen – er, der Hochfürst, ein Krieger, der schon tausende Male Blut vergossen hatte?

Die Horde würde Darnassus einnehmen. Wenn sie es tat, könnte ein General, der an Ehre glaubte und dem Gnade zuteilgeworden war, seinerseits den gefangenen Kaldorei Gnade erweisen.

Und es hatte schon so viel Tod gegeben. Es ließ ihr das Herz bluten. Sie hatte nicht den Wunsch, aus eigenen Rachegelüsten selbst noch mehr davon zu verursachen.

„Die Horde mag diese Schlacht gewinnen, Saurfang, doch wir werden unsere Heimat zurückerobern.“

„Vielleicht.“

Versuchte er, sie dazu zu bringen, die Geduld zu verlieren? Diese Genugtuung würde sie ihm nicht gewähren.

„Ihr habt Malfurion verschont, also lasse ich Euch eine Wahl. Ihr könnt versuchen, mich davon abzuhalten, ihn mitzunehmen, und dabei sterben … oder Ihr könnt hier im Dreck liegenbleiben und leben.“

Doch der Orc war noch nicht fertig. Er antwortete: „Ihr habt die gleiche Wahl. Ihr könnt ihn nach Darnassus mitnehmen und Ihr werdet beide fallen, wenn wir die Stadt erobern … oder Ihr könnt ihn an einen weit entfernten Ort mitnehmen und Ihr werdet beide leben.“

Es gab nichts mehr zu sagen.

Sie kniete sich neben Malfurion hin, legte eine Hand auf seinen Torso. Sein Atem war ruhig, rhythmisch. Sie hatte ihn gerettet.

Doch sie hatten ihre Heimat verloren. Tyrande wusste, dass sie sich den Rest ihres Lebens fragen würde, ob sie etwas verändert hätte, wenn sie an der Seite ihres Liebsten gegen Sylvanas Windläufer und Hochfürst Saurfang gekämpft hätte. Hätten sie gewonnen? Oder hätten sie dann beide die Erde mit ihrem Blut getränkt, im Tod genauso vereint wie im Leben?

Nach all ihren tapferen Worten zu den anderen im Tempel würden diese zu Gefangenen werden. Orcs und Trolle, Verlassene und Tauren, Goblins und Blutelfen würden den Baum besetzen.

Ihre Augen füllten sich mit Tränen, doch sie würde den Orc diese Tränen nicht sehen lassen. Sie genehmigte sich einen letzten Blick auf die gewaltigen Bäume des Eschentals. Auf ihre Heimat.

Vergebt mir, meine Kaldorei. Aber wir werden zurückkehren. Das schwöre ich.

Ihre andere Hand glitt in einen Beutel an ihrer Hüfte, schloss sich um den kleinen Ruhestein, der genau in ihre Handfläche passte – das Geschenk eines guten und treuen jungen Geistes, der zu einem standhaften Verbündeten des Lichts heranwuchs. Sie zog den Stein heraus und sah ihn einen Moment lang an. Einen Gedanken später kehrte sie mit ihrem Liebsten nach Sturmwind zurück.

* * *

Rauch brachte Delaryns Hals und Augen zum Brennen. Die Nachtelfen, denen es gelungen war, dem Weltenbaum zu entkommen, hatten sich an der Dunkelküste zusammengeschart. Letztlich war auch ihr stoischer Gleichmut dahingeschmolzen. Sie schrien verängstigt und riefen vergebens nach Rettung durch die Schiffe, die noch segeln konnten.

Delaryn verstand, warum die Schiffe flohen, und betete, dass Cordressa an Bord und in Sicherheit war. Die Horde bewegte ihre tödlichen, feuerschleudernden Belagerungswaffen am Ufer hinauf. Jedes Schiff, das versuchte, die verzweifelten Kaldorei am Strand zu erreichen, würde von den Flammen verschlungen werden, bevor es auch nur einen einzigen Elfen retten könnte. Shandris Mondfeder war weise, die Segel zu setzen – zu überleben und mit Verstärkung der Allianz zurückzukehren, um den Baum seinen verhassten Besatzern zu entreißen. Doch diese Logik bot jenen, die in Kürze zu Gefangenen werden würden, keinen Trost.

Delaryn Sommermond würde nicht dazugehören. Ihre Aufgabe war, zu kämpfen und immer weiterzukämpfen, bis sie nicht mehr kämpfen konnte.

Adrenalin und Entschlossenheit machten es ihr möglich, die ersten paar Pfeile zu ignorieren. Doch mit jedem weiteren Pfeil, der ihre Rüstung und ihr Fleisch durchbohrte, brach ihr Körper ihr etwas mehr die Treue. Als der letzte Pfeil sein Ziel fand, schwankte sie kurz. Dann gaben ihre Knie nach und sie fiel auf die Erde.

Sie konnte das Unausweichliche nicht länger abwenden.

Ihr wurde kalt, doch seltsamerweise wurde der Schmerz schwächer. „Bald spürst du gar keine Schmerzen mehr“, ertönte eine warme, vertraute Stimme. Eine geliebte Stimme.

Ferryn stand in seiner Lieblingsgestalt – der eines Nachtsäblers – neben ihr. Kurzzeitig empfand Delaryn Freude. Doch dann verstand sie, dass er sprach. Dazu sollte er nicht in der Lage sein. Katzenmäuler konnten keine Worte formen.

„Du bist … nicht real“, murmelte sie enttäuscht.

„Ich bin so real, wie du es möchtest.“

Sie lag im Sterben und ihr Geist beschwor tröstende Bilder herauf. Sie hatte mit diesem Gedanken einen seltsamen Frieden geschlossen. Eine Sache wusste sie, obwohl sie nicht verstand, woher: Ferryn war tot. Und auch damit hatte sie ihren Frieden geschlossen, denn schon bald würde sie wieder bei ihm sein.

„Finde Ruhe“, sagte er.

Das wollte sie. Doch irgendetwas wollte sie nicht dieses allerletzte Mal einschlafen lassen. Sie kämpfte dagegen an, hielt ihre Augen geöffnet. Sie sah zu, wie sich die Horde näherte.

„… kann nicht“, sagte sie und ihr wurde klar, dass sie es laut ausgesprochen hatte. Zwei leise und rau geschluchzte Worte.

„Es gibt nichts mehr, was du tun könntest“, sagte Ferryn mit sanfter, gütiger Stimme.

Hatte sein Geist, diese Einbildung ihres Verstandes, recht?

Gestalten näherten sich ihr. Sie hörte die verängstigten Schreie ihres Volkes, das Knistern der immer noch brennenden Schiffe und die reibenden, schweren Geräusche der Belagerungsmaschinen. Und über dem Getöse gab eine kehlige, kühle Stimme seltsam klar und in unmittelbarer Nähe einen Befehl: „Sichert den Strand. Bereitet den Angriff auf den Baum vor.“

Sylvanas.

Malfurion hatte versagt.

Ich habe versagt, dachte Delaryn mit einem verzweifelten Schaudern. Die ehemalige Hochelfe und Waldläufergeneralin war im Begriff, das Schlimmste der Horde – die Plünderer, die Rachesuchenden – auf eine Bevölkerung loszulassen, die zu diesem Zeitpunkt nur noch aus Zivilisten bestand. Ihr Name, Sylvanas, sprach ursprünglich von der Liebe für Wälder – für grüne, lebende Dinge. War noch etwas von dieser Elfe in diesem Monster übrig, das jetzt auf sie zuschritt?

Delaryn würde nicht sterben. Noch nicht. Nicht ohne mit ihren letzten Atemzügen zu versuchen, diese Frau zu erreichen, die ihr so sehr ähnelte und doch so anders war.

Nicht ohne sie zu verstehen.

Elune, leite mich. Hilf mir, die richtigen Worte zu finden, um ihr Herz zu erreichen.

Sylvanas sah sie nicht. Sie schritt direkt an der sterbenden Schildwache vorüber.

Delaryn atmete ein, um sprechen zu können: „Warum?“

Der Kriegshäuptling hielt inne.    

Teil fünf: Feuersbrunst

Der Baum trägt Blätter aus Feuer

und Zweige aus Gebein.

Seine Wurzeln nähren sich nur

Von der Asche der Toten.

Die Winde, die durch ihn hauchen, sind die Schreie der Sterbenden.

Und dieses Lied,

dieses Wehklagen

für unaussprechliche Schrecken,

für unvorstellbare Grausamkeit,

für das Leben und die Schönheit und die Anmut, die einst waren

und nie wieder sein werden.

* * *

Die Sturmwinder Nacht war von kontrolliertem Chaos erfüllt. Selbst im Zuge der Evakuierung, bei der es nur verständlich gewesen wäre, wenn die Nachtelfen ein entsetztes und panisches Verhalten an den Tag gelegt hätten, war da kein Schreien, keine Gewalt, kein Gedränge von Elfenmassen, die sich in der Aussicht auf Sicherheit niedertrampelten.

Die Kathedrale konnte keine weiteren Flüchtlinge mehr aufnehmen, selbst in den dunkelsten Ecken ihrer weitläufigen Katakomben nicht. In den Gasthäusern befanden sich bereits zehn bis fünfzehn in jedem Zimmer. Selbst einige Bereiche der Burg waren voll mit stillen, stoischen Kaldorei. Der Ansturm verteilte sich scheinbar auf alle Flächen der Stadt, weiter durch das Tal der Helden und beinahe den ganzen Weg bis Goldhain entlang.

Malfurion ruhte bequem. Tyrande verließ ihn nur ungern, doch als er tief und fest eingeschlafen war, war sie aufgestanden, um Anduin zu seiner Nachtwache bei den Portalen im Magierturm zu begleiten.

Die Magier, die die Portale geöffnet hielten, hatten seit Tagen nicht geschlafen. Sie lebten von beschworenem Essen und Trinken und den fortwährenden Segen der Priester.

Auch Genn hatte nicht geschlafen.

Anduin hatte besorgt zugesehen, wie Genns allgemeine Schroffheit vor Sorge immer rauer wurde. Mia hatte offensichtlich damit gerechnet und sandte Briefe zusammen mit den Flüchtlingen herüber, die diese mit Freude überbrachten. Genn genoss den Respekt der Kaldorei, Mia hingegen liebten sie. Doch mit der steigenden Zahl der Kaldorei wurden die Briefe immer seltener. Und als Tyrande mit einem schwer verletzten Malfurion zurückgekehrt war und Anduin über die Situation in Kenntnis gesetzt hatte, war Genn so verzweifelt und wütend gewesen, dass ihm die Kontrolle entglitten war und er begonnen hatte, sich in seine Worgengestalt zu verwandeln. Nur unter sichtlicher Mühe hatte er der Wandlung Einhalt gebieten können.

„Sie ist in der Nähe eines Portals“, hatte Tyrande gesagt. „Sie wird hindurchkommen, wenn sie bereit ist.“ Sie hatte eine sanfte Hand auf Genns Arm gelegt. „Sie tut viel Gutes.“

„Sie kann hier auch Gutes tun“, hatte Genn geschimpft. „Ich sollte gehen und sie selbst zurückholen.“ Das hatte er nicht getan. Noch nicht. Aber wenn Mia nicht bald erscheinen sollte, dann würde Genn seine Worte zweifelsohne in die Tat umsetzen. Anduin konnte es ihm nicht verübeln.

Velen hatte Genn mit der Begründung, die Magier bräuchten Platz für die Flüchtlinge, vom Magiersanktum weggeführt. Genn und Velen standen nun unten, am Ausgang des Turms, und dirigierten den immer stärkeren Zustrom an verwirrten und verängstigten Nachtelfen. Anduin hatte Genn versprochen, er würde Mia, sobald sie eintraf, sofort dorthin schicken, wo ihr Gemahl sorgenvoll auf sie wartete.

Er hoffte, dass dieser Moment bald kommen würde.

* * *

Die erste Salve der Belagerungsmaschinen traf ihr Ziel.

Rut’theran, dessen Docks voller Nachtelfen waren, wurde als Erstes von den Flammen verzehrt. Jene, die nicht sofort getötet wurden, taumelten ins Wasser und schrien vor Pein, als das kalte Salzwasser ihnen keine Erleichterung, sondern nur weitere Qualen brachte … und schließlich den Tod.

Die arkanverstärkten Sprengladungen krachten in die Äste von Teldrassil, von denen jeder selbst die Größe eines ausgewachsenen Baumes hatte. Das Feuer verbreitete sich schnell. Schamanen an der Dunkelküste beschworen Winde herauf, die die Flammen anfachten. Funken tanzten wie böswillige Wichtel von Ast zu Ast und hinterließen prasselndes Rot und Orange.

Die Feuersbrunst kletterte hungrig nach oben, die Flammen griffen um sich. Die Oberfläche des Al’Amethsees reflektierte das Glühen eines schwarzen und blutroten Himmels. Das Flammenmeer weitete sich nordwärts nach Dolanaar aus, ostwärts nach Sternenhauch und westwärts zur Höhle der Knarzklauen.

Und von dort aus nach Darnassus.

Die hölzernen Gebäude der Terrasse der Händler brannten schnell zugrunde, doch das unerbittliche Feuer wurde, wenn auch nur kurz, durch die Steine und das Wasser im Herzen der großen Stadt – dem Tempel des Mondes – aufgehalten.

Dann sprangen die Flammen auf die Tempelgärten über und auch die Äste, die über den Tempel ragten, fingen Feuer.

* * *

Der entsetzliche Gestank von brennendem Holz und Fleisch schlag Mia fast wie eine Wand entgegen. Sie krümmte sich hustend, ihre Augen tränten und in ihren Ohren hallte der Lärm von außerhalb – und innerhalb – des Tempels wider. Durch all die schreckliche Kakofonie hörte sie ein gedämpftes Dröhnen.

Neben ihr waren Astarii, Lariia und die anderen Priesterinnen vor Entsetzen erstarrt. Ihre Sinne waren viel feiner als Mias. Kalte Finger schlossen sich um ihr Herz und drückten zu. Sie wollte nicht wissen, zu welcher Erkenntnis sie gekommen waren.

Dann verging ihr Moment der Unwissenheit. Eine Stimme vom Eingang des Tempels schrie: „Wir werden angegriffen! Der Baum brennt!“

* * *

Was habe ich getan?

Teldrassil.

Die Krone der Erde.

Der Lichtschein seiner Äste, riesig und bislang stets eine heilige Zuflucht, tauchte das Wasser und das Land in ein orangefarbenes Glühen und groteske Schattenspiele.

Jetzt verstehst du es, hatte die Bansheekönigin in Delaryns Ohr geflüstert – bevor sie das Unvorstellbare tat. Bevor sie …

Doch die Dunkle Fürstin lag falsch. Ich verstehe gar nichts. Delaryns Trauer und Schuldgefühle brannten so heftig wie das Feuer. Als letzten Beweis ihrer Bosheit, die so unvorstellbar war wie ihre Motive, hatte Sylvanas Windläufer Delaryns Kopf gedreht, sodass die sterbende Kaldorei eine perfekte Sicht auf die Verbrennung von alldem hatte, was sie liebte – allem, wofür sie gekämpft, woran sie geglaubt, für das sie geblutet hatte. Alles, wofür sie gelebt hatte … und wofür sie schon bald sterben würde.

Der Baum des Lebens war jetzt eine Todesfalle und würde schon bald zur Stätte der größten Massenverbrennung werden, die Azeroth je erlebt hatte.

„Schließe deine Augen“, sagte Ferryn. Er streckte sich vor ihr aus und versuchte, sie vor der gequälten Helligkeit des Infernos abzuschirmen. Doch seine geisterhafte Gestalt war durchscheinend. Er machte die Aussicht undeutlich, aber er blockierte sie nicht.

Ich kann meine Augen nicht schließen. Auch wenn sie es nicht sagen konnte. Sprechen konnte sie schon lange nicht mehr. Ihre Atemzüge waren gezählt. Ich muss es sehen.

Wenn es irgendeine Art von Gnade gab, würde der qualvolle Anblick ihre Augen bis zur Erblindung verbrennen, doch grausamerweise blieb ihr dieser Trost verwehrt. Ihre Sinne waren geschärft, schrien nahezu. Sie hätte nicht imstande sein dürfen, das knisternde Stöhnen der brennenden Zweige des Weltenbaumes zu hören, und dennoch mischte sich das Geräusch unter die Schreie jener, die an der Dunkelküste verblieben waren.

Auf eine seltsam unnatürliche Weise fühlte Delaryn im Angesicht der sengenden Hitze nur Kälte in ihrem Gesicht.

Der Tod ist kalt, dachte sie. Selbst für jene, die brennen.

Jene, die ich enttäuscht habe.

„Lass deinen Hass und deine Angst los“, sagte Ferryn, so leise, so sanftmütig. „Du hast all das nun hinter dir. Komm mit mir.“

Du bist nicht real, dachte Delaryn zugleich zornig und gepeinigt. Du bist nichts als ein wehmütiger Schatten, der mir Frieden verspricht.

Es wird keinen Frieden geben. Nicht für mich.

Die geisterhafte Gestalt des Nachtelfendruiden verschwand – doch natürlich war sie nie wirklich da gewesen.

Über dem Blätterdach, über dem brennenden Baum, über all den Prüfungen und Qualen dieser Welt hingen zwei Monde: die Weiße Dame und das Blaue Kind. Mutter und Kind, Elune und ihr Volk. Der Nachthimmel hatte einst so viel Trost und Zuspruch geboten. Jetzt war er kalt, die Sterne so hart wie die Diamanten, an die sie erinnerten.

Wo bist du, Elune? Wie konntest du deine Kinder dem Feuer überlassen? Wir haben alles gegeben. Und wofür?

Sie hatte Glück. Pfeile würden ihr das Leben nehmen. Doch die Kinder, deren Wiege die Äste des Weltenbaumes gewesen waren, würden einen qualvollen Tod sterben. Schlimmer noch – sie würden unschuldig sterben.

Wende dein Gesicht in Scham von Azeroth ab, Elune. Ihre Gedanken waren wie Dolche. Du hast uns im Stich gelassen. Wir haben alles versucht … Wir haben an deine Liebe geglaubt, an deinen Schutz …

Ihr Mund war zu trocken, ihr Körper zu schwach, um auch nur verachtungsvoll auszuspucken.

Ihre Schmerzen nahmen zu, selbst als die Kälte in ihr Herz sickerte.

Schon bald hast du keine Schmerzen mehr, versicherte ihr die geisterhafte Stimme ihres Geliebten.

Würde es immer noch schmerzen, wenn sie im Reich des Vergessens war?

Es gab keinen Ferryn, den sie hätte fragen können.

* * *

Rauch kam durch die Portale und Tyrande Wisperwind verzweifelte.

Jetzt war auch der letzte Anschein von Gefasstheit verflogen. Auf den Gesichtern der Nachtelfen zeichnete sich Panik ab. Sie hetzten durch die Portale in das Magiersanktum, versuchten, einem Feuer zu entkommen, das unerklärlicherweise in Darnassus ausgebrochen war …

„Räumt diesen Bereich! Wir müssen Platz schaffen, sofort!“, schrie Anduin.

Die Wachen von Sturmwind folgten rasch dem Befehl, hoben Nachtelfenkinder auf und rannten zusammen mit deren Eltern die Schräge hinab und ins Freie.

Doch mehr Platz würde keinen Unterschied machen. Das Feuer war zu stark, breitete sich zu schnell aus, und es handelte sich um keine herkömmlichen Flammen. Es stank nach Magie, die einem so grausamen Auftrag unterworfen wurde, so völlig frei von jeglichem Mitgefühl, dass Tyrande es kaum begreifen konnte. Habe ich das Schicksal mit meiner Arroganz herausgefordert, Elune? Ist Sylvanas Windläufer selbst über dein Licht erhaben, wenn sie es vollbringt, Darnassus niederzubrennen?

Verzweifelt zwangen sich die Kaldorei auf ihrem Weg durch die Portale aneinander vorbei. Tyrande, Anduin, die Wachen von Sturmwind und die Schildwachen zogen hustende Evakuierte in Sicherheit, schoben sie in Richtung Schräge und griffen dann durch die Portale, um weitere von ihnen hindurchzuzerren. Der Rauch, schwarz und beißend, wurde dichter und es wurde schwerer, jene auf der anderen Seite zu sehen.

Hitze schlug Tyrande ins Gesicht und verdampfte Tränen, die sie noch nicht einmal bemerkt hatte. Entgegen all ihrer Instinkte zog sie sich zurück, ließ jemand anderen ihren Platz einnehmen und zwang sich zur Ruhe. In diesem Moment, in dem es auf jede Sekunde ankam, konnte sie auf eine bessere Weise helfen.

Elune … bitte lass mich ihnen helfen …

Und um sie herum ertönte ein willkommenes Aufatmen, als beschädigte Lungen geheilt wurden.

* * *

Tränen liefen an Astariis Gesicht herab, sowohl durch den Rauch als auch durch ihr Herz.

Wie konnte das passieren? Wie konnte die Horde so weit kommen und, in Elunes Namen, warum hatte die Horde beschlossen, den Weltenbaum zu verbrennen? Das war mehr als nur ein Krieg. Mehr als Grausamkeit. Das war so extremer Wahnsinn, Völkermord, Hass, dass Astarii es nicht begreifen konnte.

Benommen von Schock und Entsetzen zwang sie sich dazu, sich auf das Hier und Jetzt zu konzentrieren. Es waren immer noch Portale geöffnet. Es konnten immer noch Leben gerettet werden – wenn sie es schaffte, dass sie ihr zuhörten.

„Bitte bleibt ruhig!“, rief Astarii. „Drängt Euch nicht vor den Portalen, sonst kommt niemand mehr hindurch!“

Einige wandten ihr ihre Gesichter zu, hielten in ihrem Urverlangen nach Sicherheit inne. Doch weitaus mehr drängten weiterhin nach vorn und missachteten Astariis Bitte. Hilferufe erschollen, als Familien sich ihren Weg in den Tempel bahnten. Einige von ihnen trugen Angehörige mit schrecklichen Verbrennungen, die bei jeder Bewegung vor Pein aufschrien, während sich ihre geschwärzte, nässende Haut abschälte. Für andere kam jede Hilfe, die die Priesterinnen ihnen bieten konnten, zu spät.

Der Geruch von Angst vermischte sich mit dem Gestank von Feuer und brennendem Fleisch. Einige, die es geschafft hatten, sich an anderen vorbeizuschieben, liefen noch nicht einmal auf die Portale zu, sondern sprangen stattdessen in den Mondbrunnen, bespritzten sich mit dem geweihten Wasser und wehklagten, während sie zu ihrer Göttin beteten.

„Hört auf Eure Priesterin!“, rief Mia, die immer noch am Rand des Mondbrunnens stand, die Hände um ihren Mund gewölbt.

Astarii fing Lariias Blick ein und deutete auf den Tempeleingang. Lariia verstand sie sofort und nickte. Sie tauchte in das Becken, umging die verstörten Bittsteller und erschien durchnässt auf der anderen Seite wieder, um sich durch die Menge zu kämpfen und außer Sichtweite zu verschwinden.

Einige Augenblicke später kehrte sie mit ergriffenem Gesicht zurück. „Alles brennt“, sagte sie zu Astarii. „Alle Bäume, all das Gras …“ Sie hustete. „Das Feuer blockiert die Wege in die Stadt.“

„Mia“, rief Astarii laut, um zwischen den Schreien der verängstigten Elfen gehört zu werden, „es ist jetzt an der Zeit, dass Ihr geht.“

Die Menschenfrau biss die Zähne zusammen. „Noch nicht.“

Astarii schluckte. Die Königin von Gilneas hatte einen Ehegatten, eine Tochter. Und sie waren keine Kaldorei. Die Priesterin würde es nicht erlauben, dass Mia den Flammen zum Opfer fiel. „Es wird bald zu spät sein“, sagte sie. „Es wäre sinnlos, wenn Ihr mit uns sterbt. Ihr könnt uns besser helfen, wenn Ihr am Leben bleibt!“

Sie öffnete ihren Mund, um noch mehr zu sagen, als ein fürchterliches Ächzen von oben erklang. Langsam genug, damit es alle sehen und verstehen konnten, doch zu schnell für eine rechtzeitige Flucht raste etwas Orangerotes auf die Glaskuppel des Tempels zu. Ein gewaltiger Ast des Baumes, umhüllt von züngelnden Flammen, stürzte herab.

Die Elfen im Mondbrunnen schrien auf.

Für einen ganz kurzen Augenblick wurde der große Ast von Haidenes Schale voll stets fließendem Wasser aufgehalten und Astariis Herz machte einen Sprung. Elune hat uns geret…

Doch da schlängelte sich ein Riss am steinernen Becken entlang und die Schale zersprang in zwei Stücke.

Das geweihte Wasser ergoss sich daraus. Die große Steinschale stürzte herab und die Statue von Haidene verlor beide Arme. Ein Brocken des Beckens durchtrennte den Hals der Statue und warf ihren Kopf auf die schreienden Nachtelfen herab, die im Becken Zuflucht gesucht hatten. Der Mondbrunnen zerbrach und sein geweihtes Wasser floss, rot vom Blut der Unschuldigen, ins Gras.

Weitere Schreie waren zu hören. Wer es schaffte, floh in Panik nach draußen, nur um dort von noch mehr Flammen empfangen zu werden.

* * *

Aus der Flut an Flüchtlingen, die durch die Portale stolperten, eingehüllt in schwarzen Rauch und von flackernden Flammen verhöhnt, wurde ein Rinnsal, und dann … kam niemand mehr.

Dennoch standen Anduin und Tyrande im Magiersanktum. Warteten. Beteten. Husteten und kniffen die Augen vor Hitze zusammen.

Eine Zunge aus Feuer leckte gierig durch eines der Portale und Anduin wurde klar, dass er die schwierigste Entscheidung seines bisherigen Lebens treffen musste.

Falls auf der anderen Seite noch jemand am Leben geblieben war, dann waren sie zu schwach oder zu schwer verletzt, um jetzt noch hindurchzukommen. Er konnte nicht einmal mehr Schreie hören, nur das unerbittliche Knistern gieriger Flammen. Keine weiteren Familien, keine Kinder würden mehr gerettet werden. Keine Priesterinnen.

Keine Mia Graumähne.

Genn würde Anduin den Befehl, den er gleich geben würde, niemals verzeihen. Anduin selbst würde ihn sich niemals verzeihen. Doch der dichte schwarze Rauch aus dem fernen Darnassus würde auch jene in Sturmwind ersticken, wenn er den Befehl, der ihm im Hals feststeckte, nicht aussprach.

Am Boden zerstört sagte er mit vor Schmerz brechender Stimme: „Schließt die …“

Ein furchterregendes Heulen schnitt durch die Kakofonie der verängstigten Massen von Nachtelfen.

Geht mir aus dem Weg!“

Die Stimme war tief und rau. Der gilnearische König, in voller Worgengestalt und auf allen vieren, stürmte durch die Menge im Magiersanktum. Rauch erfüllte jetzt den Raum und Genn Graumähne rannte geradewegs auf das Hauptportal zu.

Ohne nachzudenken sprang Anduin nach vorn. Er prallte gegen Genn und stieß ihn zu Boden. Genn wirbelte herum, nagelte Anduin mühelos fest und knurrte, während er eine weiße, klauenartige, mit Fell besetzte Hand hob, als er beinahe der Wut nachgab, die ihn in dieser Bestienform stets begleitete.

„Zu gefährlich!“, sagte Anduin hustend.

Genns wilde Fratze war nur einen oder zwei Fingerbreit von Anduins Gesicht entfernt. Seine Lefzen legten lange, scharfe Zähne frei, als er wild grollte.

„Genn, es ist zu spät!“, rief Tyrande.

Der Worgen sprang auf die Nachtelfe zu.

„Sie hat mir mein Königreich genommen!“, bellte Genn Tyrande entgegen. „Sie hat mir meinen Sohn genommen! Sie nimmt mir nicht auch noch meine Frau!“

Und noch bevor Anduin irgendetwas sagen konnte, war Genn durch das rauchende Portal gesprungen.

* * *

Krieg, Gewalt, Grausamkeit oder Kummer waren für Genn nichts Neues. Doch nichts bereits Dagewesenes hatte ihn auf die Schrecken auf der anderen Seite des Portals vorbereitet.

Wo einst eine wunderschöne Statue gestanden hatte, die ihren Besuchern heilendes Wasser spendete, fand er nur mehr Trümmer, zerschmetterte Körper, blutdurchtränkten Schlamm und einen riesigen brennenden Ast vor. Die Luft ließ sich kaum atmen. Der Rauch und der fürchterliche Gestank des Todes übermannten seine Wolfssinne.

Genn zwang sich zum Einatmen und rief: „Mia!“

„Genn! Hier drüben!“

Die Stimme war kratzig, doch erkennbar. Es war Priesterin Astarii. Sie und ein Magier versuchten, ein Trümmerstück zu bewegen, unter dem eine schlaffe Gestalt lag.

Mia …

Genn sprang auf sie zu. Angst und Raserei vereinten sich zu einem Mahlstrom der Kraft, wie er ihn noch nie gefühlt hatte. Er hob den großen Felsbrocken an, als sei er nichts weiter als ein Möbelstück, kaum schwerer als einer dieser grässlichen Beistelltische, die Mia so sehr liebte, die sie in Gilneas dem Verfall überlassen hatten, als sie fliehen mussten –

„Mia!“

Sie hatte sich eng zusammengerollt, schützte sich –

Nein. Sie schützte nicht sich selbst. Mias Arme, auf wundersame Weise nicht gebrochen, waren um ein Nachtelfenkind geschlungen. Es lag unheilvoll still da. Der kupferartige Gestank von viel zu viel des Blutes seiner Gemahlin füllte seine Nase. Ihre Beine waren verdreht, als wäre sie eine Puppe, die ein wütendes Kind aus Trotz kaputtgemacht hatte. Knochen standen aus der Haut hervor und dann waren da die Verbrennungen …

Schmerzerfüllt und hilflos wandte er sich zu Astarii um, doch die Priesterin murmelte bereits ein Gebet mit ihrer vor Rauch rauen Stimme. Ein Licht erschien aus dem Nichts, umhüllte ihre Hände. Genn sah zu, wie die Beine seiner geliebten Mia geradegebogen wurden, wie ihre Knochen verheilten, wie ihre aufgerissene Haut …

Zuckend öffneten sich ihre Augen und das Kind, das sie in den Armen hielt, regte sich.

Frische Tränen, diesmal nicht aus dem Rauch geboren, brannten in Genns Augen.

„Elune erhört uns doch noch“, sagte Astarii. Selbst hier, selbst jetzt, war ihr Gesichtsausdruck sanft vor Freude und Verwunderung.

Mia streckte die Hand nach ihrem Gemahl aus. „Genn … der Baum – sie verbrennen den Baum …“ Sie hustete heftig, ihre Lungen brannten erneut von der überhitzten Luft. „Das Kind … nimm es. Lass mich hier.“

„Niemals“, knurrte er. Sie hatten zusammen Entsetzliches erlebt. Hatten dem Tod Seite an Seite ins Antlitz geblickt. Solange er atmete, würde auch sie atmen. „Ich nehme euch beide mit!“

Konnte er noch mehr tun? Diese Leute waren seine Freunde und blickten dem schlimmsten Tod entgegen, den er sich ausmalen konnte. Der große Baum, Heimat von Tausenden, war in Brand gesteckt worden. Sie würden bei lebendigem Leibe und mit dem Wissen, dass alles verloren war, verbrennen. Noch während er Mia in seine Arme hob, hielt Genn inne. Wegzurennen hatte ihm noch nie sonderlich behagt.

„Wir werden sie nicht verlassen“, sagte Astarii und deutete auf die anderen Nachtelfen. Genn begriff, dass sie seine innere Zerrissenheit erkannte. Wie Sand in einem Stundenglas war die Zeit zur Rettung abgelaufen. Sie wollte ihm zu verstehen geben, dass jemand bei den Sterbenden sein würde, um ihnen in ihren letzten Minuten beizustehen.

Er wusste nicht, was er sonst noch sagen oder tun könnte, und so erwiderte er nur schroff: „Elune sei mit Euch.“

Mit seiner geliebten Gemahlin und dem letzten, winzigen nachtelfischen Flüchtling in seinen Armen schritt Genn Graumähne durch das einzig verbleibende Portal.

* * *

Die Priesterinnen wussten, was zu tun war. Astarii streckte ihre Arme einer Mutter und ihrem jungen Sohn entgegen, die zu den Letzten gehören, die den Tempel betreten hatten. „Habe keine Angst“, sagte sie zu dem schweigenden, zitternden Jungen. „Kommt her“. Mit einem Arm um die Mutter und dem anderen um den Jungen sank Astarii auf die durchtränkte Erde nieder.

Die drei letzten Priesterinnen von Elune in Teldrassil beteten. Sie baten nicht um Heilung oder Rettung.

Sie baten um Gnade.

Und ihre Göttin erhörte sie, als Astarii zu singen begann.

Ihr im Scheine der Monde, hört hin.

Ihr am Ufer des Flusses, hört hin.

Ihr, die Ihr Eure Liebsten haltet, hört hin.

Hört die Schreie der Sterbenden.

Hört das Flüstern des Windes über den schweigenden Toten …

Schlaf strich über Astariis Geist, weich wie eine Feder und süß wie Honig. Der Schmerz verflog. Ein Seufzen entwich ihr. Um sich herum hörte sie ähnliche Geräusche.

Das Feuer brannte erbarmungslos. Der Rauch würde sie töten und die Flammen würden ihr Fleisch und sogar ihre Knochen verzehren. Nur Asche würde übrigbleiben. Doch sie würden nichts spüren.

Keine Schmerzen im Licht der Herrin, in der Liebe der Herrin. Mutter und Kind schliefen, atmeten sanft trotz des Rauchs. Nachdem sie ihre Pflicht treu erfüllt hatte, erlaubte Astarii sich, ihre Augenlider zu schließen.

Eines Tages wird es Gerechtigkeit geben. Doch es werden nicht unsere Augen sein, die sie erblicken.

Das letzte Geräusch, das sie vernahm, war ein Splittern, bevor sie in den Schlummer sank.

* * *

„Schließt es!“, rief Genn mit einer Stimme, die vor Rauch – Rauch, Feuer und den Schrecken, die er hatte ansehen müssen – heiser war.

Mit blassem und von Trauer gezeichnetem Gesicht senkte der Magier seine Hände.

Das letzte Portal verschwand.

Er hatte es geschafft. Genn trug nicht nur Mia, sondern auch ein Nachtelfenkind bei sich. Anduin konnte nicht sehen, ob einer der drei verwundet war, also beschwor er das Licht. In den letzten Tagen hatte er tausend Mal oder öfter darum gebeten, und doch folgte es immer noch seinem Ruf und die Wunden wurden geheilt.

Nein. Nicht alle Wunden. Genn sank auf den Boden, eine erschöpfte Mia in seinen Armen. Tyrande nahm das Kind an sich. Genn atmete tief ein und aus und nahm wieder seine menschliche Gestalt an. Er blickte zu Tyrande hoch und die schiere Trostlosigkeit in seinem Ausdruck drückte die Tragweite des Geschehenen besser aus, als Worte es vermocht hätten.

„Der Baum brennt“, sagte er. Seine Stimme war hart und von Schmerz durchsetzt.

„Ihr meint Darnassus?“, fragte Tyrande, der die Worte fast im Hals steckenblieben.

„Der Baum“, wiederholte Genn. „Es tut mir leid, Hohepriesterin. Die Horde hat den Weltenbaum niedergebrannt.“ Seine vor Rauch blutunterlaufenen Augen verengten sich. „Sie werden dafür bezahlen. Ich schwöre Euch – sie werden bezahlen!“

Der Schock ließ Anduin frösteln. Der Baum brannte. Teldrassil mit all seinen Weilern und verborgenen Winkeln und Städten, seinen Hügeln, Tälern und Kreaturen. Jeder und alles darin würde den Flammen zum Opfer fallen.

Tyrande schloss die Augen „Ich sagte, der Baum würde nicht …“ Ihre Stimme brach. Sie öffnete die Augen und blickte das Kind in ihren Armen an, von Ruß bedeckt, aber unverletzt. Gesund. Am Leben. Tränen rannen langsam ihre Wangen herab. „Wie heißt sie?“, fragte sie sanft.

Mia schüttelte schwach den Kopf. „Ich weiß es nicht.“

„Dann, meine Kleine, nenne ich dich Finel. ‚Die Letzte‘. Denn du bist die letzte Kaldorei, die mit ihrem Leben davonkommen konnte.“

Der Weltenbaum war mehr als nur eine Stadt. Er war ein ganzes Land, Heimat zahlloser Unschuldiger. Wie viele Nachtelfen gab es an anderen Orten Azeroths? Viel zu wenige. Jetzt waren sie alles, was von ihrem Volk übrigblieb.

Sylvanas Windläufer hatte Völkermord begangen.

Anduin hatte gewusst, dass sie selbstsüchtig war. Arrogant. Listig. Ehrgeizig. Doch damit hatte er nie gerechnet. Mit getrübtem Blick sah er Genn Graumähnes Gesicht, als seine Frau sich an ihn klammerte, und ihm wurde klar, dass nicht einmal Genn, der Sylvanas von ganzem Herzen hasste, es fassen konnte. Niemand hatte geglaubt, dass sie ihre Grausamkeit vor ihre Gerissenheit stellen würde. Es gab keinen strategischen oder sonst irgendeinen Grund, den Baum zu zerstören. Mehr noch – durch diese unvorstellbare Entscheidung hatte Sylvanas die Allianz auf eine Weise vereint, die ansonsten nicht möglich gewesen wäre.

Nichts davon war jetzt wichtig. Es hatte Möglichkeiten gegeben, sie aufzuhalten. Möglichkeiten, sie anzugreifen, bevor sie es getan hatte. Anduin hatte entschieden, diese Möglichkeiten zu verwerfen. Jetzt würden ihn zahllose Stimmen in seinen Träumen heimsuchen, bis ihm eines gelang – Sylvanas aufzuhalten. Für immer.

Sein Blick und der Tyrandes trafen sich über dem Kopf des Kleinkindes. Finel wimmerte und Tyrande drückte sie fest an sich. Dann begann die Hohepriesterin der Nachtelfen zu singen – so leise, Anduin konnte sie kaum hören.

Oh, du letztes Kind, höre hin.

Höre das Lied, das mein gebrochenes Herz auf ewig singen wird.

Von der Geschichte des Weltenbaumes

und dem Tod all der Träume,

die er einst in seinem mächtigen Geäst hielt.

Anduin wischte mit einem rußbefleckten Ärmel über seine feuchten Augen. Sein raues, schmerzendes Herz zerbrach ob seiner neuen Pflicht. Leise, stumm, stählte er es. Nach allem, was geschehen war, konnte es nichts anderes geben.

Es gab keine Wahl.

Keine Zweifel.

Keine Reue.

Krieg.